Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXVIII (1923)
- Issue
- Heft 12 (9.2.1923)
- Date
- 1923-02-09
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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J ürhehr.AniciiJcn 150% Atiliclilaä■ i'ürA11>Undtlnter1tel00%V>lut»u1c1d•{ Anzeigenschluß: Dienstag und Freitag nachmittag 4 Uhr. כ״ג _שבט> חרס״ג Der Zionismus erstrebt tilr das Jüdische Volk die Schaffung einer öffentlich rechtlich gesicherten Heimstätte In Palästina. Telephon: Pfalzburg 6697 u. 6698. Postscheckkonto: Berlin Nr. 17392. Für Oesterreich: Postsparkaasenamt Wien. Konto Nr. 156030. Für Tschechoslowakei: Postsparkaasenamt Prag, Konto Nr.59410. — RcdnktionsschluB Sonntag und Mittwoch nachmittag. — XXVIII. Jalirg. ,Baseler Programm.“ Kalium Sokolov/ iüisr eile poliäiscEie LöjJe des 2äGnusmuns ßcrli n. (J.C. B.) Vor seiner Abreise nach Polen i liatte Sokoluw mit dem Berliner J. C. B.-Vertreter eine j Untcrrcdiiüff und machte i!1m über die politische Lage der zionisti :eben Bewegung aurf.ibriiche und der Oeffentlicakdt noch nicht bekannte Mittciiungeii. Bevorstehende'Deklaration der englischen Regierung.; Ich erwarte, begann der Präsident der zionistischen WeUe.xekativc seine Ausführungen, daß die englische 1 Regierung demnächst mit einer neuen Deklaration belreficitd ihre Paläslina-Poiiiik hervortreten wird. Es ist selbstverständlich schwer vorauszuschcn, was diese Deklaration enthalten wird. Wahrscheinlich aber wird sie s icit k a u m von der E r k 1 ii r u n g u n t e r sc 11 c i - de«, die der IC 010 nie minister Herzog von ,1 Devonsiiirc der arabischen Delegation in! London gegeben hat. Die Deklaration wird vor-! aussich Lieh fcstslcllcn, daß die• englische Regie r.ing nicht 1 willens sei, ihre Palästina-Politik zu ändern, daß sie nach 1 wie vor auf dem Prinzip des Palästina-Mandates beharrt « und daß sie in ihrer Palästina-Politik die in dem White- Paper dnrgcicgtcn Richtlinien befolgen wird. ■ Wie sieb das Pariament zu dieser Erklärung steilen wird, kann beute nicht vorausgesagt werden. Jedenfalls; mutt festgcstcllt werden, daß der Feldzug, der gegen י die Palästina-Politik der englischen Regierung vor ein paar Monaten geführt worden ist, als Exzesse der Wahls agitalion, keinesfalls aber als Ausdruck der öffentlichen Meinung des Landes angesehen werden könne. Auf die Frage des J. C. B.-Vertreters, inwiefern die Gerüchte über die Erweiterung der Machtsphäre des frans jorda 11 ische n Emirs- Abdullah eine ■ Grundlage' haben, erklärte׳ Sokoiow: , Die Gerüchte über eine Vereinigung Transjordaniens und Syriens zu einem Reich unter der Herrschaft des Emirs Abdullah erscheinen mir p 11 a 111 ast i sc 11. Trans- | jorüanicn stellt unter dem englischen und Syihn unter "i dem französischen Mandat, die Vereinigung beider Länder hatte entweder' den Uebergang Transjordaniens unter das französische Mandat oder aber die Ausdehnung des englischen Mandates auf Syrien zur Voraussetzung. Das; sind aber Sachen, mit denen sich England und Frankreich! kaum einverstanden erklären könnten. 1: Die Gerüchte über die angebliche Vereinigung Trans- Jordaniens und Palästinas weiden dem Anschein nach i ia der letzten Zeit aus Lausanne lanciert. In Lausanne ״ ist aber die Palästinaf.age nicht berührt worden. Von! dem ganzen Fragenkomplex, der mit Palästina, Sytien; und Mesopotamien zusammenhängt, ist dort nur die י Messuifragc zur Sprache gekommen. Die arabischen Ab- , Ordnungen, die in Lausanne waren, wurden von keinem ■ maßgebenden Politiker empfangen. Schon allein diese j Tatsache genügt, solchen Gerüchten gegenüber die j weiteste Reserve zu üben. 1 Was die zionistische Organisation a'nbctrifft, so stellt | sie nach wie vor auf der Grundlage des Mandates. Das Mandat bestimmt, daß Trans Jordanien ein englisches j Mandatsland sei, das gewissermaßen dem High Com- | missioncr unterstellt ist. Ich glaube kaum, daß dieser; Zustand Aenderungen erfahren wird.; Auf die Frage des J.C. B.