Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXVIII (1923)
- Issue
- Heft 14 (16.2.1923)
- Date
- 1923-02-16
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Es ist vielleicht kein Begriff in der zionistischen Ideologie soviel verwendet worden wie der der Assimilation und vielleicht kein Begriff gleichzeitig sowohl geklart. Es muß davon ausgegangen werden, daß jede Berührung zweier Völker naturgemäß eine geistige Becinfltissung mit sich bringt, und diese geistige Bccin* flussung wird fast überall eine gewisse Anähnüchung, Assimilation, bewirken. In dem Augenblick, wo ein starker Verkehr die Völker miteinander in Berührung bringt, entsteht besonders in denjenigen Kreisen, die durch diesen starken Verkehr mit anderen Völkern in direkte Beziehung treten, ein gewisses Weltbürgertum, ein gewisses Ablegen nationaler Eigentümlichkeiten als ein Produkt der gegenseitigen Assimilation der Völker.! Ist diese Assimilation ein naturgegebener Zustand, der unvermeidbar ist, so ist es auch eine natürliche Folge dieser Verhältnisse, daß diejenigen Völker einer j Assimilation am wenigsten unterliegen werden, die am! stärksten in ihrer Eigenart wurzeln, am meisten Ver-! trauen zu ihrem eigenen Schicksal haben, die stärkste politische und kulturelle Steilung besitzen. Es ist kein : Zuiall, daß das Deutschland des 17. und 18. Jahrhunderts,! politisch machtlos und kulturell unschöpferisch, wie es | war, in hohem Maße siel! an Frankreich assimilierte, das 1 dirals auf der Höhe seiner politischen und geistigen ן Entwicklung stand. I Das jüdische Volk hat sich im Mittelalter in hohem ן Maße den Einflüssen der Assimilation zu entziehen verr.oclit, wenn juch natürlich Spuren eines derartigen Ein-!',Husscs durchaus vorhanden sind und sdton der deutsche Ursprung des Jiddischen deutlich genug auch die Möglidikcit der Assimilation im ,Mittelalter beweist. Dennoch j vermochte diese Assimilation nicht sehr um sich zu i greifen. Das war die Folge der Ghettoexistenz, des bewußten und starken Abschlusses gegen die Außenwelt,!der bewies, daß der naturgegebene Vorgang der Assi-!milation durch die Energie menschlichen Willens verhindert oder jedenfalls verringert werden kann. Als aber die Ghcttomauern fielen, fiel zugleich mit ihnen dieser;die Assimilation unmöglich machende Wilft. Aber wäre ' dieser Wille auch stark gewesen, er hätte wahrscheinlich; nicht ausgereicht, um eine Assimilation zu verhindern. 1 Denn nun, wo keine äußeren Schranken zwischen der ' europäischen Welt und der aus dem Ghetto erwachenden jüdischen Welt lagen, hätte das jüdische Volle mir dann 1 einer Assimilation widerstehen können, wenn es noch eine starke, eigene, alle Lebenszweige umfassende, in ך trisdier Fortentwicklung bleibende Kultur gehabt hätte,!{die der umgebenden Kultur Europas mit dem Gefühl; der Gleichberechtigung gegenübergetreten wäre. Das : aber war nicht der Fall und konnte nach zweitausendi.; jähriger Golusgcschiclite auch nicht der Fall sein. So;; machten sich die naturgegebenen Wirkungen der Assi* 1! milation geltend, weil das Galuth andauerte, das Ghetto aber gefallen war.! Aber es blieb nicht bei dieser, nennen wir es nun I «inmal, objektiven oder notwendigen Assimilation. War j «im Mittelalter durch den Willen, die nationale Einheit ומ bewahren, verhindert worden, so wirkte nunmehr der [ Wille in umgekehrter Richtung. Man wollte die Assi-!