Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXVIII (1923)
- Issue
- Heft 83-84 (28.9.1923)
- Date
- 1923-09-28
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Konto Nr.5941a! - Redaktion »Schluß Sonntag und Mittwoch nachmittag. — ׳ י־״ח תשרי" תרס״ד XXVIII. Jahrg. 04r iionl»««» crtluM fflr das JUdlitln Volte dla Schaffung «In• r Öffentlich ■ rechtlich geslchertai» Haiwstltta Iw Palästina. ״Basaler Programm.״* Der olizidle Bericht Im Londoner Kolonial nt i 11 Ist«rittbt Ist on Bericht des Oberkotn mj ssärs von Pa• lästina eingelangt, welcher besagt: Seit einiger Zeit vciursachtc die Haltung des Sultans von Adwancs der Regierung des Emirs Abdullah, des Sohnes des Königs der Hedschas, große Schwierigkeiten. In letzter Zeit wurde die Haltung des Sultans noch drohender und am!5, September richtete die Regierung ein Ultimatum in ihn. in welchem er aufgefordert wurde, sich innerhalb 48 Stunden m unterwerfen, wenn nicht, würden Regie• mngstruppen gegen ihn Vorgehen. Schon anderen Tages lerstörfe der Sultan die Straßen und zerschnitt die Telephon- und Tclegraphcndrähtc. Darauf ordnete die Regierung Truppen nach Transjordanien ab, welche den Rebellen eine empfindliche Schlappe beibrachten. Auf der Walstatt blieben ein Häuptling und 30 Rebellen, während die Regulären keine Verluste zu beklagen haben. Man nimmt an, daß diese Züchtigung dazu dienen wende, den Su It an wieder der Botmäßigkeit zuzuführen. Jerusalem. (J.C.B.) Abs einer offiziellen Darstellung der transjordanischen Regierung geht hervor, daß Sultan Adwan der Führer des Aufstandes gewesen ist. Die Regierung hat Militärflugzeuge und bewaffnete Wagen gegen die Aufständischen verwendet. Einer der ,Anführer des Aufstandes, Zaü Schawan und 25 Aufständische wurden getötet, mehrer« ander« verwundet. Englische PrcssesUmsieii London. (J.C.B.) Die Londoner Presse beschäftigt sich ausführlich mit der Erhebung in Transjorctanicri. In einem Leitartikel schreibt der antizioiiistbdve ״Daily Expreß“, die Araber in Palästina, sowie die Araber in Transjordmicn wollen frei sein. Sic wollet! weder zionMcrt, noch cinlrisicrt werde». Der britische Steuerzahler weift nicht, daß er auf einem arabischen Vulkan sitzt, der einmal ausbrcchcn kann und dann wohl mehr kosten wird als 150000 Pfund im Jahr. Die Themse ist wichtiger al/ der Jordan. Der ״Daily Mall“ bezeichnet die L'age als sehr ernst. Es seien ln Transjordanien zwei Stämme und etwa 15000 Rcgicmngstruppcn engagiert Viele meinen, sagt die Zeitung, daß die Unruhen noch nicht zu Ende seien. Es sei wahrschein• lieh, daß der Führer der Wahabi, Ibn Said, den Aufruhr hervorgerufen hat, um den Emir Abdullah zu beschäftigen, während er selbst einen Angriff auf Taf vorbereitet Demgegenüber erklärt Reuter, daß die maßgebenden Stellen den Einfall des Adwan- und Belka-Stammes in Trans• Jordanien als eine rein innere A n gclegc n h eit bctrachten. Es erscheint unwahrscheinlich, dal) dieser Vorfall irgend etwas mit dem britischen Mandate über Palästina oder mit dem Zionismus zu tun hätte. Zur Lage in Deutschland Die tragische Zuspitzung der Ereignisse in Deutsch• land wird, wie nicht anders zu erwarten war, von gewesenlosen Elementen wieder zu einer maßlosen Hetze gegen die Juden ausgenützt. Allen Tatsachen zum Trotz wird den Juden die Schuld an allen möglichen Ereig• nissen, an dem Mißlingen politischer