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Jüdische Rundschau · 1923-08-16 · Heft 70 (16.8.1923) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXVIII (1923)
Issue
Heft 70 (16.8.1923)
Date
1923-08-16
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Aozelgynprcl* für die 8־gespaltene Nonpareillcicilc 4000 M. i'ilr h«Hf.An;«l(»B 150% Autiehl■(. Hr Au»Uod1ln1«r*t«100%V»luU11nchn( Auzcigctmchlufl! Dienstag und Freitag nachmittag 4 Uhr. ».w -Xif41 "X ...1 . *ד- __ י Telephon: Pialrburg 6607 u.6608. Poitacheckkonto: Berlin Nr. 17392. Für Oesterreich! PoaUrmrkassenarnt Wien, Konto Nr. 156030. Für Tschechoslowakei: Postsparkasacnamt Prag, KontoNr.59410. — RedaktionsschluQ Sonntag und Mittwoch nachmittag. — ר׳ אלול׳ חרפ״ג XXVIII. Jahrg. g(r Zionismus •rströbt für das indisch« Volk die Schaffung einer öffentlich - rechtlich gesicherten Heimstätte In Palästina. ״Baseler Programm.« rf* ....... ."".............. ......"י -——... י ."■י יי■ י■" ■״׳—"יי— .- - י..י■ ווו■» (»II וווו ■■ווו i Die Beratungien des Kongresses.; Vierzehnte Sitzung. ' Dienstag den 14. August 192 3, abends. Vizepräsident M 01 z k i n eröffnet die Sitzung um halb 9 Uhr abends und erteilt das Wort dem Delegierten Rubascliow zu seinem Referat Uber die Cbaluzbeweguag. Salman Rubascliow (Poale Zion): ,, Unter allen Fragen, welche die Verwirklichung des Zionismus betreffen, ist keine derart vernachlässigt, wie die Frage der Mensche n, welche nach Palästina gehen sollen, das Land aufzubaucn. In dieser Frage besteht ein gewisser Fatalismus, ein instinktives Vertrauen darauf, dass sich junge Leute finden werden, die nach Palästina gehen, und dass cs eine Alijah geben wird. Niemals ist in der ganzen Ideologie des Zionismus und in der Tagesordnung der Kongresse das Problem erörtert worden, wie die ausselien sollen, die das Land aufbauen, was man tun müsse, damit die richtigen Menschen gehen, damit sic zur richtigen Zeit gehen, damit ihre Arbeit den grösstmögliclten Nutzen bringt und ihre Kräfte voll ausgenützt werden. Man vertraute darauf, dass ein ,Wunder geschehen und die Kräfte von selbst kommen werden, die man brauche. Das Vertrauen war gerechtfertigt, das Wunder ist geschehen. Ohne dass ein Plan, dass ein besonderes Ressort da war, sind, ohne dass man sie rief, sofort, als die Tore Palästinas sicli öffneten, Scharen von Chaluzim gekommen, die ohne Rücksicht auf alle Hindernisse und Schwierigkeilen bereit waren, nacli Palästina zu gehen. In diesem Punkte hat sich die zionistische Welt in den letzten drei Jahren nicht getäuscht. Vielleicht war es das einzige, worin sich die zionistische Bewegung der letzten drei Jahre nicht getäuscht hat Aber ist dieses Vertrauen auch fernerhin berechtigt? Kann der Glaube weiterbestehen, dass man nichts tun müsse, veil die Chaluzim auch olmedas stets von selber kommen werden? Wir teilen diese Zuversicht nicht und möchten diese unsere Unruhe dem Kongress und der gesamten Bewegung mitteilcn. Der Strom der Pionierwanderung kann fortdauem, muss es aber nicht. Mit den Cbaluzimkräften, die die Geschichte uns im Laufe der letzten drei Jahre zur Verfügung gestellt hat haben wir eine Raubwirtschaft getrieben. Wer hat dafür gesorgt, dass aus ihnen keine frühzeitigen Invaliden entstellen, dass ihre geistige Stärke nicht gelähmt wird und dass ihr Werk gedeihe? Dieser Glaube, dass der Strom der Chaluzim für alle Zeiten ein unaufhörlicher sein muss, ist leider nicht begründet Gibt es doch auch zeitweilige Erseiieinungen, die die Chaluzbcwcgung im Laufe der letzten Jahre gefördert haben und die sich nicht