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Jüdische Rundschau · 1923-08-13 · Heft 66-67 (13.8.1923) · page 11

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXVIII (1923)
Issue
Heft 66-67 (13.8.1923)
Date
1923-08-13
Page
– (sequence 11)
Language
German
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ßcr Auffassung. Aber Ich glaube, dass die Verhältnlssc im Zionismus sich nach dem Kriege so gestaltet ]!alien, dass die Probleme, die uns gestellt worden sind, grösser und stärker wurden als die Orgauisation. Das heisst mit anderen Worten: Während die Probleme von Tag zu Tag mit grösserer Intcnsit;1t wachsen, wachsen nicht in gleichem Verhältnis unsere Kräfte in der zionistischen Bewegung. Das iw sagen ist kein Verbrechen, das ist kein Defaiiisnitis, das ist meiner tiefen Ueberzeugung nach eine wissenschaftliche Konstatierung von Tatsachen. Es ist niemand daran schuld, dass mit einem Schlage sielt die “Welt geändert hat und wir diese Aenderung nicht in gleicher Proportion niiigcmacht haben, sondem es ist vielleicht so, dass die Aendenmgen, die mit uns vorgegangen sind, viel eher dazu beigetragen haben, unsere Kräfte zu schwächen, als sie zu stärlecn. Es genügt, darah zu erinnern, dass die Iläific des Judentums ökonomisch und politisch lahmgclegt ist oder sich erst langsam wieder emporarbeiteh Die Probleme aber im Zionismus stehen nicht still, sondern wachsen immer fort, und infolgedessen sind wir, ohne uns etwas vergeben zu haben, zu dem Be- Schluss gekommen, dass wir allein diese grossen Probleme nicht mit der Geschwindigkeit werden lösen können, mit der man sie lösen muss. Und wie Herr Sokolow bereits richtig gesagt hat: im Keren Hajessod-Prinzlp war eigentlich bereits das neue Programm gegeben. Und ich glaube nicht, dass unter allen, die hier sitzen, sich nicht so viel Weissheit aufbringen lassen wird, um die banale Wahrheit einzusehen, dass man nicht Leute dazu zwingen kann, auf die Dauer nur Geldgeber oder -Sammler zu bleiben, ohne dass sie fragen, wie das Geld ausgegeben wird, selbst wenn diese Herren absoiut überzeugt sind, dass das Geld richtig ausgegekn wird. Sie können z. B. nicht einen Direktor Wassermann aus Berlin bloss nach Leipzig oder Posen sammeln schicken. Sie können es ihm nicht verwehren, dass er einmal Einsicht pimmt, wie die Sachen verwaltet werden. Im Gegenteil, damit dieser Herr und die anderen Herren die Sache so betreiben, wie wir es wollen, müssen wir wollen, dass sie einen Teil der Verantwortung auf sich nehmen. Wir sind doch Demokraten und man wirft ja auch mit grosser ״,Gcncrosifiät.. mit demokratischen Formeln herum. Es gibt ein demokratisches Prinzip und das lautet: Keine Vertretung ohne Verantwortung. Es gibt ein demokratisches Prinzip, dass der Steuerzahler auch überwachen soll, wie die Steuer verwaltet wird. Kommt man aber zu den logischen Folgerungen aus diesen latsachen, so entsteht ein Geheul im zionistischen Lager: Philister über dir. Und es entsteht eine Panik nicht vor ■den Arabern, sondern vor den Juden, die einen Anschlag machen werden auf die heiligen Güter, die Herr Grünbaum schützen muss gegen ' mich. Feh habe für den Keren Hajessod nicht nur in Amerika, sondern auch in einigen Städten Westeuropas gearbeitet und ich sah, wie man selbstvcrstündlich dazu kommt, die Herren, die nicht in die Zionistische Organisation eingereiht sind, in die Verwaltung des Keren Hajessod hereinzunehmen. Auf demselben Wege wird es aber auch dazu kommen, dass sie eine Kontrolle des zionistischen Budgets erhalten müssen. Das ist nicht zu umgehen, nicht durch Sophismen und nicht durch Pilpulistik. Aus diesem Grunde müssen wir diesen Zustand legalisieren und ihm eine würdige Form geben. Es ist immer die Weisheit der Staatsmänner gewesen, vorauszusehen und Tatsachen zu schaffen, bevor man sie von aussen verlangt. Abgesehen davon, dass noch andere und sehr triftige Gründe vorhanden sind, um diese Sache der Jcwislr Agency in der Form zu machen, die ich mir erlauben werde, in zwei Zügen darzulegen. Herr hokolow wird mit mir voll tmd ganz übcrcinstimmcn, dass diejenigen, die Sie mit einer schweren politisehen Aufgabe betraut haben, eine Rückendeckung haben müssen, und, so stark die Rückendeckung auch gemacht werden wird, wird sie doch schwach Weihen für den Anprall, den unsere Position anszuhaken haben wird. Herr Dr. Ringel hat uns gesagt: Ihr habt die diplomatische Offensive aus der Hand gegeben. Herr hk. Ringel, ich