Aktionen und an der Verschärfung der inneren Situation ztigcschobcn. ia den fünf schweren Jahren seit der Beendigung des Krieges wurde der Antisemitismus mit großer Geschickliehkeit zur brauchbarsten Waffe derjenigen geschmiedet, die zur Erreichung ihrer Ziele eine Aufpeitschung der Volksinstinkte brauchten. Es ist gelungen, das deutsehe Volk mit diesem Gift immer mehr zu durchsetzen. Die nationalistischen Verbände haben ihre antisemitische Tendenz stets als ein Hauptpunkt ihres Programms proklamiert und in den letzten Tagen wurden aus München Vorfälle berichtet, aus denen zu ersehen ist, wie aufreizend die unverantwortliche Judenhetze betrieben wird. Die patriotische Hingabe jüdischer Persönlichkeiten, die einen Weg der Rettung für Deutschland gesehen haben und sich voll dafür einsetzen wollten, das Martyrium von Männern wie Walter Rathenau hat keine versöhnende Wirkung gehabt, im Gegenteil, die Zerflcischung dieser ideal gesinnten Juden hat fortzeugend Böses gebären müssen, Heute geht die Entfesselung des Bürgerkrieges unter antisemitischer Parole vor sich. Die eben verkündete Proklamation des von der bayerischen Regierung eingesetzten Staatskommissars von Kahr erklärt, daß sich der neue Diktator auf alle Bürger stützen will, die deutschen Stammes sind. Damit ist zum ersten Mal in der Geschichte des Deutsehen Reiches der Ausschluß der Juden in einem offiziellen Dokument verkündet worden. Wir wissen nicht, welche besonderen Absichten Herr von Kahr mit dieser antisemitischen Brüskierung verfolgt und welche Taten seinen Worten folgen werden. Aber als Juden und Bürger dieses Reiches protestieren wir mit aller Entschiedenheit dagegen, daß wir zu Bürgern zweiten Grades herabgesetzt werden. Wir werden unser Recht vor aller Welt verteidigen und nicht dulden, daß der anhebende Kampf auf unserem Rücken ausgetragen wird. Wir hoffen, daß die besonnenen Elemente im deut• sehen Volk die Oberhand behalten werden, und daß sich keine deutsche Gruppe zu Handlungen liinreißen lassen wird, die den deutschen Ehrenschild für alle Zeiten beflecken würden. Der bekannte antisemitische Schriftsteller Hans Blülier sagt mit Recht in seiner antisemitischen Flugschrift, daß Deutschland an dem Fluche der Ermordung Gustav Landauers schwerer zu tragen haben wird, als an dem Vertrag zu Versailles. Mit Gewalttaten irgendwelcher Art ist die Judenfrage nicht «1 lösen. Di« Antisemiten, die ihre Roheit an ein- «Inen — meist wehrlosen — Juden betätigen, zeigen nur ihre eigene nationale Schwäche, die in einem betonten Kraftmeiertutn sich verbergen will. Wir Zio- ״laten wissen, daß nur durch die eigene Tat des jüdischen Volkes die Judenfrage in einem auch für die andern Volker erträglichen Sinn gelöst werden kann. Für die deutschen Juden gilt es je.le!falls auf der ^,acht zu stehen. Rückkehr Sir Herbert Samuels nach Palästina Jerusalem. (J.C.B.) Sir Herbert Samuel ist am Dienstag, den 18. September, von seiner Urlaubsrtise zurückgckchrt. Bei seiner Ankunft wurde er von einer großen Menschenmenge, sowie von den Leitern der Vcrwaltungsdepartcments, den ausländischen Konsuln und den Vertretern der Rcligionsgetneimkn empfangen. Am Nachmittag veranstaltete der Gouverneur von Jerusalem, General Storrs, zu Ehren Sir Herbert Samuels ein Gartenfest, an dem mehr als 500 Personen aus allen Gesellschaftsschichten von Jerusalem tcilnahmen. Anerkennung 4er jüdischen Gemeinden und des Waad Lcumi Jerusalem. (J.C.B.) Wie der J.C,ß.