-Vertreters, ob nicht die tage im Orient im Zusammenhang mit dem Abbrudt der Lausanne-Konferenz als gefährlich angesehen werden könne, antwortete Sokoiow: | Ich will hoffen, daß es nicht zu einem neuen Orient- J krieg kommen wird. Jedenfalls sind wir uns bewußt, ן daß jede Störung des Friedens im Orient für uns ge- { fälirlich, ja geradezu verhängnisvoll werden kann. Wir erstreben den Frieden im Morgenlande und wir wollen bofien, daß er erhalten bleiben wird. ' . Die Lage in Palästina. | Auf die Frage nach der Stellung der zionistischen Exekutive zum bekannten Brief des ״WaadHaleurtji“ j die Berliner A.-C.-Sitzuiig, erklärte Herr Sokoiow: Der Brief war ein Echo der Unzufriedenheit mit den Ergebnissen, die die bisherigen Appelle an die engüsdie Regierung in London und in Palästina gebracht haben. Wir sind mit diesen Ergebnissen unzufrieden uud wir setzen unsere Vorstellungen sowohl in Palästina, ( a'3 auch in London fort. Zu diesem Zweck ist eben I unsere Palästina-Exekutive durch die Heranziehung des i Colonel Kish verstärkt worden, der die politischen Unter- 1 handlungen mit der englischen Regierung führen wird.; Was die Legalisierung des Jüdischen Gemeinde- I Wesens in Palästina anbetrifft, so werden wir die-; selben in Erfüllung des A.-C.-Beschlusscs mit allen ו Kräften erstreben. Ich glaube aber, daß die Haupt- Schwierigkeiten in unseren Beziehungen zur Palästina- Administration die I mm igrations -Frage bildet. Wir j verstehen es alle, daß das Land eine unbeschränkte Zahl von Arbeitslosen nicht nushaltcn kann. Die englische Administration ist aber der Auffassung, daß jedem, der nach Palästina kommt, von vornherein eine Beschäftigung gesichert sein muß. Wir dagegen glauben, daß Palästina wie jedes Land eine gewisse beschränkte Anzahl Arbeitsloscr gut ertragen kann. Es stimmt nicht, daß wir bemüht sind, diese Grenzen zu erweitern. Wir stützen uns dabei auf Paragraph 4 des Palästina-Mandates, wonach die englische Regierung verpflichtet ist, an der Ausgestaltung des jüdischen Nationalhcims mitzuwirken. Damit ist auch unsere Beziehung'zu dem Oberkommissar von Palästina, Sir Herbert Samuel, berührt. Wir halten ihn nicht für unfehlbar. Wir bcmühen uns fortwährend itm Erleichterungen des von ihm in Palästina cingcführtcn Regimes. Wir glauben aber, daß er auf diesem Posten bleiben muß. Wir hoffen, daß er, je mehr Etfahrungen er sammelt und je bessere Mitarbeiter er um sieh haben wird,•umso eher die derzeitigen Unzulänglichkeiten abstcllen wird. Bei den heutigen Verhältnissen ist die geeignete Persönlichkeit eine sicherere Garantie als eine vorgcschriebctic Politik. Die lA'utigc Regierung unterstützt Sir Herbert Samuel. Wir unterstützen ihn in einem anderen Sinne und hoffen, daß er im wahren Sinne des Mandates seine Arbeit fortsetzen wird. Die Zusammensetzung der Jewlsli Agency. Die Hauptaufgabe des kommenden XIII. Zionistenkoiigrcsscs, sagte Sokoiow, wird der Aufbau der Jewish Agency sein. In der Jewish Agency müssen neben Vertrefern unserer Organisationen auch andere Elemennte vertreten sein. In erster Reihe die Palästina-Abteilung der ICA, die in Palästina so vieles geleistet hat, d. h. eigentlich Baron Edmund de Rothschild. Ferner kommt in Betracht das englische Judentum) das im Board of Deputies repräsentiert ist. Es ist eine erfreuliche Erschcinmig, daß der Board of Dcputics einen das Palästina-Mandat der britischen Regierung billigenden Beschluß gefaßt bat. Audi das amerikanische Judenturn, und zwar derjenige Teil, der außerhalb des aktiven zionistischen Lebens steht, muß in der Jewish Agency vertreten sein. Ich hoffe, daß der Zionistenkongreß die schwere Aufgabe der Jewish Agency erfüllen wird. Die Exekutive steht ihrerseits in gewissen vorläufig ttnvcrbindlichcn Unterhandlungen mit den genannten Eiementen. Wie ist die finanzielle Lage in der Zionistischen Organisation? fragte der J.C.B.