Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXVIII (1923)
- Issue
- Heft 85-86 (5.10.1923)
- Date
- 1923-10-05
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Die Gefahr ist sehr groß, und auch der \ Kongreß stand in seiner überwältigenden Majorität unter i dem Eindruck, daß eine Wiederholung des finanziellen \ und ökonomischen Stillstandes, wie er im vorigen Winter julngc getreten war, von schwerwiegenden Folgen wäre. Darum war die Meinung fast allgemein, daß die bislicrigcn Finanzicrungsmcthodcn nicht mehr genügen. Während die einen bei Aufrcchtcrhaltung des Keren Hajessod zur Ergänzung und Neufundienmg unseres Ko-; bnisationswerkes eine auf ganz anderen grundsätzlichen und technischen Voraussetzungen aufgebaute Finanzbc- Schaffung Vorschlägen — wir erinnern an das Buch von; Arlosoroff ־-, versprechen sich die andern von einer Umgestaltung des Keren Hajessod durch Heranziehung | aller nur irgendwie aktivierbaren jüdischen Kräfte zur! Mitverantwortung eine erhebliche Steigerung der bisherigen Keren Hajcssod-Rcsultate, die zumindest zur radi- . kalen Ueberwindung der drohenden Stagnation genügen ' würden. Unter diesen Aspekten wurde auch die Er- < Weiterung der Jewisl! Agency ins Auge gefaßt, und Weizmann hat erklärt, er glaube bei günstigen Kongreßbeschlössen mit Bestimmtheit an ein Resultat von einer Million Pfund in Amerika im nächsten Jahre. Sechs Wochen sind seit dem Abschluß des Kongrosses verstrichen und die Ruhepause allgemeiner Er• Schöpfung und Erschlaffung, die dem Kongreß crfahrtingsgemäß zu folgen pflegt, muß nunmehr abgeschlossen werden. Wiederholt wurde betont, daß dieser Kongreß in der ersten Augusthälfte stattfinden müsse, da sonst die Gefahr bestellt, daß wieder so wie in den zwei vorhergehenden Jahren die wertvollsten Herbstmonate infolge Abwesenheit der aktivsten Kräfte von ihren Arbeitsorten verloren gehen. Die Arbeit muß auf allen Gebieten wieder Ieinsctzen. Finanziell zehren wir gegenwärtig in der Hauptsache noch von den Reserven, die die letzte Weizmannschc Kampagne in Amerika geschaffen hat. Es muß unbedingt Vorsorge getroffen werden, daß auch nach Verbrauch dieser Reserven kein Vakuum cintritt. Wir haben jetzt genugsam erfahren, wie sehr die Arbeit in Palästina, wie sehr auch unser politisches Ansehen darunter leiden, daß das Palästina-Budget unregelmäßig und verspätet gedeckt wird. Diese Verspätungen bringen großen materiellen Schaden mit sich, sie bedeuten also eine Verschleuderung von Mitteln, die produktiv ver- ׳ wertet werden könnten, Der Kongreß hat z. B. be- : schlossen, daß zumindest 30°/« des landwirtschaftlichen! Budgets in den Monaten Oktober und November zur; Auszahlung kommen sollen. Geschieht das nicht, dann geht die wertvollste Zeit für den Anbau vorüber und; statt das Kapital produktiv anzulegen, wird man cs : später auf sinnlose Palliativmittel verwenden müssen und j dann über die Defizite der landwirtschaftlichen Siedlun-! gen klagen. Die Flerbslmonate rücken heran und schon i scliwebt’auf den Lippen vieler Zionisten die bange Frage: i| Wird sich das Spiel vom Vorjahr wiederholen? Wird | die Bewegung vor die Notwendigkeit gestellt, die Bc- ז; lastungsprobe auszulialten, von der selbst der Präsident '! der Organisation zweifelt, ob sic auszuhalten ist? ' Die zionistische Welt erwartet auf diese Frage