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Jüdische Rundschau · 1923-01-30 · Heft 9 (30.1.1923) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXVIII (1923)
Issue
Heft 9 (30.1.1923)
Date
1923-01-30
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Fix Oeatcrrcichi Postcparkaticnamt Wien, Konto Nr. 156030. Für Tschechoslowakei! P08tsparka»tcn״mt Prag, Konto Nr.59410. — Red&küontachluß Sonntag und Mittwoch nachmittag, — י״ג שבט׳ תרס״ג XXVIIL JahrK. %ef Zionismus erstrebt für das fEtSscSi« ¥©!& C 1,י eine* C״crs3:׳sh rechtlich . oeslcherten RcImitSKa In PalSsMna, ״Caseter Programm.1 1102 rin פר| הקד.! בחכו! יזע! ■ J8, rO| #»!4י Paris, den 25. Januar 1923. Heute hat die BecnÖvon Max Nordau bei einer Teilnahme von mehr jL«; 3000 Personen stattgefunden. Dem Wunsche Nord aus;!((sprechend, war sein Körper in seinen Tallis gcbiäHt, :;r Sarg mit der blauweißen Fahne mit dem (),ividstcrn umhangen. Dem Sarg« folgten seine Familie ■nid seine beiden nächsten Freunde und Mitstreiter, Dr. Alexander Marinorck und Jean Fischer. An der iieerdigung nahmen ferner teil: Herr Zlatopolski als Vertreter des Keren Hajcssod, Herr S. Marks für die tngüsclicn Zionisten, ferner Vertreter der Ica, des Comite ,׳*׳ Delegations Juivcs und der Jüdischen Welthilfe‘ Konferenz. Die Beerdigung fand auf dem Friedhof Montpsmasse statt. Die Gebete sprach der Oberrabbiner von Paris, Israel Levy, Dr. Mannorck sagte das Kaddisdi. j!n Sinne der Anordnungen von Dr. Nordau wurden keine Grabreden gehalten. Die Inschrift auf dem Grabe wird entsprechend Dr. Nordaus Wunsch nur hebräisch sein.! Herr S o k o 1 o vv, der sidi zur Beerdigung von Berlin nach Paris begeben hatte, wurde durch die augenbückliehen schwierigen Verkehrsverhältnisse im Ruhrgebiet gehindert, rechtzeitig in Paris einzutreffen. i Nordaus Sterbestunde und letzte Tage! Paris (J. C. B.). Max Nordaus Tod erfolgte in Anwesenheit seiner Gattin, seiner Tochter Maxa, einer begabten Malerin, und seines treuesten Freundes Dr. Alexander Mannorck. Mehr als ein Jahr hat sich Max Nordau infolge .eines Gesundheitszustandes der literarischen Tätigkeit fernhaltcn müssen. Ein größeres philosophisches Werk, ,ו,ו weichem er zuletzt gearbeitet hat, ist unvollendet geblieben. ln den letzten Jahnen seines Lebens befand sich Max Nordau in schwierigen finanziellen Verhältnissen. Trotzdem sein Gesundheitszustand im letzten Sommer gebieterisch eine längere Sommcrrcise erforderte, hat es i!n seine materielle Lage nicht erlaubt, sich diese Er- :hing zu gönnen. Seine einzige Existenzquelle in der 3״ei1 Zeit war das monatliche Gehalt, das er von der Redaktion der in Buenos Aires erscheinenden Zeitung ״La Nacion“, erhielt, deren langjähriger Mitarbeiter er war. Die Redaktion dieser Zeitung überwies ihm pünktlich sein Gehalt, trotzdem er seit mehr als 18 Monaten keinen Artikel an sic gesandt'hatte. Jede Uebcrwcisung war von einem Schreiben begleitet, in welchem die Redaktion der Zeitung ilmi ihre Wünsche nach einer schleunigen Erholung aussprach. Ungeachtet seiner materiellen Lage lehnte Nordau jeden Versuch, mit ihm über irgendeine finanzielle Unterstützung oder eine bezahlte Stellung in der Zionistischen Organisation zu sprechen, entschieden ab. Im Laufe der letzten Monate batte sich der Gesund- Mtszustnnd Max Nordaus so verschlechtert, daß die Aerzte seine Umgebung ersucht haben, niemanden zu ihm zu lassen. Vor ungefähr einer Woche wurde sein Zustand bereits so, daß jede Hoffnung aiuf seine Wieder- Hausung aufgegeben werden mußte. Max Nordau befand sich bis zum letzten 'Augenblicke seines Lebens bei klarem