Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXVIII (1923)
- Issue
- Heft 57 (17.7.1923)
- Date
- 1923-07-17
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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r~1־ r X \ ו;־ '\.j 0 J K f־\ Nummer 57,/" fpzzszszz: rr~ Berlin, 17. VII. 1923?r ג.r?ף 1~r \ל V״» ך L '1 \.J L Rcdaktionu.VcrlagW 15. Sächsische Sir. 3. Erscheint jcdcaDicnsta!! \l «. Freitag. Bezugspreis bei der Expedition{.3.Quartal 23 inkl. Koni.j jjrcflausj'abc 42000.-AL Bestellung b ei deaPostämtern monatlich. [' As<lwdi*Honnfment• werdto in d«r Wihrun(• der einzelnen LSnder bercelmtt. '1 Ansehen-Verwaltung: per Zionismus erstrebt für das Jüdlscho Volk cilo Sch. Jüdische Ruadsclinu G.m.b.IL, Berlin W15, Sachsischo Straße 8. - Telephon: Amt Piakburß 6697, 6698 u. 6699. Anzeigenpreis für die B-|»espalt«:nc Nonparcillczcilc 1500M. l'iir hrbr. Anzeigen ISO',!״׳ Auficlila(. bür AuihndilnieraU m%V»lul«zu1cl1l«g _ Anzeigenschluß: Dienstag und Freitag nachmittag 4 Ubr, 1 X'QIT) r:::: — ־ •י־;'rr,rsasxss^sr.i־»*i'art»s«jr:־ aa;3־ einer öifcntilct» rechtlich gesicherten Hslrastaita Telephon: Pfalzburg 6697 u. 6693. Pottscheckkonto! Berlin Nr, 17392. 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Nach Herzls Tode gehörte er zu denen, die den schweren Verlust rein persönlich mit dem ganzen grausamen Schmerze empfanden, und seit jener Zeit hat scineStellung gegenüber der zionistischen Bewegung in zunehmendem Maße Spuren der Ver- Bitterung getragen. Marmorek, der Herzls Tod niemals verwinden konnte, glaubte mit Zorn und Schmerz zu bemerken, daß die Bewegung sich bei aller Pietät gegen den Führer doch allmählich mit dem Verlust abfindet und auf die neuen Verhältnisse einstellt. Er glaubte zu bemerken, daß der Zionismus allmählich den heiligsten Prinzipien Herzls untreu wird und den Kern der Idee des großen Führers aufgegeben hat. Marmorek wurde nach Herzls Tode zusammen mit Nordau und Woiffsohn ein Führer der ״politischen Zionisten“, die im Gegensatz zu den ״praktischen“ Zionisten jede praktische Kolonisationsarbeit verwarfen und den Zionismus auf politisch-diplomatische Arbeit beschränken wollten. In der großen Entscheidungsschlacht über diese frage, der Generaldebatte des VIII. Kongresses im Haag, stand Marmorek als Generalredner Weizmana gegenüber. Diese historische Debatte hatte eine Höhe, die selbst in der Geschichte unserer Kongresse selten ist. Marmorek behielt den Namen ״politische Zionisten“ noch bei, nachdem der Streit längst historisch geworden war. Nach Wolffsohns Tod und als Nordau sich zurückzog, war er das erklärte Haupt dieser nur noch in Frankreich, Belgien und Holland vertretenen Gruppe. Gegen alle, die in früheren Perioden Hcrzl oppositionell gegenübergestanden haben, hatte Marmorek eine unüberwindliche Abneigung, und eine besondere Anmaßung erschien es ihm, daß solche Männer sich selbst auf Herzls Stuhl setzen und die Bewegung führen wollten. Aus diesen mehr persönlichen Momenten, aus dieser völligen Identifizierung des Zionismus mit der Person Herzls und der eifersüchtigen Wacht des treuen Freundes erklärt sich sehr viel von der politischen Stellungnahme Marinoreks in den letzten Jahren. Wir haben in der letzten Zeit öfter Gelegenheit gehabt, uns mit seinen Anschauungen auseinanderzuselzen, und mußten oft harte Worte der Kritik finden. Marmorcks starres Festhalten an der Idee des Judenstaates Herzlscher Konzeption und seine aus politischem Maximalismus stammende Gegnerschaft gegen die Politik der jetzigen Exekutive und gegen das Palästina-Mandat hat politisch