Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXVIII (1923)
- Issue
- Heft 1-2 (5.1.1923)
- Date
- 1923-01-05
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Jahrg. Per Zionismus cratrobt!Ur da» Jüdische Volk die ScLa־:.■"!□ einer C■נ:ד1י'.־י ״ «vrCi'.l'xU r,וו.־:זכ׳״דלדי t:c!1;«3:!*.»a in PaKSsUna. •,Baseler Programm.*• Elieser Bea-Jehuda .Von Nahun Sokolow, »un Stück moderner hcbräisclier Kultur ist dahingegangen, ein Vertreter jener Zeit, die für das jüdische Volk und das jüdische Land den Wiederaufbau anbahnte: Am 23. Kislew starb in Tel-Awiw, unweit seines 40jährigen Wohnsitzes Jerusalem, Elieser Ben-Jehuda im 63. Lebensjahre. Es ist kein Uebermaß, das ihn .als Träger nationaler Kulturwcrtc preist. Denn, wenn schon überhaupt jeder hebräische Schriftsteller, der seinen Beruf ernst nimmt, ein Mitarbeiter am gemeinsamen Entwicklungsgänge littserer nationalen Renaissance genannt werden darf, um wie viel mehr dann einer, dessen Dascinswirkung in der Bereicherung der hebräischen Sprache aufging, mehr noch, in der Schaffung und Ausschöpfung des ganzen Sprachstoffcs. Ohne Elieser Ben-Jehuda wäre die Vorkbendigung unserer Nationalspraclic wohl eine tiefst im Zionismus wurzelnde Bestrebung gewesen, nicht aber der klare, verstandene, mit eiserner Konsequenz durchgeführte und von einem befreienden Optimismus umstrahlte Prozeß geworden, dem das Leben dieses Meisters geweiht war. Als Ben-Jehuda während seiner lange« Schriftstcllerlaufbahn allmählich das modernisierte und gesprochene Hebräisch zur Geltung brachte, verkörperte er jenes Pioniertum auf dein Gebiete der sprachlichen Wiedergeburt, dessen wir so dringend bedurften und das ihn zu einem in dieser Beziehung allbekannten sprichwörtlichen Vorkämpfer und Typus machte. Durch die diesem Manne eigene Ausdauer und geradlinige, ans Abenteuerliche grenzende Monomanie erst wurde diese tiefernste Bestrebung lebendig und trat so als sinnliche Verkörperung des ״Hebraeus redivivus“ der empfangenden Mitwelt entgegen. Die Tatsache fiel zuerst als exotische Erscheinung auf; späterhin übte sie als Kuriosität einen faszinierenden Eindruck aus, bis sie zuletzt nicht nur Vorbild und Leitstern, sondern auch zu einer Selbstverständlichkeit wurde. Es mußte Elieser Ben-Jehuda eigentümlich zu Mute sein, als er, der so lange Verspottete, auf einmal sieh von lauter Ben-Jehuda 8 umgeben sah. In der Geschichte dieser wunderbaren Auferstehung der hebräischen Sprache wird der Name Bcn-Jeliudas nicht mehr erlöschen. Ben-Jehudas Werdegang ist ein Sinnbild unserer Selbstbefreiung. Daß er von journalistischer Kleinarbeit einen kühnen Sprung mitten in die hebräische Lexikographic tat, bewies von Ihm aus ebenso sicher seine schöpferische Spradimcisterberuhmg als die früheren in seiner Zeitschrift zerstreuten Aufsätze über: ״Harchawath ha-Laschon“. Er hatte sich weidlich auf dein journalistisdten Gebiet herum sdilagen müssen und hat des Lebens Sorgen und Mühen in vollem Maß über sich ergehen lassen. Knapp streiften ihn die jüdischen öffentliehen Angelegenheiten, Komitees, Vertretungen und Vereine jener Zeit, und es wäre kein Glück für ihn geworden, hätten ihn diese — durch die Verleihung irgend eines Amtes — ganz erfaßt. Zu dem heranzuwachsen, was er im Laufe der Zeit wurde, hätte ihm bürokratische und auch journalistische Arbeit weder Luft noch Raunt gelassen. Er hätte das Los Jechicl Michel Pines׳ ge- ,teilt — jenes trefflichen Gelehrten, jenes wunderbar hebräischen Stilisten und tiefen Kenners unseres alten Schrifttums, der uns manche Perle geschenkt, sich aher in dicr Verwaltung öffentlicher Anstalten leider aufgerieben hat Als Ben-Jehuda auch seine Wochenschrift aufgegeben hatte und sich seinem ״Millon“ widmete, da fand er sich endlich in dem ihm zugehörigen Wirkuugskreise, und dort hat er uns auch die edelsten