Bewußtsein. Der Eindruck der Todesnachricht Warschau. (J. C. B.) In der gesamten jüdischen Öffentlichkeit Polens herrscht Trauer über den Hingang des Klößen Juden Max Nordau. Alle jüdischen Zeitungen ertdiicncn mit Trauerrand. ז Am Dienstag, den 23. Januar, 8 Uhr abends, hat im Lokal Zionistischen Organisation eine Trauersitzung des Zentralkomitee* stattgeftmden. Die Sitzung beschloß, ^ne siebentägige Trauer für die Zionisten Polens anmordnen. *ährend dieser Zeit dürfen die Zionisten keine Theater, jxonzerfc u. ä. Unterhaltungen besuchen. Es wurden Bei- ‘91!,c]cpcschen an die Zionistische Exekutive in England, Rk Zionistische Organisation in Frankreich gesandt Alk Jüdischen, Organisationen wurden verpflichtet, in ihren Lo- ‘Men das Bild Max Nordaus anzubringen. ,, London. (J.C. B.) In der englischen Presse fand die ^cliricht über Max Nordaus Tod einen lebhaften Widerhall. ״l5 «Times“ nennen Nordau einen Menschen von unge- 'ähnlichem geistigen Schwung, zwingender Argumentationdurchdringendem lebendigen Stil und fährt fort: ״Wie 1ן« Nordau in seiner Arbeit für den Zionismus gezeigt bat, x־saß er zahlreiche Qualitäten eines echten Führers: Urteilsuhigkcit und Mannhaftigkeit, Ehrlichkeit und Enthusiasmus.“ »Manchester Guardian'* schreibt: ״Nie ׳seit der ßCrstörung des Tempels hat eine jüdische Stimme so das mdischc Leid und Weh aasgedrückt wie die Stimme Nordaus. un, geborener Redner von ungewöhnlichem Format, pflegte 'r •״ seinen Ansprachen die Schönheit der Form, die Tiefe 's Gedankens, den Schwung der Leidenschaft und die Gäbe!T Voraussicht zu vereinigen. Dank dieser Gaben haben seine *kucn weit außerhalb der Mauern, in denen sie gehalten -•»rso, KMerbaU gefunden und Einfluß geübt•** Berliner Traocrfcfer Am Sonntag, den 28. Januar, fand bei stärkster Beteiligung und in würdigster Form die Traucrkundgebring des Berliner Zionismus und des Berliner Judentums für Max Nordau statt. Die Feier war von Orgclvorträgcn und von Gesängen des Chors der neuen Synagoge ein• gerahmt. Herr Professor Dr. Otto War bürg leitete die Versammlung mit einigen Worten des Gedenkens ein. Dann erteilte er das Wort dem Vorsitzenden des Zionistischen Actions-Comitds, Herrn Nahuni So ko low, der etwa folgendes ausführtc: ״Ein Fürst im Reiche des Geistes ist verblichen. Vor 30 Jahren wußte man kaum, daß Nordau Jude Ist, und das Wort Hcrzls, daß der Zionismus eine Rückkehr zmn Judentum ist, hat sich in der Geschichte Nordaus bewährt. Herzl, der uns so vieles schenkte, brachte uns auch Nordau, Wir kannten Nordau schon früher als einen der populärsten Schriftsteller, als großen Journalisten, als Kritiker. Vor 30 Jahren erklärte er im ״Jcwish Chroniclc“, daß er Jude sei. Erst damals erfuhr man es. Er wurde sofort einer der aktivsten Mitarbeiter Hcrzls. Sokolow würdigte dann Nordaus Rolle innerhalb der zionistischen Bewegung und besonders seine moralische Bedeutung, die seine Zugehörigkdt zur Organisation für diesen hatte. Nordaus Verdienst besteht nicht so sehr in der Abfassung des Baseler Programms, sondern in der zerstörenden Wirkang, die er auf die Assimilation ausgeübt hat, wie den Zerstören stets dem Bauen vorangehen muß. Er war der Größte, der die Theorie der Assimilation zerstört hat. Ein großer Geist hatte sich in den Dienst unserer Sache gestellt und half uns, die Propheten des Baal niederzuschmettern. Ich weiß freilich nicht, ob seine Argumente allein geholfen hätten, wenn nicht Herzl den Volkswillcn mobilisiert hätte. Er war unser Jeremias, aber nicht der Jeremias der Klagelieder, sondern der zürnende Prophet mit der Rute. Der Jeremias des Buches, der Aaron des Moses, der Nchcmia des Esra, der Freund Hcrzls. Da* ist Nordau, den das jüdische Volk betrauert.