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Jüdische Rundschau · 1923-10-23 · Heft 91 (23.10.1923) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXVIII (1923)
Issue
Heft 91 (23.10.1923)
Date
1923-10-23
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Postsparkassenamt Wien. Konto Nr, 156030.'; hür Tschechoslowakei: Postsparkasscnamt Prag, Konto Nr.59410.' — RedaktionsschluQ Sonntag und Mittwoch nachmittag, — י״ג מרחשון׳ תרס״ד XXVUI. Jakrg. Schaffung einer dffentilch ■ fthiSich gesicherten Helmslütt• ln Palästina. ״Baseler Programm■** 02* Brgritßung durch den Präsidenten Coolldge Am 15. Oktober wurde in New York der amerikanisch־ Kongreß eröffnet. New York. (J. C, B.) Der Präsident der Vereinigten Staaten, Cool idge, hat zu Händen des Vorsitzenden Dr. Stephan S. Wisc ein Begrüßungsschreiben an den Kongreß jenchkt. Der Präsident drückt in dem Schreiben seine Sympathie für die Bestrebungen der amerikanischen J ו Kien j!u, De amerikanischen Juden handeln richtig, »enn sie bemüht sind, die Rechte ihrer Brüder tn jßen jenen!.andern, wo diese Rechte gefährdet sind, zu lichern. Für die Bestrebungen der amerikanischen Juden, Palästina unter dem britischen Mandat auf• jubaucn, um dem heimatlosen jüdischen Volk dort seine alte Heimat wieder herzustcllen, hege der Präsident in besonderes Interesse. Gegenüber den Behauphmgen, daß die Beschränkungen der Eittwan• erung nach Amerika mit besonderer Härte gegen die ude!1 geübt werden und daß die jüdischen Immigranten wn den amerikanischen Konsuln oft ungerecht behandelt werden, erklärt der Präsident, seine Regierung werde auch in der Zukunft antijüdische Ten• denzen in der Einwanderungsfrage und in den andere'« Fragen niemals sanktionieren oder dulden. Der Präsident ist dessen sicher, daß eine sorgfältige Untersuchung ffalls eine solche notwendig wäre) den Beweis erbringen würde, daß diese angeblichen Bccin* trächtigungcn irreal seien. Die Eroünangsrede Zangwills Die Eröffnungsrede hielt Israel Zangwill. Er ging vom Motto aus: ״Wächter, wie spät ist es ln der Nacht". Schon hei seiner Ankunft in New York hatte Zangwill erklärt, seine Ansprache werde das gesamte jüdische Proem als ein großes WcHproblcm behandeln. Er fügte dann hinzu: ״Als der einzige Zionist, der heute noch In der Welt vorhanden ist (I), werde ich selbstverständlich auch die Lage berühren, die in Paä s t i n a dadurch entstanden ist, daß Balfourund Lloyd George die Verwirklichung ihrer großen Ideen nicht difrehzusetzen vermochten“. In seiner Rede vor dem Kongreß erklärte nun Israel Zangwill, er könne nicht ״ver* tchen, wie diejenigen, die das englische Weißbuch akzeptiert haben, sieb noch Zionisten nennen dürfen, sofern sie nicht schon nach Palästina gingen und sich der dortigen jüdischen Bevölkerung angliedem. Patriotismus der Abwesenheit ist keine schätzenswerte Tugend. Die einzige Möglichkeit, Zionist zu sein, ist eben: in Zion zu sein. Das nationale Heim des jüdischen Volkes kann nur von individuellen Immigranten aufgebaut werden, die bestrebt sind, im nationalen Heim des jüdischen Volkes zu leben. Es sei höchst unpraktisch, den Glauben zu erwecken, als ob der Keren Hajes sod die finanzielle Grundlage des nationalen Heimes schaffen könne. So hat 1 B. das Britische Rote Kreuz in dem ganzen Britischen Reich, das ein Viertel der gesamten Welt ausmacht, in einer Epoche der größten patriotischen Begeisterung während des Krieges im Verlaufe von mehreren Jahren und unter An- «cndiing von allerlei möglichen und unmöglichen Mitteln, sogar unter Heranziehung der fürstlichen Generosität der indischen Rajahs, kaum die Summe von 10 Millionen engtischen Pfund aufbringen können. Größere Summen können nur auf dem Wege finanzieller Unternehmungen geschaffen werden, wie sie seinerzeit von Herzl vorgeschlagen wurden — von Herzl, der sich das Haupt der