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Jüdische Rundschau · 1923-10-12 · Heft 88 (12.10.1923) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXVIII (1923)
Issue
Heft 88 (12.10.1923)
Date
1923-10-12
Page
– (sequence 6)
Language
German
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T Seite 522 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 88 Vermischte )Vaebriebten Neuerliches Rcwislonsgesuch im Schapira ProzeB Warschau. (J, C. B.) Abgesehen von dem niederschmcltermlcn Eindruck, den das Urteil des Kriegsgerichtes im Prozeß Schapira hervorgemfen hat, äußern auch ju* ristische Kreise Polens ihr Erstaunen über den Ausgang des Prozesses. Das Urteil des Kriegsgerichtes stützte sich hauptsächlieh auf die Aussagen des Maurerehepaares Marschcwski, ׳,welches niedrige Intelligenz und primitives Auffassungsvermögen bekundet, zudem einander widersprochen hat. Der dritte Zeuge, der Fabrikant Warmiiisky, auf dessen Aus- 1sage seinerzeit das Feldgericht sein Urteil gründete, verwickelte sich jetzt in Widersprüche und wollte sich an nichts mehr erinnern. Hartglas wies in seinem Plädoyer darauf hin, daß schon znr Zeit der ersten Gcrichtsvcriiandhing ein sachlicher Widerspruch zwischen den ein* Zeinen Zeugenaussagen testzustcllcu war; jetzt aber sei der!*Widerspruch in die Augen springend, , Inlcrcssant war die Aussage des Plozker Stadtpräsidenten i'Michalski und des Stadtverordneten Strohmeycr, die bekun- 'liefen, sie hätte» sehr oft den Rabbiner Schapira auf ‘Beinein Balkon seine Mo r g eh a n d a c h t en unter gewissen Körperbewegungen verrichten sehen, Bewegungen, wie sie ,an dem kritischen Tage seitens der Zeugen als Versudi einer!Verständigung mit dem Feinde gedeutet worden sind. Im übrigen, sagten die Zeugen, hatten zur Zeit der Bolschewisten- Invasion die Juden nicht weniger als die Christen zu leiden gehabt. j Der Rechtsvertreter der Familie Schapira, Deputierter!Hartglas, hat gegendasUrteildes Plozker Kriegsgerichts, ■welches das Todesurteil des 1. Feldgerichts bestätigt hat,!beim Obersten Gericht Revision eingelegt. Einschreiten gegen antisemitische Heizer t Riga. (J. C. B.) Am Tage, nachdem der Innenminister Lettlands, Birsenek, die jüdischen Sejmdeputierten empfangen )•und strengste Maßnahmen gegen den das Land schändenden!antisemitischen Fascismus versprochen hatte, verfügte ei auf (administrativem Wege eine zweimonatige Haft für den Re- ^dakteur der antisemitischen Zeitung ״Latvias Sorgs“, Karl jPolis, wegen gefährlicher antijüdisdicr Hetze. Erleichterung liir das jüdische Erzlchungswesen in Raiiland j Kowno. (J.C. B.) Wie der J.C.B.-Vertreter von einer laus Rußland eingetrotfenen jüdischen Persönlichkeit erfährt, soll das Moskauer Volkskommissariat für Bildung eine Erklärung erlassen haben, laut welcher Gruppen von mindestens Bechs Kindern das Redit erhalten sollen, in jeder ׳Sprache und nach jeder Richtung hin Unterrieht zu empfangen. In die Wirklichkeit umgesetzt, bedeutete dies die Möglichkeit, von den jüdischen Sektionen Unabhängige kleinere Chedarim oder Schulen zu errichten, Verband der ukrainischen Juden ין London. (J.C.B.) Der Londoner Verband der •!Ukrainischen Juden hielt dieser Tage seine dritte ßahreskonferenz ab. I>er Chief Rabbi Dr. Herz führte den!Vorsitz, Der Lord Mayor von London sandte eine Begrüßung, in der er von neuem versichert, daß die Stadt Loaidon die traurige Lage der ukrainischen Juden sehr beklagt und der Konferenz Erfolge in ihrer Arbeit zur Milderung der Not dieser Unglücklichen Opfer der Tyrannei wünscht. Weitere Bcgrüßimgen kamen vom Erzbischof von Wcstininstcr, Cardinal Bourns, dem jüdischen Nationalrat in Polen, Israel Zangwili, Sir Stuart M. Samuel und C. G. Montcfiorc. Der Chief Rabbi führte aus: lilinde Naturgcwaltcn hätten in wenigen Tagen in Japan!Tausende getötet und Tausende obdachlos gemacht. Die Ant-!wort der ganzen Welt aut den Hilferuf Japans könnte einem den Glauben an die Menschheit wiedergeben. Er sei aber er- Bchrcckt, wenn er dazu eine Parallele ziehe zu dem Mißerfolg, welchen der Hilferuf seines Volkes gehabt hätte. Ein Grund für die Gleichgültigkeit, mit der die Welt de n Pogromen zu ge sehen hat, bestände wohl darin, daß diese Grcueltaten von Völkern begangen wurden, die die Verbündeten der westlichen Mächte gewesen waren. Der Onmann der Exekutive Dr. D. Jochelmann trug den Bericht des Verbandes vor, der einstimmig gutgeheißen wurde. Der Vertreter der Ort, Herr A. Halpern, berichtete über das Aufbauwerk i!1 der Ukraine, Dr. A. kl. Levy über das sanitä rische und medizinische Hilfswerk in der Ukraine. Es wurden iolgende Resolutionen gefaßt: Es ist die Ueberzeugung־ gegewonnen worden, dn ß die Aufbauhilfe und die Unterstützung für die Waisen vorläufig von unbedingter Notwendigkeit für die jüdischen Massen in der Ukraine seien. Der Rat wurde beauftragt, eine neue Aktion für die Waisenhilfe zu unternehmen und mit den Hilfsorganisationen in anderen Erdteilen in Verbindung zu treten. Nachdem festgestcllt wurde, daß die Hauptanstrcngimgcn dein Hillsw<yk in der Ukraine Vf•• Sowjet-Rußland gelten müßten, wurde angeregt, daß nach Möglichkeit bestehende Schulen und Waisenhäuser in an- 11üetl Ländern von dem Verband unterstützt werden sollten. Ferner wurde eine Zusammenarbeit des Verbandes *J11‘ den rOganisationeJi Ort und Ose empfohlen. Ebenso wurde der Rat beauftragt, die Errichtung einer Vereinigten Jü■ oischen Volksbank vorzubereiten. Kleine Nachrichten In Safed war der jüdische Polizist Bium am Jom Kippur verhaftet worden, weil er sich geweigert liatte, wegen des hohen Feiertages vor G e r i c h t z u e r s c h e i 1נ c n. .Wegen dieser Weigerung wurde nun Blum zu 14 Tagen Arrest veru f t c! 11. Die jüdische Gemeinde in Safed sandte wegen dieses Urteils einen scharfen Protest an die paiästinen sische Regierung. In Kowno häufen sich faszistische Ucberfälle auf jüdische I assanten in den Straßen. In Poniewesch haben die dortigen raszisten die Stadtsynagoge und das Gebäude der jüdischen Arbeiterbank in Brand gesteckt. Die vom hebräischen Amateurklub ״Makabi“ vorbereiteten dramatischen Vorstellungen in hebräischer Sprache wurden behördlich verboten. Der Verein legte gegen diese Behandlung schärfsten Protest ein. In Husi (Moldau) wurde das jüdische Gemeindebad .