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Jüdische Rundschau · 1923-03-02 · Heft 18 (2.3.1923) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXVIII (1923)
Issue
Heft 18 (2.3.1923)
Date
1923-03-02
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Man erzählte von den unanv0!mlid1cn Szenen, die sich bei der Erüffnungssiiztingf abgespielt haben, wo nicht nur der größte Saal Tcl-Awiws, das Kino, bis zum •k; en Plätzchen dicht ׳edriingt gefüllt war, sondern die Vielen, die keinen Einlaß mehr fanden, das Haus umdrängt hielten und manche durch die Dachluken hinciiizudrängen ver-;״achten und den ganzen Abend zwischen Himmel und Erde schwebend mit ungeteilter Aufmerksamkeit den Vorgängen im Saale folgten. Aber die Aufmerksamkeit und das Interesse halten unvermindert an. Jeden Tag Et der Saal dicht gefüllt, und die Versammlung lauscht mit gespanntester Anteilnahme den Diskussionen. Das E;!d, das diese Versammlung bietet, weicht wesentlich;b von dem Anblick sonstiger zionistischer' Kongresse und Tagungen. Diese Versammlung ist kein parlamcn-!arisches Gebilde, sondern ein lebendiger Organismus voll gespannter Kraft; ihr entscheidendes Merkmal ist dieser unmittelbare Zusammenhang, diese völlige Veruiuknheit mit den realen Dingen des Lebens und der •Arbeit, über die hier gesprochen wird, dieser — trotz;;:;en Nuancen — einheitliche Aufbauwille einer sich ■ ־:nz als nationale Avantgarde fühlenden Gemeinschaft. Die Konferenz bestellt aus mehreren Fraktionen; lestäikstc ist der ״Sozialistische Block“, dessen Kern Vciiduth Haawoda“ bildet; er erhielt 2733 Stimmen, ie zweitstärkste Gruppe ist Hapoiil Haza'ir mit 1539 :!neu, einer unerwartet hohen Verhältniszahl, die .oiigegen andere lautenden Nachrichten) durchaus als ,־;oller Erfolg des Hapoiil Hazai'r-Programms empfunden ird. Neben diesen zwei großen Parteien sichen noch ,uva 6-S kleinere Gruppen, darunter die linkestc, die GUbeitcrfraklion“ .(kommunistisch) und deren rechter ״heilbar, der ״Irgun“, die palästinensische Gruppe der Sozialdemokratischen Poale Zion“ (Rewuzki-Gruppe); mer geiiören zu den kleineren Gruppen der Gdud ‘Awodali, der , Hasciiomer* Haza'ir u. a. In den vielen;'schwierigen Fragen, die die Konferenz beschäftigen,! Eben alle diese Grüppen ihre eigenen Anschauungen, und es ist nicht immer leicht, sich darin zurechtzufinden. Der Verschiedenheit der ökonomischen Prinzipien und des sozialen Ideals gemäß, die die betreffende Gruppe in ihrem Zusammenleben verwirklichen will, stellt sie Forderangen an die Gesamtheit. ■ Die zweite Konferenz der Arbeiterschaft, die jetzt zwei Jahre nach der in Haifa vollzogenen Einigung i Zusammentritt, stellt vor ganz neuen gewaltigen Pro»;Keinen. Die entscheidende Tatsache, die der palästincn- י sisckn Arbeiterschaft eine ganz andere Struktur gibt als (sie bisher hatte, ist das Anwachsen der städtischen , Arbeit. Als vor drei Jaiiren der große Strom der Alijah , sieh ins Land zu ergießen begann, träumten die Chaluim von baldiger Ansiedlung in der Landwirtschaft.; Es iiat sich bald erwiesen, daß dieser Traum nicht in ' Wüllung gehen konnte. In Wirklichkeit konnten nur ha 500 neue Chaluzim in der Landwirtschaft unter׳ ׳״׳rächt werden, und heute sind nur etwa 20 0/0 aller Arbeiter in der Landwirtschaft tätig. Von den anderen hd ein Teil bekanntlich Beschäftigung bei den Straßen Eliten der Regierung. Diese gaben Anlaß zur Bildung v«! Baugenossenschaften, die allmählich in dem ״Amte öffentliche Arbeiten“ (״Misrad laawodoth ziburioth“) «׳!!zentriert wurden. Das Amt für öffentliche Arbeiten '׳;aide bald die wichtigste Institution der