bitte Sie um Gottes willen, wir sind Weht imstande, eine Offensive zu machen. Die Terminologic'die Sie aus den Staatsbüchern der anderen uchmen, können Sic auf unsere Situtation nicht an- Waden. El genügt, wenn wir die Position, die wir rechtlich erworben haben, auch halten können. Ich 8ehäme mich nicht, zu sagen: Ich habe keine Erfolge zuweisen. Nach dem' Mandat werden .jahrelang keine politischen Erfolge sein folge, die Sie haben wollen, werden Sie sich im Etnek, in den Sümpfen und anf den Hügeln erarbeiten müssen, und nicht in den Kanzleien in Downing Street. Es genügt, wenn Ihre diplomatische Vcrtreiung, wenn Sie schon den Namen haben wollen, die Position halten kann. Auf Offensiven werde ich mich nicht cinlasscn. Auch auf die Gefahr hin, vielleicht von manchen von Ihnen als nicht mutig genug angesehen zu werden. Ich habe aufmerksam alle die Allheilmittel vernommen, die Sic hier vorgeschlagen haben, wie man das britische Empire bewegen soll — lachen Sie nicht, ich meine es ernst — denn Sic operieren damit heute den ganzen Tag — indem man Versammlungen in Warschau oder vielleicht auch in New York veranstaltet (Zwischenruf Klumel: Es waren Zeiten, wo Sie es selbst gefordert haben.) Ich weiss, und man kann es auch einmal machen oder zweimal oder dreimal, aber dann haben Sic Ihr Pulver verschossen. (Zwischenruf links: Die Araber machen cs tausendmal!) Ja, wenn Sie In Jerusalem 200.000 Juden auf die Strasse führen könnten, dann brauchten Sie mich nicht. Zur Erhaltung unserer Position brauchen wir, wie Usslschkln sehr richtig gesagt hat, Menschen und Geld. Aber bei allem Respekt vor der Zionistischen Organisation, zu der auch ich gehöre, wir haben nicht genug Menschen und wir haben nicht genug Geld. Und Ich, ich werde alles tun, um die Menschen und um das Geld zu schaffen. (Lebhafter Beifall.) Es ist eine Legende, dass wir zu einzelnen Mensehen gegangen sind und sie um Rettung gebeten haben. Wir haben mit denjenigen Organisationen verhandelt, die Im Mittelpunkt des öffentlichen jüdtsehen Lebens — sagen wir in Amerika — stehen Und ich stellte mir die Jewlsh Agency vor, zusam• mengesetzt aus Vertretern derjenigen Organisationen, denen es ernst ist mit dem Aufbau von Erez Israel, und die ihren *Ernst dadurch beweisen wollen, dass sie die Last und die Verantwortung mit uns zu tragen sich bereit erklären. Ich glaube nicht, dass man alle Organisationen sofort gewinnen wird. Ich weiss aber, dass es in Amerika Kreise gibt, die heute zu gewinnen sind, und ich warne Sie davor, diese Leute vor den Kopf zu stossen aus einem Hochmut, der! ich .׳mir einfach nicht erklären kann. Auf der einen Seite wollen Sie eine unbegrenzte Immigration, keine Arbeitslosigkeit, einen schnellen Aufbau, auf der anderen Seite kommen Sie daher und nennen Leute, denen Sie bis heute abend doch ein gewisses Vertrauen geschenkt haben — denn Sie haben ihnen die Geschicke der Partei anvertraut, — nennen uns, die bekannt geben: ״Wir haben Verhandlungen gcführt, cs gibt Kreise, die unter diesen und diesen Bedingungen mitarbeiten werden und den Keren Hajessod verdoppeln und verdreifachen können“, Verräter, Fascistcn, Diktatoren. Und morgen wird das Budget festgcstcllt werden müssen, nach einem Monat werden wir es bezahlen müssen und dann wird Depesche nach Depesche kommen, cs wird nicht das ganze Geld da sein, die Arbeit wird stocken, die Arbeiter werden entmutigt sein, die Alijah wird steckenbleiben. Wo hier die Logik ist, verstehe ich nicht. Ich will Ihnen ein Beispiel dafür geben, dass ich nicht mit Illusionen operiere. Ich war in Chigago; dort haben wir einen grossen Erfolg erzielt: wir haben in einer Stadt von 300.000 Juden sage und schreibe 250.000 Dollar für den Keren Hajessod bekommen; für arme Schlucker, wie wir cs sind, war das vielleicht viel, denn voriges Jahr hatten wir nur 100.000 Dollar bekommen. Und zur selben Zeit, als ich mich verzehnfachte, um diese■ 250.000 Dollar zu bekommen, machte die Gemeinde Chicago einen Drive für irgend etwas, ein Spital oder eine Synagoge, und sammelte zweieinhalb Millionen in einem Tage. Und ich fragte mich: Wenn es mir gelänge, diese Gemeinde zu gewinnen und sie nur die Hälfte dieser zweieinhalb Millionen für Palästina hergäbe, ha 1x3 ich doch auf einen Schlag das, wofür Ich vier Monate lang meine ganze Seele und Lebenskraft hingegeben habe. Und so ist es in New York, Philadelphia und jeder Stadt gewesen. Wenn wir aber einen Fonds von 