überfallen und demoliert. Ebenso ist die Synagoge arg beschädigt worden. Die Thora-Lade wurde geschändet und zertrümmert. Die hebräische Tageszeitung ״Haarcz“ berichtet, der Gouverneur von Jerusalem, Brigade-General Sir Ronald werde demnächst seinen Posten verlassen, da er zum britischen Gesandten in China ernannt werden soll. Auf die Anträge des Jerusalemer J. C. B.•Vertreters erklärt« Sir *Wald Storrs, die Mitteilung des ,Haarez“ entbehre Jeder Grundlage, er beabsichtige Keineswegs, von seinem Posten zuruckzutrctcn. Anßcrortolllclicr B0Ic5Ie*1c1«3g des fcil'ätca KIsracM Am Sonntag, den 14. 11ml Montng, den 15. Oktober, findet ein außerordentlicher Dclcgicrtcntag des deutschen Mlsrachi in Berlin in der Jüdischen Gemeinde, Roscnstr. 2/4 statt. Tage» rdnung: 1. Der XIII. Kongreß mit" besonderer Berücksichtigung der Stellung des Misraclii. Referent: Dr. Aron Barth, Berlin. 2. Unsere Palästinaarbcit Referent: Hermann Struck, Haifa. 3. Unsere Arbeit in Deutschland für <Bc nädiste Kongreß- Periode, Referent: Dr. J, Rabrn, Breslau 4. Generaldebatte, 5. Wahl des Vorstandes und Zcntralbfiros, Die Tagung beginnt morgens um 9 Uhr. — Gäste Baben Zutritt. Preußischer Landesverband jtMlsclier Gemeinden Das Fi ח a nzausgleichgcsetz vorn 20, Juli 1923 sicht in § 60 Abs.fi vor, daß auch für die Rcliglouagcscllsdiaftcn des Art. 137 R.-V, ״nach näherer Bestimmung des Haushaltphnes“ vom Reiche Zuschüsse zu den Gehältern der Beamten uiid den Vergütungen der Angestellten gewährt werden. Der Haushaltaussclniß des Reichstages lut in seiner Sitzung vom 13. August d. J. den dringenden Wunsch nach beschleunigtem Vollzug des Gesetzes geäußert. Demzufolge ist von den zuständigen Rcichsstcllcu die ,Vorbereitung der Gesetzesausführung in Angriff genommen worden. Es handelt sich hierbei zunächst darum, die Grundlagen für die Berechnung der Summe zu gewinnen, die in den Haushaltsplan einzustelien ist. Zu diesem Berufe ist notwendig fcstzustclkn, wie viele Beamte usw. jeder Kategorie in den einzelnen Gemeinden vorhanden sind und wie deren Bcsoklungsvcrhältnisse bisher geregelt sind. Mit der Beschaffung de•., Materials süid die rcligionsgcsclisdialtliciicn Zentralvcrbändc betraut worden. Dcmzufolge hat der Preußische Landesverband an die Gemeinden den folgenden Fragebogen versandt: Kam• <Ur Gemeind«.Oriaklui•...... A. Für Bikaü and Angsittllt*. (nach dom Stand« vom 1.4 19:2) Art der Dlonit. •tcllunj Btioldun;;•• Krappe dor Uviohsboßoldang*ordn>mg vordem 1.7.23 «in« Eia- Brapplcrang urtolfi lat Soweit oin» Kingrupplo* rr.nR am 1.7.23 niobt vorl»g, darohtclmittllcho Gohalt*• 1»t«» am 1.7.28 Zahl dar Btamtan B#tonde1« Btmerkanfaa B. N•banb*r aflIeh tätig« J*r»onaa (nach dom Stauda vom 1.7.1923) Art de* Dianatae Umfang da■ mtgk«1t Qaaamlaahl dar am 1.7.23 nabenhornflloh b«i01>af1igm Por*on»n Erlist*»!»