Blüten seiner Lebensarbeit geschenkt, dort hat er sein Bestes für die Bereicherung unserer Nationalsprache hingegeben. Diese Tätigkeit war keine zunftmäßige Gelehrtenangelcgcnhcit. Bei normal lebenden Völkern, in ihren eigenen Ländern eingerichtet und mit ihren Sprachen vollkommen ausgerüstet, mag dies der Fall sein. Das wird einmal auch bei uns so werden, und dann wird jede auf diesem Gebiet geleistete Arbeit nicht nur nach dem einzigen Kriterium cer Wissenschaftlichkeit bemessen, sondern auch dieses ganze Arbeitsgebiet wird in den Kreis akademischer Arbeiten hinübergerückt werden. Im gegenwärtigen Gtündungsstadium hingegen, in der Zeit des Experimentietens und des Chaos —■ wohlverstanden, des Chaos in gutem Sinne, das der Differenzierung der Gebilde v<f*angehcn muß! — kann von einer strengen Teilung urjd einem strikten Auseinanderhalten der Gebiete nicht die Rede sein. In einem wohlgeordneten nationalen Gemeinwesen ist die Entwicklung dir Sprache und die Festigung der Terimna Sache einer Sprachakademie, wie die|e immer geartet und genannt Entfaltung, wie auch ein rascheres Tein!» seiner erspricßlichcn Tätigkeit. Aber sollte dieses Tempo auch doppelt so rasch sein, wird cs doch kaum möglich sein, die wachsenden Bedürfnisse, nidit nur der Erziehung und des Unterrichts, sondern auch des alltäglichen Lebens und Webens zu befriedigen. Die Existcnzbercchtigung eines solchen Apparats bestellt in der Gediegenheit seiner Arbeit, und Gediegenheit erfordert lange Zeit, auch wenn die Arbeitskräfte vielfach vergrößert und die Kompetenzen qualitativ zur höchste» Stufe der Vollkommeuheit steigen würden. Die französische Akademie hält zuweilen 2—3 Sitzungen ab, um über eine einzige Neubildung in ihrer Sprache einen Beschluß zu fassen — und d.1 fehlt cs ja wahrlich nicht an Arbeitskräften, an Hilfsmitteln 11. dgl. Das ist gediegene Wissenschaftliehe Arbeit und das kann nicht anders gemacht werden. Das Leben kann aber nicht so lange warten; deshalb ist diese Arbeit mehr auf die Nachprüfung des Gescliaffcncn als auf die Schaffung selbst eingestellt. Um wie viel mehr ist dies der Fall bei uns, mit unserem bescheidenem Vokabularium, wo wir jeden Tag Hunderte von neuen Termina benötigen, die wir entweder in unserem alten, nur Wenigen bekannten Sprachschatz, oder in verwandten semitischen Sprachen finden, oder in irgendeiner Form neu schaffen müssen! Hier heißt es: viel schaffen, und dann erst wird der Läutcrungsprozeß einlrctcn, der das Treffende behalten und die Schlacken ausschciden wird. Da schafft jeder Lehrer, da schafft der Volkstnund, da schafft — oftmals sehr treffend - jedes Kind <״ty ׳TIS'. ״ן!$י ע1ללים ך1נקים), da schafft die erfindungsreiche Not. All dies Ist von unserem Sprachidcal noch sehr weit entfernt; an den zu zahlreichen Arabismen, an den Kürzungen usw. wird der Sprachkenner vieles atiszusetzen haben. Aber das ist unvermeidlich. Aus diesen Anfängen, Versuchen und Wagnissen wird sich das Schöne, das Ideale und Vollkommene hcrauskristallisieren, Es ist der natürliche Qä* rungsprozeß.! 111 diesem Prozeß war Ben-Jcluida eine, um nicht ־»! sagen die zemraie Figur.׳ Isicül nur,׳ dal» er im ״Wand ha-Laschon“ fungierte und dort Tüchtiges leistete, sondern hauptsächlich in seiner Eiiizcitliligkcit als Pionier. In Erez-Israel ist alles Pioniertum, und im Pioniertum ist die persönlich freie Betätigung der Menschen ein hochbcdcutcndes Moment. Was der verstorbene Aron Aronson auf dem Gebiete der Acker- und Gartenbau- Versuchsstationen, was Herr Boris Schatz im Bereiche der Kunstindusti'ic, was Herr Ah'roni in der Zoologie, was Herr Rubanowitz in der Botanik, Herr Idclsohn in der Sammlung musikalischer Motive oder Dr. Slouschz in den so schön begonnenen jüdischen archäologischen Arbeiten geschaffen haben —, alles das und vieles, vieles Andere, das