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Jüdische Rundschau · 1923-03-30 · Heft 26-27 (30.3.1923) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXVIII (1923)
Issue
Heft 26-27 (30.3.1923)
Date
1923-03-30
Page
– (sequence 1)
Language
German
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KiuuKJcr 26 / 27 Berlin, 30, HL If 23 AnzeB-cn-VcrwaHun*: Jüdische Rundschau G.m.b.IL, Berlin W15, Sächsische StraJeS. — Telephon; Amt Pinlzburg 6697, 6698 u, 6699. Anzeigenpreis für die achtitcspnltcneNonparcillczcile 300M. i ür hobr,Anreisen 150% Autiditif!. kilr Au11tn<11in,«r»t• 100% V.tuUxuichUg Anzeigenschluß: Diensta!; und Freitag nnchmittng 4 Uhr. י Telephon! Pfalzburg 66970.6653. Postscheckkonto: Berlin Nr. 17032. Für Oesterreich: Postsparkasseaamt Wien, Konto Nr. 156030. Für Tschechoslowakei! Post.:parkasr.cnamt Prag. Konto Nr.59410. — Redaktionsschluß Sonntag und Mittwoch nachmittag. — י״ג ניסן׳ תרפ״ג pef Zlontgraus_cf»rtro£>l das JCülstho Volk <310 SstiaJiunp dnor Öffentlich « rcchtSlch QQsRbortQD TlelraslStfa In XJIVIU. Jatir״. -Icr Proaramra.“ IM; » ich 1 41® W) 40 0'10;10? g(f l>0 '־״ 8 fix) 4.0*0 1• II.« Die nächste Nummer der ״Jüdischen Rundschau״ erscheint wc!>cn des I*. Ijadifcsfcs 6 מוס. April, Peßach H. W. Kleine Mnisehen, gewohnt Lebensrecht und Lcbcnsuntchalt täglich zitternd aus den Händen ihrer Vögte zu empfangen, tief überzeugt von der Herrschaft der Gewalt, auf Erden, harren ums Peßachopfcr vereint in ihren Be"- Iiausungcn der Erlösung, vom ״Würger“ nur getrennt durch blutbesprengte Türen. Hier, vom Ted bedroht, zur Erlösung bereit, müssen Menschen sich ehrlich auf ihr letztes Selbst besinnen. Wandlung vollzieht sich, Zurückt.au dien in Tiefen des Ungeborenen. Von Wandlung spricht auch die Haftarah des Sdiahbath chol hameed: Jcchcskcel sieht nicht mehr ein Chaos vertrockneter Knochen, durch die Geborgenheit in seinem Gotte schaut er das Ins-Lcben-Trctcn der willenlosen Scherben. Die kraftlosen Knochen streben zu einem lebensvollen Ewigkeitskörper zusammen. Jcclieskcels heimliche Erfahrung hat aber neben ihrem kosmischen einen politischen Sinn. Es wird nicht physisdics und geistiges Werden schlechthin geschildert, sondern ausgesprochen jüdisch-palästinensische Zukunft soll trösten und zu Entschlüssen wecken. — Mau mag vom rein religiösen Standpunkt aus derartige Verquickung Metaphysik und Politik verwerfen, zur Eigenart wichtigstcr Teile jüdischen Prophetenttuns gehört sic. Ihre Trennung rädit sich. Auch Peßach verhüllt dem seine Pradit, der ihn durch getrennte Kategorien erkennen will, die sadduzäisch-aufgcklärt nur einen Bericht eines unwissenden oder gar fälschenden Skribenten in der Ausnigsgcschichte sehen und bestenfalls die Tatsache ״Befrciiing aus Aegypten“ gelten lassen wollen, entziehen sidi dem Wirken aufbauender, jüdisch-menschlicher Kräfte. Und die ihre Religiosität ״rein“ erhalten wollen, müssen zur Allegorie ihre Zuflucht nehmen. So ist für Piiilo-Acgyptcn, das vom Nil seine Fruchtbarkeit empfängt, das Symbol irdisdien, Palästina, das der Regen von oben nährt, Symbol himmlischen Mensdientums. Die Wanderung ist ihm Wandlung des sinnlichen zum geistigen /.'..