Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXVIII (1923)
- Issue
- Heft 100-101 (30.11.1923)
- Date
- 1923-11-30
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Atjyeivfpr.prfiti 8geipaü,Nonp*r«HI*r«iU 0,t5GoMm«rk. FamiiScnifuelgett und StelUngeiuche 0,ü8GoUlm*tk. Für htbrftUch* Ameisen 150% Atifichlag, Für AuiUnd»la»«ral• 100% AuUtl>!«d, Ante gcnschUaOf DI <• n t» tf und Fr«itajf n ichmitt« J 4 U h r. _ Telephon: Pfalzburg 6697u.6698. Postscheckkonto: Berlin Nr. 17392. Für Oesterreich! PosUnarkaasenamt Wien, Konto Nr. 156030. Für Tschechoslowakei: Postsparkassenamt Prag, Konto Nr.59410. - Redaktionsschluß Sonntag und Mittwoch nachmittag. — כ״ב כסליו׳ תרס״ר per Zionismus erstrebt für das JOdlsthe Volk die Schaffung einer öffentlich »rechtlich gailchcrten Heimstätte In PalHitlna. XXVIII. Jahrg. ״O&ioler Programm•*4 Der historische Moment Chanukkah-ücdaiikcn zu unserer heutigen Aufgabe. Von Schm arj ahn Lev in. Auch die größten historischen Ereignisse!!alten den (lang des alltäglichen Lebens nicht auf; auch der größte historische Moment ist umspielt von den tausend Kleinhehkeiten des Lebens und daher gelingt es uns nicht, den inneren Wert und die Tragweite historischer Ereignisse richtig abzusch;itzen, solange sie noch Gegenwart oder beinahe Gegenwart sind. Erstens fehlt uns der entsprechende Maßstab für außergewöhnliche Ereignisse, zweitens merken wir selbst nicht, wie tief wir im Alltag versunken sind und wie schwer es uns fällt, uns selbst von den unzähligen kleinen Sorgen und Miniaturprohlcmeit zu befreien, die uns wie mit eisernen Reifen unschmieden und die Erfassung des Ungewöhnlichen in der Geschichte, ehe sie noch Geschichte geworden ist, verhindern. Das ist das allgemeine Schicksal des Menschen. Darum ist er i,inner morgen klüger als gestern, und am unvernünftigsten ist er heute. Das gilt für seine Werhingen ebenso wie für seine Handlungen, * Auch wir haben einen historischen Moment erlebt. Vor sechs Jahren hat uns die Welt erklärt, daß sie den tausendjährigen Fluch der ewigen Wanderschaft von uns nimmt und uns erlaubt, einen stabilen Platz unter den Nationen der Welt cinzunehinen. Einige große Nationen, allen voran England, die sich zu jener Zeit in bedrängter Lage befanden und sidi darum mit Bußgedaukcn trogen, haben uns ihre Unterstützung hei der Ausführung unserer neuen großen, ungeahnten Aufgabe versprochen. Es ist klar, daß diese Versprechungen der Mitü 11c, historisch genommen, mit dein Wesen des Ereignisses nicht orgauisch verbunden sind und nur eine Zugabe dazu bilden. Es ist klar, daß nicht in diesen Versprechungen der Sdiwerpunkt des Ereignisses liegt, er liegt vielmehr in der nackten Tatsache der großen Reue, in dem Sühneakt eer Welt, in der Tatsache der Anerkennung unserer liistorischen Verbundenheit mit unserem Land. Es kann gar nicht genug betont werden, wie klein von allem Anfang an der Wert dieser Versprechungen gewesen ist im Vergleich zu der Tatsache der Anerkennung. Nicht ohne Grund hat schon vor sechs Jahren einer unserer größten Denker verfangt, daß das ganze Mandat, soweit es ur.S betrifft, nur aus der ersten These bestehen soll, in der klar und deutlich die Anerkennung unserer Verbundenheit mit dem Lande formuliert ist. Alles weitere soll lieber von dem Leben selbst diktiert, aber nicht in Paragraphen gepreßt werden, welche nur schwach und blaß sein können im Vergleich zu dem ersten Punkt des Mandates. Aber es ist so gekommen, daß das Mandat ans unzähligen Paragraphen bestellt und noch mit dem Kommentar dazu. Ich maße mir nicht an, zu entscheiden, was besser gewesen wäre, eins aber ist klar, daß infolge der Paragraphen und Kommentare mir Verwirrung in viele zionistische Köpfe getragen wurde. Eis ist offenbar viel leichter, einzelne Paragraphen