icii hier nicht aufzählcn kann —, all dies ist segensreiche und bahnbrechende Pionierarbeit. Jedes vorangehende Wollen ermöglicht das folgende Wollen, aber dieses ist nicht identisch mit dem vorangehenden Wollen, sondern es ist durch einen besonderen Zweck bestimmte neue Willcnsaktion. Jeder Pionier arbeitet auf seinen! Gebiete, das er als das wichtigste betrachtet, und aus den Eiiizellcistungcn ergibt sich das Ganze. Es entspricht der allgemeinen Regel der Erkenntnis, daß unser Geist von dem •Besonderen zu dem Allgemeinen und von den Folgen zu dem Orunde fortschreitet. Damit ist dann der Boden der Geschichte oder doch ihrer zentralen Vorgänge, wie sie im gegenwärtigen Wiederaufbau bestellt, gewonnen und dieser Roden als das Gebiet der Wirkungen des nationale 11 Geistes erkannt. Wenn man Zionismus in seinem riehtigcii, namentlich synthetischem Inhalte versteht, so begreift man leicht, daß kein Volkstum ohne Sprache, kein Volkstum auch 1n׳t Sprache ohne Zentrum, kein Zentrum ohne Sicherheiten und politische Voraussetzungen bestehen kann, daß all diese Elemente vielmehr Glieder einer Kette sind. Mit Bezug auf, die politische Bedeutung der hebräischen Soraclircnaissancc könnte ich die Wahrheit dieser Behauptung durch hundert Erfahrungen und Beobachtungen aus der Zeit meiner Verhandlungen auf diesem Gebiete beweisen. Unter den vielen Ein- Wendungen, die gegen unseren historischen Anspruch gemacht worden sind, war der Mangel einer Sprache ein nicht zu unterschätzendes Leitmotiv. Daß hiergegen auf eine beachtenswerte neue hebräische Literatur und Presse und auf die Auferstehung der hebräischen Sprache in Palästina liingewiescn werden konnte, und daß diese Tatsaclic uns, unter anderen, geholfen hat, ist denjenigen zu verdanken, die dieses Akiivum geschaffen haben. Darum sage ich: jeder hebräische Schriftsteller ist co ipso ein Mitarbeiter an unserer nationalen Saclic, und darum zählt Ben-Jehuda zu unseren tüchtigsten 740wird. Der ״Waad Halasfion“ ist ein nach dieser Rieh-nistischcn Vorkämpfern. Denn um den Zionismus tattung vielvcrhcißcndcs Beginnen und hat sich auch bereits sächlich zu verwirklichen, ist es notwendig, günstige in dieser Beziehung groß: Verdienste erworben. Nichts liegt mir ferner, als dj:se Verdienste herabzusetzen; im Gegenteil, ich schaffe seine Verdienste sehr hoch ein pnd wünsche dringlfchst eine weitere und größere politische Bedingungen zu schaffen, zu wahren und entwickeln, unsere Brüder!!ach Erez-Israel zu bringen, Land zu kaufen und urbar zu' machen, Kapital und Arbeit im Lande zu mehre», Häuser zu bauen und Industrien cinzufülircn, unsere Organisation zu erhalten Und zu stärken und dasNationalgcfühl in der Diaspora, und die Sehnsucht nadt dem Lande der Ahnen durch eine Aus׳• breitung und Vertiefung jüdischen Fuhlens und Wissens! zu fördern; es ist ebenso notwendig und es ist eia integraler Teil unseres Gcsamtprogranims, unser nationales Sprachgut zu bereichern, und zu verlebendigen. An diesem Werk arbeitete Ben-Jehuda mit Eifer und Mut, Entschiedcnheit und Gesinnungstreue, Tag für Tag, während seines ganzen Lebens. Dieser arme und scinvädilidve Mann arbeitete unter Entbehrungen vierzig Jahre lang! au einem Ideal und hätte noch viel Größeres erreicht, wenn cs ihm vergönnt wäre, noch länger zu leben und zu wirken. Leider hat ihn der Tod ata unseren Reihen plötzlich liinwcggerissen. Schmcrzerfüllt und tieferschüttert trauern wir um ihn. Er ist nicht mehr, aber sein Werk wird leben und seine Arbeit wird von seinen Freunden und Schülern fortgesetzt werden. AJi unsere nationalen Kreise durchzittert tiefer, Schmerz, und wo nur ein licbräisdics Wort verstanden wird, erklingt das Klagelied um den Hebraisten Ben« Jehuda, dessen ganzes Fühlen und Denken in der rühm-» vollen Zeit des Bilu wurzelte, den unermüdlichen