“ Nach Sokolow nahm noch einmal Professor Warbürg das Wort und erinnerte an die Nordau-Gartcnstadt, deren Begründung seinerzeit das Actions-Comitd zu Nordaus 70. Geburtstag beschlossen hat Warburg las den Brief vor, den damals Nordau geschrieben hat und den wir in der vorigen Nummer der ״Jüdischen Rundschau“ ztim Abdruck brachten. Er forderte auf, die Sammlungen für diese Gartenstadt mit allem Nachdruck wieder aufzunchmen, um auf diese Weise den großen Propheten zu ehren. Die am Schluß der Trauerlctindgebung veranstaltete Sammlung ergab über eine Million Mark für diesen Zweck.! Als nächster Redner kam ChäjTm Örünberg zu Worte, der hebräisch sprach. Er betrachte es als seine Aufgabe, nicht zu sagen, was Nordau dein Zionismus gegeben habe, sondern was der Zionismus Nordau gegeben habe. Denn zur wahren Größe eines Mannes gehöre cs, daß er nicht nur Einfluß lauf seine Zeit nehme, sondern seine Zeit Einfluß auf ihn nehme. Wenn man Nordaus Entwicklung als Zionist charakterisieren wolle, so brauche man nur daran zu denken, daß er vor dem ersten Kongreß als Skeptiker und Ungläubiger bekannt war und daß er jetzt beigesetzt worden ist auf Grund seines letzten Willens in den Tallis gehüllt. Nicht aus verstandesgemäßen Gründen kam er zu uns, sondern aus der Tiefe seines Gefühls. Als letzter Redner nahm das Wort R.-Ä. Snmmy Gronctn a n n. Man müßte ein Nordau sein, unt einen Nordau würdig ehren zu können, wie Nordau 1905 die Gedächtnisrede auf Herzl hielt. Oronemanu führte dann einen Vergleich mit Heinrich Heine durch. Nordau hat einmal gesagt, daß das jüdische Volk ständig staatsmännische Talente hervorbringe, ohne sie verwenden zu können. Wir dagegen hatten Nordau neben Herzl, und man könnte fragen, wozu brauchten wir noch Nordau neben Herzl. Aber Nordau war neben Herzl so notwendig wie Akiba neben Bar Kochba. Wir Snüssen Hcrzls Reden lesen, um Nordaus Rolle zu verstehen. Herzl kannte mir einen Juden, sich selbst, und er legte diesen Ri esenm aßstab an alle Juden an. Nordau teilte diesen Irrtum nicht, aber er schwieg, bis Herzl starb. Damals trat er zum ersten Mal als Mussarsager auf. Er wurde dann der große Mussarsagcr, und wir hörten auf ihn. , ' f Tranerfclcr in London Zur gleichen Zeit mit der Beerdigung fand in den Räumen des Londoner zionistischen Büros eine Trauerfeier für Nordau statt. Dr. Weizmann, der durch ein Unwohlsein verhindert war, nach Paris zur Beerdigung zu fahren,, hielt die Trauerrede und kündete dann an, daß die Büros an diesem Tage als Zeichen der Trauer um Nordau geschlossen werden sollten. .. 7 1•י' יי' יי'׳'׳ 'F;■ ׳; *"ן*' Folgen der ungenügenden Korea Hajcssod- Ergebnisse Die unregelmäßigen und nicht ausreichenden Keren n.1jess<xl-Ei!!g;inge haben in Palästina zu einer scliwierigen ökonomischen Situation geführt. Das von der ׳Karlsbader Jnbreskonfcrenz festgesetzte Monatsbudget beträgt ungefähr •10 000 Pfund. Die Einnahmen des PKcren Hajcssod bleiben aber bedauerlicherweise wesentlieh hinter diesem Betrage zu nick. Die Ausgaben des Keren Hajcssod in Palästina betrugen (die Ziffern sind abgerundet) im Juli 18 000, irn August 24 000, im Scp* tember 25 000, im Oktober 25 000, im November 28 000, im Dezember 19 000 Pfund. Im ganzen ergibt sich also, daß in dieser Zeit der Keren Hajcssod nur etwa die Hälfte der in Karlsbad vorgesehenen Beträge aufbringen konnte. Diese Tatsache hat auf die gesamte Wirtschaftliehe Lage des Landes sehr eingewirkt und bedeutet eine Gefährdung unserer ganzen