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Jüdische Rundschau · 1923-11-09 · Heft 96 (9.11.1923) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXVIII (1923)
Issue
Heft 96 (9.11.1923)
Date
1923-11-09
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Bezugspreis bei der Expedition m0natlich 1,10 Goldmark, Berechnung zum Tageskurs, ^"«1111חי>וח,»וו0חי**יז)ו׳ו werden in der Währung der einzelnen Llinder berechnet• Ntttntncr __! 1 Berlin, 9. XI. 1923 0ggrsr^fn0m׳j7an׳i1ssx1as»^7fatBacsts1stisasKmatr!watKsus1x per Zionismus erstrebt fUr das Jüdische Volk die Schäftung einer öffentlich rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina. ״Baseler Programm•*' א׳ כסיליו׳ חרס״ד 1 «8Basar. XXVIII. JahrK. ‘Cä ln den Straften Berlins hat ein Judenpogrom stat!gefunden. Berlin war der Schauplatz trauriger und beschämender Ereignisse, wie sie bisher nur das Merkmal minderkullivierter Staaten gewesen sind. Die Früchte der Saat, die durch fünf Jahre systematisch ausgeslreut worden ist, sind gereift Der Ant semilismus, der in ganz Deutschland wie eine Pest um sich gegriffen hat, hat, nachdem er in der letzten Zeit vor allem in Bayern zur offiziellen Regierungsmaxime geworden ist, nun auch in Berlin seine Opfer gefordert.; Die Judenfrage ist in Deutschland akut geworden. Die von Hab verzerrten Gesichter, die auf das Judengespenst stieren, die ungetrübte Einigkeit der Judenfeindschaft, die Zustimmung weitester Kreise der Bevölkerung zu den erbärmlichsten Schandtaten gegen Juden zeigt uns, dab die Juden heute fast vogelfrei geworden sind. * Das Gewissen der zivilisierten Welt ist abgestumpft. Im Herzen Europas, im deutschen Kulturstaat, haben wir erlebt, was noch vor ichn Jahren niemand für möglich gehalten hätte. Die deutschen Juden, die mit der Ucberlegenheit des auf sicherem Port Stehenden von den Juden-Progromen in Rubland gehört haben, hätten nie geglaubt, dab ihnen selbst ähnliche Erfahrungen bevorstehen. Die furchtbare Krise, in die der Krieg die ganze Well und vor allem Deutschland gerissen hat, hat nun auch diese Folge gehabt. Verstehen die deutschen Juden, was heute vor sich geht? Die Schicksalsstunde des deutschen Judentums ist gekommen. Die Juden sind in Deutschland ihres Leibes und Lebens nicht sicher; die Gleichberechtigung, die stets als das Fundament der jüdischen Existenz gepriesen s wurde, ist erschüttert, die Möglidikeit einer Ausnahmegesetzgebung - noch vor wenigen Jahren völlig undenkbar und unvorstellbar — erscheint | am Horizont. Die Früchte der Juden-Emanzipation sind ins Wanken geraten. Die Politik der Assimilation, die Politik der systematischen Preisgebe und Zerseizung des Judentums, hat Schiffbruch gelitten. Das deutsche Judentum steht heute vor der Tatsache, dab seine Politik des lelzien! Jahrhunderts völlig bankrottiert hat. f In dieser ernsten Stunde wollen wir es unterlassen, darauf hinzuweisen, wie sehr wir Zionisten recht behalten haben, wenn wir die i groben Zusammenhänge der Judenfrage aufzeigien. In diesem Augenblick geht es nicht darum, wer Recht behalten hat, sondern darum, was heute geschehen soll. Das deutsche Judentum mub heute verstehen, dab nur wir Juden selbst uns helfen können, Werden wir uns nicht helfen, wird niemand uns helfen. Werden wir nicht für uns einstehen, wird niemand für uns einstehen. 