Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXVII (1922)
- Issue
- Heft 103-104 (29.12.1922)
- Date
- 1922-12-29
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 676 Nr. 103/104 JUEDISCHE RUNDSCHAU־ mußte, ist die Tatsache, daß man über diese aus der 'zufälligen, durch unsere gesellschaftliche mul geistige Situation bedingten Anfnngshaltimg nicht hinaiiskaiu, da II der psychoioeiscfic Antrieb selbständiges Ziel wurde, daß mau niciit Mut, Kraft und Willen hatte, die Konsequenzen des ersten Schrittes auf dem Wege zum eigenen Volk hin zu ziehe«. Die zionistische Jugendbewegung ist an einem Funkte angclangt, wo nur gründliche, ernste Selbstbesinnung jedes Einzelnen über den Sinn seines jüdisch-nationale!» Weges davor retten kann, den Weg für immer und endgültigzu verliere«. Diese Selbstbesinnung will und kann nur von denen vor• genommen werden, die den nationalen Weg wenigstens schon so weit gegangen sind, daß sic wissen, daß nicht die aus der AssimiliertI1cit eines jeden Einzelnen licrrülircndcn 111• dividucllcn Bedürfnisse, sondern nur eine Instanz über Ziel• richtung und Eigenart der nationalen Jugendbewegung ent• scheiden kann: das jüdische Volk in seiner — physischen und geistigen — Totalität, Nur zu denen, die diese Vorbedingung aller nationalen Einstellung erfüllen, denen Schicksal des jüdt• sehen Volkes und Beziehung zu ihm brenne »des Lebens- Problem ist, seien folgende Worte der Klärung gesprochen: Zuvor jedoch, muß einer Ansicht, die viele von diesen teilen, widersprochen werden, nämlich der, das jüdische Volks• tum sei zwar oberstes Gesetz, habe auch ganz ihm spezi• fischen Inhalt und Formung, nur könne niemand Wissen, was eigentlich diese, Eigenart sei, so daß man nun glaubt, cs könne alles sein. Nur völlige — kenntnismäßige oder seclische — Fremdheit der jüdischen Geschichte gegenüber kann zu diesem Relativismus führen, dem sich dieser Gegenstand so verbietet wie jeder andere, der nur ernster Bemühung zugänglich ist. .... Bis gegen Ende des 18. Jahrhunderts bildeten die Juden aller Länder, trotz lokaler Versciiicdenheitcn, im Tiefsten eine Einheit, die durch eine eigentümliche Vereinigung rcligiöscr und nationaler Verbindung bestimmt war und die den jüdischen ״tragbaren Staat“ möglich machte. Der, aus hier nicht mehr zu untersuchenden Ursachen, erfolgt« Zusammenstoß mit der europäischen bürgerlich-kapitalistischen Kultur endete mit der Niederlage der nationalen Position und führte zu einem immer rascher und intensiver vor sich gehenden Zerstörungsprozeß der nationalen Eigenart und Substanz. Wenn Zionismus Ueberwindung der Assimilation und nationale Erneuerung sein soll, so kann dies nur prinzipielle Weiterentwicklung der Situation bedeuten, wo die Nation noch cigcngcset/lich lebte und schuf, trotzdem, wie wir hoffen, nicht nur die äußere, sondern auch die innere Situation sich durch den Zionismus in entscheidenden Punkten, vor allen» gegen die letzten Jahrhunderte vor der Emanzipation, verandern wird. Die jüdische Nation w-cist in ihrer ganzen Geschichte eine prinzipielle Grundstruktur auf, Diese ist bestimmt durch die Tatsache der gleichzeitig blutsmälligen» jetzt ״national“ genannten, und der religiösen Einheit der Gemeinschaft. Durch die Tatsache eines sc.bständig bestehenden