Histadrut, die "י(« kooperative Tätigkeit auf das ganze Bauwesen aus׳ *linte. Es gelang ihm, die Arbeiter allmählich in den ',crscliiedenen Zweigen des Baugewerbes fachlich zu ver- ״''׳:ommneu, immer mehr Arbeiten zu übernehmen und kooperativ zu organisieren. Bald wurde der Misrud das?oßc Reservoir für Aufnahme und Beschäftigung der »acn Einwanderer. Bis vor kurzem war die Vorlierr• häaft des landwirtschaftlichen Arbeiters in Palästina un- «;zweifelbar, nun plötzlich tritt die Figur des städtischen Arbeitern neben ihn. Und ebenso Wie in der Landwirt- Kliaft neben den kooperativ arbeitenden Genossen der Kv.mzoth eine Anzahl von Arbeitern bei den Kolonisten Privat Arbeit gefunden haben, so vermochte auch in den Stielten der Misrad nicht idle Arbeiter zu erfassen, son P‘T eine große Menge von Arbeitern ist in privaten Dnterndunungen beschäftigt; diese hat die Histadrut gewerkschaftlich organisiert. Dazu kommt die Schwierig- - ejt, daß die Histadruth nicht nach rein gcwerkschaft- .tuen Prinzipien verfahren kann, da sie unter dem ״«ständigen Drucke der Arbeitslosigkeit steht, die durch 0* Immigration stets von' Neuem verursacht werden muß, .-. Die Zweiheit der Aufgaben, die sich die Arbeiterschaft gesetzt hat: nationale und soziale Befreiung, führt bei der städtischen Arbeit zu viel akutcr'en Konfliktcn als bei der landwirtschaftlichen. Die Organisntion eines städtischen Proletariates׳ ist schwer anders als nach den Prinzipien des Klasscnkampfcs denkbar. Ein großer Teil der Arbeiter, die im Hapoel Haza'ir organisiert sind, und deren Menfalität vorwiegend eine bäuerliche ist, widerstrebt einem solchen Programm entschieden und betont demgegenüber immer die Einheit des Volkes, das ein viel stärkerer und realerer Faktor ist als etwa das internationale. Proletariat. Auf der anderen Seite widerstrebt die äußerste Linke jeder koeperntiven Tätigkeit und befürwortet eine rein geweiltsciiattliclrc Organisation der Arbeiterschaft zur Führung des Klasscnkampfcs gegen den privaten Unternehmer, der heute — wie der Redner der ״Arbeiterfraktion“ ausführte — auch ohne ideologische Triebfedern nach Palästina komme, so daß man diesem natürlichen Spiel der Kräfte den Aufbau überlassen kann, ohne die ״Chaluziulh“ als nationale Notwendigkeit zu proklamieren, ln der Mitte dieser Gruppen steht Achduth Haawodah, die sich ganz und gar die Parole des ״konstruktiven Sozialismus“ zu eigen gemacht hat, eines selbständigen kooperativen wirtschaftlichen Aufbaues in Land und Stadt. Die Redner der Achduth Haawodah vertraten auch in der Debatte den Grundgedanken, der uns stets als charakteristisches Prinzip des Hapoiil Haza'ir erschien: daß der Aufbau des arbeitenden Erez-Israel nicht nach irgendwelchen von außen herangcbrnchtcn theorclisciicn oder ideologischen Forderungen eriolgci. kann, sondern nur aus dein Leben heraus, aus der Wirklichkeit der gegebenen Bedingungen von Volk und Land, durch nationales Pioiiicrtuin. Der Unterschied zwischen Achdutii Haawodah und Hapoel Haza'ir hegt vielleicht nur darin, daß Achduth Haawodah die kooperative Aufbauarbeit als neue Form des Klassenkampfes bezeichnet, während Hapoel Haza'ir darin die Form der nationalen Erneuerung des Volkes sieht. In der Praxis stehen die' beiden Gruppen einander sehr nahe, und auch in der Arbeit wird ein Gegensatz kaum fühlbar; nur bei Konferenzen kommt •der Ge[!e11satz unvermeidlich wieder hervor, wenn nitfn um Formeln streitet. Dagegen ist der Gegensatz zur Linken ein. ungeheurer, weil dort nur Negation ist, Negation des ganzen Lebenswerkes der palästinensischen *Arbeiterschaft, das die Kotnmunisten als