Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXVIII (1923)
- Issue
- Heft 56 (13.7.1923)
- Date
- 1923-07-13
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Die ״Proposals“ | Der Ziomsienkongreß, der nur einmal in zwei Jahren j pisammemritt, kann nicht so arbeiten wie ein normales j Parlament, ln der kurzen Zeit seiner Tagung müssen die IVatungen und die Beschlußfassung über die wich- (i!rs.e.1 i lagen der Bewegung zusammengedrängt werj de״. Aus diesem Grunde ist cs notwendig, den Kongreß I sorgfältig vorzubereiten, um in der öffentlichen Diskus-! siou der Probleme, in der Bildung einer öffentlichen 1 Meinung und bestimmter Gruppierungen, eine Art Ersatz I der vorbc1ei>׳u!cn parlamentarischen Tät'gkeit zu schaffen. Dazu kommen noch als besonders wertvolle vorbereitende Faktoren die Konferenzen der einzelnen 1 Landes- und Sonde!verbände. In dieser Hinsicht kann ■j man wohl sagen, daß der XIII. Kongreß ziemlich gut '] vorbereitet ist. In den letzten Monaten ist eine gewisse * Klärung der öffentlichen Meinung der Bewegung eingc- I trete״. Die tatsächlichen Grundlagen unserer politischen t und wirtschaftlichen Lage, die Verhältnisse innerhalb unserer organisatorischen Körperschaften und selbst die! Personenfragen sind immer deutlicher ins Bewußtsein der aktiven Teile der Bewegung in allen Ländern und Gruppen getreten. Die Ueberzeugung, daß der XIII. Kongroß einschneidende Reformen durchführen soll, ist fast allgemein. Vor allein stehen zwei Problernkomplcxe im : Vordergrund, der organisatorische und der finanzpolitische. Ueber diese Probleme wurde in den letzten Wochen auf den großen Landesparteitagen diskutiert, und es wurden auch mehr oder weniger programmatische Be- | Schlüsse gefaßt. Die Sonderverbände werden erst unmittelbar vor dein Kongreß zusammentreten, doch ist | auch in ihren Reihen bereits die Kristallisierung der I Meinungen weit vorgeschritten. Und nun sind auch be- 1 reits eine Anzahl von umfassenden Protaminen gedruckt •j erschienen, die ein mehr oder weniger abgerundetes | System unserer Gesanitarbcit als Grundlage der durch- I zuführenden Reformen darlegen. | Um die zweckmäßige Vorbereitung des Kongresses : zu ermöglichen, ist cs notwendig, diese verschiedenen Vorschläge der gesamten zionistischen Oeffentlichkcit bekanntzugeben. Bekanntlich ist dies nicht so einfach, da wir gezwungen sind, in einem Chaos von Sprachen 1 zu arbeiten und nicht alle Texte allen Teilen der Bewegung zugänglich sind. Wir betrachten es als unsere . Aufgabe, der deutschen zionistischen Oeffentlichkcit das | vorliegende Material zu übermitteln. Wir veröffentlichen i daher möglichst vollinhaltlich die Programme und Thesen ’י der verschiedenen Gruppen, die uns bekannt werden. :1 Es liegt z. B. eine Broschüre des ■Herrn de Lieme, jj um die sich die sogenannte Haager Opposition sammeln 1 soll, vor. Ferner hat eine Gruppe amerikanischer Zio- | nisten, der auch Julius Simon angehört, ein Aufbaulj programm vorgelegt, das als die Meinungsäußerung der 5 Brandeisgruppe oder wenigstens eines bedeutenden Teiles von ihr angesehen werden muß. Die größte praktische ן Bedeutung dürfte jedoch die Denkschrift gewinnen, die! die Exekutive der amerikanischen Zionisten der Con- | vention in Baltimore vorgelegt hat, und die als die | Vorschläge der amerikanischen zionisti- \ sehen Organisation an den Kongreß zu bei trachten ist. Diese Denkschrift verdient nicht nur darum j besondere Beachtung, weil sie von der finanziell verant- ’ wörtlichsten Landesor;;anisation herriihrt, sondern auch weil die wichtigsten ihrer