wiedcrholcn werden, ja, die sich nicht wiederholen sollen. Kaum eine andere Bewegung im Judentum stand so sehr unter dem Eindruck des furchtbaren Unheils, das in den letzten Jahren über das jüdische Volk hereingebrochen ist, wie die Hechaluzbewcgung. Diesen jungen Männern und Frauen tat sich der Abgrund des jüdischen Golus in einer solchen Tiefe auf, wie es selten je einer Generation beschicdcn war. Ein hebräischer Schriftsteller, Drujanow, hat jetzt ein Sainmelbuch der Dokumente und Aufzeichnungen der Zeugen der fürchterlichen Ereignisse in der UDaina herausgegeben und bezeichnend ist es, dass der grösste Teil dieser Aufzeichnungen im neuen PaH stina geschrieben ist. Die Brüder wurden in Preskurow und Smila dahingcschlachtet, der Geret- ,*etc entrann nach Palästina und baute in Charod Md Tel Josef. Erfüllt von dem Gefühle des Sclirck- 6״ns und von der Erkenntnis der Unmöglichkeit, das Golusdasein fortzusetzen, Hessen sich die Chaluzim w Emek nieder, um ihr gerettetes Leben der wahren Kettung zu weihen. Wird daraus die Grundlage eines wirklichen Aufbaues entstehen, 50 werden die Scliareti der zur Einwanderung Bereiten weit ausgedehnt werden. Werden wir aber aus diesem Unheil nur das Ueid nehmen und nicht die Rettung, so werden wir selbst unseres Leides nicht würdig sein. ״ Eine zweite zeitweilige Erscheinung, die die Lnaluzbewcgung gefördert hat, war die Erschütp'vi'g aller Grundlagen des wirtschaftlichen Lebens ״ den ].;indem Europas, wo die Juden in grossen Massen Iden. Auf diesen alten, In Verfall geratenen war die iüdLsche Wirtschaft Sßit JkUto rationen aufgebaut Mit einem Male wurde der jüdlsehen Jugend klar, dass der Weg zu einem neuen Leben ein W c g z u r A r b e 11 sei und dass dieses neue Leben auf andere Grundlagen gestellt werden müsse, die von keinem Sturm weggefegt werden können und mit keiner Konjunktur Zusammenhängen. Arbeit wurde die Sehnsucht vieler junger jüdischer Männer und Frauen. Sie wurde das Ideal für solche, welche bis jetzt mit Arbeit nichts zu tun hatten. Und dieser Mahnung gesellte sich auch der giciclte Ruf, der aus Palästina kam, Die Erfahrung der palästinensischen Kolonisation hat unzweideutig gezeigt, dass die Entwicklung Palästinas und des jüdischen Jischuw auf den Schultern der jüdischen Arbeiterschaft des Landes beruht. Der Aufbau gcschiebt vor allem durch Arbeiter Und die Kolonisation muss vor allem eine Arbcitcrkolonisatlon sein. Die jüdische Arbeiterschaft, die diese Arbeiterscharen auf natürlichem Wcgo liefern könnte, ist aber bis heute noch nicht vom Zionismus beherrscht und steht in ihren weiten Kreisen dem Palästinaidcal gleichgültig, Wenn nicht feindselig gegenüber. Die Weckung des Verständnisses der jüdischen Arbeiterschaft für ihre palästincnsichen Aufgaben und Pflichten ist eine Aufgabe, die noch bei weitem nicht voll erfüllt wurde. So wurde die Jugend, die nach Palästina strebt und nicht aus Arbeitern besteht, zu einer Arbeiterschaft. Sic hat sich die Arbeit gewählt und hat somit die Anfange einer Arbeiterklasse ln Palästina geschaffen, die sich berufen fühlt, die Gesamtlast des Aufbau- Werkes auf sich zu laden. Und diese Hechaluzbewcgung liätfc das seltene Glück, Führer zu besitzen, wahre Führer, deren Lebcnswcisc ihnen als Vorbild galt: die Arbeiterschaft in Palästina, die war und ist die Führcrin des Hcchaiuz im Gaiuth. Der künftige Historiker des Zionismtjs wird die letzten Jahre als das Zeitalter der Hegemonlc der palästinensischen Arbeiterschaft bczcichneu. Als klassisches Beispiel stand die Arbeiterschaft Palästinas vor dem Chaluz der