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Jüdische Rundschau · 1923-09-07 · Heft 77-78 (7.9.1923) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXVIII (1923)
Issue
Heft 77-78 (7.9.1923)
Date
1923-09-07
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Vielleicht ist cs auch für uns notwendig, einmal slill za stehen und zurückzuschcn darauf, was im vor* gangtnen Jahr geschehen ist und zu prüfen, was und winiel davon Bestand hat und Bestand verdient und sidi zu entscheiden über den Weg des nächsten Jahres. Das vergangene Jahr war ein schweres und vielleicht auch in mancher Hinsicht ein Jahr voll Enttäuschung. Das jüdische Volk hat wenig getan für sich selbst; aber es wäre ungerecht, ihm allein die Schuld daran zu geben. Auch die Juden sind in das fürchterliche CI130S, das Europa heute darstellt, naturgemäß mit hincingczerrt worden und sie brauchen fast alle ihre Kräfte, um in diesem Chaos sich selbst zu behaupten. Vielleicht ist der Kampf, den sie zu führen haben, ein noch schwererer als der, den die andern europäischen Völker zu führen haben; denn mit manischem Hasse stellen große Teile der europäischen Wirtsvölker ihnen gegenüber, und in vielen Ländern haben die Juden einen bitteren Kampf um die Erhaltung ihrer baren Existenz zu führen. Es ist ungeheuer schwer, unter solchen Umständen eine nationale Willenskonzentration, wie gerade unsere Tage sie verlangt zu erreichen, und es ist die Tragik unserer Bewegung, daß die Möglichkeit der Erfüllung der Idee in einem Zeitpunkte gegeben wurde, in welchem diese Willenskonzentration erst in ihren Anfängen stak, und sich gleichzeitig die Front des jüdischen Daseinskampfes ins Ungeheure ver* größert hat Es ist sehr schwer, unter solchen Umständen jene Aktivität zu erlangen, die der historische Augenblick verlangt. Das ganze Volk ist der jahrtausendelangen Defensive müde und niemand mehr als wir sollten verstehen, wie schwer es einem Volke, in dem das Gefühl absoluter Verlassenheit in solchem Maße vorwaltet; wie heute in den weitesten jüdischen Kreisen, wird, an die unmittelbare Verwirklichung einer Aufgabe heranzutreten, die intensivste Kräfteanspannung, restlose Hingabe, unbedingten Glauben verlangt. Es ist in den vergangenen Jahren so unendlich viel zusammen• gebrochen, wir sind um so viel Illusionen, ja um so viel Ideale ärmer geworden, daß man verstehen sollte, daß das jüdische Volk nur zögernd an die Lösung einer Aufgabe herantritt, die ihm die Geschichte mit unerwarteter Plötzlichkeit gestellt hat. Das Wort ״Jüdisches Volk, was hast Du getan“, sollte nicht zu einem Werturteil werden. Die jüdische Ungeduld neigt allzu leicht dazu, Werturteile zu fällen. Aber in solchen Tagen, wie wir sie durchleben, in denen Werte in sidi zusammengebrochen sind, die und an die man felsenfest glaubte, in denen ein beinahe hektisches Mißtrauen Völker und Menschen voneinander scheidet, in solcher Zeit sollte man in der Fällung von Werturteilen vorsichtiger sein als je. Wir wissen nicht, welche ־heuen Werte entstehen. Aber eines wissen wir, öler besser gesagt, an eines glauben wir: daß in Palästina etwas Neues im Werden ist, etwas Unerhörtes, etwas, das eine Erfüllung werden kann, das Vielen, •ehr Vielen schon eine Erfüllung ist. Das sagen nicht allein wir, das sagen Menschen, welche so weit als nur denkbar von uns stehen, Menschen, welche bis in die Fingerspitzen erfüllt sind von europäischer Kultur und ",eiche doch die innere Hohlheit und