Thesen von der Convention in Baltimore mit einer fast völligen Einhelligkeit angenommen wurden, während in anderen Landesverbänden 1 doch noch erhebliche Meinungsverschiedenheiten vorhanden sind. Auch muß erwähnt werden, daß der Präsident unserer Organisation, Dr. Wcizmann, sich auf den I Boden der amerikanischen Vorschläge oder doch ihrer j wichtigsten Prinzipien gestellt hat. i Wenn man die ״Proposals“ richtig einschätzen will, f so muß •man zunächst den Satz der Einleitung berücksichj tigen, daß sie keineswegs als ein starres und unveränderliches Programm gedacht sind, sondern als elastii *che Richtlinien, die in der zionistischen Oeffentlichkcit I v'0r dem Kongreß und auf dem Kongreß diskutiert werden! *ollen und von denen ausgehend man itn Einvernehmen j u«d in Zusammenarbeit mit den Delegierten anderer I Gruppen zu dem zweckmäßigsten Resultat gelangen 5 'GH. Denn die Amerikaner scheinen ganz richtig zu sehen;;> daß es sich'bei einem großen Teil der angeschnittenen; fragen keineswegs um Prinzipien handelt, bei denen eine * Festlegung von Parteien sinnvoll wäre, sondern um reine Zweckmäßigkeitsfragen, die unter Zugrundelegung des 1 Besamten Tatsachenmaterials und der bisherigen Erfah- : 'Xßen gelöst werden sollen. Niemand vergibt sich etwas, Wenn er von seinem ursprünglichen Vorschlag abgeht 1 °dcr einer Abänderung zugunsten eines besseren Vor-; eciüages zustinunt. Wir hoffen, daß die Denkungsart, die r_..——■—- ב~~7— י Die heutige .Nummer■ enthält: - 1. Dia Palästina-Dcila^o. 2. Viici/JoQs'Material sunt Zionisten־ liongroS.׳ ׳ ■ in der Einleitung zu den Proposals zuin Ausdruck kommt, auch die Verhandlungen' des; Kongresses beherrschen wird. Wir brauchen eine ernste und sachliche Prüfung und Beschlußfassung, aber wir brauchen in unserer heutigen Siiuat'on keine Zuspitzung abstrakter Gegensätze und theoretischer' Prinzipienkämpfe, die mit der Kata- Strophe spielen. Aus dem amerikanischen Memorandum bekommt man endlich autenüschen Aufschluß darüber, wie die Anici ikancr sich die künftige organisatorische Gestaltung vorstcllen. Bisher war nur bekannt, daß sie die Exckutive eimächiigen wollen, schon vor Zusammentritt des Weltkongresses Vertreter von Organisationen, die am Aufbau Palästinas interessiert sind oder interessiert werden können, als Mitglieder in die Jewish Agency aufzunehmen. Nun ersehen wir auch, wie die Struktur dieser Jewish Agency gedacht ist. Die Amerikaner schlagen vor, daß nach vorbereitenden Verhandlungen, in denen festgestcllt werden muß, welche Organisationen eine Mit- Verantwortung für den Aufbau Palästinas tatsächlich übernehmen wollen, eine Konferenz dieser Organisationen und Gruppen cinberufen wird, welches dann die Hälfte des Exekutivkomitees der Jewish Agency zu wählen hat. Die andere Hälfte bildet'die zionistische Exekutive. Die zionistischen Mitglieder des Exekutiv- Komitees der Agency sind dem Zionistenkongreß verantwörtlich, die von der Konferenz der Organisationen gewahl.cn Mitglieder s'nd dieser Konferenz verantwortlich, die damit offenbar zu einer ständigen Institution werden soll. Dieser Vorschlag scheint uns außerordentlich bcilenkiich, denn dadurch wird ein Zweikammersystem gcschaffen, das zu einem Gegensatz zwischen den zionistischcn und nichtzionistischcn Mitgliedern selbst,dann führen kann, wenn dieser Gegensatz ursprünglich nicht vorhanden war. Es erscheint uns wohl praktischer und zweckmäßiger eine gemeinsame Instanz zu schaffen, vor der das gesamte Exekutiv-Komitce der Jewish Agency Rechenschaft abzulcgen hat Es ist durchaus möglich, eine Form hierfür