eine beruhigende Antwort. Sie erwartet ein Wort aus London. Die Exekutive ist sechs Wochen im Amt,den neunten Teil eines Jahres, und sie hat noch kein Wort gesprochen. Die Bewegung erwartet von der Leitung eine Erklärung über unsere nächsten Ziele, eine Parole für die bevorstehende Arbeit. Gerade in einer schweren Zeit, gerade wenn Schwierigkeiten und Verwicklungen sich zeigen, bedarf die Organisation des Gefühls lebendiger Ver-! bundenficit, sie bedarf des Bewußtseins, sinnvoll unc Planvoll geführt zu werden. Dieses Gefüllt kann niemand der Bewegung geben, wenn nicht die gewählte Leitung. Es wäre aber falsch, wollten wir von der Leitung *nclir verlangen, als sie zu geben vermag. Unter den heutigen Verhältnissen, die das Ergebnis des Krieges bnd seiner Nachwirkungen sind, ist notwendigerweise * die Möglichkeit einer einheitlichen, alles umfassenden Zentralen Führung sehr beschränkt. Die Selbständigkeit * der einzelnen Gruppe״, der Landes- und Sonderverbände,; •st eine größere geworden und Hand in Hand mit dieser : Erweiterung der Kompetenz geht auch eine Erhöhung der;; Verantwortlichkeit. Landesverbände sind heute auch 1 Goldmark ca. 110 Hilllonen j am 4. Oktober 1923 vorläufiger Abonnementspreis für November incl. Nachzahlung für September und Oktober werden in den nächsten Tagen von jedem Abonnenten durch Nachnahme erhoben werden. Nur wer diese Nachnahme sofort einöst, kann die Zeitung weiter geliefert bekommen. Die Anmeldung für den Bezug im November muß nach den geltenden Bestimmungen bis zum 12. Oktober erfolgen. Bei späterer Zahlung tritt entsprechender Gcldentwertungszuschlag in Kraft. 1 Die verlangten Gebühren entsprechen, trotzdem gerade im Zeitungsgewerbe die Goldmarkbanls stark überschritten ist, bet weitem nicht den Friedenspreisen. Unsere Forderungen sind so niedrig gehalten, um möglichst allen Interessierten Zionisten den Weiterbezug unseres Blattes zu ermöglichen. Wir bitten alle Leser, uns bei der Verbreitung der ״Jüdischen Rundschau", die nus propagandistischcn Gründen in der nächsten Zeit redaktionell wesentlich ausgestaltet werden wird, zu unterstützen. Die Schlagkraft des deutschen Zionismus hängt von einer starken ״Jüdischen Rundschau" ab! Verlag ״Jüdische Rundschau“ Berlin W 15, Sächsische Str. 8. Geldsendungen nur auf Postscheckkonto: Berlin 17392. für die Gcsamtbcwegung, auch für Palästina verantwortlieh. Dies gilt nicht nur f׳'ir Amerika und andere hochvalutarischc Länder, die das Geld aufzubringen haben, sondern ntich für Deutschland, das zwar in einer tragischen Situation ist, da die deutschen Zionisten aus eigener Kraft materiell nicht wesentlich ztun Aufbau des Landes beitragen können, das aber doch unverminderte Pflichten gegenüber der zionistischen Idee hat. Der Zionismns krankt heute nicht nur an Geldmangel und Valutaelend, sondern er krankt zum• großen Teil an innerer Lähmung, die dadurch licrvorgcrufcn wird, daß die einzelnen Bestandteile sich nicht mehr recht zu einem gemeinsamen Leben zusammenfinden können, aber auch ihr Einzellebcn nicht genügend intensiv gestalten. Es scheint uns in der heutigen Lage die wichtigste Aufgabe jedes Landesverbandes, vor allem des deutschen, das innere zionistische Leben wieder zu entfachen. Die alten Fragen und Antworten des Zionismus, die Frage nach dein Wesen und der Lösungsmöglichkeit