Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXVIII (1923)
- Issue
- Heft 81-82 (21.9.1923)
- Date
- 1923-09-21
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Für Tschechoslowakei: Postsparkassenamt Prof{, Konto Nr.59410, « - RcdaktionsschluQ Sonntag und Mittwoch nachmittag ' י״א תשרי* תרס״ד XXVI1L Jahrg. "נ;• Zionismus erstrebt für da» JUdlicfta Volk die lehaffung einet? tiftanMIch - rechtlich ßoilcherlen Heimstatt« In Palüallna. ״Baselar Programm.'*' [ln der Schwelle des Arbeitsjahres |)ic gespenstische Hast des XIII. Kongresses! ist!ruber, die Wogen glatten sich, der Herbst ist ge- ■inmcn, die Tage der religiösen Einkehr sind da, das ,;i!c Arbeitsjahr beginnt. Wir gehen mit schwerem ׳.;׳rzeii dem neuen Jahr entgegen. Wir wissen nicht, ,;ses bringen wird, aber wir haben kein gutes Gefühl.;;Welt ist roll der Wirrnis der dunkeln Gewalten; 11r glauben, daO unterirdisch die großen Mächte um e Lutscheidung ringen, aber wir sehen noch nichts ,״n S’iui und Richtung dieser Neugestaltung, wir sehen :1r du• krankhaften Zuckungen, das chaotische Durch- ,-ander der haltlosen, losgebundenen Leidenschaften ״r Menschen und Völker. Sind wir selbst Subjekt oder 1,׳r Objekt und Spielball dieser Entladung? Was wird ש; uns, mit unseren! Volke, mit unserer Idee? Wenn v,ir in diesen Tagen der Sammlung versuchen, uns die trage vcrzulegcn, welches der tiefste Grund der :;cleficn Depression ist, die heute im Zionismus um greift, so werden wir vielleicht die Antwort finden: זיו unpfiuden mit der ganzen Wucht das Paradoxale!:;:rer Situation, da wir in einer Welt der geistigen L־>eTung ein Werk der geistigen Erneuerung schaffen ז :Tn. E. 1,15 »©* ist der messianische Zug der zionistischen Be•!gm״, d1)1:1׳ die Verwirklichung der zionistischen iJce mir Hand in Hand mit einer Besserung der Welt Mlianpt vorgcstcllt werden kann. Darum hat das jü- :!die Volk die Ereignisse des Jahres 1918, die Botschaft ,011 dein Aufbau einer neuen Weltordnung, freudiger nd enthusiastischer begrüßt als irgend ein anderes Volk. Uralte jüdische Verheißungen schienen hier wenigstens in relative;׳, irdischer Form Gedanke geworden zu sein. I!1 einer solchen Welt!nullte auch Israel seinen Platz in Zion wieder eiunehmen. Es ist vielleicht zu ober-?idilich gesehen, wenn wir den großen Erfolg des Liiiifiuus i 111 Judentum seit 1918 lediglich auf die CUndimg des Volkes durch.die Balotur-Deklaration nriickfuhm»; nicht nur weil sie auf Englands Hilfe!erbauten, sondern weil sie glaubten, daii eine neue icltordnung im Entstehen begriffen ist, und weil sieh 1U Botschaft von der bevorstehenden Verwirklichung des Zionismus harmonisch cinfiigte in die Stimmen, die J1S neue Morgenrot verkündeten, schlossen siel! die ulischen Massen der Bewegung an. Der große Auf* Hiwung des Zionismus stand im Zusammenhang mit dem Glauben und den Hoffnungen auf den Preis, der sieh der Menschheit für die beispiellosen Leiden von vier langen Jahren darbietcu sollte. Heute sind diese Hoffnungen zerbrochen. Wir waren Zeugen des schmerzlichen Prozesses, wie immer vlrker Eigennutz und Mißtrauen statt Brüderlichkeit und Hfrkliiigkdt über die Gemüter Macht gewonnen haben. I r im Jahre 1918 schier unmögliche Gedanke eines neuen Krieges ist heute eine Selbstverständlichkeit. Wir sehen schon bei kleinen Anlässen, daß selbst die schwachen Reste, die von den Plänen eines Völker׳ to-ules geblieben sind, ins Wanken geraten, und wenige!'