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Jüdische Rundschau · 1923-03-06 · Heft 19 (6.3.1923) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXVIII (1923)
Issue
Heft 19 (6.3.1923)
Date
1923-03-06
Page
– (sequence 1)
Language
German
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R.“ Aus den in den Ländern zerstreuten Gruppen des [Icdiaiuz versammeln sich in dieser Woche Vertreter •u einer Aussprache darüber, auf weichem Wege die A'iijilt zu erleichtern, die Hachscharah zu vervollständigen, die Bewegung zu starken sei. Vor einigen Jahren, als die chinesische Mauer, die svährend der Kriegsjahre das Land umschloß, eben fiel, 31s die Tore sich eben zu öffnen begannen und die liech,thiz-ßcwegung entstand, war sie nichts als ein Aufbruch der Ungeduldigen, die im Dunkeln sieh losrissen. Land und Hoffnung waren in Ungewißheit geliüllt. Nur innen im Herzen Einzelner und Zerstreuter ieucliietc die Gewißheit der Pflicht, die Freude restloser Hingabe, das Glück der Verwirklichung. Und diese innere Helle zerteilte die Finsternis und erzwang sich einen Weg über Grenzen, durch alle Nachkriegshöllen!!:!!durch. Vor dem entfachten Willen dieser Starken inchcn die Ungeheuer der Wirklichkeit. Niemand wußte Bescheid, was der Morgen bringen würde; aber wessen Herz war nicht von der Vision dieses Morgen erfüllt? ITd sic mißachteten jegliches Hindernis und fanden Freude an jedem Opfer und brachen auf. Niemand hatte sie gerufen. Kein Zionistenkongreß ®i keine Exekutive hatte die Pflicht der Uebersiedlung ®geschrieben. Aus eigenem Antrieb kamen sie und;!;!verabredet. So fallen reife Früchte ab, so bahnt sich;in Quell seinen Weg. Und es war, als hörten wir die -:inunc unseres innersten Lebens, als wäre den Urkräften 5 uns Sprache verliehen. Und als sic ins Land gelangten, fanden sie im Lager ir Arbeiter wesensgleiche Genossen, gleich im Können ad Wollen. Und sie gesellten sich zu ihnen und überuhmen mit ihnen das Joch der Arbeit, deren Leiden :,:;nso unendlich sind wie deren Glück, und über der Träume von Propheten schweben. Welcher Wissende;ibe nicht zu, daß, was an Wesentlichem und Eigent- 1!:־cm in diesen Jahren der Hoffnung und der Unruhe worben wurde, aus ihren Händen stammt und auf 611 ruht? Und während dieser Strom noch im ersten Anclnvellen war, ließ man eine Schleuse herab, um ihn 1׳! dämmen. Wiederum und auf der Schwelle der Hei- :nat, wurden Aufseher eingesetzt, uns zu prüfen und uns zu zählen, damit wir nicht zu zahlreich ins Land kommen möchten. Gewaltsam wurden die Wellen, die den Segen tnjgen, zurückgewotfen. Jetzt sind die Brüder der Nuris-Leute zerstreut in allen Gemeinschaften des Hechaluz: in Grochow und in Poladnogi, in Misehmar ha Wolga und in Kiscliinews Umgebung, und in den Hechaluz-Hcimcn in Warschau, in Rowno, in Konstantinopcl und Galatz, und in all den kleinen Städtchen der Provinz. Sie bctwingen in sich den Sturm des Herzens und widmen sich mit Kopf und Hand der fachmännischen Ausbildung, der getreuen Durchdringung aller Arbeitszweige auf dem Felde und in der Stadt, dem Verstchenlernen von Arbcits- und Lebensbedingungen in Palästina, der seelischen und listigen Vorbereitung auf jenes Leben, mit dem schon jUzt ihr Schicksal verbunden ist. Inzwischen klärte und vertiefte sich dieses Leben. Der Schleier schwand. Aus den Wirren der ersten Tage, die durchtränkt waren von Hoffnung und Verzweiflung, von Blut und Bitternis, von Mühsal und Licht, zeigte sich etwas wie ein Weg. Und dieser Weg ist lang und müha!n und voll von Verhängnis; und er verlangt Geduld 1״d Wissen, getreuen