-Vcrtreter erfährt, hat Sir Herbert Samuel die Zustimmung des Kolonialamtes zur Anerkennung der jüdischen Ge m e i n d c n in Palästina und ihres Organes, des Waad Lcumi, erhalten. Diese Körperschaften sollen jedoch kein Besteuerungsrecht haben. (Diese J. C. B,-Meldung besagt allerdings nichts Neues, denn die Anerkennung ohne Bcstcuerungsrecht war längst gesichert, jedoch kam es dein Waad Lcumi gerade auf das Bcstcucrungsrccht an. Die Gründe die dagegen sprechen — Unvereinbarkeit mit den eng-!ischen administrativen Grundsätzen, Gegenansprüche des agudistischcn ״Waad aschkcnasi“ — sind bekannt. Der Waad Lcumi wird, falls die J. C. Bl■-Meldung in dieser Form zutrifft, sich wahrscheinlich nicht befriedigt erklären.) Rundschau Rückkehr der arabischen DelcgaUon^nach Palästina Jerusalem. (J. C. B.) Die palästincnsisch-arabisdvc׳ •Delegation, die sich unter der Führung von Mi! 3a Kaziin' Pascha, in London auf geh alten hat, wird a!n 26. September nach Palästina zu rück kehr e n. Die Delegation wird eine Darstellung der Lage ver« öffentlichen, die die Form! einer Proklamation an die arabische Bevölkerung tragen wird. Wir hoffen, daß die Araber sich durch die Erfolglosigkeit dieses neuerlichen Aufenthaltes in London nicht dazu hinreißen lassen, ihrer Mißstimmung durch Auf• reiziiug zu Gewalttaten zu genügen. Vielmehr sollten sic daraus die Lehre ziehen, daß cs fruchtbarer und nütz• Sicher, auch für ila Volk wäre, durch Aussprache von Volk zu Volk einen Ausgleich1 in den jüdisch-arabischen Beziehungen anzustreben. Der Rumpf* Advlsory Council Wie ״Felestin“ berichtet, ist der Bürgermeister von Jerusalem, Ragheb Bey Nashashibi aus dem Advisory Council ausgetreten. Es sind somit nur noch drei arabisch«!Mitglieder im Council. In der ersten Scptewbcrhälftc Kcf tn Half» «in SChift mit 307 Einwanderern ein. Eine so große Anzahl von Ein• Wanderern an einem Tag »nd seit langer Zeit nicht in Palästina eingttroffea. Arbeiter und Mlsractal — Die Kämpfe In Tran«- Jordanien — Der Arbeiterring für Palästina — Wahlen In der Tschechoslowakei und Oesterreich — ,Da# Alljudentum marschiert‘״ R. W., Berlin, 24. September. Der Arbeiterzusammenstoß in Tel-Awiw Ende Juli, der das blutige Einschreiten der englisch-arabischen Polizei zur Folge gehabt hat, hätte wahrscheinlich viel mehr Au (merksamkeit in der jüdischen Welt hervorgerufen, wenn nicht das öffentliche Interesse inzwischen durch den Zionistenkongreß absorbiert worden wäre. Auch auf dem Kongreß selbst hat man wider Erwarten beinahe gar nicht von diesen Vorfällen gesprochen, nur während der Rede des Rabbi Berlin, der auf diese Ercignisse anspicltc, — unglücklicherweise fühlte gerade damals Bcn-Zwi den Vorsitz des Kongresses — kam c3 zu einem kleinen Tumult, Die Versicherung des Vorsitzenden, daß die zugrunde liegenden Tatsachen später sachlich aufgeklärt werden sollen, ging im Strudel der weiteren Koiigreßbegebcnhcitcn unter, in Palästina selbst hat jcdocli der Zwischenfall, über den wir seinerzeit berichtet haben, zu bedauerlicher Verschärfung des Gegensatzes zwischen den ,nisrachistisdien und den allgemeinen Arbeitern beigetragen. Wie erinnerlich, kam es in Tel- Awiw damals zu einem Handgemenge zwischen den lür die nächste zu vergebende Arbeit vorgemerkten