■״dein beute, daß im wirklichen Ernstfall der Starke niemals den Grundsatz anerkennen wird, daß die Rechte «s Schwachen ebenso heilig sind wie seine eigenen. Der Zionismus aber beruht auf dem Glauben an die Gerechtigkeit, er kann nur im Zeichen der Idee siegen. Darum glaubten wir, als Ideen zu gelten schienen, an die allgemeine Förderung der Verwirklichung unserer 1he, darum haben wir heute, wo Geschütze und Dolche ^scheiden, wo man mit skeptischem Mitleid auf Ideen ׳vrabsiclit, ein schweres Gefühl. Wir sind durch die Ereignisse der letzten Jahre 11׳eh verdorben worden, Wir haben uns so sehr an den politischen Erfolg gewohnt, daß wir den Blick für das Ganze verloren haben, daß wir vergessen, zu messen Msl zu werten, welchen positiven Gehalt die politische (f,1!!!u!1kt11r für uns enthält; daß wir beinahe die seelische ^!״iiiing eingebüßt haben, die unsere eigene Vcrpflich- *1זוזי! gegenüber der Idee unabhängig von allen äußeren Pakioreit fühlen macht. Wir haben mit Recht das Dewulilscin, daß wir einen Anspruch darauf haben, Tliui't zu werden. Aber die Welt ist heute müde, von Teil! u,;ן) von Ideen zu hören. Unser Anspruch ist h-fercr ״״d ewigerer Art als der. Wille der Hörenden. ׳״r sind verloren, wenn wir nicht den ewigen Sinn Jn1v׳rrs Strebrms feslhalfen. E . wurde — zun! erstenmal von Martin Buber — "זג•"!•' biiigcwiescn, daß der moderne jüdische Natio- ',׳,G'-imi׳. ,;us zwei geisicsgcscliichiliclien Quellen gespeist ';'fd: Die eine ist der Strom der Haskatah, die das Voik aus der Erstarrung befreien wollte durch die Ein-!jlr!״1״R der Ideen Europas, durch Befreiung und , *1*igunjr' des menschlichen Bewußtseins; die andere 151 der Strom des Chassidismus, der das Volk aus der 5״tarruug lösen wollte durch Erweckung des Herzens, Die Preisbewegung auf den* Druck- und Papiermarkt Ist besonder» stark und liegt zum Teil schon weit über Goldbasis. Das trifft auch die ״Jüdische Rundschau“ hart, deren Einnahmen an Abonnementsgebühren besonders infolge der saumseligen Zahlungen, in keinem •Verhältnis eu.den täglich riesenhaft wachsenden Ausgaben stqhen. ... Die Hcrstellungt- und Versandkosten dieser Nummer betragen über 400 Goldmark oder mehr als 12 KZlUlardea Pepiermark gegenüber Gesamteinnahmen im September von noch nicht 4 Milliarden Mark an Abonnementsgebühren. Die Höhe der ZuschlSge für September und Oktober kann erst Ende des Monats festgesetzt werden. Der Betrag wird dann mit den Novembergebühren zifjamraen Anfang Oktober durch Nachnahme erhoben werden. Wer die am Anfang des Monats geforderte Vorschuß- Zahlung von 2 Millionen für September und Oktober noch nicht entrichtet hat, zahle sofort 12 Millionen auf das Postscheckkonto Berlin 17 392. Es gilt die Erkaltung der ״J&dischen Rundschau“! Verlag der ״Jüdischen Rundschau“ Berlin W 15, Sächsische Straße 8. BK durcii die Hingabe an Gottes lebendige Welt, ln der äußeren Entwicklung des Zionismus hat das maskilische Element die Oberhand gewonnen. Unsere Kongresse sind beherrscht vom mechanischen Auf und Nieder, vom Rationalismus parlamcntns'־,chen Getriebes. Aber im innersten Kern des Zionismus ruht das Irrationale, der Ausläufer der chassidischcn Komponente, und speist die Bewegung mit der unentbehrlichen Triebkraft des Glaubens. Die schweren Aufgaben, die die zionistische Bewegung erwarten, in Palästina, in der Auseinandersetzung mit andern Völkern, in den! Kampf um die Seele des jüdischen Volkes, alle diese Aufgabe« sind zu lösen nicht in einer günstigen und friedlichen Wcltkonstcllation, sondern in einer feindlichen Welt, Dies ist die Erkenntnis dieser Stunde. Es ist in der letzten Zeit bei uns viel über die Zersetzung der Organisation geklagt worden und der Wiederaufbau einer straffen und schlagkräftigen Organisation gefordert worden. Aber ein solcher Wiederaufbau kann nicht durch mechanische Mittel erreicht werden. Er kann nur erfolgen durch eine Beschwörung des Geistes. Wir inüsscn wieder zu den Tiefen herab• steigen, Vordringen zu dem Verlieft, wo das Irrationale wohnt, ans dem die Macht des Glaubens strömt. Der zionistische Glaube darf sich nicht gründen auf diese oder jene äußere Konstellation, sondern nur auf die Wahrheit der eigenen Sache. Wir müssen