1 Das deutsche Judentum mub heute solidarisch und entschlossen auf den Plan treten. Es giit nicht nur den Schutz von Leib und Leben*!; es gilt auch die Wahrung unserer Ehre. Das deutsche Judentum mub die Welt heute vor die eindrucksvolle Tatsache stellen, dab es ein lebendiger, sclbstbewubter Faktor ist, der seine Rechte und Interessen wahrt. Der Ruf *Tod den Juden״ gilt allen. Der Hab gilt allen. Der \ gemeinsame Feind - wenn schon nicht mehr - schliefst uns zusammen. Für jeden Juden, dem heute in Deutschland um seines Judentums willen ein Haar gekrümmt wird, mub das gesamte Judentum solidarisch einireten. | Wir Zionisten sind uns des Ernstes der Stunde bewubt. Wir wollen, ungeachtet aller Gegensätze der Weltanschauung und der Partei, | das Trennende zurückstellen, wenn die deutschen Juden bereit sind, mit uns zusammen das deutsche Judentum als kraftvollen Organismus wieder aufzubauen. Die Einheitsfront aller Juden in Deutschland ist das Gebot dieser Stunde. Werden die deutschen Juden dies verstehen? Wir warten mit Bangen der nächsten Tage, die die Entscheidung bringen. Denn schwerer noch als die Schläge von auben würde es uns treffen, wenn wir einsehen mübten, dab das deutsche Judentum in diesen Tagen nicht seine Kraft und Würde wiedergefunden hat. Am Montag und Dienstag kam es im Zentrum Berlins tu Ausschreitungen, die bald den Charakter von Pogromen annahmen. Die Berliner Tagespresse bringt über diese Vorfälle die folgenden Berichte: Die Vorgänge am Montag Am Vormittag gegen II Uhr stauten sich vor dem Arbcits• amt in der Alexanderstraße Zchntauscnde von Erwerbslosen, weil «s hieß, daß das Amt Unterstiitzungsgelder ausgcbt.i würde. Eine halbe Stunde spater wurde jedoch mitgctcilt, daß kein Geld vorhanden sfci. Der Menge bemächtigte sicli «ine große Erregung, und diesen Augenblick benutzten, wie einwandfrei festgcstellt worden ist, gewerbsmäßige Agitatoren, um überall hcrunizucrzählen, daß die in der Münz-, Dragoner- und Grenadierstraßc ansässigen ״Galizier“ das von der Stadt bc'0nders zur Erwerbslosenfürsorge hcrausg^g|benc wertbeständige Notgeld planmäßig aufgekauft hätten, Diese Hetzreden fanden Boden, und wenige Minuten später, etwa gegen Wölf Uhr mittags, begannen dann auch die Plünderungen jüdischer Geschäfte und Wohnungen. Ehe die erschreckten Bewohner dieser Gegend ihre Geschäfte schließen konnten, drangen Haufen besonders jugendlicher Burschen in die Läden und Zimmer ein, prügelten die Bewohner, zogen ihnen die Kleider vom Leibe und flohen. Dieses Treiben wurde systc• Misch etwa eine Stunde von Haus zu Haus fortgesetzt, ehe die Schutzpolizei alarmiert war. Jeder auf der Straße gehende jüdisch au;sehende Mensch wurde von einer schreienden Menge umringt, zu Boden geschlagen und seiner Kleider beraubt. Ein besonders krasser Fall spielte sich in der Münzstrallc sh, wo man einen jungen Juden verfolgte, ihn bis aufs Hemd auszog und halb tot schlug. Er wurde schließlich in Schutzhalt genommen und aufs Polizeipräsidium transportiert. Inzwischen waren auf Lasfauiomobilcn bedeutende Vcrstrir* j klingen der Schutzpolizei eingetroffen, die besonders gefährdete j Teile der Grenadier-, Linien- und Dragonerstraße absperrten. Gegen 2 Uhr wurde eine Anzahl von Personen Im Scheunenviertel von der Menge schwer mißhandelt. Dabei fiel ein Schuß. Einer der Beteiligten, Dr. H. B., der seine ärztliche Praxis in der bedrohten Gegend ausübt, teil der ״Vossischen Zeitung“ über seine Erlebnisse mit: ״Wer den Schuß abgegeben hat, weiß ich nidltt. Jedenfalls war er das Signal für die