Arbeitslosen und den misrachistisehen Arbeitern, die einen Bau übernommen hatten, wobei ihnen — wir wissen nicht ob mit Recht — vorgeworfen wurde, daß sie diese Arbeit durch Unterbietung an sich gezogen haben. Die Stadt- Verwaltung von Tel-Awiw hat damals den Subgouverneur von Jaffa um polizeiliche Hilfe ersucht und die arabische und irische Polizei benutzten die Gelegenheit, um mit aller Schärfe gegen die Juden vorzugehen, wobei nicht nur mehrere Jüdische Arbeiter verhaftet wurden, sondern auch mehrere Passanten von der Polizei geschlagen und verletzt worden sein sollen. Das von der zionistischen Exekutive eingesetzte Schiedsgericht bestimmte damals, daß künftighin die Arbeitslosen in dem Büro der allgemeinen Ar•* beiierorganisation und in! Büro des ,,Hajwel Hamisrachi“ registriert werden sollen und daß bei künftiger Arbeits-' Vergebung die Arbeitslosen der beiden Gruppen proportioncll herangezogen werden sollen. Auf Grund dieser Vereinbarung haben sich, wie die Zeitungen melden, in Tcl-Awiw bei der allgemeinen Arbeiterorganisation 742 Mann (davon 162 Familienväter, 580 Ledige) und nachfraglich noch 90 Mann registrieren lassen, beim Hapoel Hamisrachi wurden 140 Arbeitslose eingetragen. Der Hapoel Hamisrachi hat den Anlaß benützt, um in einem Manifest an ״den Misrachi und das orthodoxe Judentum der ganzen Welt“ über das Unrecht zu klagen, das ihnen von den gottlosen Arbeitern angetan wird. In diesem Aufruf, der allerdings ein etwas seltsames und in der Geschichte des Zionismus wohl kaum eine Analogie findendes Dokument ist, wird in den grellsten Farben geschildert, wie die jüdischen Arbeiter ihr Oe-; waltregimcnt der Gottlosigkeit über die religiösen Arbeiter aufrichten wollen und sie mit blutiger Gewalttätigkeit bedrohen. Der Misrachi wird aufgefordert, überall öffentliche Versammlungen zu veranstalten, die Presse zu mobilisieren und ״von einem Ende der Welt bis zum anderen“ die Stimme des schärfsten Protestes ertönen zu lassen. Mehrere Zeitungen des Misrachi haben diesen Aufruf veröffentlicht, und einzelne misrachistisclic Landesverbände, z. B. der niederländische, haben bereits die vorgeschricbenc Resolution gefaßt. Wir glauben ganz objektiv zu sein, wenn wir die Hoffnung aussprechen, daß die Gesamtheit des Misrachi sich) nicht wird von dem aufreizenden Ton des Manifestes hin* reißen lassen, und nicht auf die Idee verfallen wird, gerade »11 diesem Zeitpunkt mit einen Krc!zzug gegendie jüdische Arbeiterschaft Palästinas zu beginnen. Viel• mehr wäre es als Zeichen zionistischen und jüdischen Verantwortungsgefühles sehr zu wünschen, daß der Mis• rachi seinen palästinensischen Arbeitsgruppen zu verstc• her! gibt, daß auf solche Weise der Kampf nicht geführt werden kann. In der jüdischen Arbeiterschaft hat natür• lieh die Veröffentlichung des misrachistisehen Aufrufes einen Sturm der Entrüstung hervorgerufen. ״Hapoel-. Hazair“ nennt dieses Dokument eine ״Biutbeschuldi• gung“, die an die Tage von Pfefferkorn und Tisza Eszlar erinnert, und fordert, daß die Vcrbreilcr der BCschuldi• gungen vor ein Gericht gestellt werden. Soweit man aus den Berichten erkennen kann, schein! tatsächlich die Schuld an den Vorfällen auf beide Par• teien verteilt zu sein, Die HistaJruth hätte den Streit• fall wahrscheinlich in einer würdigeren Form au3t׳agen können, aber es darf niemanden wurdern, wenn in be• 1