auch in einer Welt des Niedergangs alles daran setzen, die Kraft un• scrcr Idee zu bewahren, wir müssen unsere inneren Kräfte sammeln. Nach dem XIII. Kongreß stellt als unsere funda■ mentale Aufgabe vor uns der geistige Wiederaufbau unserer Bewegung. Wer Zionist ist, ist cs geworden aus der Erkenntnis, daß cs keine andere Möglichkeit gibt, als Jude zu leben. Diese Erkenntnis wieder lebendig zu machen, die Brücke zu schlagen zu den schöpferischen Mächten unserer Vergangenheit und zu den Ideen unscrcr Zukunft, die Kontinuität stark zu erleben, in der wir ein Glied in einer besonders entscheidenden Stunde Schöpferische Kritik Diese Ucbc rech ritt bedeutet nicht, daß in den folgender» Zeilen ״schöpferische Kritik“ geübt, noch auch, daß eine Definition des Begriffes, der vielfach zum Schlagwort herabgesunken ist, gegeben werden soll. Dieses nicht, weil et wohl kaum einen Zionisten gibt, der nicht, bewußt oder unbewußt, die Notwendigkeit solcher Kritik einsdien, den Begriff also einigermaßen klar erfaßt haben würde; jene* nicht, weil das zu behandelnde Gebiet viel zu groll, in seiner Dynamik zu vielfältig ist, als daß es in einem Aufsatz erschöpft werden könnte. Beates nicht, weil die Zeit zu kostbar ist, als daß man sie an geistrcichclndc llnterhaltiaig ver- Schwenden dürfte. Noch niemals lut die Situation innerhalb einer Gemein- Schaft — wie die Organisation sie implicite darstcllt — in vielen Hinsichten so sehr nach Reformen verlangt, wie die heutige Situation im Zionismus. Wir stehen, mit der größten Verantwortung beladen, vor einem fast völligem Zusammenbmch der Ideologie. Dieses und nichts anderes ist die Ursache aller unserer — verdienten oder unverdienten — Mißerfolge. Wir können oft beobachten, wie Ursache und Wirkung verwechselt, identifiziert werden. Wir kämpfen, in unseren eigenen Reihen, gegen einen zersetzenden Skeptizismus, der nichts, aber durchaus nichts mehr zu tun hat mit realistischer, oder, um dieses seit einiger Zeit auf gekommene Wort zu brauchen, das hoffentlich nicht wie viele andere zum Schlagwort werden wird, — mit realpolitischer Betrachtung der Dinge. Wir taumeln — gerade herausgesagt, es ist übrigens nichts neues — von einer Hoffnung zur anderen, und damit von einer Enttäuschung zur anderen. Wir haben noch immer nicht gelernt —: zu rechnen.- Unsere jüngste Hoffnung war der Kongreß. Wir ־- oder doch viele von uns — haben von diesem Kongreß ein befreiendes, vielleicht auch ein neu begeisterndes Wort erwartet. Es ist unsagbar schwer, in ständiger, nie erschlaffender Spannung m leben. Es bedeutet cm ständiges Sichstcigcni; in wie vielen Fällen wohl ein Sichübcrsteigem? Und gerade darum haben weite Kreise — und nicht eben die schlcch- testen — von dem XIII. Kongreß irgendein Wort erhofft. Wer «anders sollte e~ gehet! können, als diese Körperschaft, die doch die intensivste Zusammenballung zionistischer Kräfte darstcllt - oder doch d,1!stellen sollte? Wer anders :113 der Kongreß, der — cs gibt kein ihm gleichartiges Forum — restlos erfüllt ist — oder doch erfüllt sein sollte — von höchster Verantwortung für das Ganze? Was aber müssen wir feststctlcn? Eine allgemeine Enttäusciiung. Wir hören cs, wir lesen es fast täglich, affen, oder zwischen den Zeilen: der Kongreß hat csittäuscht. Er ist nicht gewesen, was er hätte sein könne« — müssen. Er ist schuldig geblieben, was van ihm erwartet wurde. Er hat, mit andere» Kongressen verglichen, nicht jene Resonanz gefunden, also: nicht jene iiuierc Kraft besessen, die jene anderen Kongresse zu Höhepunkten *m zionistischen Leben machte. Es genügt aber nicht, diese Tatsache resigniert fest?!!- stellen, wie etwa ein Delegierter cs tat, der seine Eindrücke in die knappen, allerdings vielsagenden Worte faßte: Es war «bei! ein dreizehnter Kongreß.