abzuschätzen, welche nur zeitlichen Charakter haben, als eine richtige Schätzung des Ereignisses selbst zu haben. Im ersten Augenblick schien cs noch, als ob wenigstens wir Zionisten uns zu der Höhe des Ereignisses erhoben hätten, daß wenigstens wir Zionisten begriffen haben, daß da d e r Wendefunkt unseres Geschicks gekommen ist, der auf keinen Fall mehr rückgängig gemacht werden kann. Aber nicht; sehr lange haben wir uns auf der Höhe dieser Anschauung behauptet. Kaum sind einige Jahre verflosen, das Ereignis selbst hatte noch nicht Zeit, in das Feld des historischen Gestern überzugehen, und schon sind wir zum Niveau der banalen Alltäglichkeit herabgesunken, «wohl in unseren Bewertungen als auch in unseren; Handlungen. Für viele Zionisten ist der Schwerpunkt des historischen Ereignisses allmählich in die Versprcchutigen der Völker verschoben worden, und damit die ganze Bedeutung des Moments in die Zeitlichkeit herabgesunken. | Man soll aber nicht meinen, daß die ganze Frage 1 der Bewertung des Ereignisses nur eine theoretische : ist, daß sie nur vom Standpunkt einer historischen Er- •! erterung Bedeutung hat. Das wäre weit gefehlt Die Frage hat eine rein praktische Bedeutung; von ihrer j Lösung hängt die ganze Einstellung zu unserer Aufgabe ,1 5b. Und eine falsche Einstellung von unserer Seite;(1 Bedeutet sicher Mißerfolg, die richtige Einstellung kann 1 «>m Erfolg führen. Ich sage ״kann führen“, denn cs;; *äre lächerlich in einem solchen Fall wie dem unseren 1 'חיי einem garantierten Erfolg zu sprechen. Die Gcschichte ist kein Warenhaus und der Aufbau einer ' »Mionalen Zukunft ist nicht ein Unternehmen, das nach den einfachen Gesichtspunkten der Rentabilität kalkukrt werde*, kann., ׳^ , Die heutlflc Nummer der ״Jßd. Rundschau“ nmlaßl einschl. der j!~31^H ד-י q י^^יייי• ך-ח^/ייי״ח/-*^ 4“* k*• C..» ״.Jim!*} W*ImiIIui C*,sw!i L * V~ . a f s. |f .; ,' % ■ -|g* 12 Seiten. — Die nächste Nummer der ״Jlld. Knndschau“ erscheint am Frdfajj, den 7. Dezember. Bleiben wir bei der richtigen Bewertung des historischen Moments und unterordnen wir ihm das Nebennioment der Versprechungen, dann muß folgerichtig unsere ganze Energie, unsere ganze schöpferische Kraft verwendet werden auf das Objekt, in diesem Fall — das jüdische Volk. Die Welt hat die Tatsache seines unverjälirbaren historischen Rechtes auf sein historisches Land anerkannt. — Alles andere muß das jüdische Volk sellzst vollbringen durch Organisierung und Anspannung aller seiner Kräftc. In diesem Punkt hat die Welt uns alles gegeben, was sie uns geben konnte und wir können ihr keine Vorwürfe machen. Alles hängt von uns selbst ab. ln diesen Tagen, da wir der Makkabäer gedenken, müssen wir uns dessen bewußt sein, daß das nationale Leben des Volkes nur von uns selbst gerettet werden kann. Allerdings wäre cs ein arges Mit!Verständnis, dabei an eine Bcfreiung mit dem Schwert zu denken. Das Schwert hat auch bei den Makkabäern, wie stets in der jüdischen Gcschichte, nur eine Nebenrolle gespielt, der Hauptfaktor ist der Glaube an die nationale Zukunft, die Hingabe an die nationale Pflicht. Wenn sich auch die Zeiten seit der Makkabiicrzcit geändert haben, wenn wir auch heute keine Kriege führen können, der kategorische Ruf zur Erfüiiung der nationalen Pflicht ist heule nicht geringer als damals. Wenn wir den historischen Moment richtig cinsehätzcn, dann verstehen wir, was er von uns verlangt. Verlegen wir aber den Sdiwerpunkt des historischen Ereignisses in die Unterstützungsversprechungen der anderen, müssen wir, wenn wir logisch sind, uns mit aller Kraft den! Subjekt, nämlich den Gebern der Verspreclumgcn zuwenden. Wir müssen uns dann zuerst mit der Welt aiiseinandersefzen, uns mit ihr in einen Prozeß einlassen und die ganze Arbeit von dem