Volkskörpcrs, wtirde der ״Religion“ die Aufgabe abgenommen (die etwa die katholische Kirche übernehmen mußte), für die Erhaltung und Ausbreitung der gcsellschaftliehen Gruppe, von der sie getragen wurde, zu sorgen. Vielmehr war der Bestand der Gruppe durch die Tatsache inrer völkisch blutsmäßigen Bildung gewährleistet, Dogmatik und Kirche waren unnötig als gruppcncrhaltcnde Faktoren. Der religiöse Inhalt konnte seinem Wesen entsprechend individuell bleiben. Zwar wurde im Mittelalter von einzelnen Kabbanim der Versuch gemacht, allgemein verbindliche Giaubensnormen aufzustcllcn, aber keine von diesen hat es auch nur im geringsten vermocht, sich im Leben der Nation Geltung zu verschaffen. Gegenüber viel Mißverständnissen muß hier betont werden, daß das ״Religiöse“ gegenwärtige Beziehung und Haltung, nicht aber aas Gegenteil bedeutet: Glauben, d. h. Scheinvvisscn von einem prinzipiell Unerkennbaren, das Gegenstand — nicht seelischer Erfahrung, sondern rationaler Spekulaiion wird. Wenn irgendeine Gemeinschaft, so hat die jüdische gegen diesen Abfall von wahrer Religiosität gekämpft. Sic ist keine ״Glaubensgemeinschaft“, sondern die Gemeinschaft der Generationen und Menschen, die die Tat■ sachc gemeinsamer religiöser Sehnsucht und Beziehung eint Hieraus erklärt sich sowohl die Tatsache des Verbotes, den Namen Gottes auszusprechen oder sich von ihm ein Bild zu machen als auch die der Dogmenlosigkeit des Judentums. Das Gesetz ist nicht Ausdruck gemeinsamen Glaubens, sondern der jeder Generation lebendigen Erfahrung, von dem ausschließlichen und einheitlichen Sinn des Gesetzes ais Aus. druck religiöser Beziehung. Es ist das Bindeglied zwischen der biuistiiäßigen und religiösen Einheit des V01ke3 und soll diese Korelation zu einer dauernden und unzerreißbaren ver• tiefen. Es ist der Ausdruck der Heiligung des Menschen. Alles Weltanschauliche, das seinem Wesen nach prinzipiell vom Religiösen unterschieden ist, ist sowohl unter den jüdisehen Menschen einer Generation als auch zwischen den verschiedenen Generationen verschieden. Es ist bedingt von der jeweiligen allgemeinen geistigen Struktur der Zeit und unabhängig von der dem Volke dauernd eigenen Grundhaitun״. Auch für uns, als Kinder Europas, ist die Weltanschauung des naiven Juden, das heißt, des von der Kultur Europas unberührten Juden ebensowenig erreichbar, als zu erreichen notwendig und wesentlich. Alle Weltanschauung ist bedingt durch den allgemeinen Stand der Gesellschaft, der Zugang zum Religiösen aber, ist jedem zu jeder Zeit und an jedem Orte möglich. Es scheint, daß dieses Problem für 1111s junge Menschen nicht nur von der jüdischen Seite, wichtig ist, sondern daß es für jeden Einzelnen von uns auch ohne dies von brennender Aktualität Ist. Es wäre wunderbar, wenn wir Juden unberührt bleiben sollten von der immer stärker werdender! Sehnsucht der europäischen Menschheit (vor allem der Jugend) nach Befreiung aus einer sinnentleerten, aller religiösen Beziehung baren Kultur und Gesellschaft, deren Ideal wirtschaftliche Höchstleistung ist, deren Menschen sich freiwillig unter das ertötende Joch der Versklavung durch Wirtschaft und Beruf begeben haben. Hier — in der europäisch-kapitalLstischen Kultur — ist an die Stelle der durch wahre Beziehung verbundenen Gemeinschaft die