Vor■! kämpfer für die Auferstehung unserer nationalen Sprache, der seit vierzig Jahren mit unablässigem Eifer für dieses( Ideal wirkte, den treuen Mitschöpfer des neuen Jischuw1, den Pfleger und Träger unseres Sprachschatzes, der den späteren Anhängern der Idee des Hebräischsprediens(, wenn sie verdrossen, verzweifelt oder uneins waren, immer wieder mit Ernst und Würde ins Gedächtnis zurtickricf, welcher Müllen und Opfer es bedurfte, bis das erkämpft und erarbeitet war, was nachher fast als etwas Selbstverständliches erscheinen mochte, der Hort jener Erinnerungen, der herüberragte in unsere Zeit der Erfüllung als einer der wenigen, letzten Mitarbeiter am großen Beginnen. Es ist schon in Reden und Zeitungsaufsätzen gepriesen worden, was der nationale Fortschritt des He« braismus dem Heimgegangenen verdankt, und es kamt nicht genug gepriesen werden, um cs der Nachwelt fest einziipragcn, wäs dieses ideal an iiuil besessen hat. Wenn sich für die gegenwärtige Zeit die Archive öffnen, wenn sich in Briefen und Akten und Memoiren neue Quellen erschließen werden, mögen uns über seine Leistungen und über die Schwierigkeiten und Hindernisse, mit denen er gekämpft, vielleicht mancherlei wertvolle Aufschlüsse bevorstehen, die auf das Thema: ״Ben-Jehuda und das neue Hebräisch“ neues lieht weifen: seintm historischen Bilde, das sich so prägnant und originell schon zu seinen Lebzeiten fixiert hat, werden sic wesentliehe Züge nicht mehr hinzufügen. Leicht könnte meine Aufgabe erscheinen, dieses Kämpfers zu gedenken, dessen Bild noch so lebensvoll vor unseren Augen steht —! aber wie schwer ist es, in einem Zeitungsaufsatze das ganze, reiche, vielseitige Wirken zu überschauen, zu umfassen, was er in der Journalistik und hauptsächlich im ״Milion“ geleistet hat, und vor allem in wenigen Worten all dem Ausdruck zu verleihen, was unä bewegt Ich erinnere mich des einfachen, ergreifenden Dichter- Wortes: ״Ach — sic haben einen guten Mann begraben, I hid mir war er mehr!“ Ja, uns Hebraisten ist es, als wäre unserer Familie ein teures Mitglied entrissen, als habe der unerbittliche Tod in unserem Hause eine schmerzliche Lücke geschlagen, als hätten wir einen treubesorgten, herzensguten Bruder verloren. Er ist von uns geschieden, und nun müssen sich die Reihen enger schließen — um die Fahne eines Willens und eines Höffens, das Banner hoch erhoben, mit fester Zuversicht dem Gegner kühn cntgegenschreitcn zum Schutz und zum Sieg der National* spräche In Erez-Israel! Colonel Kisch und die Exekutive Die Zionistische Exekutive in Palästina bereitete Mr. Kisch einen Empfang, wobei Ussischkin die Begrüßungsrede hielt, in der seine Freude ausdrückte, daß eine neue Kraft lünzugekommen sei, um an der Arbeit teilzunchincn. Wenn Kisch auch nach den geltenden Statuten der Zionistischen Organisation nicht Mitglied der Exekutive sein könne, weil eine solche Wahl nur durch den Kongreß allein geschehen kann, so werde man ihn trotzdem an allen Arbeiten und Sitzungen tcilnehmen lasse«, man werde zusammen beraten und beschließen. Kisch antwortete: ״Ich weiß, daß Sie ein Opfer bringen, indem Sic zu Ihrer Mitarbeit einen neuen Menschen ein« laden, aber ich werde mich mit allen Kräften bemühen, daß Sie mich ln möglichst kurzer Zeit nicht mehr ul» Fremden anschen. Ich weiß wohl, daß die!gegenwärtige Zeit ernst und die Arbeit außerordentlich schwer ist. Die Schwierigkeit der Arbeit ist es ja, die mich Jvergezogent hat, und ich hoffe, daß es mir möglich sein" wird, ein wenig zum Gelingen Ihres Werkes beizutragen. Ich versichere Ihnen, daß ich keine persönlichen Ambitionen besitze und Ihr kollegialster Mitarbeiter sei» würde, ln bezug auf die konstitutionelle Frage hoffe ich, daß Sie den heute ge^ faßten Beschluß, mich an Ihren Sitzungen tcilnehmen z^ lasse:!, nicht worden bedauern müssen,“ יי׳ »