zionistischen Bewegung niemals als einen ״König der Schnorrer" vorgestellt hatte und den Plan hegte, einem Souverän die Lebenskraft des jüdischen Volkes als Entgelt für das Und vorzusdilagen und dem sein Kapital investierenden Publikum ein durch jüdische Arbeitskraft entwickeltes Land *ls Sicherung seiner Kapitalien zu bictea Nach diesem Plan bestand gar keine Notwendigkeit, daß das Kajuta" jüdisch sein sollte; noch weniger wollte Herzl, daß dieses Kapital einen philanthropische« Stempel tragen solle, ln unserer Zeit ist die nationale Anleihe die feste Grundlage einer nationalen Wirtschaft. ״Der pollrisclic Zionismus,“ sagte Zangwill, ״wurde sogar in Palästina zerstört; die Weizmann-Saniuclsche Politik der ununtcrbrochc- "tn Konzessionen stärkte nur die arabische Position. Ein Pessimist ist derjenige, der, gezwungen zwischen zwei Hebeln zu wählen, gleich beide wählt Die zio- ״istische Leitung opferte die jüdische Selbstvcr *altung, ohne dafür die Anerkennung oder die Freundsohaft der Araber cingetatuscht zu haben- Ich werde immer in meiner Uebcrzeugung verharren, daß ein jüdischer Staat dem Moment möglich war, da die Araber die beschlagenen waren, da sie, von der türkischen Herr* sehaft befreit, glücklich gewesen wären, jeden andere« politischen Druck auf sich zu nehmen. Diese Schicksals- *funde ist vorbei, ein großer Augenblick fand, "׳ic es übrigens Herzl vorausgesehen hatte, ein kleines V 01 k.“ ״Die Welt heftet dem Juden das Brandmal Shyloks an die Stirn in dem Augenblick, da die ganze Welt mit den Reparationen beschäftigt ist Die Völker wollen keinen B>icd e n , weil sie nicht den Preis dafür bezahlen ",ollen. Die einzige Hoffnung für di« Juden der Diaspora, *hcnso für eine Anzahl anderer nationaler Minderheiten, liegt 5" der Durchführung der Bestimmungen über ״SchutzderM in derheitendurch den Völker- ״״b«L Allein der Völkerbund verfügt über eine pur gee L w ringe politische Macht und hat bis jetzt noch keine nncre Berechtigung. Selbst in bezug auf die osteuropäischen Gemeinschaften wäre cs ein Wahnsinn, zu glauben, daß ein geschlossener Teil von Ihnen eine politische Einheit werden oder sich politisch auf irgendwelchem Wege mit Palästina verbinden kann. Mit dem Verschwinden der großen zionistischen Holtnungen muß auch dieser Diaspora-Zionismus verschwind c 11." Stürmische Proteste gegen Zangwill Die Rede Zangwill* hat stürmische Entgcgnun gen und Proteste hervorgerufen. Die Rede erfährt in fast allen Kreisen eine scharfe Verurteilung und Ablehnung. Bevor der Kongreß in die eigentlichen Verhandlungen eintrat, war diese Rede Gegenstand stürmischer Auseinander- Setzungen, die sieh ln einen entschiedenen Protest kristallisierten. Rabbi Stephan S. Wi«e führte aus, der Kongreß sei nicht für das verantwortlich, was Zangwill gesagt hat Zangwill hatte in seinem eigenen, nicht im Namen des Kongresses gesprochen. Er hat zu Israel, aber nicht im Aufträge von Israel gesprochen. Nichts kann «d$n Glauben der amerikanischen Juden an die zionistische Idee erschüttern. Der Zionismus hat nicht versagt, fm Gegenteil: die Verwirklichung des jüdischcn Heimes in Palästina ist eine Sache der nahen Zukunft Die amerikanischen Juden hegen den unerschütterlichen Glauben an die Ehrenhaftigkeit und den giften Willen des englischen Volkes. Nathan Strauß nannte Zangwill» Rede eine glänzende Illustration der Unwissenheit. ״Auch wenn Zangwill mein Sohn wäre," erklärte Nathan Strauß, ״würde ich die gleiche Beschuldigung öffentlich atissprcchen. Zangwills Zionismus ist ein gefälschter Zionismus." Nach Sitzungsschluß wurde zu Ehren Zangwills ein Frühstück gegeben, auf welchem Zangwill erklärte, seine Ansichten seien mißverstanden und von der Presse entstellt wiedergegeben worden. Die Zionisten glauben anscheinend, die Araber wären Harren. Die Zionisten lesen nicht die arabischen