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Jüdische Rundschau · 1923-01-26 · Heft 8 (26.1.1923) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXVIII (1923)
Issue
Heft 8 (26.1.1923)
Date
1923-01-26
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Postsparkaesenamt Wien, Konto Nr. 156030, Für Tschechoslowakei: rofttsparkassenamt Prag, Konto Nr.59410• — RedaktiomschluO Sonntag und Mittwoch nachmittag. — par Zionismus erstrebt flr das JQdlsche Volk dl einer CftanMIch ■ rechtlich goslchertan Heimstätte ט׳ שבט׳ חרס״ג tana. Programm.•* *jC wh we Paris, 22. Januar. Jftx Nordau Ist heule nachmittag 3 Uhr nach langer Krankheit hier gestorben; Nord au tot! Wie lebendig wird er uns mit einem Schlage! Denn reden wir uns nichts ein: Seit Jahren war er uns entschwunden. Mit Erstaunen und zaghafter Freude freilich vernahmen wir, wie er in London bei der Sitzung der Jahrcskonfercnz mit alter Kraft die Klinge geführt haben soll. Wir wußten auch, daß er stets und mit allen seinen Kräften uns zur Verfügung stand, daß er immer da war, wenn man rief; aber man rief ihn selten. Man konnte ihn vielleicht nicht rufen. Seine Art, seine Persönlichkeit gehörten einer anderen, vergangenen Zeit an ■— seine Art gehörte auch wieder vielleicht der Zukunft. Sein Format war nicht gewöhnlichen Ausmaßes — zu einem Komparsen hatte er das Zeug nicht. Und der wahnwitzige Taifun des Krieges hatte auch ihn in seinen Wirbel gezogen, von seinem Sitz in Paris weggefegt, ihn fern nach Madrid geschleudert. In Frankreich als Boche, in Deutschland als Französling angefehdet, mußte er grollend mit schmerzlicher Befriedigung die Früchte jener Entartung, den Triumph jener konventionellen Lügen fest* stellen, gegen die ec einst seine prophctischc Stimme erhoben hatte. Und dann, als der Sturm nachzulassen schien, versuchte er aufs neue den Aufbau, mußte er sich bemühen, die alte Position, die einst so gesichert erschien, wieder zu gewinnen. Der Kampf des Lebens nahm ihn in Anspruch. Aber wann immer aus unseren Reihen an ihn der Ruf erging, kam er, und cs gab viele, die mit banger Erwartung nach Paris blickten, die leise die Hoffnung hegten, daß der alte Recke sich aus seiner Ruhe erheben würde. Für viele, sehr viele von uns war es einfach ein beglückendes Gefühl zu wissen, daß ein Nordau lebte. Denn er war unser! Er war unzufrieden mit der jetzigen Riehtung, mit vielem, was geschah und mit vielem, was nicht geschah, aber er war immer und vor allem der disziplinierte Soldat. Nie hat er für sich eine Ausnahmestellung in Anspruch genommen. Aus Reih und Glied zu treten, sich von der Organisation abzukehren, hätte ihm schimpflichste Desertion geschienen. Wie er einst sich Theodor Her/ls Willen gebeugt hat, wie er auf dem 6. Kongreß alle inneren Hemmungen zurücktreten ließ, damals, als er seine berühmte Nachtasylrede hielt — wie er in einer denkwürdigen Szene, die mir ewig unvergeßlich sein wird, im Actions-Comite, als David Wolffsohn hocliau {gerichtet ihm zu rief: ״Dr. Nordau, ich bin der erwählte Präsident; ich befehleI“ zusammenzucktc, sich tief beugte und das tat, was ilnn befohlen war, und wogegen er soeben mit all seiner Impulsivität gekämpft hatte, so war er bis zuletzt. Er hatte seine Meinung für sich, und wenn er die Pflicht der Opposition zu spüren glaubte, ließ er sich wahrlich keine Zügel anlegen. Aber er hatte die Kraft, sich selbst zu bezwingen, sich unterzuordnen, und unter allen Umständen erkannte er die gewählte Leitung an. Aber er war kein Komparse, und heute, da uns die Kunde seines Todes trifft, wird er uns lebendig, so wie er in der großen hewischen Zeit des Zionismus vorn an der Rampe stand, der uinjubelte Held jenes Juden- Stückes, über dem in Basel sich der Vorhang hob. Die Erinncru ugen überstürzen sich. Ein Bild verjagt das andere: Wir scheu ihn als Präsidenten des Kongresses, wieder in der Eriunerung entzückt von der eleganten sicheren Art, wie er die Debatte leitete, fassungslos stehend vor der schlag!(riifügen geistvollen For• inulierung einer jeden Piiisidialbeincrkting — wurde doch jede Gcscliaftssltzung zu einem un* erhörten ästhetischen Genüsse, wie sie unter der Hand des Meisters sich zuin Kunstwerk ־ [ {■X J\WTa4L *־ e" \ 3 •J - י#. *«.!b ״'-.