Diaspora. Von ihr hat er sein Verhältnis zur Arbeit, von ihr seine Stellung zu jüdischen und internationalen Problemen, von ihr sein Verhältnis zum Hebräischen. Das Grosse, das in Palästina geschah, hat die Chaluzscharen in Deutschland wie in Litauen, in Polen wie in Russland beherrscht. Eines beunruhigte die Chaluzim der ersten Zeit; Werden sie sicli ihres Vorbildes würdig erweisen? Daher dieser umwälzende Eindruck des Ereignisscs von Tel Chai. An seiner Spitze stand ja der Führer und Begründer der neuen Chaluzbcwcgung, der Urheber der letzten Einwanderung, stand Trumpeldor. Die Prüfung wurde also bestanden und das wirkte als Mahnruf und Signal. Bald brach die Ein- Wanderung der Chaluzim aus der Krim durch Konstantinopcl, aus der Ukraine durch Polen und aus allen Clia’uzncstem durch alle Palästinaämter aus. Und aus diesem Gefühl heraus ist auch die Genesis der Hachseharah zu verstehen. Ein Gefühl der Unruhe erfüllte die Chaluzim, dass ihre Arbeit in Palästina vielleicht nicht die Forderungen erfüllen würde, die an sic berechtigterweise gestellt werden müssen. Daher der Zweifel, der an ihren Herzen nagt, ob sic, wenn sie ins Land kommen, dienen und helfen können, und das Bewusstsein der Verpflichtung, sofort alles zu tun, dass die Arbeit des Chaluz das Maximum dessen gebe, was in diesen Zeiten möglich ist, dass er gerade den Beruf ergreife, den man im Lande braucht, und dass er diesen Beruf so beherrsche, wie man es im Lande braucht. Und ebenso wie die Chaluzbcwcgung anfangs bloss eine Auswanderungsbewegung gewesen ist, wurde sie jetzt zu einer Hachscharah-Bewegung. Wir möchten nicht verhehlen, dass diese Hachscharah vorläufig noch auf dilettantischem Wege gemacht wird, dass keine gehörigen Leiter am Werke sind und dass ihr kein richtiger Plan zugrunde liegt. Aber so war auch das Einwanderungswerk des Chaluzim ebenso planlos, ebenso vereinsamt, aber ebenso unaufhaltsam von innerem Triebe getragen. Der Wdtverband Hechaluz, der gegenwärtig ln ganz Ost- und Mitteleuropa existiert, zählt bis heute 24 landwirtschaftliche Gruppen, die Jetzt Chaluzim in der landwirtschaftlichen Arbeit vorbereiten. Drcissig Gruppen existieren, die ihre Mitglieder in städtischen, industriellen Berufen heranbildcn. Wir wissen, dass diese Vorbcreitungsarbclt keine ideale ist. Wir kennen den ganzen Dilettantismus in dieser Arbeit, die ohne Mittel und geeignete Kräfte geführt wird, und wir sind die letzten, die mit ihr zufrieden sind. Aber wir glauben, dass diese Arbeit das icbliafteste Interesse aller Organe hervorrufen soll, die mit der Verwirklichung des giouistischen Gedankens Verbunden sind. Einige der wichtigsten Fragen möchte ich liier hervorheben: 1. Eine häufig aufgeworfene Frage ist es, ob die Vorbereitungsarbeit iür Palästina in der Galutli oder in Palästina geleistet werden soll. Einige sagen, die ganze Vorbcrcifungsarbcit in der Gaiuth ist zwecklos. Sic kann in Palästina wohl teurer, aber besser gcleistet werden, und es ist sicher, dass darin ein Stück Wahrheit liegt. Aber diese Wahrheit ist nur zum Teile richtig. Denn wir sehen, dass die Chaluzim, die unausgcbildct nacli Palästina kamen, nicht nur ihre, sondern auch die ganze Lage im Lande erschwert haben. Und die Defizite, über die man so häufig bei den Kwuzoth klagt, sind verschuldet dadurch, dass die Arbeiter nicht genügend ausgebildet waren und erst in den Kwuzotii in Palästina in die Arbeit lüneinwachsen .mussten. Man muss bei den Defiziten der Kwuzoth nicht nur die wirtschaftliche Seite in Reellnung stellen, sondern auch die Vorbercitungsarbeit berücksichtigen, die