romantische Naivctät bezeichnen, die nur reaktionäre Früchte trägt und der kapitalistischen Kolonisation den Boden bereitet. Nicht nur die Generaldebatte war von den Aus1einandersetzüngen mit den Kommunisten, die übrigens in CI1 awer Daniel einen vornehmen und ausgezcidineten Vertreter hatten, beherrscht, sondern auch die Debatte über das künftige Aktionsprogramm. Im Mittelptinkt dieser Programmdebatte stand der Antrag Ben Gurions auf Schaffung einer Chewrath Owdim, der ״Gesellschaft der Arbeitenden“, die mit der Histadruih identisch ist und als Genossenschaft registriert wird. Die stimmberechtigten Anteile sollen in den Händen der Genossen der Histadruth sein. Diese Chewrath Ovvdint ist die oberste Herrin aller der Histadrutli gehörigen Betriebe. Sic ist Eigentümerin der Produktionsmittel und regelt die Produktion. Sic ist in Tochtergescllscliaften nach den verschiedenen Berufsgruppen gegliedert; die Chewrath Haliitjaschwuth, die Genossenschaft der landwirtschaftlichen Kolonisation, ist bereits vor zwei Wochen bei der landwirtschaftlichen Tagung in Pctach Tikwah gegründet worden. Das! Wesen der ״Chewrath Owdim“, ihre Funktionen, die Tragweite ihrer Gründung, ist durchaus noch nicht geklärt. Auch innerhalb der Achduth Awodali, die diesen Plan mit besonderem Elan ianziert, gibt es darüber die vcrschicdensten Meinungen. Viel Widerstand findet der extreme Zentralismus, der in dem Vorschlag enthalten ist. Eine der interessantesten und am meisten diskutierten Fragen ist, in welcher Welse innerhalb der Chewrath Owdim ein Ausgleich der Arbeitslöhne herbeigefülirt werden soll. Die Forderung der ״Hasdiwaat Mechirim“, der Ausgleichung der Löhne, wird von einem Teil der Delcgierten mit großer Energie vertreten; ein anderer Teil ist dieser Forderung gegenüber ziemlich zurückhaltend und eine dritte, allerdings kleine Gruppe, hält sie für vollkommen utopisch. Dennoch ist die Forderung tatsächlich in einem großen Teil der Betriebe der Histadruth bereits durcligcführt, angefangen von den landwirt; schädlichen Kwuzoth, wo sie sich als sclbstvcrständ* lieh ergibt, bis zu gewissen Kooperativen, bei denen der Leiter und Ingenieur, sofern sie Chawerim sind, denselben Lohn beziehen,1 wie der Diener,' oft sogar einen geringeren, wenn der Diener etwa' ein׳ Kind mehr hat als dci; technische oder, kommerzielle Leiter. Dies־ klingt fast unglaublich, wenn man es fern von Erez-Israel liest oder, hört; e$ wird dem versföndlicHj der auch mir einer Versammlung dieser einzigartigen Arlx'iterkoiifcienz beigewohnt hat. Die Menschen, die hier versammelt sind, fühlen sich tatsächlich als Träger und Werkzeug einer historischen Aufgabe. Sie sind völlig davon durchdrungen, daß außer ihnen, außerhalb der Arbeiterschaft, keine Kräfte im jüdischen Volk vorhnnden sind, die das Land für das Volk aufbaucn können. Was für ein gewaltiger Faktor die Arbeiterschaft Erez- Israels ist, fühlt man mit elementarer Gewalt, wenn man in diesem Saale sitzt und den ungeheuren Ernst dieser Hingabe an die Idee miterlcbt. Eine der Sitzungen war dem Andenken des Arbeiterführe re A. D. Gordon gewidmet, dessen ,Todestag gerade in diesen Tagen sich jährtc. Eine große Zahl von Rednern, erzählte Erinnerungen an diesen Mann, der auch ,nach seinem Tode im Herzen der Arbeiterschaft lebendig ist., Man bekommt einen Begriff davon, was diese Gestalt für die Arbeiterschaft bedeutet hat, ein Mensch, der nicht nur durch seine Gedanken, sondern vor allem durch sein vorbildliches Leben, durch seine Liebe zum Volk und zu den Menschen, der ״Erneuerung des Volkes durch die Erneuerung des Menschen“ den Weg gewiesen