Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXVIII (1923)
- Issue
- Heft 90 (19.10.1923)
- Date
- 1923-10-19
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Für Oesterreich: Pontsnarknsscnamt Wien, Konto Nr. 156030. Für Tichcchoslowakci: PosUparkassenamt Prag, Konto Nr.59410. RcdnktlonsschluO Sonntag und Mittwoch nachmittag, — XXVIIL JTaUrfr. Programm.“ ט׳ מרחשון׳ חרפ״ד ln las soll das Ä.-C. tun? Die Einberufung des Actions-Comites nach London lSt wahrscheinlich durch den Wunsch der Exekutive zu erklären, vor Beantwortung der englischen Note betreffend den Plan einer Arab Agency mit weiteren Kreisen der Bewegung Fühlung zu nehmen. Trotzdem kann die Belurclitting nicht unterdrückt werden, daß gerade dieser yal) die Beratungen des A.-C. wieder unfruchtbar machen könnte. Denn die Erfahrungen, die wir mit den -olitischcn Debatten der Tagungen der letzten Jahre gemacht haben, sind nicht gerade sehr ermutigend. Es bcsieht die Gefahr einer politischen Schaumsclilägerei, die in Anklagen und Protesten gipfelt, und durch Hincintragung von Affekten die Möglichkeit einer ruhigen und schlichen Erwägung erschwert. Gegen den letzten Schritt der englischen Regierung sind im zionistischen Lager lieftige Proteste laut geworden, und obwohl genaue Nach-׳ richten aus Palästina noch nicht vorliegen, wird man wohl kaum in der Vermutung fehlgchcn, daß die palästinen- 1i5che Presse auf die Rede des Oberkommissars mit einem Sturm der Entrüstung geantwortet hat Sollte diese Stimmung auch im Actions-Comite zutage treten, dann könnte die Sitzung leicht eine unbefriedigende Wendung nehmen. Wir wissen wohl und haben auch an dieser Stelle bereits angedeutet, was gegen den letzten Vorschlag Englands spricht Aber auf der anderen Seite darf nicht verkannt werden, daß die heute geschaffene Situation in Palästina eine Realität ist, die immer wieder zur Stcllungnahmc zwingt und der gegenüber man sich mit formellen und dialektischen Ausflüchten nicht begnügen kann. Englands Wunsch, die große Linie der prozio» nislischcn Politik bcizubchalten, gerade um ihretwillen jedoch einen Ausgleich mit der Realität anzustreben, wind gerade in der letzten Rede des Oberkommissars besondere deutlich formuliert Nur wenn wir diesen Grundgedanken unvoreingenommen zu verstehen versuchen, können wir bi einer Aussprache mit England gelangen, die Aussicht auf Erfolg hat. Denn man kann sich nicht verständigen, wenn jeder eine andere Sprache spricht. Wir dürfen auch de aus den Augen verlieren, daß unsere eigene Position in solchen Verhandlungen durch unsere Schuld beeinträchtigt wird, denn wir haben nicht mit der Energie zugegriffen, die die angebotene Chance erfordert hätte. England und der Völkerbund haben uns eine große Möglichkeit der Arbeit gegeben. Auch das in manchen zionistischen Lagern so verschrieene White Paper hat genügend Möglichkeit der Arbeit offen gelassen. Diese Möglichkeit wurde nicht ausgenützt, und die heutige ökonomische Lage im Lande, wo Arbeitslosigkeit herrscht und sogar über Auswandcrung geklagt wird, erleichtert unsere Rolle in diesen Verhandlungen nicht. Man kann auch in einem׳ ,Eisenbahnwagen einen Platz nicht ewig für einen Dritten frei* halten, wenn er nach Beginn der Fahrt nicht besetzt wird. Wir haben uns nicht gesetzt und müssen daher auch mit unseren Beschwerden vorsichtig sein, Wollen wir der Siluation, die durch die englische Anfrage geschaffen ist, gerecht werden, dann müssen wir die Gelegenheit benutzen, um in klaren Linien eine Politik vorzusciilagcn, die auch nach der Einsicht gerecht denkender europäischer und insbesondere britischer Staatsmänner annehmbar ist. Dies tim so mehr, als angenommen werden kann, daß die britische Regierung auch diese Schriftstücke wieder ebenso wie im Juni vorigen Jahres veröffentlichen wird. Unsere Antwort muß die zionistische Qrundauffassung vom Wesen der nationalen Heimstätte, vom Sinn des Mandats und den Aufgaben der Jewish Agency