Kraftlosigkeit einet l»liti־ch verseuchten und darum zur Schaffung neuer Verte untauglichen Zivilisation erkannt haben. Etwas Teiles wird in Palästina und dieses Neue ist das stärkste Aktivum, das wir aufzuweisen haben, ist ein Aktivum, das wir allen andern Völkern voraus haben, jd ein Aktivum׳, dessen Grundlage nichts ist als die Mce, von der Tausende und Tausende besessen sind, » daß sie alles hingeben, was sie besitzen und besitzen können, vor allem aber sich selbst, ganz und gar, um dieses Neue zu schaffen, von dem sie nicht wissen, dem niemand weiß, wie es werden wird, von dem *'r nur wissen, daß es ist. Das jüdische Volk hat es zugelassen int ver- 8?hgenen Jahre, daß dieses Neue in eine Krise gerät, ,'e es im tiefsten erschüttert hat. Aber es hat den Anschein, daß das Volk audi erkannt hat, oder daß ** doch zu erkennen beginnt, daß eine solche Situation, *ץ in ihren Konsequenzen weit mehr bedeuten würde, ,‘*daß in einer Reihe von Menschen das Ideal, ge- *׳"1״ächt wind, nicht wiederkehren darf. lundschau“ I Die Fraktionen and die Zukunft des wenn unsere Abonnenten nicht die Nachnahme einlösan, durch die wir die Abonnent onts-G«• führen einziehen• — Denn die Kosten jeder einzelnen Nummer sind ebenso gestiegen wie >ei jeder anderen Zeitung, bei der man be« denhenlos den neuen Preis zahltt ln weiten Kreisen auch außerhalb unserer Bewegung 5esteht das Bewußtsein, daß in Palästina über das Schicksal des Volkes entschieden wird, daß dort das Urteil gesprochen werden wird über Wert oder Unwert des ganzen Volkes, und das Volk ist entschlossen, dieses Werk zu fördern, seine Entwicklung, zu gewährleisten. Und darum heißt die Frage jetzt nicht mehr ״Jüdisches Volk was hast Du getan?“, sondern ״Jüdisches Volk was willst Du tun?“. Der Kampf, den wir zu führen haben gegen einen Haß, der keine Grenzen kennt, ist noch lange nicht zu Ende, im Gegenteil, die Kampffront wird immer größer und das verleitet leicht dazu, sic!! wieder auf einen rein negativen, auf einen rein defensiven Standpunkt zu stellen. Aber die Ueberzeugung ergreift immer weitere Kreise, daß eine solche reine Negation der Negation letzten Endes ungenügend und wertlos ist und bleibt, daß es hingegen notwendig ist, Positives zu schaffen, und daß es nur eine umfassende Möglichkeit dazu gibt, das ist die Teilnahme an dem Werke, welches die Geschichte unserer Generation aufgetragen hat. Vielleicht, ja gewiß gehört der größte Teil unserer Generation zu jenen, die ״am Wege sterben“ müssen. Mit diesem Bewußtsein müssen wir uns ab finden, müssen alle jene «ich abfinden, in deren Leben das nationale Moment das Ausschlaggebende ist. Aber das Bewußtsein der Notwendigkeit in jedem Sinne wird immer intensiver und dieses Bewußtsein ist das zweite Aktivum, das wir aufzuweisen haben.' Es gilt, dieses Bewußtsein von allen Hemmungen zu befreien, die ihm noch entgegenstehen, es ständig wach und wirkend zu erholten und das ist wie bisher auch im kommenden Jahre unsere vornehmste Aufgabe. Sehen wir zurück darauf, was wir getan haben, sehen wir zurück darauf, was geschehen ist, so können wir, so wenig cs auch war, sagen: es war nicht schlecht. Aber von dem: Es war nicht schlecht, bis zu dem: Es ist gut, ist ein weiter und schwerer Weg. Wir haben im neuen Jahre diesen Weg zu beschrciten. Dr. I. Schmerz. Präsident Coalldgc nnd der Zionismus Das Exekutivkomitee der Zionistischen Organisation in Ame:ika hat beschlossen, den Namen des verstorbenen Präsi denten