viel Schaden angerichtet. Noch bedauerlicher war, daß er sich von seiner oppositionellen Haltung dazu hin- | reißen ließ, die Bewegung gerade in einem entschei-! denden Augenblick am empfindlichsten Punkt zu treffen, | indem er in Paris die Gegnerschaft gegen den Keren j Hajessod proklamierte. In der letzten Zeit hat Marmorek j sich ■— wahrscheinlich auch infolge seiner Krankheit — i von der politischen Arena zurückgezogen. Es ist ein I tragisches Zusammentreffen, daß er, der mit Nordau J zusammen so lange das zionistische Zentrum Paris gej bildet hat, seinem Freunde nun auch so schnell ins j Grab gefolgt ist. j Alexander Marmorek war eine Persönlichkeit, wie i <kr heutige Zionismus wenige aufzuweisen hat. Alle, 1 die ihn erst in der letzten Periode seines Lebens kenneni tonten, mußten staunen über das ungezügelte, überi schäumende Temperament, die jugendliche Leidenschaft j dieses mehr als fünfzigjährigen Mannes. So wie er sich seine Jugendlichkeit bewahrt hat und über die . Blasiertheit der heutigen Generation mit Recht spotten tonnte, so fühlte er sich wohl in dein Kreise der Jugend j selbst, die er durch sein Feuer zu entzünden versuchte. י Seine persönliche Liebenswürdigkeit, seüie geistreiche Art 1 rt sprechen und sein Temperament sicherten ihm auch J die Freundschaft aller, die ihm persönlich nähergekommen; Waren, mochten sie auch politisch anderer Meinung sein I * er. Marmorek war ein glänzender Redner und da j ®»gezeichneter Präsident. Er hat als Präsident des > Kongresses mit eisernem Griff die schwierigsten Situ- : Miwica zu meistern seexstandea, ul P,*ך״ pa L» U U j U ^..*1 ■x pj n f*»r*■^ W■*! /וחך־׳׳^־ V®4- ־, vi T< n n r-;'](ויי( ן ך־׳־',<״/ ך .י•׳•,*־־*־׳ fjr ך■״* ״׳/*י־» 3W V« .4י V. ü L *i ti Lt V J U j 11 V*tJ i .«i Wir verständigen unsere Abonnenten hierdurch wiederholt davon, daß sie während des XIII. Zionisten- Kongresses in Karlsbad (6.—16. August 1923) täglich eine Sonderausgabe der ״Jüdischen Rundschau“, mit dem offiziellen Kongrcßbcriclit, erhalten werden. Die Zustellung der Zeitung erfolgt auf dem üblichen Wege. Die Lieferung der Kongreßausgabe kann nur an diejenigen Abonnenten erfolgen, welche die Abonnementsgebühren für das III. Quartal 1923 (42 000 Mk. inkL Kongreßausgabe) bezahlt, resp. die ihnen zugegangene Nachnahme eingclöat haben. ■ Die Ortsgruppen, die Sammclabonncmcnts bestellt haben, müssen die von ihnen eingeforderten Abonnementsgebühren cofort abführen. Andernfalls müssen wir uns mit Rücksicht auf die fortschreitende Geldentwertung Nachfordorungoa Vorbehalten. Verl ag Jüdische Rundschau Berlin W 15, SUckiisch• Straße 8, Postscheckkontoi Berlin 17392 Eine Säule der heroischen Zeit des Zionismus ist gestürzt. In den Annalen der zionistischen Bewegung wird der Name Alexander Marmorcks unvergessen bleiben, er wird stets im Kreise derer genannt werden, die Herzls treueste Stützen und Freunde in schwerer Zeit gewesen sind, unter denen, die ihr ganzes Leben der zionistischen Sache geweiht haben. * Paris. (J. C. B.) Seit einigen Monaten war der Gesundheits zustand Dr. Alexander Marmorcks sehr erschüttert und er mußte sich einer sehr schweren Operation unterziehen, Dienstag, den 10. Juli mußte eine zweite Operation vorgenommen werden, an deren Folgen er nach zwei Tagen starb. Die Kunde vom Tode Dr. Alexander Marmorcks in den jüdischen Kreisen von Paris hat tiefe ErschUtte• rung ausgelöst. Gleich, nach dem Bekanntwerden der taurigen Nachricht traten die Komitees der jüdischen Organisationen zusammen und hielten Trauersitzungen ab. Alle jüdischen Organisationen von