{ Die Fragebogen sollten spätestens bis zum 12. Oktober ausgcfiiilt zurückgesandt wetxicn, da das ganze Material bis zum 17. Oktober verarbeitet und un das Ministerium abgcliefert sein muß. Da es sich bei der Bewilligung der Zuschüsse unter den gegenwärtigen Zuständen für die Gemeinden um eine Existenzfrage handelt, liegt es in ihrem eigensten Interesse, daß das Material rechtzeitig genug eingesandt wird. Denjenigen Gemeinden, die etwa die Fragebogen noch nicht zurückgesandt haben sollten, kann nur auf das Dringlichste geraten werden, dies an die Adresse des Preußischen Landesverbandes (Berlin N, Oranienburger Sir. 29) unverzüglich zu tun, da sie sonst Gefahr laufen, bei der Aufstellung nicht berücksichtigt zu werden. Soziale Arbeit Die Zcntralwohlfahrtsstcllc der deutschen Juden teilt mit: Angesichts der immer mehr steigenden Not der Anstalten in Deutschland hat das Reich den Betrag von einer Billion als Vorschuß für die Wohifalulseiimchtungeii zur Verfügung gestellt. Auf die jüdischen Einrichtungen entfallen davon mehrere Milliarden, die in aller Kürze zur Ausschüttung gelangen. Die Reichsrcgierung stellt ferner in Fonn von Krediten Mittel für Beschaffung von Koliken zur Verfügung. Unabhängig davon gellt die Sammlung ״Jüdische Not“ vor sich, durch welche bereits große Beträge aufgebracht wurden, In Berlin wurden bereits Milliarden für die Anstalten zur Verfügung gestellt. Hand in Hand mit der Verteilung dieser Gelder und der vom.Joint Distribution Committee gewährte« Beträge geht die Prüfung sämtlicher Wohlfahrtsein rieht ungen und die Vorbereitung für eine durchgreifende Sozialrcform, deren Grundsätze und Ziele auf der Erziehungskonferenz im Oktober zur Beratung und zum Abschluß gebracht werden sollen. Die Zentral Wohlfahrt sstcllc hat ferner dank der Mithilfe jüdischer Heime bewirkt, daß viele Kinder von Flüchtlingen aus den Ostmarken in jüdischer Umgebung aufwachscn können. Viele Erholungs- und Ferienheime haben Kinder aus dem besetzten Ruhr- und Rheingebiet aufgenommen, ebenso haben!viele jüdische Familien Kinder aus diesen Gebieten bei sich aufgenommen. Jüdischer Frauenbund Am 1, Oktober fand die 8. Delegiertenversammlung des Jüdischen Frauenbundes in Berlin im jüdischen Gemeindehaus statt. Die Berichte über die verschiedenen Städte zeigten, daß trotz der schwierigen Zcitverhältnisse die Entwicklung des Bundes erfreuliche Fortschritte gemacht hat. Die Statuten- Veränderungen brachten zunächst eine Veränderung der Aufnaiimcbcstininitfig, in dem Sinne, auch der in Deutschland lebenden Jüdin den Zutritt möglich zu machen (der Bund ist künftig nicht mehr die Zusammenfassung deutscher jüdischer Frauen, sondern der ״jüdischen Frauen Deutschlands׳•), Damit ist vor allen Dingen der ostjüdischen Frau in Deutsch- 13nd der Eintritt ermöglicht. Die prinzipiell wichtigste Neuerung war die Auf n ahme der Förderun g der Pa I äs t in a - Ar b ei t als Programmpunkt. In den Vorstand wurden Frau Edith Hirsch, Halbcrstadt, und Frau Landau, Lübeck, hinzugcwählt, und zwar ausdrücklich als Vertrete rinnen der national-jüdischen Frauen. — ein Etclsebnch (Von Arthur Rundt und Richard A. Beermaun. E. P. Thal & Co., Wien, 1923.) M,1n nimmt neue Pülcher über Palästina mir noch ungern zur llami. Es gibt eigentlich schon genug Schriften über dieses Thema, kaum eine kann etwas Neues sagen, und auf ״interessante Lektüre״ ist man jetzt weniger erpicht denn je. Man fürchtet, daß jedes derartige Buch eine Enttäuschung sein werde, und man möchte nicht gern enttäuscht sein. Es ist also ein ,Wagnis, heute noch ein Buch über Palästina zu schreiben. Wenn dieses Wagnis den beiden Autoren de! hier besprochenen Buches trotzdem geglückt ist, obwohl dieses Buch äußerlich nicht mehr ist als die Zusammenfassung von kaum zwei Dutzend Zcitungsfcuilletons, so darum, weil ein starkes, tief erschütterndes Erlebnis daraus spricht Mai! liest cs mit immer waehsender Spannung, mit immer größerer innerer Anteilnahme, man bewundert das Eintühlungsvermögen der beiden Autoren, welches weit über das Journalistische über das Mctierimfte Irinausgdit. Diese beiden Schriftsteller* die ins Land gekommen sind, vielleicht nur mit dein Zwecke, um ein paar Artikel zu schreiben über dieses Land, das immerhin einen gewissen ״exotischen Reiz“ hat, haben es als Verkünder des Neuen verlassen, das dort entstellt. Das ist cs, was das Buch weit heraushebt über die Palästina. Fcuilleion-Litcratur, das ist es, was ihm seinen Wert gibt. Rundt und Bcermann, beide tief verwurzelt in europäischer Kultur und Zivilisation, haben das schlechthin befreiende, das im besten Sinne des — so sehr in Mißkredit geratenen Wortes Menschliche in Palästina erkannt, und das gibt dem Buche sein charakteristisches Gepräge. Nicht Tel-Awiw, ״diese Stadt auf Sand gebaut, wirtschaftlich auf mangelndes Kapital — eine Reede, nach allen Seiten offen", war es, das den Verfassern dieses Buche» den Schlüssel zur Lösung des Palästina-Problems gegeben iiat, wenn sie auch erkannt haben, daß im Werden dieser Stadt eine ungeheure Triebkraft wirkt, daß in dieser Stadt, oder sagen wir besser: auch in dieser Stadt, zu deren Bau kein Geld da ist, sich der ganze Lebenswille eines verfolgten, verratenen, hundertmal beleidigten und trotzdem an sich, an seine Kraft Und an die Menschheit glaubenden Volkes mani*׳ festiert, Denn sie haben erkannt, daß die junge» Siedler dieser nach allen Seiten offenen Reede, wollen, «laß ihre Stadt ein Hafen werde und daß dieser Wille trotz Sand und Mangel an Kapital schließlich siegen wird; denn nicht darum geht es in Palästina, aus einer Stadt einen Hafen zu machen, sondern um Palästina zum Hafen machen für ein Volk und für eine Idee. Das haben die Verfasser auf ihrer Reise durch das Land gesehen und gefühlt. Denn was von Tel-Awiw bis weit hinauf in den Norden des Landes geschieht, ist weit mehr als der Aufbau einer Stadt oder einer Kolonie, ca ist der Aufbau ״einer neuen Welt, auf den Fundamenten eines starken Ethos“. Wir glauben kaum, daß es ein stärkeres Fundament gibt. Diese Welt aber wird gebaut von Menschen, die ins Land getrieben wurden, nicht etwa von barer Not, sondern von. der Idee, die sie zwingt, ״ins Leere zu fliehen und eine Welt aus dem Nichts zu schaffen". Darum ist, was jetzt in Palästina geschieht, ״ein Wunder, nirgendwo in der Welt zu schauen“. Ein erlösendes Wunder. Eine Stunde, ein paar Stunden von Jerusalem, der Stadt der Heiligtümer (charakteristisch, daß Bcermann an Eca de Queiroz’ bekanntes Buch er• innert), wachst die Erlösung. Wächst unter den Händen von jungen Juden, die die Möglichkeit hatten, irgendwo, irgendwie, irgendwann im bürgerlichen Sumpf zu landen, in dem sich so wundervoll leben und Geld