Arbeit. Es gibt keinen Zweig unserer Arbeit, der nicht von dem Mangel an Mitteln berührt worden wäre. Von der Ausdehnung' der Krisis geben die folgende Tatsachen einen Beweis. Der Beginn des Winters führt, wie in jedem Jahre, so auch in diesem zu einer Zunahme der Arbeitslosigkeit. Die zionistische Exekutive in Palästina muß in der! nächsten Monaten mit 2—3000 Arbeitslosen rechnen. Das Arbcitsdepartement der Exekutive, das die Aufgabe hime, Arbeiten in dieser Zeit zu beginnen, um die Arbeitslos•:: zu beschäftigen, ist wegen des Mangels an Mitteln hier, j nicht imstande. Ein anderes Beispiel ist folgendes: 2T) jüdische Arbeiter hatten auf dem Nationalfondsixxlcn im Emek Jcsreel Drainagearbeit geleistet As die Arb.;, zu Ende ■war, wurde in der Hoffnung, daß genügen.די Fonds nach Palästina kämen, beschlossen, sie weiter'!!”, zu beschäftigen. Die erwarteten Fonds trafen jedoch nicht ein, die ׳Exekutive war nicht einmal in der ersten Woche imstande, den Arbeitern ihren Lohn zu 7;!hl׳׳n, und die Folge war eine schwere Notlage dieser Arbeitergruppe. Die neuen Ansiedler im Emck leben seit Monaten nur von Brot und Tom aten. In Ejn Charod war es eine Zeit lang sogar unmöglich, Brot zu backen, weil den Arbeitern die geringe Summen, die zur Reparation ihrer Ocfen notwendig waren, mangelten. In Nuris-Ost konnte wegen des Mangels an Saatgut nicht gesät werden. Es ist bekannt, daß die Gehälter monatelang im Rückstand sind. Der Kredit des Landes ist erschöpft, die Genossenschaften können keine neuen Mitglieder mehr auf nehmen. Audi die 1 m m i g r a t i o n wird auf das schmerzlichste von der allgemeinen Geldknappheit betroffen. Diese Tatsachen, die die Zentrale des Kctcn Hajcssod in London zusammcnstcllt und die durch andere Beispiele aus der palästinensischen Presse leicht vermehrt werden könnten, zeigen die ungeheuer ernste Situation in Palästina. Sie beweisen von neuem, was ja in der Sitzung des Actious-Comites besonders von Weizmann immer wieder zum Ausdruck gebracht wurde, daß der Knotenpunkt der heutigen Lage nicht in der politischen Situation, sondern durchaus in der wirtschaftlichen zu sehen ist, und daß eine Acndcning unserer finanziellen Situation für unsere gesamte Arbeit das entscheidende wäre. Die Beschlösse des A ktions-Com ite s, die die Sammlungen für den Keren Hajcssod wieder zur zentralen Angelegenheit der Organisation machen und die Mitglieder der Exekutive und des Actions-Comiles verpflichten, sielt an die Spitze dieser Aktion zu stellen, fragen dieser Situation Rechnung. Sache aller Zionisten der Welt muß es sein, in klarer Erkenntnis dieser Sachlage nicht nur selbst das Maasserprinzip zu erfüllen, sondern mit allen Kräften an der Keren Hajcssod-Aktion mitzuwirken. De Tatsache, daß die Vorkämpfer unserer Bewegung, die Männer, die haite in der Ebene Jcsrcel neue jüdische Positionen aufbaucn, hierbei den allerschwersten Mangel leiden müssen, daß sie nicht einmal imstande sind, sich ausreichend zu ernähren, muß allen denen die Schamröte ins Gesicht treiben, die sich sagen müssen, daß ihre mangelnde Opfcrwilligkeit für den Keren Hajcssod an diesen Zuständen die Schuld trägt. Wir hoffen, daß die neuen Anstrengungen für den Keren Hajcssod erfolgreich sein mögen. Für die deutschen Zionisten ist bei der bereits begonnenen und für die Zeit vom 20. Januar bis 20. Februar bestimmten Aktion Gelegenheit gegeben, ihre Pflicht zu tim und ihre Verbundenheit mit dem aufbauenden Palästina zu beweisen. Die Parole des Keren Hajcssod muß stärker denn je unsere Arbeit beherrschen!

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