-Vertreter. Wir machen leider — sagte Sokoiow — eine finanziehe Krisis durch. Es ist möglich, daß diese Krisis dem künftigen Kongreß diktieren wird, die Idee des Keren Hajessod gründlich zu revidieren. Ich persönlich bin dafür, daß der Keren Hajessod erhalten bleiben und lediglich vcrvollkommt und weiter ausgebaut werden soll. Empfang Sokoiow! in Danzig Danzig. (J.C.B;) Auf seiner Reise von Berlin nach Warschau traf der Präsident der zionistischen Weitexekutive, N. Sokoiow, am 5. Februar in Danzig ein und wurde von den Dnnziger Zionisten am IUluüiof feierlich begrüßt. Zu Ehren des Gastes wurde ein Bankett veranstaltet, auf welchem 1000 Dollar für den Keren Hajessod und außerdem eitle Million Mark zur Eintragung Sokolows in das Goldene Buch des Nationalfonds gesammelt. Wiener antisemitische Krawalle Am Sonntag, den 4. Februar, fand in Wien im Konzert- Uaussaai ein Vortrag des bekannten Berliner Sexual Forschers, Dr. Magnus Hir9ehfcid statt, der, wie erinnerlich sein wird, sclion einmal in München beinahe das Opfer eines antisemitischen Ueberfalls gewesen ist. Der Vortrag von Hirschfcld in Wien war sehr stark besucht. Als der Vortragende einige Sätze gesprochen hatte, wurde plötzlich ein verabredetes Zeichen gegeben,• ein schriller Pfiff ertönte, auf der Galerie wurde'geschossen, und eine Bande von Hakcnlmmzlcrn stürmte, mit Stinkbomben und großen Messern bewaffnet, gegen■ das Podium vor. Hirschfcld mußte fliehen, eine Reihe, von ,Personen, darunter zahlreiche Frauen, wurden schwer mißhandelt und ihrer Wertsachen beraubt. Der, Polizei gelang es, einige der Uakcnkmizlcr fcstztmch1111.cn, die sich als Studenten hcrausstdllen. Die Führer sind entkommen. Die Exzesse In, Bromberg ' Warschau, 6. Februar (Tel. d. ״Wr. Morgenzcitung“). Den! jüdischen Klub ׳sind authentische Nachrichten ■über Exzesse ia Bramfoerg . zugckoinroen. In letzter Zeit■ werden in ,dieser Stadt fast täglich Juden überfallen. Hauptsächlich ,finden Exzesse am 1 Bahnhof, in1 den ׳ Hotels,■' in öffentlichen Lokalen und■ den Hauptstraßen statt Bisher wurde eine große Zahl vom Juden mißhandelt. Der jüdische , Klub hat »fort Schritte cingclcitet, tüK die Abstellung dieser‘ Exzesse durctafäire». .- '■■' Zionistische Bewegung Eine Erklärung des Präsidiums des Zionistischen Adions-Comiies Herr Wladimir Jabotinsky hat durch ein Schrei* ben an das Actions-Comitd seine Demission als Mitgliedder Exekutive gegeben und seinen Austritt aus der Zionislisclicn Organisation erklärt. Bereits auf der Sitzung sind namens des Präsidiums des A.-C. und namens der Rcsolulionskonimission Erklärungen abgegeben worden, welche den von Herrn Jabotinsky dem A.-C. gemachten Vorwurf der Pflichtverletzung scharf zurückwiesen. Nachden» der Brief des Herrn Jabotinsky in der jüdischen Presse zum Abdruck gelangt ist, stellen wir hiermit folgendes fest: 1. Es ist unrichtig, daß das A.-C. den Notruf des Waad Halcumi zurückgewiesen hat. Das A.-C. hat vielmehr dem Waad Halcumi die Versicherung ausgesprochen, daß die Exekutive alle Mittel ergreifen wird, um die Forderung des Waad Halcumi betreffs seiner Legal!- sicrung usw. gemäß den Beschlüssen des letzten Kongrosses durchzusetzcn. 2. Die Beschwerden gegen die palästinensische Regierung haben volle Berücksichtigung gefunden. Herr Sokoiow hat im Namen der Exekutive ausdrücklich erklärt, daß die Forderung nach Abstellung der Mißstände bei der englischen Regierung mit größter Energie vortreten werden soll. Es ist unrichtig, daß der Beschluß des XII. Kongrosses, an Sir Herbert Samuel eine Delegation zu entsenden, von der Exekutive fallen gelassen worden ist. Richtig ist vielmehr, daß das A.