enthalten, darüber hinaus aber Vorschläge und Richtlinien für einen Ausgleich mit den Arabern, Dieser Schritt muß den Uebergang bilden zu einer ideologischen Offensive, während wir in den letzten Jahren zu sehr in die Defensive gedrängt waren. Diese Vorschläge müssen sich in dem Gedankenkreis der Resolution des XIII. Koni Jesses bewegen, die nicht nur unsere Auffassung, daß Palästina ein jüdisch-arabisches Gemeinwesen sein wird, wiederholt, sondern auch Gedanken über die Ncugcstal- *ung des Orients andeutet, die durch ihre Beziehungen w den Bestrebungen des arabischen Föderalismus den Kem einer großzügigen Lösung des Gesamtproblcms enthalten. Wenn es dem Actions-Comite gelingt, ein *olches Dokument fertigzustellen, dann wird die Londoner Sitzung eine geradezu historische Tat vollbracht haben. Aber das Aetfons-Comite darf sich damit nicht be- 8״ügen, Denn 80 wichtig־, audi solche ideellen Darlegun Sen sind, so darf doch nicht übcrselicn werden, daß Politik letzten Endes nicht eine Frage der Diskussion, *5״dem eine Frage der Macht ist. Der XIII. Kongreß hat 'יי dieser Erkenntnis den Weg besdmtten, gewissermaßen di« zweite Verteidigungsstellung auszubauen. Durch die ״*eiferung der Jewish Agency, durch die Einbeziehung % Kreisen, die gerade bei der heutigen Weltkonstcllafen wieder ein größeres Gewicht: bekommen haben, sollte “״•״« politische Zischt .werden, gleichzeitig ffs4*! Mi, ׳־M.nua ן Der Kampf um die Hegemonie Das zionistische Akiions-Comit6 ist für den .5י Oktober nach London cinbcrufcn. Die Ablehnung der ״Arsb Agency“ Jerusalem. (J.C. B.). An! Freitag, den 12. Oktober, erschien Musa K a z i m Pascha im Rcgicrungsgebäude und teilte Sir Herbert Samuel offiziell die einstimmige Ablehnung des Angebotes einer Arab Agency durch die arabischen Notabein mit. Begründet wird die Ablehnung damit, daß die Araber die Existcnzbcrcchtigung einer Jewish Agency niemals anerkannt hätten. Es sollte auch jetzt nicht der Anschein erweckt werden, als ob sic sic anerkennten, indem sic das Angebot der arabischen Agency auf derselben Basis wie die jüdische Agency annähmen. Die arabische Delegation will der Regierung ein Memorandum übermitteln, in welchem die Klagen der Araber nochmals nicdergclegt und die Forderung auf Errichtung einer nationalen konstitutioncllen Regierung in Palästina im Einklang mit dem Wunsche der gesamten arabischen Bevölkerung ausgesprochen sein wird. In diesem Memorandum wird auch der Wunsch auf Abkehr von der zionistischen Politik, wie sie die Anerkennung der Zionistischen Organisation als Jewish Agency, des Hebräischen als offizieller Sprache usw. darstellt, ausgesprochen, Endlich wird die Zurücknahme aller wirtschaftlichen Konzessionen an Juden, sowie der Privilegien, die ihnen in bezug auf die Ansicdiung im Lande gewährt sind, verlangt. aber die ökonomische Aktion im Lande selbst erleichtert werden. In dem Vorschlag der Schaffung einer arabischen Agency und in der Art, wie er vorgebracht wurde, liegt für unser Gefühl eine gewisse Bagatellisicrung der Jewish Agency. Wir müssen mit Bedauern fentstellen, daß die Zionistische Organisation in ihrer Funktion als Jewish Agency cs noch nicht verstanden hat, jenes Maß polltischer Macht zu erweisen, das zur Behauptung einer derartigen Position notwendig ist. Leider sind zwei Monate seit dem Kongreß ungenützt verstrichen, und es ist nicht anzuneiunen, daß die Exekutive sclion in dieser Riehtung dem Actions-Comite Vorschläge wegen der Jewish Agency zu machen haben wird. Das Actions-Comite kann aber, da cs einmal versammelt ist und schon aus Gründen der Ersparnis von Zeit und Geld wohl nicht so schnell wieder zusammentreten kann, an dieser Frage nicht vortibcrgciien, sondern müß die weiteren Schritte auf Grund des Kotigrcßbcschlusses vorzeicHnen, und ihre Durchführung sichern. Ucberhaupt glauben wir, daß dag Äctions-Comitd, das als Kongreßausschuß betrachtet werden kann, auch der allgemeinen Lage der Bewegung