Geist, fleißige Hand, Hartnäckig- und wachen Verstand. Da wandelte sich der Hechaluz. Aus einem Aufbrueb der Ungeduldigen wurde er zu einer Bewegung derer, die sich vorbereiten, voll erzieherischer Inhalte. Die Vertreter dieser Bewegung versammeln sich Hzf, uni zum ersten Mal im Lichte dieser ihrer gemeinsamen Erfahrung sich Rechenschaft von ihrem Wege zu »kn. Aber genügt es etwa, daß sie voreinander Rechen- Schaft ablegen werden? Und die große jüdische Oeffcnt- Fchkeit, die sicli um die Arbeit in Palästina schart und ,von il!rer Heimkehr träumt — hat nicht auch sie sich Rechenschaft abzugeben von ihrer Beziehung zu dieser Aiijah-Bcwcgung?Vnd hat selbst der organisierte Zionis- 11™s sich seine Pflichten gegen diese Bewegung zur Genüge klargemacht und was an ihm war, davon erfüllt? Seit dem Bestehen des Zionismus bis auf den heu- %n Ing bat das Volk der Bewegung kein solch kost- >)a!cs Gut anvertraut wie jene zehntausend jungen Men- Etl|en, die als Pioniere vorangingen und sich selbst vollständig dem Werke weihten.. Ist zum mindesten alles Cvschehcn, damit’ihr Opfer angenommen werde? Hat 111211 dieses reiche anvertraute Gut auch genug behütet, damit sein Glanz nicht dunkle, seine Frische nicht schwinde und sein Segen nicht zerstört werde? Wo war die Mutterhand, die sic pflegte und um sic sorgte? Gibt cs doch solche, die um jeden Pfennig zittern, und die vor jedem bösen Machtspruch in Verzwciflung geraten. Wer aber trägt Sorge um den Verlust unseres teuersten Gutes, und warum gerät niemand in Verzweiflung bei dem Gedanken, daß selbst dieser echte Quell nicht unerschöpflich ist und daß auch er eines Tages ärmer werden und versickern könnte, da keiner sich kümmelt, und keiner hilft und keiner darauf achtet. Der Name Hechaluz' ist zwar hoch erhoben und in aller Munde. Zionist und Nichtzionist, Alt und Jung, wer wäre nicht auf ihn stolz? Und dennoch, wie tief ist die innere Fremdheit, die dieses Verhältnis zum Hechaluz beherrscht, selbst bei vielen der besten Zionisten. Mit Vorsicht und Mißtrauen, zuweilen auch mit heimlicher Augst sieht man auf die Organisation des Hechaluz und ihr Wachstum. Man lobpreist, aber hält sich zurück, alle rühmen und verherrlichen sie, und niemand hilft. Selbst in vielen jener Dithyramben herrscht diese seelische Entfremdung und die Distanz. Als vor anderthalb Jahren die Weltorganisation des Chaluz geschaffen wurde und vor die Ocffcntlichkcit trat, um Hilfe und Beistand zu fordern, da stieß sic auf diese Fremdheit und auf jenen Argwohn, der ihr zugleich mit Ucbcrrasehung und Unlust begegnete. So gab es Vertreter von Hilfsorganisationen, deren eigentliche Aufgabe die Uebcrführung jüdischer Massen zu produkiiver Arbeit ist, die in dem arbeitenden Hechaluz nicht die Verwirklichung ihrer Bestrebungen erkannten und sich ihm und seinen Institutionen gegenüber fremd verhielten. Und cs gab Beamte der Emigrationsbüros, die ihre Kassen verschlossen, sobald die Chaluz-Emigration an sie iicrantrat. Selbst unter denen, welche bereit waren, Gelder für die Zwecke der Hachschara und Alijah der Chaluzim hcreitzustcllen, waren solche, die als Vorbcdingung für jede Hilfe Sicherheiten über Sicherheiten forderten. Und wenn auch alle Bedingungen erfüllt wurden, wurde das Versprechen nicht immer cingchaltcn, wenn es oft auch in alten Einzelheiten formuliert, zum Bcsclduß erhoben und der Ocffentlichkeit bekanntgegeben war. Auch in zionistischen Kreisen fehlte es nicht an solchen, die in Unruhe gerieten, als sic sahen, daß die Chaluzbewegung sich anschicktc, ihr Schicksal in eigene