Paris werden an dem Begräbnis, das Sonntag, den 15. Juli stattfindet, aut dem Friedhof Bagncux vertreten sein. Dr. Marmorek war ein hervorragender Wissenschafter au{ dem Gebiete der Medizin. Er arbeitete viele Jahre im Pasteur• Institut in Paris und hat ein Serum erfunden* das in der medizinischen Welt viel Aufsehen erregt hat. Beim Kriegsausbruch mußte Dr. Marmorek, der aus Oesterreich-Ungarn stammte, Frankreich verlassen. Er leistete in Tcmcsvar (Südungarn) als Arzt militärische Ebenste. Nach der Revolution hielt er sich in Wien auf, bis ihm gestattet wurde, nach Paris zurückzukehren. Während der letzten Jahre lebte Dr. Marmorek in einer der Vorstädte von Park, wo er sich der wissenschaftlichen Tätigkeit widmete. Die Beratungen der Kablccüskonuntssion Aus London wird uns berichtet: Die Kabinettskonunission für die Angelegenheiten des Mittleren Ostens (über deren Einsetzung wir kürzlich berichtet haben. — Red. ״J. R“) 9011 dieser Tage eine ausführlidie Besprechung mit Sir Herbert Samuel haben. Es sollen dabei gewisse Fragen besprochen werden, die zusammenhängen mit der Gendarmerie, der Aviatik und der allgemeinen Administration in Palästina. Die aus antizionistischeil Quellen stammende Nachricht, man werde dort auch über Samuels eigene Position in Palästina beraten, entspricht nicht den Tatsachen. Da die Meldung von dem Zusammentritt dieser ministericllcit Kommission eine gewisse Beunruhigung hervorgerufen hat, sei auf die Meldung des ,,Manchester Guardian“ hingewiesen, daß cs sich hierbei keineswegs umdicEinsetzung irgendeiner neuen Kommission zur Untersuchung der Lage in Palästina handelt. Es sei dies die alte, von der Regierung eingesetzte Kommission, die sich mit den Fragen des Mittleren Ostens, der ja auch Palästina «!!schließt, befaßt. Der ״Manchester Guardian“ erklärt des weiteren, daß nicht der geringste Grund zu der Annahme vorhanden ist, daß irgendwelche Acnderungen der englischen Palästinapolitik vorgeiionimeii werden sollen. Die Kommission werde nur nach Mitteln und Wegen suchen, um freundlichere Beziehungen zwischen den Juden und Arabern zu schaffen. Samuel wird, wie der ״Manchester Guardian“ erklärt, im September nach Palästina zuriiekkehren. Abreise Solcelows nach London Mittwoch, den 11. Juli, ist Nahum Sokolow, der in Berlin zur Erholung weilte, in dringender Angelegenheit nach London abgereist. .' Sokolovv wurde von der Executive telegraphisch nach London berufen, da wichtige diplomatische Verhandlungcn bevorstehend die seine Anwesenheit erforderlich machen, ׳ 1 ■ ׳ ״M der Wacht“ 1. Der offene Brief, den der Abg. Grünbaum an Dr. Weizmann gerichtet hat, gibt eine Vorahnung des Kampfes, dessen Schauplatz der Karlsbader Kongreß Verden soll. Allen Bemühungen zum Trotz, die Fragen der 'organisatorischen Neugestaltung und der Zusammensetzung der Jewish Agency rein sachlich zu betrachten, hat der Kampf den dramatisch wirksameren Charakter persönlicher Aaiscinnndcrsctzunng angenommen. Die offene und rückhaltlose Art, in der Grünbaum spricht, ist immerhin sympathischer, als die versteckte oder halbvcrstccktc persönliche Kampfesweise anderer Organc. Grünhatmis Brief ist ein Zengnnis seelischen Kampfes und׳ seelischen Schmerzes, ein menschliches Dokument, vor dem wir Achtung haben müßten, auch wenn sein Verfasser nicht eine Persönlichkeit vom Range Grünbaums, des verdienstvollen und fähigen Führers der polnischen Zionisten wäre. Sachlich allerdings glauben wir, daß Griinbaum in seinem Briefe der Wirklichkeit in keiner Weise gerecht wird. Schon der Ausgangspunkt ist ein falscher. Grünbäum