und der Aktionsfähigkeit der Leitung seine Aufmerksamkeit zuwenden wird. In weiten Kreisen der Bewegung wird die Art der Verwal tung unserer organisatorischen Geschäfte als unbefriedi gend empfunden. Man fragt sich z. B., warum bis heute keine Direktiven für die weitere Keren Hajessod-Arbeit gegeben wurden, warum in den wichtigsten Ländern noch nicht mit jenem Hochdruck gearbeitet wird, der gerade in dieser Saison notwendig ist, wn* das unerläßliche Maximum zu erreichen. Sclion werden Befürchtungen laut, daß wir wieder in eine materielle Klemme hineinsegeln, wie vor einem Jahr. Aber nicht nur um Krisen abzuwenden, ist eine Verstärkung der Anstrengungen auf ökonotni schein Gebiet notwendig, sondern auch um unsere fak tische und politische Position zu stärken. Die ökonomischen Leistungen in Palästina sind der Schlüssel auch zur politischen Lage. Das Zentralkomitee der deutschen Zionisten hat in seiner letzten Sitzung gewisse Vorschläge über die Reorganisation unserer Verwaltung, über die Notwendigkeit der Herstellung eines innigen Kontaktes zwischen Leitung und Bewegung und energische Wiederaufnahmc der Keren Hajessod-Tätigkeit gemacht. Es ist Sache des Actions-Gomites, auch diesen Fragen seine Aufmerksamkeit zu schenken, um die Durchführung der Beschlüsse des Kongresses und die von der ganzen Bcwegung als Bedürfnis empfundene verstärkte Wicdcraufnähme der Propaganda zu sichern. Eine lebendige Zionistische Organisation und gefüllte Kassen des Keren Hajcssod sind das beste Mittel, die Respektierung der Jewish Agency zu erzwingen. Wird das letzte Ereignis die Repräsentanten des Kongresses nur zu Protesten veranlassen, dann wird die Actions-Comiic-STzung jenen Rcciit geben, die über ihre Einberufung skeptisch waren, Wird aber der englische Vorschlag für das Actions-Comite ein Anstoß zur Förde rung der Erkenntnis der Tatsachen, dann kann das Actioi.s-Comite einen wichtigen Schritt tun, um eine Vcrbesscrung auf allen Gebieten Matbalincn. Von Dr. S h m a r j a h u Lcvin. Unser Vertreter hat sielt an Dr. Shmarjahu Levin mit der Bitte gewandt, uns seine Anschauungen über die gegenwärtige Situation des Zionismus darzulcgcn. Dr. Lcvin äußerte sich daraufhin in folgender Weise: 1111־ will nicht mehr »her den Kongreß sprechen. Er liegt hinter uns und die verschiedenen Parteien haben bereits durch ihre Stellungnahme ihre eigene Wertung des Kongresses zum Ausdruck gebracht. Das soll midi alter nicht hindern, einiges über die innere Umgestaltung der Zionistischen Organisation zu sagen, die bereits vor drei Jahren auf der Londoner Konfcrcnz begonnen hat und sich nodt jetzt vollzieht «ml die ganz unabhängig von Kongrcßbesddüsscn mit geschichtlicher Not- Wendigkeit der zionistischen Entwicklung neue Bahnen weist Es wäre zu eng und (ur die Erklärung der großen historischen Erscheinung, die wir im Wort Zioirsmus fassen, unzureichend, wollten wir unseren Maßstab ausschließlich aus den inneren politischen Kämpfen der verschiedenen Gruppen üi der Zio* nislischcn Organisation gewinnen. Denn obgleich der Zionismus in seiner organisierten Form nur einen kleinen Teil des jüdischeu Volkes umfaßt, ist er doch im Qrunde genommen ein« viel weiter ausgedehnte und viel tief ergehende Bewegung der gesamten jüdischen Nation. Deshalb spielen sich sogar die inneren zionistischen organisatorisducn Kämpfe unter dem starke» j*Eiuf|uß der allgemeinen Strömungen innerhalb des Judentums ab. Es ist keineswegs Zufall, daß die jüdische nationale Bc wegung zuerst in Osteuropa Wurzel geschlagen hat. Vielmehr wut es die Folge einer wohlbegriindctcn historisdien Entwichlung. Nicht etwa weil die jüdischen Massen im Osten aus anderem Teig geknetet werden, sondern weil sie durch ihre Kompaktheit und Tradition der zentripetalen Kraft des Judentums ihre Entwicklung zu verdanken haben, während die westliehen Teile des Judentums mindestens seit der Epoche der Emanzipation unter der Wirkung einer zentrifugalen