durch Wirt• Schaft, Technik und Wissenschaft gebundene Gesellschaft getreten. Was sich in ihr an Anstand, Moral, Sitte usw, findet, sind nur Reste vergangener sinnerfüllter Kulturen, die in steigendem Maße verschwinden müssen und tatsächlich verschwinden, da sie von ihren lebendigen Wurzeln abgeschnitten sind. Insbesondere wenn der ״Anstand“ aus einer Selbstverständlichkeit, über die man nicht spricht, zu einer Zuflucht für die metaphysische Feigheit des Bürgers wird, der sich in ihr vor der Beantwortung und Lösung der eigentlich brennenden Fragen seines Menschentums I»erumdrückt, entsteht jene Anarchie der Wertungen, iiir welche die Rolle der Staatsbürgcridcologic in der zionistischen Jugendbewcgutig tief bezeichnend ist. Auch hier ist eine unantastbare Selbstverständlichkeit mit jener einseitigen Ausschluß, hchkcit proklamiert worden, die nur in der Sphäre der religiösen Werte einige Berechtigung hat. Die edelsten und stärksten Kräfte der Menschen, die alle großen Kulturen bestimmt und geformt haben, werden hier ertötet. Rückkehr zum Judentum als sinncrfülitcr, starker Gemeinschaft bedeutet für jeden Einzelnen Rückkehr zu sich selbst. Nur wenn nationale Erneuerung ein persönliches Problem wird, kann sie sieh in uns und durch uns wahrhaft vollziehen, nur wenn der ״Stoff ‘ des Volkes aus einem toten Biidungs- Stoff zu einem aktuellen und Icbondigen Stoff der Seele transponiert wird, kann er wahrhaft ergriffen werden. Hier muß gesagt werden, daß das Ideal eines ״hebräischen Humamsrat» , das manchem von uns.vonebwebt, keine innere Berechtigung hat. Es wird dabei übersehen, daß Jeder Stolt seine Methode in-sich trägt und daß der Stoff der hebräisehen Literatur usw. mit anderer Met finde ergriffe« zu werden verlangt, als der des klassischen Altertums. Gerade an dieser Unfähigkeit, die dem jüdischen Stoff adäquate Methode zu finden,’ist die nichtjüdische I]ibelvvi:.se1tsch.,ft■ und ihre jüdi• sehen Epigonen trotz großen . Fleißes und großer Kenntnis so traurig gescheitert. Eine solche Erfassung des Stoffes ist Sache der Wissenschaft, hat aber nichts init nationaler Erziehung zu tun. Unser Versagen als jüdische Erzichungsgcmeinschaft kann aber nicht beurteilt werden, ohne daß man gleichzeitig die im 2:ionisnu!s herrschende nationale Ideologie einer eingellenden Prüfung und Kritik unterzieht. Davon sei 111 Kürze nur folgendes angeefeutet: die 2.ionir.tif,ehe Idee entstand im assimilierten Juden, die die Unfreiheit der Juden als unerträglich empfanden, die einen Weg zur Freiheit in der Ansicdlung in Palästina und als notwendig dam die Sammlung aller Juden unter dem Banner der Nation sahen. Man wollte die Assimilation durch Rückkehr zur nationalen Idee überwinden; aber da man selbst assimiliert war, keine Beziehungen zum eigenen Volk als physischer und geistiger Realität mehr hatte und haben konnte, war man nicht imstande, das Problem der Assimilation und der nationalen Einstellung tiefer als mir als eines des schlechten oder guten Willens und nicht als eines des Inhalts und Wesens von Volk und Einzelnem zu sehen. Da man zur Geschichte des Volkes keine Beziehung hatte, setzte man sicii entweder selbst ohne Rücksicht auf die Historie als Anfangspunkt des nationalen Daseins oder aber man glaubte״ die ganze Geschichte der