־’tischen. Peßach ist Zeit der Wandlung. Nicht wie Purim, wo ein von außen drohendes Unglück durch geschickte Züge abgelcnkt wird; nicht wie Chanukkah, wo das Volk sich erhebt und so Geschick wandelt; auch nicht ganz wie die ernsten Herbsttage, wo wir ״sündenrein“ zu werden streben. (Aber wohl* gemerkt: es gellt auch hier nicht eigentlich um den Kampf mit der Legion einzelner ״Sünden“, sondern um das ״Umstellen der Lichter“, um die Teschubah.) Es handelt sich also bei Peßach weder um ein Fest jüdischer Diplomatie, noch jüdischer Politik, noch jüdischer Moral, sondern um die historisch-metaphysische Aufgabe, uns ganz — «als Menschen und als Juden — in jenen Zustand der Wandlung einztilebcn, in dem unsere Väter an jenem ewig und historisch denkwürdigen Peßach in Mizraim lebten. Wir dürfen uns nicht nur dessen entsinnen, was wir von Peßach׳ in unserem Wissen haben, wir müssen uns er-innern. Peßach ist Zeit der Erinnerung. ״Wären wir alle erfahren in Weisheit, Denken, Heben und Lehre, so wäre es uns doch Pflicht, vom ägyptischen Auszug zu künden“, selbst — so meinen die meisten Chachatnim — ״in den Tagen des Maschiach.“ ־־ Denken wir uns jeder sich selbst als Einzelmenschen wm allem Erdenleid befreit in seine ewige Heimat eingegangen, so wäre eine der beglückendsten Fähigkeiten die Rückerinnerung an dieses, sein leibliches Leben. Diese Rückerinnerung müßte ״hindurchgelicn durch die Pforte der Wandlung, des Hinüberschreitens, des Peßach. An diesem Punkte könnte sie gleich den Januskopf in zwei Gelten sehen. — Auch int Augenblick volklicher Seligkeit ist die Erinnerung an den Augenblick der Erfüllung des eisernen Entschlusses, ״aus Aegypten auszuziehen“, die fruchtbarste und beglückendste geschichtliche Re* winiszenz. — Peßach ist Zeit der Naturnähe. Wenn draußen alles die Frohbotschaft jubelt: ״Eis Kälte sind gebrochen, Zeit neuen Werdens ist“, da dfinct sich auch der Mensch, vom neuen Wunder zu erfahren: Scliir haschirim. Der durch Wandlung und Erinnerung wiedergeborene Mensch sieht die Dingwelt in ״tucm, leuchtendem Licht. Alle Peßachmotive zusamtnenfassend, tröstet in den akunfisfrohcn Frühling hinein als Finale die Haftarah des tazlen Peßachtages: ״Es wohnt der Wolf beim Lamm, ״cr Leopard lagert beim Zicklein, der junge Löwe schreitet ^['trächtig zwischen Kälblein und Masttier, ein kleines' j ist ihr Hirt.“ I So sieht׳ s Jcschnjahu, der von sich sagen darf: I ״Mein Gott äst meine Hilfe, ich bin geborgen und wehte mich nicht.“ Diese Sicherheit wünscht er auch ' M'nen Brüdern. Wir aber sind nirgends sicher. Nicht im Zeitlichen Und nicht im Ewigen. Wir fürchten uns gar sehr. Bereiten wiruns, das Peßacbwujider zu empfangen *i ווי *4* 'i «■Mit1 1 * * > N %j) Die Ugfiiula * Frage Aus dem Anfang April erscheinenden dritten Bande der Tnpebüchcr Theodor Ilcrzls, mit dem das Werk abgeschlossen vorlicgt, stellt uns der Jüdische Verlag, Berlin NW 7, den folgenden Abschnitt zum Vorabdruck zur Verfügung. Der Verlag eröffnet aut den dritten Band, sowie auf das gesamte Werk eine Subskript i o 11. Bei Bestellung und Bezahlung bis 5. April 1923 ist der Preis des in Ganzleinen gebundenen Exemplars Grundzahl M. 18, die mit der Schlüsselzahl des Jüdischen Verlages, zurzeit 1400, zu multiplizieren Nt. Nach Subskriptionsschluß wird der Preis auf Grundzahl M; 21 erhöht. Bis zu demselben Tage ist der Preis aller drei Bände in Ganzleinen und Kassette Grundzahl M. 55, später M, 60. Bestellungen durcli jede Buchhandlung oder an den Jüdischen Verlag, Berlin NW 7. Dorothcenstr. 35. Nachdruck vorboton. Copyright 1823 by Jüdischer Verlag, llorlin. 