der Judenfrage, müssen wieder auf die Tagesordnung gesetzt werden, damit unter der vollen Wirkung des zionistischen Imperativs, aber auch im lebendigen Zusammenhang mit der Welt der Realität, die zionistische Problcmwclt, die in Dogmaiik zu erstarren droht, wieder eine wirkende geistige Macht wird. Würde cs einem Landesverband — etwa dem deutschen — gelingen, ungeachtet der harten und ernsten Anforderungen der Tagesarbeit, insbesondere der Keren Hajesod-Sammhmg, zu einem solchen geistigen Leben wieder zu erwachen, so könnten davon segensreiche Wirkungen auf die gesamte zionistische Welt ausstrahlen. Denn eine Voraussetzung jeder zionistischen Weiterbildung ist es ohnedies, daß der Zusammenhang der geographisch getrennten Teile nicht verloren geht. Das gilt vor allem für ein Land wie Deutschland, dessen Judentum durch Jahrzehnte vom Volksleben losgelöst ist und der Kraftquellen nicht entbehren kann, die heute noch in den seelcnvollen Gemeinden des Ostens und vor allem in dem Aufcrstchungswillcn Palästinas enthalten sind. Das Zentralkomitee der Z, V. f. D., das am kominenden Sonntag zu Beginn der Wintcrarbcit, zusammentritt, wird sich seiner Verantwortung der Gcsnmtbcwc• gung gegenüber bewußt sein müssen. Es •wird natürlich berücksichtigen müssen, daß bei Behandlung der Fragen der Gcsamtbcwegung ein gewisser Takt unentbehrlich ist; ״denn es darf nicht den Anschein erwecken, als ob eine Note der Ueberhcbliclikcit, die man in der Welt dem deutschen Zionismus, in dem man gern ein Widerspiel des ״preußischen Oberlehrers“ sieht, zum Vorwurf macht, darin zutage träte. Aber die Beratungen müssen erfüllt sein von der ernsten Sorge um! das Schicksal der Bewcgung und vom Bewußtsein der Verantwortlichkeit, die heute auf jedem׳ Zionisten ruht. Und vor allem von dem festen Willen, iin kommenden Jahre trotz den überaus schwierigen Verhältnissen in Deutschland die zionistische Arbeit nicht nur nicht zu vermindern, sondern mit versiäfktcr Intensität zu erneuern. R.W, .. Politische Propaganda Von Dr, Victor Jacobson. Der Kongreß hatte keine Gelegenheit zu ein׳:■׳ ich• tigen Erörterung der politischen Probleme, Es ist .!aber eine rein dialektische Floskel, dein Kongreß eine ,,lnkonscqncnz“ vor/mverfen, die nach dieser ,,polcmisehen Darstellung“ darin bestellen soll, daß der Kongreß die Politik Woizmanns verurteilt und trot/dein die Leitung demselben Weizmann übertragen hat*), ln Wahrheit hat man die Grundprinzipien der Weizmannschan Politik gebilligt: das Vertrauen zu den־, guten Willen Englands unj die Anerkennung der Untmigängliciicn Notwendigkeit, zu einer Verständigung mit den Arabern zu kommen. Diesem ,.System“ wurde eigentlich nur die Forderung des ״Kol Jaakows“ — des ״Schreiens“ gegemibergestellt. Und zwar van denselben Stellen, die die andere theoretisch mögliche Alternative — die ,,Jod Essaws“, die Methode des Herrn Jabotinsky, ganz entschieden verwarfen. Von keiner Seite wurde der Versuch gemacht, ernstlich diese zweite Methode der ,,gepanzerten Faust" — wie man in modernein Jargon die alte Formel der ״Jod Essaws“ wohl am besten übersetzen würde —, vorzuschlagen. Angcsiclits dieser Tatsachen hielt die Majorität es für das richtige, bei aller Einsicht in die Schwierigkeit der Lngc, bei aller Lil cnntnis der drohenden Gefahr, nicht an einen Wechsel des Systems, sondern