Diaspora überspringen zu können, und beging damit prinzipiell denselben Fehler uunationalcn, weil uutustarischen Denkens wie Karäisinus oder liberale Reform. Da man Palästina ais Lösung der eigenen individuellen Judennot empfand, vergaß man die Diaspora, die durch Palästina nicht verschwinden, ja niciit einmal wesentlich verkleinert werden wird. Man übersah dabei die wichtigsten Dinge: daß der Wille zur Heber- Windung der Assimilation nur Vorbedingung der Ueberwindüng, niciit aber diese selbst ist. Man übersah, daß die jüdische Nation, aus dem orientalischen Gcsch'chlskrcis nach Europa licriibcrragcnd, prinzipiell anders konstruiert ist, als die curojiiiisclio Nation, die man kannte und daß die Tendenz zur Anpassung an diese an die Stelle der Assimilation des Einzelnen, die des ganzen Volkes setzt. Man leugnete damit (wenn auch oft nur unbewußt und unausgesprochen) den Sinn aller bisherigen jüdischen Oeschiehte, machte die Pro• plictcn, Tannin!, die Meister der Kabbalah und die Führer des Chassidismus zu Fremden im eigenen Volke, und die, welche die Nation verlassen hatten und sich Europa ver• schenkt, Männer wie Spinoza und Marx, zu den Repräser»• tauten des Volkes. Nur ein, aber ein entscheidender Punkt in dieser Ideologie, bewies die Legitimität des Zionismus m! Namen des Volkes sprechen zu dürfen: Ercz-Israel. Dies bedeutet Fortsetzung wahrhaft nnlionaicr Gedanken und Tradition, Erfüllung nationaler Hoffnung. So erklärlich und notwendig die Entstehung des zio• nistisclicn Gedankens war, so verhängnisvoll wäre cs, wenn er im Stadium der Entstehung stellen bleiben würde. Gerade der jüdische Nationalismus, der sich nicht auf gemeinsam« Spraciic und Territorium als gegenwärügen Besitz des Volkes berufen kann, der Palästina nur auf Grund des historischen Rechtes von den'Völkern verlangen darf, würde sich selbst verneinen, wollte er auf die Dauer den Widersinn begehet», seine eigenen Grundlagen dureil Ignorierung der nationalen Vergangenheit zu zerstören. Es ist richtig, daß der Zionismus ein Geschenk Europas an das jüdische Volk ist; aber hüten wir uns, mit dem Golde Europas ein goldenes Kalb zu errichten! NieSits liegt uns ferner, als unsere Beziehung zu Europa gewaltsam zerstören oder gar ignorieren zu wollen: wir sind keine Romantiker! Aber sie muß in unsere individuelle Ent Wicklung zur Nation sinnvoll cingeordiiet werden. Der assimilierte jüdische Nationalismus hat die Grund läge allen nationalen Lebens —■ gegen seinen eigenen Willen — zerstört: die Brücke zwischen den Generationen. Die nationaljüdische Jugendbewegung hat gerade diesen Grundfehler iiiitgemacht. Sie hat die Autonomie der Jugend proklamiert und diese Jugend (oder auch den ״Bund“) als oberstes Ziel gesetzt. Sic folgte damit dem Beispiel der deutschen Jugend- Bewegung, Aber was hier die Konsequenz einer anationaien Haltung war, die sich wiederum aus dem nationalen Zer setzungsprozeß Europas erklärt, muH bei einer Jugend, deren Ziel die Erneuerung der Nation ist, gefährlichster Angriff auf die nationale Entwicklung sein. Zwar ist cs richtig, daß die vorige deutsch-jüdische Generation uns — von Ausnahmen abgesehen — nicht Führer auf dem jüdischen Wege sein kann, dies enthebt uns aher nicht der Pflicht, in Demut wieder Schüler der wahrhaften Führer