Hand zu nehmen. Sie versuchten, ihr die Flügel zu stutzen und versuchten, sic auf einen ihr wesensfremden und ihrer Natur nicht gemäßen Weg abzudrängen. So wie viele von denen, die im Judentum vom Traum der Arbeit beseelt sind, in der Chaluzbewegung nicht die wahren Erfüllcr ihres Strcbcns sahen, so vermochten auch viele Zionisten in der Schar dieser Vorangehenden nicht die wirklichen Vollstrecker ihres Ideals zu erkennen Beide sind jederzeit bereit, die Leistungen des Chaluz im Lande zu preisen und zu rühmen, aber beide sind noch verstrickt in jenem Netze von Mißtrauen, innerer Fremdheit, mangelnder unmittelbarer Beziehung. Und solange sich dieses Verhältnis nicht von Grund auf geändert hat, kann kein Segen sein. Möge die Zusammenkunft der Delegierten der Hcchaluz-Bcwcgung eine Stunde des Wachseins und der Erleuchtung für alte sein, die innerhalb ihrer stehen, aber gleichzeitig damit auch eine Stunde der Besinnung und Rechtfertigung für die vielen andern, die sich um unsere Hoffnungen scharen. Mögen sie ihr Herz den Bedürfnissen und Leiden des Chaluz öffnen, und endlich wahres Vertrauen fassen zu den Aufbauenden! Salman Rubaschoff. Die Beschlüsse der ArbeHcrkonfcrcnz lieber den Abschluß der allgemeinen Arbeiterkonferenz, über deren anfänglichen ,Verlauf wir den Artikel unseres Redakteurs, Herrn Dr. Wcltsch, brachten, liegen uns noch keine Nachrichten vor. Wir geben•* nachstehend den Bericht des J.C.B. über die angenommenen Beschlüsse: ״Die Konferenz der Histadruth Haowdim beschloß, in die Amsterdamer Internationale e'nzutrctcn. Von den anderen Beschlüssen der Konferenz sind hcrvorzuiicbcn: Unterstützung des Keren Kajemeth mit allen Kräften, Organisierung landwirtschaftlicher Vororte in der Nähe der Städte, ,Vorbereitung zur Begründung einer hebräischen Arbeitersrehule in Palästina, Absendung von Delegationen zur Erweckung des Palästina-Interesses im Galuth, sowie ein Protest gegen die Beschränkungen der Einwanderung.“ Die Meldung über den Eintritt in die Amsterdamer Internationale ist mißverständlich. ,Es handelt sich scibstvcrständlieh um Eintritt in die Ocwcrkschaftsinternatiönalc, nicht in;die sozialistische zweite Internationale,! Weitere Exzesse in Rumänien Zusammenstöße In Jassy Bukarest. (J.€. B.) In Jassy kam es am 2t. Februar zu neuen schweren Zusammenstößen zwischen cxzcdicrcnden Studenten und dem Publikum, welches die Verbrennung der geraubten Exemplare der liberalen Zeitung ״Indrumarea“ ver* hindern wollte. Auf beiden Seiten gab cs mehrere Verwundete, die in den Apotheken verbunden wurden. In der Nacht wieder* holten sich in verschiedenen Stadtteilen die Angriffe anti* semitischer Gruppen auf die jüdische Bevölkerung. Ausschreitungen In Czernowilz Bukarest. (J.C. B.) In der Hauptstadt der Bukowina, Czcrnowitz, kam es am 23. Februar in einem Cafdhaus zu Zusammenstößen zwbchen hakcnkrcuztragcndcn rumänischen und jüdisch-nationalen Studenten. Obwoiil die rumänischen Studenten die Angrciicr waren, wurden von der Polizei vier jüdische Studenten in Haft genommen. Die Lokalitäten der jüdisch-national akademischen Verbindungen ״Hasmonea“ und ״Hcatid“ wurden von ci.rdringendcu rumänischen Studenten demoliert, ohne daß die Polizei eingeschritten ist. Auf Intervention einer jüdischen Deputation bei den Landesbehörden wurden die vier jüdischen Studenten am nächsten Tage aus der Haft freigclassen, cs wurde ihnen aber von der Polizei eine viertägige Arrcststrafe wegen Entfernung der Hakenkreuze aus den Kleidern der rumänischen Studenten zudiktiert. ln der Stadt herrscht über die Vorfälle