{ milation, man hielt sie für erwünscht und förderte sie | mit allen Kräften. So entstand jene Form der Assimil htion, die nicht' allein als historisches Produkt zu werten!: ist, sondern an die wir mit Recht stets mit moralischen j Mallstäben herangegangen sind, jj Drei Elemente wirkten zusammen, um׳ die Assimif htion der Juden speziell in Deutschland um die Mitte; d« 1<). Jahrhunderts zu fördern: Die durch keine äußeren! Schranken mehr verhinderte Berührung der Juden mit! <k* Umwelt, die bewußte Assimilationstendenz des 1 deutschen Judentums und der Wunsch auf der nichtjüdischen Seite, durch diese Assimilation die Juden vor- Wialtlos in den Kreis des deutschen Lebens einzubej 7tohen. Von diesen drei Faktoren war es der letzte, ן der zuerst seine Richtung änderte. Der aufkotnmendc Antisemitismus der siebziger Jahre bedeutete die grund- 5'{blich andere Einstellung der nichtjüdischen Umwelt, Ablehnung der Assimilation, den Wunsch nach Ferntalhing jüdischen Einflusses und jüdischen Blutes aus tar deutschen Welt. Der Antisemitismus gab den äußerer! Anstoß zu einem Nachdenken der Juden über sich selbst, ' ** einer Untersuchung darüber, welches Ergebnis die; Assimilation gehabt habe. Das führte zu der Feststellung, < daß die Assimilation zwar Fortschritte gemacht, aber Jerusalem (J. C. B.). Am 7. Februar hat Prof. Albert Einstein im Gebäude, in dem die hebräische Universifät untergebracht werden soll, eine Vorlesung über die Relativitätstheorie gehalten. Der Vorlesung wohnten Sir Herbert Samuel und mehrere Rcgierungsbcamtcn bei, eine Reihe führender Persönlichkeiten der Jerusalemer Gesellschaft, die Repräsentanten der Jüdischen Gemeinde, sowie christlicher bürgerlicher Gmpixm. Die ebenfalls geladenen arabischen Notabein waren nicht erschienen. Nachdem Ussischkin Professor Einstein in hebräischer Sprache begrüßt hat, begann der Gelehrte seine Vorlesung in französischer Sprache. Am Schluß derselben wurde Professor Einstein von allen Anwesenden eine Ovation bereitet. ihr Ziel nicht erreicht habe. So war dem Zionismus der Boden geebnet, der nun die Uebcrwindung der Assimilation lehrte und verlangte. Der assimilierte Jude des Westens wollte wieder Jude sein, den Weg zum jüdischen Volk wiederfinden, verurteilte die Richtung, die das Judentum im letzten Jahrhundert eingcschlagen hatte. Aber der deutsche Jude, der um 1900 Zionist wurde, war anders als der Jude, der um 1800 den Weg vom Ghetto in die deutsche Umwelt antrat. Wohl war er kein ganz assimilierter Jude geworden, noch lebte in ihm jüdisches Blut und Bewußtsein, noch hatte er Rudimente jüdischen Wissens und Solidaritätsgefühls. Aber die hundertjährige Geschichte, die ihn mit Europa verband, ließ liefe ,Spuren in ihm zurück, sein Assimilationswillc mochte aufhören, seine Assimilierung blieb erhalten. Ja, der Zionismus selbst, in der Ausprägung, die Theodor Herzl ihm gab, wäre dem GhcUojuden unverständlich gewesen. Erst in Europa hatte der Jude Verständnis für den Staat und das Volkstum bekommen. Erst hier hatte er gelernt, historisch zu denken und zu seI1cn! wie Völker entstehen, wie sie leben, erst hier hatte er die ganze Bedeutung einer weltlichen, alle Gebiete des Lebens umfassenden Kultur kennen gelernt. Diesen Vorstellungen entsprang der Begriff von Herzls. judenstaat, eine Projizierung der europäischen Umwelt auf jüdische Verhältnisse. Der Zionismus war, wie Hcrzi es sagte, die Rückkehr zum Judentum vor der Rückkehr ins Judenland, der Zionismus, die Tendenz, einen eigenen jüdischen Staat in Palästina zu gründen, war