scheint sich mit dem heutigen Zustand, mit dem heutigen Tempo des Palästina-Aufbaus mehr oder weniger abzufinden. Er stellt sich nicht die Frage, ob nicht die heutige Situation des Zionismus eine gänzlich veränderte ist, die nicht nur neue Methoden, sondern auch neue Prinzipien erfordert, ob cs nicht eine notwendige Entwicklung jeder Bewegung ist, daß für die Zeit ihres Entstehens in Feuer und Leidenschaft andere Grundsätze gelten, als für die Zeit der Realisierung, des täglichen Klcinkanipfcs mit tausend unuberwindlieh scheinenden Schwierigkeiten. Dieser Kleinkampf ist vielleicht weniger erhebend als der im Anfang stehende Kampf um die großen Ideen, aber er erfordert mehr Mut, Glauben und Ncrvenkraft. Immer wieder durch die eiserne Härte der Wirklichkeit zu Konzessionen gezwungen zu sein und dennoch die gerade Linie einhalfen, dennoch den Glauben an die Idee bewahren, das ist Schicksal und Aufgabe der Jreuen im Sta* dium der Verwirklichung. Gewiß ist der Kampf um die Idee noch nicht ausgekämpft. Die Verwirklichung hat uns vielleicht zu früh getroffen. Aber übersehen wir nicht die gewaltigen Wirkungen der 25 JaJire zionistischen Kampfes.־ Nicht jeder Sieg zeigt sich in einer Niederlage des Feindes in offener Feldschlacht. Der Sieg einer Idee kann auch darin bestellen, daß sic allmählich durchsickert, gewissermaßen infiltriert wird, auf die Gegner und die Gleichgültigen gegen ihren Willen abfärbt und deren Wesen allmählich verändert. Der Zionismus hat in der letzten Periode dem ganzen jüdischen Leben das Gepräge gegeben. Die einst ironisch verlachte Bewegung ist heute die Führcrin im jüdischen Leben. An der Peripherie des Zionismus gibt es heute zahlreiche Lnteressierte und halbintcressicrte Persönlichkeiten und Kreise, die immer enger mit der Palästinasache verblinden werden. Unter ihnen sind Menschen aus jenen Schichten, die anfangs unsere schärfsten Gegner waren und die wir niemals gewinnen zu können glaubien. Sollen wir auf deren Hilfe, wenn sie sie geben wollen, verzichtcn? Die Situation des Palästinawerks war in dem Winter, den wir glücklich überstanden haben, geradezu tragisch. Weder das große noch das kleinere noch das kleinste Karlsbader Budget konnte eingehalten werden, im Dezember und Januar schien die Katastrophe unvermeidlich. Dr. Weizmann hat auf der Convention in Baltimore mit erschütternden Worten geschildert, wie er nach seiner Ruckkehr aus Palästina den Entschluß gefaßt hat, nach Amerika zu gehen, um eine cntsclieidende Wendung in der Finanzierung des Palästinawerks herbeizrführen. Er hat erkannt, daß nocli drei oder vier Monate ähnlicher Stagnation nicht nur unsere wirtschaftlichen Positionen gefährden, sondern auch unsere gesamten politischen Errungenschaften, inklusive der Jewish Agency. Im Januar kam Dr. Weizmann zur A. C.-Sitzung nach Berlin und forderte, im Namen unserer politischen und wirtschaftlichen Rettung, die Mobilisierung aller Kräfte für die Finanzaktion. Alle Mitglieder der Exekutive und des A.C., auch die paiästincnsischen, sofern sie irgendwie entbehrlich sind, sollten sich in den Dienst dieser Aktion stellen. Nach der A. C.-Sitzung ist Weizmann nach Amerika gefahren und hat — im Verein mit den amerikanischen Freunden — die Situation gerettet. Während im Oktober bis Februar ducbschuitrtlich etwa 20 000 £ nach Palästina gegangen waren, kamen im Mai 65 000 £. Daß trotzdem die wirtschaftliche Lage in Palästina nicht verbessert wurde, die Arbeitslosigkeit anhält usw., läßt uns mit Schrecken erkennen, wohin wir gekommen wären, wenn auch dies nicht erreicht worden wäre,