Zeitungen und verstehen nicht, was die Araber denken. Die Araber sagen rückhaltlos: ״ihr könnt kein jüdisches Heim in Palästina haben, solange Ihr nicht dje Herren von Palästina seid,״ Die Araber verstehen, was Politik heißt, die Juden aber nicht. Zangwill schloß: ״Man sagt, ich sei ein Feind der Araber, da ich ein Jude bin. Immerhin erkenne ich an, daß die Araber das Recht aufeine Verfassung haben, jedoch nicht auf eint solche, die gegen die jüdische Itnm i gration nach Palästina gerichtet ist. Ich fordere für den Fall einer Araber-Verfassung, daß der Mandats re g i e - rung gegenüber irgendwelchen gegen die jüdische Ein- Wanderung gerichteten Bestimmungen ein Vetorecht zustehen 9011". Resolutionen des Kongresses De! Kongreß hat «ach eingehenden Diskussionen eine Reibe Resolutionen angenommen, über die bisher folgende Meldungen vorlicgcn: Die erste Resolution ruft zur Schaffung eines jüdischen Weltkongresses auf, der sich in erster Reihe mit der Frage des Palästina-Aufbaues zu befassen haben soll; der Kongreß wird aus demokrati sehen Wahlen hervorgehen. Die Exekutive des amerikanisch-jüdischen Kongresses wird beauftragt, dicsbczfig. lieh mit den verantwortlichen jüdischen Organisa• t i o n c n in Amerika und in den anderen Ländern in Verbindung zu treten, damit der alljüdische Weltkongreß so früh wie möglich zusammentreten kann. In einer Resolution über die Forme־« der Organisierung des amerikanischen Judentums wird der amerikanisch-jüdische Kongreß als permanente Institution proklamiert; gleichzeitig wird der Wunsch ausgesprochen, daß in den Vereinigten Staaten jüdische Gemeinden auf demo* kratischer Wahlbasis gebildet werden sollen. In der Immigrntfonsfrage ist der Beschluß gefaßt worden, die Regierung der Vereinigten Staaten aufzufordem, die Bc Schränkungen in der Einwanderung a b zu schaffen. In einer Resolutton, die sich mit der rechtlichen Lage der Juden in Europa befaßt, fordert der Kon greß, daß den Juden, dl« ihre alten Bürgerrechte infolge der Verschiebung der Staatsgrenzen verloren hatten, das Recht gewährt wenden soll, sich innerhalb der Vorkriegsgrenzen des betreffenden Staates so lange frei zu bewegen, bis die Frage der Staatszugehörigkeit in diesen Staaten gelöst werden wird. Der Kongreß hat beschlossen, dem Präsidenten der Zionistlschen Weltorganisation, Dr. Ch. Weil mann, eine Begr&ßun gsdepesche zu senden und ihm die Aner■ kennting für seine historischen Verdienste um die Sicherung des Palästina-Mandates auszusprechen. Es wurde ferner der Beschluß gefaßt, den früheren englischen Ministerpräsidenten David Lloyd Georges aus Anlaß seines Besuches ln Amerika zu begrüßen und lun den Dank der Juden für seine Verdienste um die zionistische Sache auszusprechen New York. (J, C, B.) Die ganze jüdische Presse. Amerikas bezeichnet Z a n g w ills Rede alt eine s ctiäd ■ liehe Tat, die einea kompletten Mangel an afaataminitiaehern Verständnis verrät Rundschau ׳ Zttngwrills Rede — Antisemitismus und jüdische Einheitsfront — Erzlehungsf rügen R. W. Berlin, 21. Oktober. Von der Rede, die Israel Zangwill bei der Eröffnung des jüdischen Kongresses in Amerika gehalten hat, kann der kurze Auszug, den wir heute auf Grund der Telegraintn« des J.C. B. veröffentlichen, kein richtiges Bild geben. ״Jcwish Chronicle“, der offenbar im Besitz des Manuskriptes war, bevor die Rede gehalten wurde, ver* öffer.tiicht sie in seiner dicswöchcntlichcn Nummer in ihrem vollen. Umfang, der etwa zehn große Seiten be* deckt. Die Rede mag ein rcthorischcs und geistiges Meisterwerk sein, eine staatsmännischc Handlung ist sie nicht. Seit Nordaus Kongreßreden wurde die Lage der Juden in der ganzen Welt nicht mehr so umfassend und eindrucksvoll dargcstcllt, aber das persönliche Temperament des Redners erwies sich als stärker als sein klarer Blick. Die ganze Verärgerung der letzten