die Form des Judescins, die der Mentalität des deutschen Juden allein entsprach. Sein Zionismus konnte nicht bloße Anknüpfung au das Judentum vor der Emanzipation sein. Selbst wenn er gewollt hätte, wäre er nicht imstande gewesen, die letzten 100 Jahre auszustreichen. Er konnte den Weg zum jüdischen Volk zurückfinden, aber dieses jüdische Volk mußte mit ihm einen neuen Weg einschlagen. Zionismus ist Revolution in einem doppelten Sinne: Eine Revolution für den Assimilationsjuden, dem er das Ideal der Assimilation zerstört und das Ideal des jüdischen Volkes neu errichtet, aber auch Revolution für den Juden, dem ein von Europa tief beeinflußter neuer Weg vorgeschlagen wurde, ein Weg, der ein weltliches Judentum national in Palästina organisieren wollte. In dieser Situation befanden sich die ersten Oencrationen, die zum Zionismus kamen. Sie rechneten mit der baldigen Errichtung, des politischen Zieles und der darauffolgenden Uebersiedhing nach Palästina. Inzwischen änderten sich die Verhältnisse. Man erkannte, daß Palästina nicht in wenigen Jahren erbaut werden kann, und es entstand der Typ des Zionisten im Galuth, des westlichen Zionisten, der assimiliert war* und blieb, der die Assimilation verwarf und am Aufbau Palästinas vom Gniuth aus teiinahm. Für diese Juden entstand ein neues Problem. Die assimilierende Tendenz der Umwelt hörte nämlich nicht auf. Auch er wird in deutscher Landschaft und Sprache groß, in deutscher Kultur gebildet, und mehr als das, er wollte ja diese Dinge nicht aufgeben. Wogegen sich sein Kampf richtete, war die voiksverräterische bewußte Aufgabe eigenen Volkstums, war das Verbergen und Verstecken des unsicher gewordenen• emanzipierten Juden. Die Assimilation, die objektive, natumotwendige, machte ihre Fortschritte. Die Generation, die heute heranwächst, ist in einer ganz anderen Art, in einem ganz anderen Maße assimiliert als die, die vor ihr war» Die Assimilation hat an Tiefe gewonnen. Erst heute findet man jene jungen Juden, die deutsche Landschaft und deutsche Gothik, deutsches Volkslied und deutsche Natur so tief verstanden und empfunden haben, wie es niemals deutschen Juden vorher möglich gewesen ist. Und da cs sich um natumotwendige, unvermeidbare Vorgänge handelt, er- [ strecken sie &ch auf'sionistische und. nichtzionistische Sir Herbert Samuel schloß die wissenschaftliche Versammlung, indem er Professor Einstein für seine Leistungen im Interesse der ganzen Menschheit feierte. Er sagte, es sei ein gutes Zeichen für die hebräische Universität, daß die erste Vorlesung vom größten Phy- 6ikcr der Welt gehalten wurde. Einstein Ehrenbürger von Tel-Awiw Jerusalem (J. C. B.). Am 8. Februar besuchte Professor Albert Einstein die Stadt Tel-Awiw. Zu Ehren des Gastes veranstaltete der Stadtrat von Tel-Awiw einen festlichen Empfang. Der Bürgermeister Herr Dicscngoff begrüßte Prof. Einstein im Namen der Be* vöikerung von Tel-Awiw und überreichte ihm das! Ehrenbürger-Diplom. Juden. Freilich hat der zionistische Jude seinen Willen, der ihn die Assimilation ablchnen läßt. Aber dieser Wille ist ohne sachliche Grundlage, ohne stoffliches Acquivalent, und er hat auch nicht die äußeren Stützen und Mauern, die das Ghetto und das in ihm nach eigenen Gesetzen sich vollziehende jüdische Leben besaß. Ohnmächtig steht der bloße Wille der stärkeren Umgebung und Natur gegenüber. Und dabei ist der Zionismus einer solchen Jugend vielfach so stark wie nur denkbar, ist auf das engste mit