hat. Als erster Redner betrat das Podium die prachtvolle gedrungene Gestalt des greisen Schriftsteilere A. S. Rabinowitsch, dessen Herz und Sinn jung und frisch geblieben sind und der ein treuer; Freund der Arbeiterschaft ist. Er erzählte von Gordons letzten Tagen. Damals habe Gordon den Wunsch ausgesprochen, man möge keine Trauerfeier nach seinem Tode veranstalten, zumindestens ein Jahr lang; nach Ablauf dieses Jahres, so sagte er, könnt ihr über mich sprechen wie über vorjährigen Schnee, der eingcsickcrt ist. Rabinowitsch nimmt das Gleichnis auf: Der einsickernde Schnee befruchtet den Boden, und daraus wächst neues Leben. Dieser Mensch, der sich selbst als einen Teil der Natur empfand, ist jetzt ein Teil der Erde geworden. Er ist verbunden mit dem Volk und darum kann er nicht sterben, denn das Volk stirbt nicht. Als Rabinowitsch des anderen großen Toten J. CI1. B re n n er, gedachte, vermochte er nicht weiter zu sprechen. Minutciilang herrschte tiefes Schwelgen in dem dicht gefüllten Saal, bis das befreite Schluchzen des Redners mit überwältigender Wucht über die Versammlung hercinbrach. In heiligen Augenblicken wie dieser, erfährt man mit einer Gewißheit, die keine Beweisführung, keine Rede und keine Schilderung zu geben vermag, das Leben der neuen jüdischen Gemeinschaft in Erez- Israel. R. W.; Vor den Wahlen in den Legislative Council Derarabisehc Boykottbesciiluß. London. (J.C. B) Die in London weilende palästinenslsch-arabischc Delegauon hat von dem Präsidenten des 5. Araberkongresscs die folgende Depesche erhallen: ״Obwohl die palästinensischen Araber wiederholt gegen die neue Verfassung als ihren nationalen Rechten nicht entsprechend protestiert und den Boykott der Waiden in den Gesetzgebenden Rat, der auf Grund dieser Verfassung gewählt wird, beschlossen haben, und obwohl die palästinensische Regierung über diesen Beschluß unterrichtet worden war, hat diese trotzdem die Wahlen ausgeschrieben in der Hoffnung, daß eine kleine aus Staatsangcstelltcn bestehende Minderheit sich an den Wahlen beteiligen wird. Die Exekutive des palästinensisch-arabischcn Kongresses, welche die Muselmanen und Christen des Landes vertritt, erhebt infolgedessen gegen diese Schmachwahlcn nochmals Protest und erklärt, daß der aus diesen Wahlen hervorgehende Gesetzgebende Rat die Bevölkerung Palästinas nicht repräsentieren wird,“ Der Standpunkt des Waad Leuml. Jerusalem. (J.C.B) Der Waad Leuml (Nationalrat der palästinensischen Juden) veröffentlicht einen Appell an die palästinensische Judcnhcit, an den bevorstehenden Wahlen in den Gesetzgebenden Rat des Landes vollzählig teilzunehmen. . ' Donar Law usd die englische Besatzung In Palästina Dem Wölfischen Tclcgraphen-Büro ward aus London Unter dein 27. Februar telegraphiert: Im Unterhause fragte ein Mitglied, ob in Anbetracht der zwingenden Notwendigkeit aus Sparsamkeit geplant sei, sämtliche Truppen aus Palästina zurückzuziehen. Bonar Law erklärte, er glaube nicht, •daß es im Augenblick praktisch wäre, diesen Vorschlag zu ver* wirklichen. Die Frage der Garnison in Palästina werde erwogen. Ke Vorbereitungen für die . Zurückziehung eines der zwei Infanteriebataillone würden getroffen und die Stärke eines indischen. Kavallerieregiments werde ebenfalls heraba gesetzt. Palästina end die englische Handclsaasslellung Jerusalem. (J.C. B.) . Der Rat der palästinensischen Regierung hat beschlossen, an der englischen Handclsaus- Stellung teilzunehmen. Es soll ein besonderer Pavillon für die Ausstellung der Produkte und Fabrikate Palästinas errichtet werderu

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