“ Resignation ist nicht nur der letzte, sie ist der schlechteste Ausweg; sie ist — in unserem Falle —: die Negation, zum Prinzip erhoben. Sic führt, wenn schon nicht zur Auflösung, so doch zmn Stillstand. ,Wir dürfen nicht ergeben die Hände falten, und fatalistisch unserem Schicksal entgegen sehen. Wir müssen, im Gegenteil, aktiv sein, und positiv. Das aber setzt voraus, daß wir den Gründen unserer Enttäuschung nachgehen, daß wir den Mut haben, nicht nur sie zu erkennen, sondern si.» auch zu nennen, und daß wir die Kraft aufbringen, sie aus der Welt zu schaffen, wenigstens aber: sie auf das ah• sotut notwendige Mindestmaß cinzuschränken. Zwei Gründe sind, .רג^זצגנד Erachtens, an dem Versagen des Kongresses schuld: Der eine ist, «laß der Kongreß in seiner heutigen Form der Aufgabe, die er zu lösen hat, nicht gewachsen ist; der andere, daß in weiten Kreisen der Organisation eine heillose Verwirrung in der Auffassung über Art, Umfang und Wichtigkeit dieser Aufgaben besteht. Die der Wcltcirtwicklung sind, dies ivt heute für uns not ״ < ״_״ _,^VI ..1w wendiger als jemals. Wir brauchen heute doppelte sitt- I Melden Orunde bedingen einander. Der zweite ist die Ursache liehe Kraft, weil wir einer widrigen Welt stnndzulialtcn des ersten. haben. Denn nicht der andern Schwäche, nur unsere eigene Schwäche ist es, die uns verhängnisvoll werden könnte. Mit diesem Bewußtsein gehen wir ln das nette Arbcitsjalir. Wir wissen, daß cs ein schweres Jahr sein wird, wahrscheinlich für den Zionismus in Deutschland besonders schwer. Aber wir fühlen, daß unsere Idee lebt; wir gehen unbeirrt unsern Weg, denn er ist der einrige Weg, den wir gehen können. Eine Industrie * Ausstellung In Tel Awiw Jerusalem. (J. C. B.) Zur Hebung des Warenabsatzes wurde in Tel-Awiw eine Ausstellung von palästinensischen Industriccrzcugnisscn veranstaltet. Es wurde־ ausgestellt :Möbel, Farben, Uhren, Stickereien, Schokoladen mul Zuckerwerk, Kartonschacfvteln, Seite, Schirme, gestrickte Woll- und Seidenkleitler, Schuliwaren, Zcmcntziegcl, Maschinen, Eis, Wein, Leder. Teppiche, Keramik, elektrische Bedarfsartikel, Eisenwaren, 1״. :,.enkörbe, polierte Marmorsteinc u, v. a. Es wurden auch Produkte der landwirtschaftlichen Schule in Mickweh Israel, wie Tabak, Geflügel, Früchte ausgestellt. De jüdischcn Kolonien beteiligten sich an der Ausstellung mit Molkereiprodfiktcn, Die Aufgaben, die die Zionistische Organisation zu lösen hat, sind vorwiegend praktischer Art, Und nun stehen wir vor der Tatsache, daß nicht nur — trotz intensivster Keren Hajessod-Propagnnda — hi weiten Kreisen die politische, ja sogar and! die ideologische Wichtigkeit dieser praktischen Aufgaben nicht erkannt ist, sondern daß auch eh! gewisser, unausgesprochener, aber sehr deutlich fühlbarer Widerstand gegen die — um dieses Wort zu brauchen — zionistische Praxis besteht. Es ist nicht nur so, als ob Batfour-Deklaratiou und Mandat zu früh errangen worden wären, es scheint auch, als hätte der größte Teil der Organisation gern noch viel länger in idealer Schwärmerei verharrt, als hätte die politisch günstige Wendung dieser Schwärmerei ihr Wesentifchstes entzogen. Diese Erscheinung könnte .grotesk genannt werden, wenn sic nicht traurig wäre. Denn man sollte meinen, daß die Möglichkeit der Realisierung eines Ideals die letzten, die verborgensten Kräfte hervorholt. Wir aber begegnen in der Praxis nicht nur Lethargie, sondern auch einem — bestenfalls unbewußten — passiven Widerstand. Warum das? Weil die meisten Menschen in der Orgaiusaiir>;1 für die Praxis nicht erzogen sind, weil die Politik — oder was sie unter Politik verstehen — Ihnen mehr Reiz blctd, well theoretische« Geplänkel ihre Interessen in höherem Maße bindet, als jene Praxis, die von den unmittelbaren Lebensnotwendigkeiten au•־ geht, die voraimetzt, daß — um ein altes Wort m variieren -י