große Aufregung. Die Lage in Beßarabicn K i s c h e n c w. (J. C. B.) ״■ ,Golos Kischcnewa“ fordert angesichts der fortdauernden Exzesse in Beßarabicn und des wachsenden Chauvinismus die Errichtung einer jüdischen Universität zum Schutze der Kultur der jüdischen Minderheit Das Blatt tritt der Forderung Prof. Cuzas in seinen jüngsten Versammlungen nach Ausweisung a'ler seit 1914 in den neuerworbenen Gebieten Rumäniens angesiedelten Juden schärf* stens entgegen. Nach ״eben der rumänischen Sludenfen? Wiedereröffnung der Universität in Bukarest Die Frage der jüdischen Leichen Bukarest. (J. C.'B.) Der rumänische Unterrichts* minister Anghelcscu empfing eine Abordnung der Bukarcstcr Studentenschaft, die ihm den Beschluß der Kollegenschaft kundgab, von der Forderung des numerus clausus abzuschcn,jedoch auf der Forderung nach jüdischen Leichen für die Anatomie zu beharren. Daraufhin verfügte der Minister die Wiedereröffnung der Universität für den 5. März. Minister Anghelcscu lud den Generalsekretär des Verbandes der rumänischen Juden, Dr. Magd er, zu sich und besprach mit ihm die Leichenfrage. Dr. Magder gab die Versicherung ab, daß die jüdische Gemeinde in dicserBcziehungmöglichstentgegcnkommen wolle. In Begleitung Dr, 'Magdcrs erschien der Minister in der Universität und hielt dort vor den versammelten christlichen und jüdischen Studenten eine Ansprache, in welcher er seine Genugtuung darüber ausdrückte, daß die Ruhe zwischen den christlichen und jüdischen Studenten endlich hcrgcstelit und die wissenschaftliche Arbeit fortgesetzt werden kann. Die Frage der Leichcnlielcrung betrachtet der Minister als geregelt. Der Minister sagte zum Schluß wörtlich: ״Ich werde cs niemals zugeben, daß der Friede auf der Universität je durch das Schlagwort des numerus clausus gestört wird.״ Der oktroyierte jüdisclte Minister Protest der jüdischen Sejmfraktion. Kowno. (J.C. B.) Trotz des Beschlusses der jüdischen Sejmabgeordneten, die Sitzungen des Sejm so lange zu boykotticren, als der Wahlraub an den Minderheiten nicht wieder gutgemacht ist, erschienen die drei jüdischen Scjinabgeordrieten J. Brutskus, J■ Berger und L. Garfunkel am 27. Februar im litauischen Sejm und meldeten ihren Protest an, gegen die Ernennung Friedmanns zum Minister für jüdische Angelegenheiten. Die jüdischen Abgeordneten erklärten, daß diese Ernennung von der ganzen jüdischen Bevölkerung Litauens als tiefe Beleidigung und als Verletzung des Prinzips der nationalen Selbstverwaltung empfunden wird. Der neue Minister besitze absolut nicht das Vertrauen der jüdischen Bevölkerung. Nachdem die jüdischen Abgeordneten im Sejm erschienen waren, näherte sich ihnen Minister Fricdmaim und streckte ihnen die Hand entgegen. Die Deputierten ignorierten seinen Gruß vollständig. Der Minister geriet darauf in eine sehr aufgeregte Stimmung, Auf die litauischen Abgeordneten machte dieser Vorfall sichtlich einen starken Eindruck. In einer Proklamation an die Bevölkerung rechtfertigen die jüdischen Abgeordneten ihren Schritt und sagen, der Sejm sti der kompetente Richter in dieser Frage, und sie hielten cs daher für unmöglich, in einem so verantwortlichen Augenblick nicht die jüdische Ehre vor der höchsten'4nstanz des Landes zu verteidigen. Kowno. (J.C, B.) Am 28. Februar wurde der neue Minister, Richter Friedmann, in sein Amt eingefühlt. An demselben Tage haben sämtliche Beamte des Ministeriums ihre Demission eingereicht und erklärt, daß sie unter der neu geschaffenen Lage nicht länger arbeiten können.

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