zu finden. Obwohl wir uns alle bcvvußt sind, daß die Betrauung von Nichtzionisten, die zwar für Palästina zu arbeiten bereit sind, aber doch nicht die Erfahrung der Zionisten besitzen und nicht in alle Einzelheiten der palästinensischen und jüdischen Verhältnisse so eingeweiht sind wie Zionisten, mit leitenden Aufgaben des Palästinawerkes ein großes Wagnis bedeutet, das wir aber auf uns nehmen wollen, wenn auch nur die Möglichkeit einer Verstärkung an Mitteln und Menschen für Palästina besteht, — so dürfen wir doch nicht die neu gewonnenen Menschen selbst in eine Isolierung drängen. Wir glauben, daß die von den Amerikanern vorgcschlagene Konferenz so ',ausgestaltet werden muß, daß diese Gefahr beseitigt wird Einen Anhaltspunkt dafür gibt das Memorandum selbst. Es spricht nämlich den Wunsch aus, einen Weg zu finden, damit das Exekutiv-Komitce der Jewish Agency mit dem Direktorium des Keren Hajessod identisch wird. Wenn wir uns dann noch fragen, was für Organisationen und Oruppcn, die sich für den Aufbau Palästinas interessieren, es eigentlich gibt, so finden wir, daß hier die Aufmerksamkeit vor allem auf die neutralen Keren Hajessod- Komitees zu richten ist, die sich hi den einzelnen Ländern gebildet haben. Gewiß gibt es noch andere große Or-; ganisationen, wie Ica, Joint Distribution Committee, Alliance, Economic Board in London, die alle in Ihrer weise in Palästina arbeiten. Die Verständigung mit diesen Körperschaften, die ganz reale Interessen vertreten, beschränkte Aufgabcnkrcisc sich gesetzt haben und vor allem eigene Mittel haben, ist eine besondere Aufgabe, die mit Delikatesse gelöst werden muß, zumal dabei die Frage entsteht, wer im Falle des Eintritts solcher Organisationen in die Jewish Agency dann über , deren Mittel zu verfügen' hätte. Aber von Palästina- Organisationen allgemeinen Charakters kommen <—1 wenn wir von der Agudah.absch'cn, die auch ein!*roblcm für sich ist — vor allein die Keren Hajessod-Komitecs in Betracht. Damit ist vielleicht der Schlüssel der Situation gefunden. Wir haben an dieser Stelle bereits am 4. Mai ausführlich dargclegt, daß unseres Wissens Weizmanns Vorschläge, die man als Notabeinpolitik verschrien hat, eigentlich auf nichts anderes herauslaufen, als daß die vom Kongreß .beschlossene•Konstitution des Keren Hajc&sod nunmehr realisiert werden #011,' Wk finden in dem amerikanischen Memorandum eine Bestätigung dieser unserer Auffassung. Die Vorteile eines solchen organisatorischen Gebildes sind zweifache:• Erstens wird dadurch das Prinzip der Vertretung nach Ländern berücksichtigt, das bei unserer geographischen Situation eine Rolle spielt, zweitens aber — und das ist das wichtigstc — wird damit der Eintritt in die Jewish Agency die Dokumcntienmg einer bereits erfolgten Leistung für Palästina, die Dokuincnticrung der materiellen Mitvcrant* wortlichkeit. Diese aber ist eine moralische Voraus- Setzung der Jewish Agency. Wenn der Council oder die Konferenz, die nach Vorschlag der Amerikaner die eine Hälfte des Exckuliv-Komitees der Jewish Agency wählen söll, sich in der Hauptsache auf die Keren Hajessöd-Komitees stützt, also die wirklich für den Keren Hajessod arbeitenden Menschen repräsentiert, dann wird wohl keine Schwierigkeit bestehen, auch das Direktorium des Keren Hajessod auf diese Weise zu bilden. Es bleibt dann nur noch eine Form zu finden, um die Zusammenarbeit dieser Körperschaft mit der korrespondierenden zionistischen Körperschaft zu sichern und die Festlegung einer Zweispaltung zu vermeiden. Die Frage der Verantwortlichkeit der nichtzionistischen Mitglieder, die auf der A. C.