zusammenscharren läßt; «nd die diese Möglichkeit von sich geworfen haben, um in Palästina Straften zu bauen und Häuser und Dörfer (und als erstes im Dorfe eine Schule und ein Museum). Hier ist Erlösung. Diese Menschen sind erlöst, dieser Men« sehen Sein und Wirken spendet Erlösung. Denn diese Men« sehen bauen nicht nur Häuser und Straßen und Bahnen und Dörfer, sie bestellen nicht nur Acker, sie trocknen nicht nur Sümpfe und pflanzen nicht nur Wälder: Sie bauen eine neue Gemeinschaft, eine Gemeinschaft, welche nicht zu* sammengefaßt wird durch Doktrin, deren Glaube nicht Fanatis« mus ist, sondern eine Gemeinschaft, in deren Leben der Glaube wirkt an das Gute, an «las Ewige im Menschen und der Glaube, daß der Mensch den bösen Trieb unterdrücken, ja ganz aus• schalte« könne unter neuen Formen, die er selbst sich schafit und die ihm kein Gesetz aufzwingt als das Gesetz, das er in sich trägt. 1 Das Wollen dieser Menschen muß sich seinen Weg durch Schwierigkeiten bahne«, die ungeheuer sind. Es ist nicht nur das Land, das verwüstet ist, «rs ist auch der Widerstand, den diese Menschen bei ihren arabischen Nachbarn finden, ein Widerstand, den auch der fremdeste Beschauer erkennt, wenn er Gelegenheit hat, dem Nebi-Musa-Feste beizuwohnen. Aber jenes Wollen besiegt auch diesen Widerstand. Noch 1914 konnte Bcermann die abgrundtiefe Verachtung beobach« ten, die der Araber dem Juden entgegenbrachte. Heute gibt es in Palästina keine Verachtung mehr den Juden gegenüber, sondern Respekt, mag dieser Respekt auch manches« mal in Haß Umschlagen. Aber auch dieser Haß wird erlösdien, davon ist niemand mehr überzeugt, als die Chaluzim in Galiläa. Nicht, weil es Galiläa ist, nicht, weil Bcermann dort die Vision des Zimmermannssohnes gesehen hat. Wir glauben nicht, daß diese Erscheinung, wenn wir sic für den Augenblick als jene konkrete historische Figur ansehen wollen, in deren Namen das Geschick von Ländern, von Erdteilen geprägt wurde, auf das Wollen und Wirken der Siedler dort konsequent Einfluß geübt hat. Bcermann hat auf seine Frage nach dem Einfluß Tolstois (des letzten Christen, wie ihn einer seiner Schüler einmal genannt hat) von einem Siedler die Antwort erhalten, daß cf und seine Genossen Tolstoi natürlich kennen, aber das, was hier geschehe und werde, mit Tolstoischcn Ideen nichts zu tun habe. Historische Reminiszenzen, gar dieser Art, wie Bcermann sie in seinen Aufsätzen wiederholt bringt, bergen die Gefahr der Schematisierung in sich, und Bcermann ist dieser Gefahr mehr als einmal unterlegen. Nein, was Sie dort gesellen haben, ist nicht ״wiederauf• erstandenes Galiläa“, Bcermann, sondern der konkrete Ausdruck der reinen Idee, ein Ausdruck, von dessen Ungcwohnheit, Plötzlichkeit der Mensch des europäischen Zivllisationskreiscs zurückschrcckt, den er sich selbst mir erklären kann durch die Heranziehung von Analogien, die, mögen^sic auch falsch sein, ihm doch die Kraft geben, solche Erscheinung irgendwie seinem erkennenden Bewußtsein cinzuordticn. Und darum auch: kein ״Brückenkopf". England mag das meinen, wollen sogar, für England mag es bis zu «in«® 1t 0,

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