Palästina verknüpft, hat aus sich heraus erst den neuen und schöpferischen Gedanken der berufliehen Umstellung für Palästina geboren und will am Aufbau des Landes teilnehmen. Und mit allem diesem Willen verfällt diese Generation immer tiefer der Assimilation, solange sie nur ihren Willen demgegenüber zu setzen hat, nichts anderes, keinen Stoff, keinen Inhalt, keine tatsächliche Verknüpfung mit dem jüdischen Volke. Es soll in einem späteren Artikel untersucht werden, wie dieses Problem zu lösen ist F. L. Guz-XqvuI Eröffnung der Arbeherkonfertnz Jerusalem. (J.C.B.) Die erste Sitzung de» Konferenz der jüdischen Arbeiterschaft Palästinas trug einen feierlichpropagandistischen Charakter. Am 9. Februar wurde die zweite Sitzung abgehaltcn, in der die Wahlen in das Präsidium stattgefunden haben. Es wurden in das Präsidium entsandt: die Herren Ben Le wi, Ben Go r i0n und S prin; z a k. Die Sensation dieser Sitzung bildete das Erscheinen Prof. Einsteins im Konferenzsaal. Der berühmte Gast wurde enthusiastisch begrüßt. Professor Einstein dankte für den Empfang und sagte: ״Ich hege ein außerordentliches Interesse für Ihre Tätigkeit Ich bin überzeugt, daß die Zukunft dieses Landes und unseres Volkes in Ihren Händen liegt.“ Der arabische Wahiboykott Sir Herbert Samuel hat die arabische Exekutive zu einer Besprechung aufgefordert. In dieser Besprechung, die am 7. Februar stattgefunden hat, richtete er ihre Aufmerksamkeit auf die verderbliche Agitation gegen das Mandat und gegen die Wahlen gerade im Augenblick der Vorgänge in Lausanne« Er gab den Arabern den Rat, sich an den Wahlen zu beteiligen, wenn sie nicht jeden Einfluß auf die Ausarbeitung der Gesetze für die Landcsverwaltung ver- Heren wollten, zumal diese Gesetze auch ohne ihre Mit- Wirkung ausgearbeitet und in Kraft gesetzt werden würden. Er erklärte den Arabern, daß er alle Personen streng bestrafen würde, die die Wähler an der Ausübung ihrer Wahlpflicht hindern würden. Im übrigen führte er aus, daß ihre Agitation am besten beweise, daß ihre Zusicherung, alle Araber ständen hinter ihnen, unrichtig sei. Die arabische Delegation lehnte den Vorschlag des High Commissioner ab und erklärte, die Araber würden sich von den Wahlen fernhalten. Die Behörden haben in dem Büro der arabischen Exekutive das Manifest gegen die Beteiligung an den Wahlen beschlagnahmt. Eine arabische Eiklirung Der Präsident der arabischen Palästina-Delegation, Musa Kasim Pascha, hat an die Presse eine Erklärung verschickt, die sich mit Dr. Wcizmanns jüngsten Berichten über Palästina beschäftigt. Wcizmann habe ebenfalls zugegeben, daß in Palästina ein gewisses Gefühl von Furcht und Mißtrauen bestände, nur hatte er dafür lauter falsche Gründe angegeben und den einzigen richtigen übersehen. Nicht der Bolschewismus und nicht die wirtschaftliche Situation sei an diesem Zustand schuld, sondern der zionistische Einfluß und der in der Baifour-Erklärung niedergelegte Plan zur Gründung einer jüdischen Heimstätte. Die palästinensischen Araber hofften nach wie vor darauf, daß man in England ihren Standpunkt verstehen werde, und im Gegensatz zu Weizmann erwarte er,, daß das Eintreten einer neuen Regierung in England, zur Beruhigung Palästinas beitragen werde, da die Araber zu dieser Regierung ein größeres Vertraue» hätten, 1' i j i £ 1 I < י) H fi ')־ li •r I c 4' ׳! r i! 1. 1, 1: r r’ ii 1: r J «? a ( r r i u t & i 1 '1 t i c ei i1 i 1' 1' «1 1 i 1 1 /' K’ 3 3■ .i 1 A I l| i1 b dj s di I f י ו