19. August (1904), Alt-Aussee. Brief an Bacher: Verehrter Freund! ״ Aus Rußland bin ich auf einen Tag hierher zu meiner Familie gekommen und gehe jetzt nach Basel zum Kongreß. Obwohl wir in der Judenfrage jahrelang getrennte Wege gegangen sind, glaube ich doch, Ihnen sagen zu sollen, daß in Basel etwas Vorkommen wird, was die ״Neue Freie Presse“ nicht mehr versäumen kann. Ich habe aus Rußland ein IDokument von höchster allgemein-politischer Bedeutung mitgebracht, das ich dem׳ Kongresse irgendwie mitteilen werde. Bereiten Sie sich vor, es zu bringen, denn cs wird nicht möglich sein, cs nicht zu bringen. Die Bewegung und ich brauchen die Publikation in der N. Fr. Pr. nicht, aber die N. Fr. Pr. braucht sie. Leider kann ich Ihnen das Schriftstück nicht frühergeben, so gern ich cs auch aus Freundschaft täte. Ich kann es nur dein Kongreß übergeben. Englische und nainentlicli amerikanische Blätter wären dafür un* gemein dankbar. Mit den besten Grüßen -; Ihr ergebener Hcrzl. Ich gebe es Ihnen anheim, sich aus London oder Berlin telegraphieren zu lassen: Dr. Herzl hat sich eine Woche in Petersburg aufgehalten und mit der Regierung, namentlich den Ministem von Plehwe und Witte, zugunsten der Juden verhandelt. Die Ergebnisse dieser Unterredungen dürften dem Zionistenkongreß mitgctcilt werden, der sich am 23. August in Basel versammelt. 19. August, im Coup6 vor Innsbruck. Im Coupd zwischen Bischofshofen und Lcnd-Gastcin hatte ich die unerwartete Begegnung mit dem Fürsten Philipp Eulenburg. ' Er fuhr nach Gastein. Ein rasches großes Gespräch. En deux temps trois mouvements hatte ich ihm den jetzigen Stand der Dinge geschildert. Ich sah sofort den Vorteil ein, Deutschland wieder* *«gewinnen. Ich will Wilhelm II. mit Vergnügen den Ruhm zuschanzen, sich an die Spitze zu setzen, nachdem ich die damals entgegengestandenen diplomatischen Schwierigkeiten une ä une beseitigt habe. Eulenburg fragte mich, ob er Bülow das, was ich ihm gesagt hatte, schreiben solle. ״Bülow“, sagte ich, ״ist ein alter Gegner unserer Sache. Er wird auch jetzt dagegen sein. Aber wenn Sie schreiben wollen — dem Kaiser! Er hat es damals verstanden.“ _ ,! ״Kann ich auch tun.“ j! Und dabei vcrbli bcil wir. ' 1 Er fand es kolossal, was ich in Rußland erreicht habe. Die Antwort, die sie Rooscvelt verweigert hatten, mir gaben sie sie. Wie ich mir das erkläre? fragte Eulenburg. ״Erstens mit ihrer Schwierigkeit, die sic haben. Zweitens damit, daß ich ein machtloser Mensch bin, dem sie Rede stellen können, ohne sich etwas zu vergeben.“ Er nickte. Bevor er ausstieg, bat er mich noch', ihn meiner Mutter vorzustcllen, und sagte ihr, daß er mich verehre. So habe ich durch ein Reiseimpromptu die deutsche Beziehung wieder aufgefrischt. 22. August, Basel. Der sechste Kongreß. Das alte Treiben. I ' Ich habe Herzzustände vor Ermüdung. Wenn ich es utn Dank täte,- wäre ich ein großer Narr. Gestern gab ich dem ״großen A. C.“ meinen Berieht. Ich brachte England und Rußland. Und es streiftekeinen von ihnen auch nur sekundenlang der Gedanke, daß mir für die größten der bisherigen Leistungen ein Wort, ja ein Lächeln des Dankes gebühre. 31. August, Konstanz am Bodensee. Der schwere, große sechste Kongreß ist vorüber. Als ich crschöpt mit den Freunden Zangwill, Nordau und Cowcn vom Kongrcßliause nach der Schlußsitzung zurückkehrte und wir uns in Cowcns Zimmer um eine Flasche Mineralwasser herumsetzten, sagte ich ihnen: Ich will euch jetzt meine Rede vorn siebenten Kongreß — wenn ich ihn erlebe — sagen. Ich werde bis dahin entweder Palästina haben oder die vollkommene Aussichtslosigkeit jeder weiteren Bet mühung eingesehen haben. Im letzteren Falle wird meine Rede lauten:! Es war nicht möglich. Das Endziel ist nicht erreicht und wird in