Ausgang dieses Prozesses abhängig machen. Und man soll uns nur ja nicht cinreden wollen, daß man gleichzeitig prozessieren und gleichzeitig alle seine Energie auf schöpferisdic Taten verwenden kann. Der Typus des ewigen Prozeßfiihrcrs ist hinreichend bekannt, sowohl im Leben als auch in der Literatur. Das ist ein tragisdicr Typus, manchmal ein tragikomisdier, jedenfalls ist er kein aufbauender, kein leistungsfähiger Typus. Anstatt sich zu uns selbst zu wenden, d. h. zum ganzen Volk; anstatt dem Volk zu erklären, daß der Messias nidit als ein Geschenk von draußen gegeben werden kann, denn kein Volk produziert Messiassc als Exportartikel; anstatt uns selbst klar zu machen, daß unsere Hilfe in uns seitost liegt; anstatt die einzig richtige Methode anzuwenden, gehen wir und erzählen den Juden Geschichten, daß die Welt uns getäusdit hat, daß die Welt bankrott ist usw. Wieweit diejenigen, die uns die Versprechungen gegeben haben, über dieses unser Gerede «rsdireckcn werden, weiß ich nicht, aber die Juden werden gewiß crsdirccken, sic fühlen sicli enttäusdit, betrogen, zum besten gehalten und das bißchen nationale Energie, das sidi in der ersten Zeit nach dem historischen Ereignis angesammclt hat, wird auf hilflosen Acrger, auf nutzlose Verbitterung vertan. Das Resultat ist Apathie, Sdiwächc und Unfähigkeit. Kundschafter schickt man nicht nur um ein Land zu erforschen, Kundschafter werden auch ausgeschickt, um eine Situation zu untersuchen. Und ebenso wie die Erforscher eines Landes sich irren können und dadurdi Verderben und Unheil stiften, nicht weil sie Lügner sind, sondern im Gegenteil, weil sie Menschen der kleinen Wahrheit sind, weil sie nidrt sehen, wo das Große liegt, — ebenso können audv die Erforscher einer Situation durch Verschiebung des Schwerpunktes des Ereignisses an eine falsche Stelle, gegen ihren eigenen Willen, —־ wie einstmals die ersten Kundschafter — Unheilstifter und Verderber werden. Aber da liegen noch liefere Ursachen, wcldic uns in zwei Welten teilen. Ich will sie nur andcuten. Sie liegen, mehr noch als in der Verschiedenheit des logisdien Urteils, in der Verschiedenheit des psychologischen Denkens. Für die einen ist der Messiasgedanke ein rein jüdisches Produkt, die logische Frudvt unserer ganzen historischen Entwicklung, für die andern ist er ein ausgeborgter Gedanke, rein mechanistisch' aufgefaßt und ausgebaut Für die einen ist er vom jüdischen Volk selbst zur Reife gebracht, für die andern ist er dem jüdischen Volk künstlich angepaßt. Darin liegt vicllcidit die ganze SdhWierigkct des Vorgangs der Sammlung der Zerstreuten, der nicht erst in Erez-Isracl beginnt, sondern schon früher im Gohis selbst einsetzt. Ostindien - und Abwehr? Von Arnold Zweig. Es liegt im Wesen von Katastrophen, und cs gehört zu ihren \ mvirrendsten und schreckhaftesten Virkungciv dem Betroffenen das üeleitetscin durch die klare me lisch• iiclic Vernunft streitig zti machen, zu gunsten von Trieben die sich seiner bemächtigen, Leidenschaften, die ihn schütteln, Autregungcn, denen er unterliegt und di« ihn, bevor sic ihn in Apathie versinken lassen, zu ebenso heftigen und hastigen wie unwirksamen Gesten, Hand, hingen, Aktionen verführen. Es gewährt körperliche und seelische Befriedigung, und man folgt dabei einem un wider• stehlichcn Antriebe, aus einem Brande den berühmte!» Käfig mit dem Kanarienvogel, die Zuckerzange und den dritten Band von Molos Sdiillenoman zu schleppen, im Sclirapncllfeucr unter den zweifelhaften Schutz eines! Pappdaches zu stürzen oder bei Erdbeben auf eine« Baum zu klettern; man ist wenigstens nicht untätig, man fühlt sich in Aktion, lebendig und am Werke, man setzt siel» ein, rettet auch wirklich dies und jenes — wenn man der Katastrophe selbst auch keinerlei Abbruch tun