Kraft gestanden haben. Es war kein Zufall, daß die westlidicn Teile des Judentums, soweit sie überhaupt noch national lebensfähig waren, die Möglichkeit des Sichatislcbcns in der Erforschung des toten Kapitals der Vergangenheit suchten, wahrend gleichzeitig das östlich«, besonders das russische Judentum gerade in den letzten Epochen der Verfolgungen und Unterdrückungen . eine lebendige Literatur und Kunst geschaffen hat, von def man ohne Ucbertrcibung behaupten kann, daß sic dem Sdiaffen 'mancher selbständigen Nation Europas ebenbürtig ist. Es ist wahr, die Idee der Organisation und manche Formulierung de# zionistischen Gedankens ist vom Westen gekommen, wir dürfen aber nicht vergessen, daß jede Formulierung sich zum Wiesen einer Bewegung verhält wie die Grammatik zur Sprache. Die Grammatik kann von einem Gelehrten formuliert sein, die Sprache selbst muß aber von einem lebendigen Träger geschaffen werden. 5k» war cs auch in der zionistischen Bcwegung. Und wäre inzwischen nicht die große Wclikatastrophe ciiigetwtcn, und hätten die Dinge ihren ,natürlicbcn Lauf genanmien, so wäre es Aufgabe des östlidien Judentums gewesen, auch die Verwirklichung <l« zionistischen Gedanken# am eigener Kraft zu vollziehen. Durch den Krieg hat »ich aber die jüdische Welt radikal geändert. Die große Erschütle• rung, die das Judentum der ganzen Welt mitzumachen hatte, hat eine neue Gruppierung der jüdischen Kräfte mit sich gebracht, die noch nicht allgemein von unserem Bewußtsein anerkannt worden Ist. Es war immer so in der langen jüdischen Diasporagcschichtc und cs wird, solange die jüdische Heimstjittc in Palästina noch nidit eine lebendige Realität ist, so bleiben, »laß die Führerschaft des Judentums immer eine bc• stimmte Gruppe innehat, die in ihrer Führersteifung auch von den anderen Gruppen anerkannt wird. Nun stehen wir jetzt vor folgender Situation: Die natürliche Gruppe, die zum Aufbau Palästinas vor allen anderen berufen schien, -- das russische Judentum — liegt zerschlagen; und die andere Gruppe, die kommende, die die Funktion der Führerschaft übernehmen muß, hat siel! noch nicht herauskristallisiert, und es werden noch Jahre vergehen, vielleicht »gar bitterer Rivalität und Kämpfe, bis die Führerschaft einer jüdischen Gruppe wieder klar und. unbestreitbar hervortritt und sanktioniert wird vom Bewußtsein der gesamten Jndenhcit. Aber wer Augen hatte, konnte diese Rivalität, die durch parteipolitische Kämpfe innerhalb der Zionistischen Organisation nicht restlos zu erklären wäre, auf den letzten z.wei Kongressen und der Jahreskonferenz bemerken. Die zwei Hauptgriippcn im heutigen Judentum — das amerikanische und das polnische — halten einander numcrisch ungefähr das Gleichgewicht. Während aber die amerikanischf: Gruppe durch einen natürlichen Prozeß des Wachstums allmählich enlstanden ist, tut die polnische ihre numerische Kraft durch die Zufälle des Krieges gewissermaßen über Nacht gewonnen. Die amerikanische Gruppe mußte einen scFwierigen Prozeß der Anpassung an die neuen Bedingungen einer neuen Welt durchmachen, die polnische Gruppe dagegen hat einige Millionen vom russischen Judentum erworben, «1 die gar nicht die Anforderung durch die Verhältnisse gestellt wurde, itire Psyclic radikal zu ändern. Sie sind in ihren alten Grund. Sätzen geblieben und setzen ihre Entwicklung weiter fort, selbstverständlich mit Acnderung ihrer flprachc und ihre# Pa «es, und obgleich sie heute die Majorität im polnischen Judentum sind, müssen wir doch in Betracht ziehen, daß jetzt wo das Leben hauptsächlich nach dem Paß reguliert wird, sie innerhalb ihrer eigenen Gruppe nidit die Hauptrolle spielen können. Nun kommt nodi ein Moment hinzu Dos amerikajiischc Judentum, das von der ,Weltkatastrophe verschont geblieben war, besitzt im gegenwärtigen Augenblick die meiste ökonomische Kraft, sowie auch eine gesündere Psyche, die für die Ausführung konstruktiver Aufgaben erforderlich ist Dit I