Harding in das Goldene Buch des Jüdischen National fonds einzutragen. An die Witwe des Präsidenten wurde das folgende Beileidstelegramm abgesandt: ״Die Zionistische Or• ganisation in Amerika betrauert den schmerzlichen Verlust, den Sie und das amerikanische Volk durch den Tod Ihres edlen Gatten, unseres großen Präsidenten, erlitten haben. Seien Sic versichert, daß unser Kummer in diesem Augenblick zu groß ist, tim jetzt unseren Gefühlen entsprechend Aus׳ druck zu geben. Das jüdische Volk wird zu allen Zelten mit Dankbarkeit der großen Sympathie und des tiefen Ver• stäudnisjes gedenken, die Mr. Harding unseren Idealen entgegenbrachte und denen er stet* seine Hilfe und seine Mit Wirkung zu leihen bereit war. Gezeichnet: Louis Robinson, geschäftsführender Präsident ,der Zionistischen Organisation in Amerika.“ An den neuen Präsidenten Coolidge wurde ein Be grüßimgstelcgramm gesendet. Coolidge hat bei seinem Amts antritt erklärt, daß er entschlossen sei, auf der ganzen Linie die Politik seines verstorbenen Vorgängers fortzusetzen. Dies bezieht sich offenbar auch auf die zionistenfreund liehe Politik Hardings. Coolidge hat wiederholt gründliehe Kenntnis der jüdischnationalen Probleme und Sympathien für dieselben bekundet. In einem Schreiben, welches der jetzige Präsident vor etwa einem Jahre an den Leiter der Keren Hajcssod-Aktion in Amerika gerichtet hat, sagte er unter anderem: ״Das jüdische Volk hat im Verlaufe von Jahrtausenden ein tief wurzelnde* starkes Oefühl seiner Nationalität und einen herrlichen eigenen Geist sich bewahrt, ohne Rücksicht auf die zahlreichen störenden Einflüsse rings umher. In allen Ländern, in denen sic *Ich nicderlicßcn, haben die Juden mitgcarbcltet an den wirtschaftlichen Erfolgen des Landes und waren stets wahre Stützen der Sache der Freiheit. Der vorgeschiagcnc Weg des Keren H ajessod gibt dem jüdischen Volk die beste Gelegenheit, diese seine großen Eigenschaften und Vorzüge dem Aufbau und der Erhaltung seines eigenen Heimatlandes zu widmen und ich bin sicher, daß die jüdische ' Bevölkerung dieser dankenswerten Arbeit . die erforderliche Mithilfe angedeihen lassen wird, damit der wünschenswerte Erfolg nicht *usbkibe.“ ״allgemeinen“ Zionismus Von Felix Rosenblüth.; Die Verhandlungen des 13. Kongresses Stander!) vom ersten bis zum letzten Augenblick unter dem lasten■*} den Druck einer, von den Fraktionen verursachten, per•; manenten Leitungskrisc. Die Führerschaft Dr. Wc zmannsj war durch drJ Momente gefährdet: Erstens durch die politische Gegnerschaft des Misrachi und der von Usrtschkitt unterstützten neuen demokratischen Frakt'orf unter Führung Grünbaums, zweitens durch ilid Kritik der lüiken Gruppen und abgcsplitterter Teile der Landsmannschaften, die nur teilweise: gegen Wcizmanns Politik, im wesentlichen . abeil gegen seine eigenwillige Persönlichkeit gerichtet war) drittens durch Dr. Weizmann selbst, der Gegnerschaft und Kritik in gleicher Weise ablchnte, dabei aber die Frak• tionen über Gebühr beriicksicht'gte und in seiner zweiten Programmrede gegen Schluß des Kongresses noch einmal ausdrück'iclt die Gefolgschaft einer ״überwiegenden Mehrheit des Kongresses“ forderte. Die Gegner wollten den Präsidenten stürzen und gaben resigniert das Spiel erst auf, ais ihr unfreiwilliger Gegenkandidat Sakolow. sich wiederholt mit Dr. Weizmann solidarisch erklärt hatte. Die Kritiker wollten keinen Leitungswechsel, abet sie wollten durch demokratischen Trotz den ״autokratisehen“ Eigenwillen ־— sozusagen erzieherisch — bccin• flus.cn und zügeln. Dr. Weizmann selbst wollte, je nach* dem er in wechselnden Stimmungen mehr seinen ab• lehnenden Empfindungen gegenüber der Fronde nach• gab oder mehr dem Verantwortungsgefühl gegenüber der Bewegung und der Liebe zu seinem Werke folgte} bald demissionieren, bald die Last und die Würde seines Amtes weitertragen. Es ist vor allem der Hai• tun״ der ״Vereinigten Landsmannschaften“ zu ver• danken, daß das Schiff durch die Klippen und Windungen dieser vielfach verschlungenen Meinungen und Stimmun•- gen heil hindurchpesteuert wurde, und daß die Bewegung vor dein Rückfrilt Dr. Wcizmanns und damit vor verhängnisvollcn Erschütterungen bewahrt geblieben ist. Dieser zentrale Block stimmte in den wichtigsten programmatischen Fragen mit Dr. Weizmann überein. Gerade wegen der Geschlossenheit, mit der er gewisse Hauptforderungen Dr. Wcizmanns unterstützte, konnte der Block in anderen Fragen Kompromisse schließen, die Dr. Weizmann aus anderen Händen nicht angenommen hatte. Die Vereinigten Landsmann■ schäften verständigten sich mit den ״Oegnern“ in der Frage der Jewish Agency und mit den ״Kritikern" in der Frage des Absolutoriums. in beiden Fällen hat die Politik Dr. Wcizmanns keinen vollen Sieg davongetragen, aber die Entschließungen des Kongresses doch so stark beeinflußt, daß eine tragfähige Basis für ihre Fortführung geschaffen wurde. Dies um so mehr, als die Hauptforderung Dr. Wcizmanns nach Vereinheitlichung der Leitung durch Ausschaltung seines politischen Gegners Ussischkin von den anderen Gruppen unter deini Drucke Dr. Wcizmanns tuul der Vereinigten Landsmannschafien am Ende vorbehaltlos akzeptiert wurde. 'ן Die einzelnen Elemente, die dieses politische Ringen bestimmten, verdienen — wie es in einzelnen Artikeln det* ״Jüdischen Rundschau“ teilweise bereits geschehen ist — auf ihren sachlichen, ideellen und praktischen Wert und Gehalt genau untersucht zu werden. Das gilt sowohl von der zweifellos überragenden, eminent produktiven und doch in gewisser Hinsicht un• ausgeglichenen Führerpcrsönüchkeit Wcizmanns., wie etwa von den sachlichen Motiven der Gegner• Schaft Grünbaums und des Misrachi oder von den realen Untergründen der Ussischkin-Frage. Daß die Aus• einandersetzung über diese und andere Probleme auf dem Kongreß nicht oder nur sehr ungenügend erfolgte! daß in der atemraubenden Zeitnot der kurzfristigen Kon• grcßverhandlungcn alle sachlichen Konflikte bald nur noch in der Sphäre ihrer persönlichen Konsequenzen in Erscheinung traten — am1 störendsten wirkte dieser Uebclstand bei Behandlung der Ussischkin-Frage —, hat die Erkenntnis verdeckt, daß diesmal mehr über Prinzipien gestritten wurde als je. Es wäre sehr notwendig, hierüber nachträglich noch mehr Klarheit zu verbreiten. Aber der Zweck dieser Zellen ist ein anderer. Sie wollen ein organisalionspolitischcs Problem beleuchten, dessen dring• lieber Emst auf diesem Kongreß offenbar wurde. Die Politik der Gegnerschaft und Kritik wäre weniger bedenklich, bis zu einem■ gewissen Grade viel• leicht sogar fruchtbar gewesen, wenn sie ־־־ modifiziert durch ein ausgiebiges Maß an gerechter Anerkennung —י dem Kongreß in angemessenen Portionen und Pro* Portionen eingeflößt worden wäre;, Aber jene 160 Gegner und Kritiker, denen etwa 140 Mitglieder der Landsmann* schäften gegenüberstanden, repräsentierten weder di« ' וו 1, I

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