kann. Wer aber diese letzte Wert- und Sinnlosigkeit solcher Aktionen von vornherein erkennt, und. da ec seiner Erkenntnis nidit erlaubt, unwirksam zu bleiben, ein klares Hinsehen und geistiges Durchdringen dec Katastrophe bis zu ihren ersten Ursadien und letzten Folgen jener erregten Betriebsamkeit vorzieht, hat Viele gegen sich — selbst unter seinen Anhängern und Frcun• den: Alle, die sidi vom verständlichen Wunsch nach Betätigung fortreißen lassen, die unter dem Anstur!n des Aktuellen ihre dauernde Grundeinstellung verlieren, die das Gefühl brauchen, beschützt zu sein, und die die Illusion einer Abwehr vorziehen selbst der klar kontrolliercnden Bestätigung aller jener Grund- und Leit-‘ sätze, die sie früher selbst anerkannten und verbreiteten,; und die ihnen das einzige Mittel zur Abwehr soldicf Einstürze zusamt ihrer Vorbeugung nennen. | Da wir von der heutigen Krise des deutschen Juden-/ tums 'durch den sich ü!zerschlagenden Antisemitismus sprechen, stellen wir mit der Ruhe, die uns einzig an-, gemessen scheint, die vorhergehende Betrachtung vor* aus, elie wir zur Sache *elizst erklären, daß es nur ein« Abwehr einer Art von Antisemitismus gibt, die Sinn hatf die körperliche Abwelir körperlicher Ausschreitungen dort, wo die Autorität des Staates Folgen einer Ver-! lietzung nicht verhindern kann, di« sic selbst hat groß״! werden sehen und lassen. Das hat Notwendigkeit und sein Recht in sicli, und es versteht sich von selbst, daßf hierbei alle jüdisciien Organisationen und alle jüdischen! Kräftc sich vereinigen müssen, um Leben und Eigentum der Ucbcrlallcnen zu sichern — wer diese auch immed. seien. Wir meinen mit letzterer Kategorie natürlich die An«! gegriffensten von uns, Ostjuden, die in allen ״Juden-) debatten“ und so auch bei den letzten Betätigungen nationallstisdier Ritterlichkeit vor allem haben herhaltcn müssen. Aber während über den körperlichen Schutt} dieser Zugewanderten bei allen jüdischen Organ isationen Einverständnis herrscht — wobei wir unter ״jüdischen Organisationen“ natürlich den Kgl. bay. Hptms d. R. Naumann und seine Nationaldeutschen nicht mit« meinen — und während sich in diesen Organisationen die Erkenntnis klar durchsetzte, daß diese Unglücklichen vom Mob, den Arbeitslosen und den Hetzern auch dann als erste und tauglichste Opfer gewählt worden wären, wenn sie alle sidi — als Lehrer und Lernende z. B. —4 jeder aktiven Teilnahme am deutschen Wirtsdiaftslebcn enthalten hätten; daß ihre Hilf- und Schutzlosigkeit, ihre besondere Kleidung, ihr körperlicher Typus, kurz ihre ostjüdisdie Physiognomie sie den Attacken der gegen Unbewaffnete Heldenhaften hinwirft — indes und zugleieher Zeit hören wir aus eigenem Lager Stimmen, die anregen, man möge nun aber auch von den Kriminellen unter ihnen schroff abrückcn, und die Behörden bei ihrer Ermittelung unterstützen; wobei man in zarter Empfindlichkeit die Verstöße gegen sehr vorübergehende Verordnungen ministerieller Steilen sdion ganz so scharl verzeichnet wie — Antisemiten. Wir sollen sie verfolgen helfen, denunzieren, öffentlich brandmarken. Proteste also? Aber man erwartet von uns ja, daß wir unter der Maske sokher Beteuerungen antisemi« tisdie Argumentationen mitmachen! Nichts anderes können wir erkennen in Zumutungen, wie sie eben charaktcrisiert wurden. Die deutsche Wirtschaft von heute und gestern, —• das ist ein weites Feld. A11 ihr beweist sidi, wie tief verbindlich ethische Haltungen für die weltlichsten Gegenstände sind. Geschüttelt zwischen fran« zösischcm Andringen und deutscher Abwehr, zwischen den Tendenzen mächtiger Gruppen, sich den einmal über« nommenen Verpflichtungen zur Zahlung von Repara* tIonen nach bester Möglichkeit m entziehen und den» Erfüllungswillen walirhaft politischer Einzelner und Pa*