-Sitzung und in Warschau und Dresden eine so große Rolle gespielt hat, könnte dann auch nach dem amerikanischen Vorschlage in einer Weise gelöst werden, die den Fordederungen, die Grünbaum im A. C. stellte, ungefähr entspricht. Die Form zu finden ist die Aufgabe langer Verhandlungen, zu denen eben die Exekutive crmächtigt werden soll. Dabei müssen wir bedenken, daß die Nichtzionisten, die durch den Eintritt in solche Verband- Jungen ihren Willen zur Mithilfe beweisen, gerade in dem Augenblick, wo sie der Sache konkret näher treten, erkennen müssen, daß der Hauptteii der Arbeit nach wie vor der Zionistischen Organisation obliegt. Wenn es sich um ernste und verantwortungsbewußte Männer hindeU, — urd nur mit solchen zu verhandeln hat einen Sinn —- so werden sie nicht Rechte beanspruchen, deren Ausübung sie einfach nicht gewachsen wären, sondern sehr befriedigt sein, wenn der zionistische Apparat die Sache •weitermacht. Wir sind überzeugt, daß diejenigen, die wirkliches Interesse an der Sache haben, auf die organisatorischen Vorschläge, die wir ihnen loyalerwcise machen können und machen sollen, eingehen werden. Wir halten es aber für höchst unklug, Verhandlungen, von denen wir wünschen, daß sie zu einem Resultat führen sollen, mit einer Kampfansage zu beginnen. Die amerikanischen Vorschläge bieten also einen Ausgangspunkt, dessen sich der Kongreß bedienen kann und wohl auch bedienen wird. Die Reformen in der Zionistischen Organisation selbst, die von Amerika vorgeschlagen werden, entsprechen zum großen Teil den Forderungen, die in andem Verbänden erhoben wurden. Aber die Amerikaner gehen weit darüber hinaus. Ihr Antrag gipfelt in der Forderung, die Exekutive mit größerer Macht auszu- Staaten und alle Zwischeninstanzen zwischen Exekutive und Kongreß zu beseitigen. Wir wollen hier nicht zu den Ausführungen über den Begriff der Demokratie Stellung nehmen, in denen manches richtige enthalten ist. Aber eine ernste Besorgnis muß ausgesprochen werden: Die Ausschaltung des A.C. wird dazu beitragen, den ohnedies sciion sehr schwachen Kontakt zwischen Exekutive und den Massen, die das Fundament der Bcwegung bilden, noch mehr zu lockern, Ein solcher Mangel an Zusammenhang aber führt allmählich zu einem Gegensatz zwischen Leitung und Bewegung und nimmt den einzelnen Zeilen der Zionistischen Organisation jedes Gefühl ihrer eigenen Verantwortung. Wir brauchen aber nicht nur eine verantwortliche Leitung, sondern eine Steigerung des Verantwortungsbcwußtscins in jedem einzelnen zionistischen Arbeiter. Das Problem der Verbindung zwischen der Leitung und allen Teilen der Bewegung technisch zu lösen ist, seitdem die Leitung in London sitzt, keinem Organisations-Department geglückt. Wenn wir nun den Rest des persönlichen Kontaktes beseitigen, ohne ihn durch zweckmäßigere oder bessere Mittel zu ersetzen, dann gefährden wir ernstlieh die Einheitlichkeit und die Schlagkraft der Bewegung. Dies muß auch bei den organisatorischen Reformen ־ (n Betracht gezogen werden. Das finanzpolitische Programm der Amerikaner, das schon auf der Karlsbader Jahreskonfercnz von Goldberg vertreten wurde, fordert die radikale Beschränkung des Keren Hajessod auf die Aufgaben der Immigration und landwirtschaftlichen Kolonisation. Der Notwendigkeit, das Erzlehungs- und Sanitätsbudget abzubauen, dürfte sich heute niemand mehr verschließen. Ebenso aber hat es sich besonders auf dein Dresdener Delegiertentag gezeigt, daß eine weitgehende Uebcreinrtimmumr in dem Punkte besteht, daß der Keren Hajessod einer Ergänzung