jener schon dahingcgatigencn Generationen unseres Volkes, die wir uns wieder lebendig: machen können, und der lebenden Führer der uns vorangehenden Generation, vor allem in den nationalen Zentren, zu werden. Der Zusammenhang zwischen den Generationen und der tiefe Respekt der Jugend vor dem Alter ist Bedingung und Ausdruck aller echten nationalen Kultur. Deshalb ist Voraussetzung jeder jüdisch-nationalen Jugendbewegun die entschiedene Abkehr von dem in der Jugendbewegung herrschenden Prinzip des F i! h r e r t u m s. Die Rückkehr zur nationalen Gemeinschaft ist nur möglich, wenn die ganze Jugend, einschließlich ihrer heutigen ״Führer", wieder zu Lernenden wird, zu Menschen, die sich mit Hingahe um den Wer zum eigenen Volk, um die Erfassung seiner Eigenart, wie sie sich in Sprache, Literatur, Form und Lied ausdrücKt, bemühen. Die gewaltige Aufgabe der nationalen Erneuerung und des Aufbaues unseres Landes kann nur gelöst werden, wenn wir als innerlich Gewandelte und Erneuerte den Boden unserer Heimat betreten. Diese Wandlung von irgendwelchen Be• dtngungcn abhängig zu machen, ist sinnlos und unerlaubt. Denn die Wahl und die Freiheit ist uns zu jeder Stunde gegeben. Das Werk wird uns nur gelingen, wenn wir uns zu einer ganz bestimmten Haltung erziehen! aber nicht angängig und verhängnisvoll ist es, wenn maß ״Haltung" mit einem ״Verhalten" verwechselt, wie das bei uns oft geschieht, Es gibt mir eine nationale ״Haltung'*, kein natio• nales ״Verhalten‘‘, zu dem man Menschen erziehen kann. Denn ihrem Wesen nach kann alle Erziehung nur auf eine bestimmte ״Haltung“ gehen, die dann in einer bestimmten Situation ein bestimmtes ״Verhalten“ hervorruft. Der menschliehen ״Haltungen“ gibt es außerordentlich wenige, der Arten des ״Verhaltens“ unzählig viele. Das Ideal des Pioniertuins ist cm typisches Ideal des ״Verhaltens“. Es bewährt sich mir in einer ganz bestimmten Situation des Lehens, und giht keine Garantie für ein entsprechendes Verhalten anders gearteten Situationen oder auch in ähnlichen preis zugeben für den -ג mir scheinbar kürzesten — Weg nach Palästina. Freunde, wir glauben, daß wir irre gegangen sind und daß nur ernste Selbstbesinnung davor retten kann, den We״ zu unserem Volke für immer zu verlieren. Sinn und Zweck dieser Erklärungen sollte sein, zu versuchen, den Weg freizumachen für die Aussprache über all 'die Dinge, die es nun für uns zu tun gibt. Wir sind uns dabei der völligen Unzulänglichkeit des liier Gesagten bewußt. Der Unzuläng. lichkcit, die in doppelter Hinsicht besieht: einmal in der Person derer, die cs sagen, denn über all diese Dinge zu sprechen ist Sache der Lehrer und Führer, nicht der Lernen, den und Schüler; dann aber auch darin, daß hier nur Andcutungen über einen Gegenstand gemacht werden können, dessen vollständige Erörterung ein Vielfaches an Raum und Zeit erfordern würde, Trotzdem schien cs nötig, einmal mit den Formulierungen aufzuhören, die 80 allgemein sind, daß sich jeder etwas anderes — oder gar nichts — darunter vorstcllcn kann. Es sollte hier alles andere als eine dogm*. tische Fixierung ״des“ Judentums durch jede einzelne hier;ciiußcrte Ansicht erfolgen: cs sollte aller einerseits unsere 'irundciiistcllung zur Frage jüdischer Erziehung deutlich und klar werden, andererseits wollen