die Kwuzotii für die Arbeiter geleistet haben. Wären die Tore Palästinas der Ein- Wanderung weit geöffnet und gäbe es keine Be- Schränkungen für die Einwanderung, so müsste nicht so unbedingt an diesem Gesichtspunkt festgehalten werden. Aber heute, wo wir eine begrenzte Eimvcmdcrungsmöglichkcit haben und nur wenige Menschen nach Palästina bringen können, müssen wir die Zeit, die diese Menschen notgedrungen hier verbringen müssen, ausnützen und sie entsprechend ausbilden. Was wir bei der beschränkten Einwandc- *ung an Zahl verlieren, müssen wir an Qualität gc־. winnen, so dass einer für drei arbeitet 2. Wer soll die Cliaiuzarbcit finanzieren? Es ist klar geworden, dass neben zionistischen Mitteln auch nichtzionistisclic Mittel verwendet werden müssen und dass vor allem Gesellschaften, die sich mit der Prodnktivicrung der jüdischen Masse beschäftigen, für diese Arbeit herangezogen weiden. Wir müssen diese Gesellschaften, die Juden für die Auswandcrung nach allen möglichen Ländern zu produktiver Arbeit vorbereiten, dazu bringen, dass sic erkennen, dass auch Erez IsrapI ein Land ist für den jüdischen Auswanderer, der zu einer gesunden Grundlage seiner Existenz gebracht werden soll. Der Weg zur Durchsetzung dieser Idee wird nicht darin bestehen, dass Sie hier eine Resolution fassen, sondern dadurch, dass Zionisten ln diese Gesellschaften cintreten und die ganze Arbeit der Rcproduktivierung der Juden auf sich nehmen, diese ganze Arbeit führen und daran arbeiten, dass die Gesundung des jüdisehen Volkes nicht nur in Palästina, sondern auch in der Gaiuth hcrbcigcfiihrt werde. Wir werden auf diese Weise eine sichere Grundlage unserer Chaluzarbeit schaffen. 3. Wenn uns auch das Beispiel der in Deutschland in verschiedenen einzelnen und privaten Betrieben ausgcbildeten Chaluzim gezeigt hat, dass auf diese Weise für Palästina gut ausgcbildete Menschen herangezogen wurden, darf man doch dieses Beispiel nicht zur Regel machen. Uns erscheint es vielmehr wesentlicher, dass die Chaluzim in gemeinsamen Betrieben zusammen arbeiten und lernen. Es muss die Atmosphäre geschaffen werden, man muss neben der beruflichen auch an eine seelische Vorbereitung denken. Die Erfahrung der letzten Jahre in Erez Israel hat uns gezeigt, dass die Arbeiter in jenen Betrieben die besten Erfolge zu verzeichnen hatten, die sie allein führten und für deren Leitung sie allein verantwortlich waren. Diese Aufgaben gehören mit zu dem schwersten, was unsere Arbeiter ln Palästina leisteten, und schon im Vorbereitungsstadium sollen die Chaluzim nicht ln fremden Betrieben arbeiten, sondern in eigenen Betrieben gemeinsam lernen und arbeiten, selbst die Verantwortung, Verwaltung und Leitung führen und erlernen. Eine weitere Frage ist die der Spezialfachlcute. Ausser der grossen Masse brauchen wir in Palästina auch besonders qualifizierte Kräfte, die ganz besonders in einem Fache aus gebildet sind. Dazu ist es notwendig, für eine spezielle Ausbildung dieser Fachleutc zu sorgen und für ihre besondere Schulung Sorge zu tragen. Diese besonderen Facharbeiter werden in Palästina eine besondere Aufgabe zu erfüllen haben, sie werden das Arbeitsniveau heben und um sich einen Kreis von Schülern schaffen. Alle diese Arbeiten können nicht v1׳ ׳ oben her» auf dem Wege eines burcaukratischcn / retes, geschaffen werden, sondern müssen von vollstem Ver־■ trauen der Chaluzbcwcgung getragen sein. ׳Nicht von ferne kann der Chatuzbewegung etwas aufge^ drängt werden, sondern liebe- und vertrauensvoll r 1;!

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