an seinen Aus* bau zu denken. In diesem Sinne wurden von der poli* tischen Kommission verschiedene praktische Anregungen und Vorschläge der Leitung und dem Actians-Comitc unterbreitet. Die wichtigste von ihnen ist vielleicht, die Anregung, eine großzügige ״politische Propaganda" einzuleitcn. Gerade auf diesem Gebiet fehlt jeder Ansatz zu einer planmäßigen, systematischen Arbeit. Die Leihing sicht wohl ein, wie wichtig eine solche großzügig aufgebaute und systematisch durchgeführte Aufklärungs- ת r beit und mehr, als Nur-Aufkläningsarbeit wäre. Es geschieht aber so gut wie gar nichts, da unsere ganze politische Arbeit auf den zwei Menschen liegt, auf Weizmann und Sokolow, und auch der größten Arbeitskraft und der größten Leistungsfähigkeit natürliche Grenzen gezogen werden. Da der Tag nun einmal höchstens 10 bis 12 Arbeitsstunden hat, und der größte zionistische Führer kaum imstande sein kann, mehr als auf zwei Orten auf einmal zu weilen, — so geschieht eben auf diesem Oebicfe, wie auf vielen anderen nur das von den Führern gelegentlich geleistete. Die Leitung sieht die Notwendigkeit dieser Arbeit ein, und wenn sie erklären wollte, warum sie doch nichts getan hat, würde sie wohl mit dein Hinweis kommen — aus Mangel au Menschen und Mangel an Geld. Die beiden Einwände sind nicht stichhaltig: es gibt die Menschen, die diese Arbeit machen würden, auch das Geld würde kortmien, und zwar aus denselben Quellen, aus welchen die Keren Hajessod-Gelder im allgemeinen fließen. Man braucht kein Zionist zu sein, man muß nur das aktive und lebendige Interesse am Palästina-Aufbau haben, die einen auch nicht zionistischcn Juden zwingt, sich am Keren Hajessod zu beteiligen, um die Gefahren cinzusehen, die daraus entstehen, daß ״die Welt“ der Palästina-Frage gegenüber so indifferent ja zum Teil so ablehnend sich verhält, wie es heute der Fall ist. Wenn ntan z. B. zu den Zionisten Amerikas mit bestimmten konkreten Vorschlägen kommen würde, mit ausführlicher Darstellung dessen, was für eine große Gefahr in der aufsteigenden Welle des indifferentismus und der Feindseligkeit für unsere ganze Arbeit, ja für unsere Sache ligt, und welche unbegrenzten Möglichkeiten eine großzügige Arbeit uns bietet, — dann würde man von amerikanischen Zionisten und sogar Nichtzionisten Tausende von Goldenen Schekolim bekommen und nicht mir einen, wie es im vorigen Jahr war. Die Gelder wären da, die Männer sind da, und die ,,konkreten Pläne" würden mit den meisten Mitgliedern der früheren Leitung besprochen und von ihnen gutgeheißen. Es ist noch nichts geschehen, trotzdem die Leitung fast einen jeden Bericht über die ״politische Lage“ in den letzten Jahren mit dem sich stereotyp —י und unverändert — wiederholenden Satz eröffnete, ״Wir sind unpopulär geworden“. Nach diesem Satz folgte gewöhnlich eine sehr feine und sehr tiefe psychologische Analyse der Gründe, die diesen Umschwung in der öffentlichen Meinung erklären sollten, und dieser Teil des Berichtes endigte mit der Betonung der Auf• *) Die Anspielung unseres geschätzten Mitarbeiters bezieht sich offenbar auf die Darstellung des russischen. Organs ״Raswjct", der in seiner letzten Nummer erklärt, der Kongreß habe in seiner politischen Resolution die Politik ’jabotinskv« akzeptiert und aus ״Inkonsequenz“ trotzdem Weizmann ge! wählt. — Anm. d. Red,