«*".. ־*r יי׳I N'V/• £34 formte. Wir den leer! jener großen Kongrc ßreden, deren jede einzelne ein granitenes Wegzeichen darstcllt, von jener ersten Rede an, in der er die Tchimroth!!!kündigte bis zu den späteren Reden, der Ostafrilrarcde, der Rede über Kraft und Wissen, bis zu jenem Appell etwa an die Gerechtigkeit im Haag. Wir denken an jenen Vortrag in der Viktoria• Brauerei in Berlin 1898 über die Gegner des Zionismus, der bis heute das unerreichte Muster der Propagandaxede darstellt. Die unzähligen prägnanten Worte, die er gefunden und die geflügelte Worte bei uns geworden sind, steigen auf •— das Wort vorn ״Nachtasyl“ und das Wort von dun ״Luftmaischen", Wir sehet! ifui, wie er beim Zusammen* strömen all der Scharen aus allen Teilen der Welt, die rum Kongreß kamen, er jedem, aber jedem, der zu ihm kam, ein köstliches tmd bezeichnendes Wort zu sagen wußte mit jener un* ennüdiiclieti Grazie,, die Ihn aiussacidinete und gestützt von seinem phänomenalen Gedächtnis für Dinge und Personen. Wie ungeheuer lebendig war dieser Matmi Mit welchem Entzücken Dieses blitzende Ätfgc in dem gespannten, vom Patriarclicnbart umrahmten Gesicht. Glücklich, wer ihn gesehen hat — den Hohen Priester. Ein Prophet schien erstanden, wenn er die Tri* büne betrat, und wieder durchzuckt cs uns in der Erinnerung wie damals, als mitten in seiner Rede wir alle, alle emporgerissen wurden und unter Tränen ihm zujubelten, ihm, dem neuen Propheten Israels. Einen Propheten nannte ihn auch nach dein ersten Kongresse Adiad Haam, der ihn später, nach Herais ״Altneuland“, bekämpfte. . Es gab viele, die in jenen Zeiten es doch nicht vertragen konnten, wenn man ihn gleich neben Theodor Hera! stellte. Es gab Leute auch unter uns, die mißtrauisch den Kopf schüttelten und es nicht verstehen konnten, wie jemand — um mit den Worten seines geistvollsten Gegners zu sprechen — den Weg vom Zynismus zum Zionismus finden konnte. Er selbst hat in einer seiner Reden diese Art, wie man über ihn bisweilen urteilte, gekenn* zeichnet. Man glaubte in ihm so etwas wie einen Hcldcntenor zu sehen, der seine Arie sang und sich dann zurück* zog. Nun, ich habe beim Kongreß im Haag zwei Tage in der StatutenkommLssion־ neben ihm gesessen, der er präsidierte. Dort, in einem ungemütlichen, engen Raum, fern ab von der Akustik des Plenarsaals, ohne Publikum, hatten wir mit der denkbar langweiligsten Materie uns zu befassen. Nordau war der erste und der letzte in den Sitzungen; mit einer Hingabe sondergleichen, mit einein Eifer unter Aufbietung all seiner erstaunlichen Fähigkeiten widmete er sich auch dieser Arbeit. Und auch das Paragraphenmosaik wurde unter seiner Leitung zum köstlichen Genüsse. Und das war nur ein Fall! Ungeheuer groß ist diese verschwiegene, stille Arbeit, die Nordau jederzeit, wenn man . sie von ihm Verlangte, geleistet hat. Es ist heute unter dem frischen Eindruck der Nachricht noch nicht möglich, Umfassendes und Ausführlieh es über ihn zu sagen. Er hat jedem, der. mit ihm in Berührung kam, unendlich viel gegeben, und wer irgend eines seiner Bücher aufschlägt, wird, wo immer er es packt, aufs neue Ucberraschendes und Aufrührendes erleben. Aber das Herrlichste von allem bleibt doch seine Persönlichkeit, deren Bild nur dem erstehen wird, der außer mit seinen Welken sich mit der Fülle von Erinnerungen bekannt macht, die sich an ihn knüpfen. Er war ein Kämpfer, eine Kampfnatur, wie sic nur selten zu finden ist, sei cs, daß er gegen die Gegner seiner Anschauungen im Zionismus stritt, sei es, daß er für den beleidigten Freund auftrat, oder wenn er zürnend dein Kongreß und dem Volk seine Sünden verhielt. Es gibt in seinem Leben berühmt gewordene Disputationen, so die mit Ludwig Stein (״so berühmt bin ich doch gar nicht, Herr Professor, warum greifen Sie midi so an?“) oder die mit Bernhard Shaw, der ihn ״demolierte“, ohne daß der Demolierte es merkte. — Und dabei war er von einer Güte, die oft zur Schwäche wurde, konnte er doch sehr schwer nein sagen. Stark im Hassen und im Lieben — und doch erhaben über beides, wenn es um das Größte ging, blickten alle Augen nadi der Tribüne, wo neben 1 kein kleiner Qcgcnwartsmensdi, der an seine Zeit der herrlichen Gestalt Theodor Herzls Nordaus I gebunden ist, sondern ein Ewigkeitsmensch. kleinere gedrungen« Gestalt zu erblicken war, ן Sammj Qtonemann, Berlin. rfr7*gj**f׳ E׳»f י 1.' I י י יץ . T ן׳"‘.,/" י' *<י * % י׳ * ״* •> $ **־י, .״ . # •••ו. »

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