wir die, die zwar den nationalcn Weg prinzipiell bejahen, aber die Frage, wie dieser Weg denn aussicht und ausschcn muß, aus irgendwelchen Gründen unbeantwortet lassen, zu einer Diskussion über diese Frage veranlassen, damit wir endlich zum wichtigsten kommen, zur Erörterung der Frage, wie wir im Einzelnen mit einer wirklich nationalen Erziehung einer» Anfang machen können. Wir müssen nun darüber sprechen, wie wir wieder hebräisch ganz verstehen (nicht plappern) lernen und der ״heiligen“ Sprache ihre Geheimnisse ablauschcn. Wie wir die Bibel wieder ganz erfassen mit der Einstellung, die alleine den Zugang zu ihr öffnet als der ״Heiligen" Schrift, die das Leben unseres Volkes geformt und bestimmt hat; wie wir wieder das Lied unseres Volkes verstehen lernen, das, wie ein Großer sagte, ״die Sprache der Seele ist“, und uns vom Volke erzählt und den Weg zu ihm bahnt. Wir müssen darüber sprechen, wie wir unser Leben wieder ganz in das unseres Volkes cinreihen können, vor allem durch Vorbereitung auf das Leben in unserem Lande, das prinzipiell a’ndcrs sein wird, als das im großstädtisch gegliederten Europa und das eine neue positive Beziehung zur Natur, eine veränderte Grundhaltung verlangt, Wir werden darüber zu sprechen haben, wie wir wieder das in den Mittelpunkt unseres Ge* meinschaftslcbcns rücken, was immer im Mittelpunkt des Lebens unseres Volkes stand: den Sabbath. Denn er ist wie nichts anderes Ausdruck der jüdischen Gemeinschaft — unsere Rückkehr zu ihr. muß Rückkehr zu ihm sein. Dieses und vieles andere ist noch zu besprechen. Die Schwierigkeit darf uns nicht schrecken, denn wir sind Zionisten, die sich nicht mit der einmal gegebenen Situation entschuldigen können. Die Größe der Schwierigkeit muß unsere Kraft steigern! Aber wenn wir erst den Anfang gemacht haben, werden wir wieder zu Menschen werden, deren Rückkehr 7u!n Volk nicht ein schmerzlicher Verzicht oder bloße Phrase ist, sondern ein reiches Geschenk. Wir . glauben an die jüdische ״Substanz" der meisten von uns. Deshalb sind wir Zionisten, deshalb aber auch glauben wir, daß dieser Weg nicht der Weg irgendeiner Kleinen Gruppe ist, sondern der Weg ail derer, die mit Hingabe und Ernst den Weg zum Volke gehen wollen, die die Kon- Sequenzen aus ihrer zionistischen Entscheidung zu ziehen gewillt sind. Es ist kein Leichtes, aus der Fremde heimzukehren, und wer cs sich leicht machen will, der muß, cs ganz lassen. , unser Volk wird in seinem Rhythmus, in dem es bisher geschritten ist, weiter schreiten — «der es wird untergehen. Wir werden in diesem Rhythmus mitschreiten und uns ihm einfügen, — oder wir werden nie zun» Volke kommen, werden für immer Abgcspüttcrie, Draußcnstchcnde bleiben. Nur ein einheitliches Volk kann leben; der Riß, der heute durch das jüdische Volk f״cht, der zwei Manifestationen der jüdischen Seele, den Chaiuz und den chassidischcn Rebben, einander nicht mehr verstehen läßt, muß verschwinden. Er wird verschwinden durch unseren Willen zur Rückkehr zu ihm. Wir haben den ersten Schritt getan, sollten wir erlahmen, wo cs gilt, den zweiten zu tun?! Unser Volk befindet sich in einer unerhört ernsten und gefährlichen Lage: es kann keinen Menschen entbehren und es niciit dulden, daß irgend einer mit dem ernsten Versuch wirklicher Rückkehr zögert. ׳ Das Werk wird nur gelingen, wenn wir wieder das Gefühl des ״Bitachon“ des unbedingten Vertrauens iiaben. So wie sich unsere Paläsiinahoffnung trotz der unendlichen Schwierigkeit nur erfüllen wird, wenn wir diesen unbedingten Glauben an ihre Erfüllung haben, so wird auch das nicht minder schwere Werk unserer inneren Rückkehr zum Volk nur dann gelingen, wenn wir daran glauben. Wir müssen alle wieder Lernende werden, die sich abmühen, wieder die Beziehung zu Wesen und Eigenart unseres Volkes zu gewinnen. Unsere ״Führer*' können nur die wirklich legitimierten, uns an Wissen und Jahren überlegenen, Führer des Volkes sein. Wir haben das Recht, von ihnen zu verlangen, daß sic in Fortsetzung alter nationaler Tradition wieder unsere Lehrer werden. Freunde! Wir müssen den Anfang machen! Es geht nicht um etwas, was man ״auch" tun kann — und deshalb auch lassen kann. Wir wollen ais gemeinsam Lernende nun darüber sprechen, wie wir wieder zur Sprache, Literatur, Form und Lied lebendige Beziehung gewinnen können. Wir bitten deshalb alle die, die mit uns den gleichen Willen haben, Wesen und Eigenart der Nation als obersten Maßstab ihrer Arbeit anzuerkennen und die aus diesem Willen alle Kon- Sequenzen zu ziehen bereit sind, mit uns in eine Ausspracchc über alle Angelegenheiten einzutreten und sich mit uns in Verbindung zu setzen. Frankfurt a. M., Chanukkah 5683. Erich Fromm, FrltzGoithein, Leo Löwenthaf, Ernst Simon, Erich Michaelis (Hamburg). Zuschriften: Unterlindau 21. Situationen kommender Geschlechter. Die zionistische Jugendhewegung ahmt auch hierin einen Grundfehler Europas nach, der seine warnende Sühne schon in» Versagen großer Teile des sozialistischen Proletariats gefunden hat. Auch dort erzog man die Menschen nur zu einem ״revolutionären Verhalten‘ und als die allgemeine Situation die Revolution im Augenblick unmöglich machte, wurden diese selben Revomtioiiarc zu ״Mussolinis“. Auch die Geschichte unserer eigenen palästinensischen Kolonisation sollte ihre warnende biimme erheben. Denn was ist au3 cfcn Bilu-Mcnschcn geworden und aus ihren Söhnen?! Deshalb, weil alles auf die neue Haltung ankommt, geht cs nicht an, daß mau Chaluziut zum Zwecke macht, für den alle Mittel Vccht sind. An vielen Beispielen läßt aich leider zeigen, wie wir bereit waren, die menschliche Ganzheit und Reinheit Verschmelzung des K.J.V. und des Blau-Weiß Vom 24. bis 26. Dezember fand in Berlin ein außerordentlicher Kartelltag des K. J. V. -und eine Führertagung des Blau-Weiß statt. Im Mittelpunkt beider Tagungen stand der Vorschlag einer Fusion beider Bünde, der vom Präsidium des K.J.V. und der Bundesleitung des Blau- Weiß vorgeschlagen wurde. Nachdem beide Bünde zunächst getrennt von einander getagt hatten, fand am Montag nachmittag und abend eine gemeinsame Ausspräche statt. Am Dienstag wurde dann die Verschuldzung beschlossen. Das gemeinsame Präsidium des neuen Bundes, der sich Kartell Jüdischer Bünde (K.J. B.) Blau-Weiß nennt, besteht aus je sechs Mitglied*!• beider früheren Verbände. Die Namen der Präsidiums^ 'tglieder sind: Martin Bandmann, Dr. Werner Bloch, t r Benno Gohn, Herbert Foeder, Hans Kaufmann, Dr. Fr. . Löwenstein, Dr. Walter Moses, Bruno Perl. R.-A. Fel , Rosefiblüth, Dr. Leo Rosenblüth. Dr. Ocort Strau.׳ Dr. Hermann Weill, *