1 oder'2 Mil- Honen sichern können — und es ist möglich — dann lieht sich unsere politische Situation, dann ist unser Rücken gedeckt, dann atmen wir auf, dann können wir vielleicht auch eine Offensive unternehmen. Das hat mich geleitet und nicht ein Wille zur Macht. Ich habe, Herr Mercminsky, in meinem Leben nie die Knie gebeugt, nicht vor einem jüdischen Magnaten tmd nicht vor einem christlichen Machthaber. Ich habe Sie in Ehren vertreten. Aber Ich bleibe dabei» Die politischen Erdass die Konzession zu unserer fundamentalen machen ist, unter Wahrung Grundsätze, unter HcrsteK 1mg einer Verantwortung — um die Möglichkeit für• eine dreifache und vierfache Einwanderung nach Palästina zu schaffen. Ich glaube nicht, dass es noch notwendig ist, Worte zu verlieren über ״vulgäre Kolonisation“ oder über die ״versteckten Tendenzen“, die hinter diesem kristallklar einfachen — wenn auch vielleicht nach Ihrer Meinung irrtümlichen — Plane stecken. Ich lasse auch die Argumente über nationale Politik aus dem Spiel, aus dem Grunde, weil ich mich nicht für kompetent halte, über diesen Punkt zu sprechen. Nur noch einige Worte über die politische Lage» Herr Farbslein war derjenige, der heute nochmals das ״White Paper“ und das ganze Sündenregister der palästinensischen und englischen Regierung und natürlich auch der Exekutive vor uns auf tischte. Er, weinte bittere Tränen über den Rücktritt Jabotinskys und über die Zurückdrängung Nord aus. Die Tränen rührten mich nicht und ich begreife überhaupt nicht, warum sich bei uns die Idee eingewurzelt hat, dass ein Mensch, der aus der Exekutive ausgeschieden ist, weil er mit ihrem System nicht einverstanden war, aus der Exekutive ״verjagt“ wurde. Zugegeben — die politische Lage ist ernst. Zugegeben, dass wir mit der derzeitigen Immigration nicht zufrieden sind. Sic haben eine politische Kommission gewählt der alle Dokumente, Briefe und Beweise vorgelegt werden. Es wird sich zeigen, dass wir unter den bestehenden Umständen alles getan haben, um die Position zu halten. Noch eines will ich sagen und das ist mein politisches Vermächtnis an die nächste Exekutive: Sie haben eine Mandatarmacht gewählt nach langen Beratungen und Ucberlegungen. Sie werden mit dieser Mandatarmacht noch jahrelang zu arbeiten 'haben. Diese Macht ist England. Es gibt ein England der ״Morning Post“ und ein England Balfours. ־ Es gibt ein England der Diehards und ein England der Labour Party. Es wird das grösste Unglück sein, wenn Sie voratissetzen, dass man nicht im guten Glauben mit Ihnen verhandelt, denn dann sind keine Verhandlungen möglich. Mit wem immer Sie auch verhandeln, Sie müssen voraussetzen, dass man es genau so ehrlich meint, wie Sie oder ich. Ich bcliaupte, trotz der Schwierigkeiten, die wir genau so bekämpft haben, wie Sie es wünschen, dass wir bei der britischen Regierung den guten Glauben, den treuen und ehrlichen Willen gefunden haben. Und ich werde es nicht erlauben, den guten Glauben der Regierung unserer Mandatarmacht zu verdächtigen. (Lebhafter Beifall.) Meine Herren! Ich habe Sie vielleicht länger anfgehaltcn, als ich es wünsche und als Sie es wünsehen. Ich habe das Meine gesagt. Es gibt hier zwei Systeme, die gegeneinander stehen. Das eine besteht in einem vagen Kampf gegen die Mandatar-, macht und in einem gewissen Chauvinismus gegen unsere eigenen Juden: das andere ist ein Versuch, die schwer erworbene Position zu halten, durch einen Plan, der vielleicht lückenhaft ist. Sie haben zu wählen zwischen dem einen Plan und dem anderen. Sie haben aber auch zu wählen zwischen den Männern, dio an diesen oder an jenen Plan glauben. Zwingen Sie nicht Ihren Führer, das durchzuführen, woran er nicht glaubt, und glauben Sie nicht, dass Sie einem das Leben verbittern können und zum Schlüsse an seine Loyalität und seinen Patriotismus appellieren können, dass er doch mittue. Das wird diesmab nicht gehen. C’cst ä prendre au k laisser. You must choice the one way or the other. Sie haben zu ■wählen zwischen dem einen oder dem anderen System. Dann werden Sie sich Ihre Entscheidung in Ruhe überlegen, Sic werden in Ihrer Weisheit Ihre Beschlüsse fassen und Ich werde mich Ihren Be- Schlüssen beugen. , (Lang andauernder stürmischer Beifall, die Delegierten erheben sich von den Sitzen and bringen Hochrufe auf Wcizmann aus.) Schluss der Sitzung zwei Uhr nachts. Nächste Sitzung Freitag 12 Uhr mittags.

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