Menge, erneut über uns herzufallen. Wir wehrten uns, so gut cs ging. Ein Automobil mit einem Major und zwei Schupolcutcn erschien. Der Mob stob audi im selben Augenblick zurück. Der Major gab aber sofort das Zeichen, weiter zu fahren, obwohl es den Beamten mit unserer Unterstützung, zu der ich mich erbot, ein leichtes gewesen wäre, Ordnung zu schaffen. Das Auto trug die Nummer I A 6108. Danach bedrängte die Menge uns verstärkt, bis ein größeres Auto mit Schupomannschaften er• schien. Die Schupomannschaften schritten unter dauernden Mißhandlungen schwerster Art zu unserer Verhaftung. In der Kaserne in der Alexanderstraße auf dem Hofe mußten wir inmitten von ungefähr 200 Schupobeamten mit erhobenen Händen Aufstellung nehmen und wurden wiederum schwer mißhandelt. Mir selbst ist der MMtctlnndknochcn der rechten Hand zerbrochen worden. Ich habe viefjnhre an der Front als Arzt mitgeniaeht, bin Schwerverwundeter, bin 1111 Besitz, des Eisernen Kreuzes H. und I. Klasse und׳ des Sächsischen Ritterordeus. Die Zustände machten au( mich nicht den Eindruck, als oh ich mich in einem Rechtsstaat befände.“ » Oberst K,atipisch erklärte auf die Anfrage der ״Vossischcn Zeitung“, wie er das Verhalten der Schutzpolizei während der Plünderungen und Krawalle im Sdieuncnviertcl beurteile, daß er eine antisemitische Einstellung der Schutzpolizei sowohl hei den Mannschaften wie im Offizicrkorps für vollkommen ausgeschlossen halte, Das Vorgehen der Beamten im Scheunenviertel sei durch die Eigenart der Verhältnisse sehr erschwert worden, da es sich zumeist um Erwerbslose handelte, die über die Nachricht, daß kein Geld für sic vorhanden sei, aufs äußerste erregt waren. Oberst Kaupisch hat gestern nachmittag einen strengen Tagesbefehl an die Beamten herausgeben lassen, in dem er sic auffordert, das Gut und Leben jedes bedrohten Bürgers, gleichgültig welcher Konfession, unbedingt mit allen Macht mit leb! zu schützen. Da dicPliindcrungcn in den verschiedenen Stadtgcgcmlcn auch am gestrigen Nachmiltag eher zuals abnahmen, hat der Kommandeur außerdem den höchsten Grad der Alarmbereitschaft für die Groß-Bcriiner Schutzpolizei angeordnet. Den von der ״Vossischen Zeitung“ gebrachten Fall des Arztes Dr. B. wird Oberst Kaupisch sofort aufs strengste untersuchen lassen. f>er Kommandeur betonte noch einmal zum Schluß, daß er jede Garantie dafür übernehme, daß die Berliner Schutzpolizei von antisemitischen Strömungen frei sei. Montag nachts Die Unruhen, die am Morgen im Scheuncnviertcl begannen, ׳' und die, getrieben von dcutschvölkischcn Hetzern, gegen Abend! ihren Höhepunkt erreichten, sind während der Nacht leider׳ nicht nbgcflatit, sondern hoben sich audi auf andere Stadtteile übertragen, Es lagen am Vormilt,1״ bei den zuständigen Stellen außergewöhnlich viele Meldungen über Plünderungen, Diebstähle'' und Bedrohung von Bürgern auch nicht jüdischer Abkunft vor. Die Agitation auf den Straßen, die gestern mittag sowohl von deutschvölkischer als auch vereinzelt von; kommunistischer Seite betrieben wurde, hat sich in den heutigen Vormittagsstunden noch verstärkt Sie geht unter der Parole ״Schlagt die Juden tot!" vor sich. Aus allen Teilen der Stadt liegen den Aufsichtsbehörden Meldungen vor, die besagen, daß die Hetzer von rechts und links versuchen, die 1 lüudcruugcn, die aus ganz anderen Motiven entstanden sinc^, in das politische Fahrwasser zu leiten i

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