absehbarer Zeit nicht erreicht werden. Aber ein Zwischcnrcsuitat liegt vor: dieses Land, in welchem wir unsere leidenden Massen auf nationaler Grundlage mit Selbstverwaltung ansicdeln können. Ich glaube nicht, daß wir um eines schönen Traumes oder um einer legi* timistischen Fahne willen den Unglücklichen diese Erleichtcrung vorenfhaltcn dürfen. Aber ich verstehe, daß in unserer Bewegung hiermit eine entscheidende Spaltung eingetreten ist, und dieser Riß gellt mitten durch meine Person hindurch. Obwohl ursprünglich nur Judcnstaatler — n'importe oü —! habe ich später doch die Zionsfahne ergriffen, und ich selbst bin ein Lover of Zion geworden. Palästina ist das einzige Land, wo unser Volk zur Ruhe kommen kann. Aber sofortige Hilfe tut Hunderttausenden not. Um diesen Zwiespalt zu lösen, gibt es nur eins: ich muß von der Leitung zurücktreten. Ich werde, wenn ihr wollt, euch noch die Verhandlungen dieses Kongresses leiten, und zum Schluß wählt ihr zwei Aktions-Komitecs, eines für Ostafrika und eines für Palästina. Ich lasse mich in keines mehr wählen. Aber ich werde denjenigen, die sich der Arbeit widmen, meinen Rat nie vorenthalten, wenn sie ihn verlangen. Und ich werde diejenigen, die sich dem schönen Traun! hingeben, mit meinen Wünschen begleiten. Durch das, was ich getan, habe ich den Zionismus nicht ärmer, aber das Judentum reicher gemacht. Adieu! | 1. September, im Coup6 zwischen Ischl und A'ussee. Gestern war ich beim Großherzog auf der Insel Mainau. Er war lieb und gut wie sonst. Wir gingen zwei Stunden im Garten hinter dem Schloß auf und ab. Beim Kommen hatte er lange meine Hand gehalten und mir gratuliert zu den so großen Erfolgen. Aber als ich ihm meine jetzige schwierige Situation zwischen Ostafrika und Palästina erklärte, da wurde er ernsteren Bedauerns voll. Wieder besprach er mit mir ausführlich die Weltlage. England strebte danach, Deutschland zu isolieren. Frankreich habe eigentlich die russische Freundschaft schon satt. Im Orient hänge alles davon ab, ob es nicht zunt Kriege zwischen Oesterreich und Ungarn kommen werde. ■ Das sei nicht zu befürchten, meinte ich, weil Kaiser. Franz Joseph Ungarn noch immer wieder auf Kosten Oesterreichs befriedigen könne. Meine Anregung, daß Kaiser Wilhelm jetzt, wo es mir gelungen sei, Rußland und England zu gewinnen, sich wieder an die Spitze der Aktion setzen möge, ließ der Großherzog sachte fallen. Er wolle dem Staatssekretär Baron Richthofen aber meine Basler Kongreßrede und Plehwes Brief sowie das englische Dokument schicken. Dann möge Richthofen die ganze Sache geschäftlich für den Kaiser vorbereiten. Ich fragte, ob Deutschland nichts dagegen haben würde, wenn Rußland sich an die Spitze der Sache setzte. ״Im Gegenteil!“ sagte der Großherzog.; ״ ־Das würde uns die Sache erleichtern. Wir könnten uns dann gleich Rußland anschließen. Wir haben ja den Wunsch, mit Rußland auf gutem Fuß zu bleiben.“ Dies war eigentlich der Kern der langen Unterredung. An ׳einer Stelle blickte der gute alte Fürst gerührt: als ich ihm sagte, wir würden auf das gute Land in Ost* afrika gern verzichten, für das schlechte in Palästina. Ich würde es insbesondere als eine Ehrenrettung für uns habgierige Juden ansehen, wenn wir auf das reiche Land wegen des armen verzichteten. Es war halb zwei, als ein Diener ihn abrief. ״Ich lade Sie nicht zum Essen ein, utn Ihnen die Bc* kanntschaft all der Leute zu ersparen.“ ’ ־ •Und ich mqge ihm• oft schreiben. %

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