-C. mit Rücksicht auf Umstände, welche nach dem Kongreß eingetreten sind, von der Absendung der Delegation Abstand genommen hat. ־ 3. Es ist unrichtig, daß zu der Frage der Anwesenheit von antizionistischen und sogar antijüdischen höheren Beamten in Palästina keine Stellung genommen worden ist. Das Gegenteil ergibt sich aus der erwähnten Erklarung des Herrn Sokoiow. 4. Die Beschuldigung, daß die Zionistische Organ!- sation auf das Ideal Dr. Herzls verzichtet hat und die Anzweiflung der Tatsache, daß die zionistische Bewegung noch auf dem Boden des Inhalts und des historischen Geistes des Basler Programms steht, wird mit Entrüstung zuriickgcwiescn. Die zionistische Exekutive hat niemals auf irgend einen integralen Teil des zionistischen Piogrninins irgendwo und wann verzichtet. Die Nichtannähme der Resolution, welche Herr Jabotinsky dem A.-C. vorgelegt hat, bedeutet nicht, daß das A.-C. bereit ist, irgend etwas vom historisdien Geist des Basler Programins aufzugeben, vielmehr waren sich A.-C. und Exekutive darin einig, daß die Aufrechtcrhaltung des Basler Programms nicht einer Abstimmung im Zionistisehen Actions-Comite bedarf. . Das Präsidium des Zionistischen Adions-Comites. Dr. Chajes. Dr. Hantke. Oberbaurat Stricker. Berlin, 5. Februar 1923, ' Die Presse über Jabotinsky Der Austritt Jabotinskys aus der zionistischen Exekutive und Organisation hat naturgemäß ein ziemliches Aufsehen in der zionistischen und jüdischen Wett hervorgeruien. Die Presse hat großenteils ausführliche Artikel zu dieser Frage gebracht. Von zionistischen Zeitungen steht der ״Jewish Chroniclc“, was bei seiner Auffassung nicht überraschend Ist, auf der Seite von Jabotinsky. Er bringt einen ausführ• liehen Artikel von ihm, der etwa dieselben Gedankengänge enthält, wie das von uns wiedergegebene Interview des ״Rasswjet“, die Redaktion unterstreicht ihrerseits, daß das Weißbuch keine geeignete Unterlage für die zionistische Arbeit bedeute und vertritt nach wie vor die Forderung, daß Wcizmann zurücktreten solle. Im Gegensatz dazu ver- •urteilt das offizielle Organ der English Zionist Federation, ״Zionist R c v i ew“, den Austritt Jabotinskys und appelliert an seine Disziplin. ״Eine kurze Ucbcrlcgung hätte ihm zeigen müssen, daß das ■ positive Unrecht, das aus einer solchen Taktik entsteht, die sehr problematischen günstigen Ergebnisse bei weitem überwiegen müsse. Es ist deshalb im Interesse unserer ■Sache sehr zu wünschen, daß. Jabotinsky, bevor es zu spät ist, seinen feurigen Eifer durch eine starke Dosis von Zurückhaltung mäßige.’‘ Die zionistische Presse in Zentral- und Osteuropa vertritt im allgemeinen einen ähnlichen Standpunkt wie die ״Jüdische Rundschau“, In der ״$ c 1 b s t w e h r“, dem Organ der Zionisten in der Tschechoslowakei, hat der Redakteur der ״Jüdischen Rundschau“, Dr. Robert Wc 11 s ch, in diesem Sinne geschrieben. Sehr ablehnend beurteilt auch die ״Wiener Morgenzeitung“ in ihrem Leitartikel vom 30, Januar das Verhalten’Jabotinskys. Der Artikel schließt;mit,den Sätzen: ״Ihm erscheint, wie aus seinem überraschenden Rücktrittsschrcibcn an das Actions-Comitd her- . yorgeht, die konstruktive zionistische Politik, die seit Jahren schon ■Programm . ist, als Verrat; an Herzls Grundsätzen,; eine These, die heute auf allgemeinen Widcrspdruch stoßen; muß. Jabotinsky kann als Mann der Opposition manches , zur Aufrüttelung der Gemüter betragen, ia der zionistischen e s t ( t;1 i 1 U ( c ( :< 1 t i 11 i ( » t y I 2 C \ l s c r 1 r 1 r 5 5 t 3 r r 1 ו 1 ו e r 1 I 1 I 1