Jahre, das Bewußtsein des eigenen völligen Mißerfolges und darüber hinaus der kritische Verstand des politischen Doktrinärs, der keine Brücke zu der Wirklichkeit findet, haben sich in dieser Rede entladen. In seiner Kritik mögen manclic richtige Gesichtspunkte sein, aber dabei darf man nicht vergessen, daß der Kritiker selbst jalire* lang im Schmollwinkel saß, phantastischen Projekten nachjagte, allmählich gänzlich isoliert und von jeder Volksbewegung abgeschnitten blieb; daß er auch wäh* rend des Krieges und nach dem Kriege, als die Chancen, wie er sagt, so groß waren, untätig geblieben ist und daß diejenigen, gegen die sich seine Kritik heute richtet, den viel schwierigeren und viel undankbarere« Weg mitten in die widerstrebende Wirklichkeit hineingegangen sind. Die heutige Situation des Zionismus ist gewiß schwer, aber der Pessimismus Zangwills, der aus demt Aufgebern der Idee des Judenstaates das völlige Ver« scliwindcn des Zionismus ableiten will, ist durch nichts berechtigt. Wir werden uns mit seiner Rede noch eingehender beschäftigen müssen. Doch der eine Vorwurf ■darf schon heute nicht unterdrückt werden, daß Zangwill die schwere Schuld auf sich geladen hat, durch die Dskrcditicrung des Zionismus und seiner Organe und des wichtigsten Instrumentes des Palästinaaufbaus, des Keren Hajessod, in einein vielleicht entscheidenden Moment die Sache des Aufbaus der nationalcii Heimstätte in Palästina schwer geschädigt ztl haben. Denn die politische Frage ist heute vor allen» eine Frage unserer eigenen Kraft, vor allem auch unserer ökonomischen Kraft und Leistung. Die bevorstehende Keren Hajcssod-Kampagnc in Amerika sollte Resultate erbringen, die cs erlauben, die ganze Arbeit auf eine viel größere Basis zu stellen. Auch wenn man der von Zangwill geäußerten Ansicht, daß das eigentliche Aufbauwerk erst durch eine große nationale Anleihe der Jcwish Agency ermöglicht werden kann, bcipflhhtet, so!miß doch jeder mit den Verhältnissen Vertraute erkennen, daß die durch den Keren Hajessod ermöglichten Vorbereitungsarbeiten nicht nur die Voraus• Setzung jeder weiteren Aufbauarbeit im Lande, sondern auch die Voraussetzung für eine Anleihe sind, die doch eine Kreditbasis verlangt. Der Vorstoß gegen den Keren Hajessod und die Form persönlidier Gehässigkeit, in die er gekleidet war, verdienen die schärfste Ablehnung, und wir ersehen aus den vorliegenden Nachrichten mit Genugtuung, daß diese Ablehnung dem Redner zuteil geworden ist. Dabei ist es besonders bemerkenswert, daß gerade führende Männer der Brandeisgruppe wie Wise und Nathan Straus den Ausführungen Zangwills entgegengetreten sind. Der gesunde Instinkt des ameilkanisclicn Judentums duldet keine rein negativen Belehrtmgcn, er wünscht vielmehr positive Arbeit, und folgt den Führern, die ihm den Weg des Aufbaues weisen. De gespannte Lage in Deutschland fordert die wache Aufmerksamkeit des gesamten deutschen Judentums. Die antisemitischen Hetzer glauben die Zeit nahe, wo sie die Früchte ihrer jahrelangen skrupellosen Arbeit ernten können. Dieselben Kreise, die heute die politische und wirtschaftliche Notlage in Deutschland für ihre verbrcchcrisehen Zwecke ausnutzen wollen, die das deutsche Volk einem1 grauenvollen Chaos entgegenführen, sind auch die Anführer des Feldzugs gegen das Judentum. Mit geradezu teuflischer Kaltblütigkeit haben die Nutzniefier des Krieges und der Nachkriegszeit die antisemitische Agitation gefördert, um nach zarütisenem' Vorbild die Aufmerksamkeit des Volkes von ihren eigenen Geschäften abztilcnken und es durch den Antisemitismus blind zu machen fiir die Erkenntnis offenkundiger Tat• Sachen. Das Spiel ist gelungen, und während einzelne! Personen sich auf Kosten des deutschen Volkes maßlos bereichern,'wird dem Volk das Sclilagwort des Kampf«

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