Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXVII (1922)
- Issue
- Heft 101-102 (22.12.1922)
- Date
- 1922-12-22
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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' I * ür Ischechoslowakel: 1 astspnrl ....״ Anzeigenpreis für die achljScspaltcnoNonpafcillczcllo 35.-M. | ־־ «cdaktionsschluü Sonntag und Mittwoch nachmittag, ISInfinti1 ־•״n1tn9 I >**% VTf l . . Für h.hrilich• Anx*l{«n 50% Anhehl«{. H 'iw׳-*--a^-?WU*PtoJPsa^aawMOT»nBHMu,׳|l1,il , ihm■««,— W « Of lvl I,)£..... ||,. licrlin, 22. XII. 1922 | AnzdgenachltiQ: Dienstag und Freiing nachmlttng 4 Uhr, I '1 I XXVII InWnr יי-■ j.^*' P ״•*י *י^׳י UilUTg« Per 2»o»l»mu» erstrebt ftlr das Jüdische Volk dta Schaffung einer fiffonCitli ■ rechtlich gesUhortow Helm Hatte In Palästina. ״Baseler Programm,•• ״, w 00 (4 0 Aus dem fti des! nächsten Tagen erscheinenden) zweiten Band der Tagebücher Theodor llerzis (Jüdischer Verlag G.m. h. H., Bcrliri NW 7, Dorotlieeustr. 35) stellt 11ns der Verlag den folgenden Abschnitt nun VoralxlriicK zur Verfügung, Verlags,uikiiiidigung erscheint an anderer Stelle des Blattes. Nachdruck Vorboten. Copvrtekt1022 by Jüdischor Verlag, Berlin, 27. Oktober, Rischon-Ic-Zion, 6 Uhr morgens. In diesen sonnigen Tagen der Meerfalirt wurde nichts finge Ingen. Es waren halkyonische Tage. Alle Merk- Würdigkeiten zogen an der unbewölkten Seele vorbei, ohne Spuren zu liinlcrlasscn. Und es waren doch merkwürdige Dinge: das Schiff nach Alexandrien, diese schwimmende kosmopolitische Stadt, die vorn Viehmarkt bis zum französischen Salon so mancherlei enthielt. Smyrna, malcrischeT Schmutz und varia miscria, verschicclcncs Elend in roten, gelben, blauen Farben. Juden, Aschkenasim und Sephnrdim, aus aller Herren Ländern in diese klein,asiatische Stadt verschlagen. Utid wieder über das1 weinfarbene Meer, an epischen Inseln der Griechen vorbei, nach dem Piräus, der eine Enttäuschung ist. 1111 Staub hinauf nach der Akropolis, die uns audi nur so viel sagt, weil die klassische Literatur so stark war. Macht der Literatur! Daun durch Athen in Minuten gestürmt, die doch zu genügen schienen für die moderne Stadt. Abends' auf dem Schiff mit dem französischen Schriftsteiler Rene Barin lange gesprochen. Ich •urteilte nicht weich über die Franzosen. leb sagte ihm 11. a,, eine starke Literatur könne auch schwache Ideen in der Welt verbreiten. Andererseits können starke Ideen (wie die staatsreformistischen des XVIII. Jahrhunderts) auch einer matten Literatur die Weltvcrbreitimg geben. Aber das jetzige Frankreich habe weder große Ideen noch ein großes Schrifttum. . Die Franzosen Bazin, Lamy, Mille usw. schrieben die ganzen Zeiteindriieke auf. Ich nicht. Es tut mir jetzt leid; aber die Seele muß auch ihre Brachwochen haben, um wieder fruchtbar zu werden. Und icb habe so viele Aktionen vor mir, daß ich cs mir verzeihen kann, wenn ich keine literarischen Früchte aus meiner Reise ziehe. Heiße Tage in Alexandrien und Port Said. Alexandrien zeigt, wie eine kluge europäische Verwaltung auch aus dem heißesten Boden eine bewohnbare komfortable Stadt ziehen kann. In Port Said habe ich den Suczkanal sehr bewundert. Der Suczkanal, diese schimmernde Wasserlinie nach der Unendlichkeit gezogen, hat mir viel mehr imponiert als die Akropolis. Menschenleben und Geld wurden ja beim Suczkanal geraubt und verschwendet, aber döch ist der kolossale Wille, der diesen einfachen Gedanken des Sandabgrabens ausfiihrtc, zu bewundern. Bei Panama war dieser Wille schon senil; daran, nicht an den natürlichen Hindernissen, ist offenbar das zweite Werk gescheitert. In den letzten beiden Nächten, die wir auf dem kleineren Schiffe ״Russia“ (von Alexandrien 11er) verbrachten, war cs nachts in der Kabine, die wir selbfünft bewohnten, unerträglich heiß. Ich ging schon um drei Uhr morgens aufs Verdeck, ln der letzten Nacht schlief ich gar von Mitternacht ab a la belle 1■ tolle, Das Meer war nachts und morgens wunderbar still und verschiedenartig schimmernd. Als es hell wurde, begannen wir nach der jüdischen Küste auszuspähen, Gegen sieben Uhr wurde der erste Streifen, zwei Bergpünktchen rechts, von Wolffsolm konstatiert. Mit gemischten Gefühlen näherten wir uns dein Lande unserer Väter. Sonderbar, welche Gefühle dieses öde Land in den meisten Menschen aufrührt: in dem allen deutschen Pastor aus Südafrika, in dem russischen Muschik der übelriechenden dritten Klasse, in den Arabern, die seit Koiistantinopel mit fahren, in 1111s- Zionisten, in dem armen rumänischen Jiidenwcib, das zu ihrer kranken Tochter nach Jeruscholajim will lind befürchten muß, mit ihrem rumänischen Paß zurückgewiesen zu werden. In diesem Falle ist übrigens auch unser Genosse Seidener mit seinem russischen Paß. Die Landung gestaltete sich so recht unbehaglich, als Jaffa in Sicht kam. Ich traf für alle Fälle meine Dispositonen, wenn uns die türkischen Hafciibehördcn nicht passieren lassen sollten. Ich bereitete eine Depesche an den Kaiser vor, worin die Schwierigkeiten, die man uns bereitete, angezcigt wurden. Es kam anders. In dem großen Gook-Boot, in das ich auch das rumänische Weib hatte einsteigen lassen, erfuhr ich, daß deutsche Polizcileutc an der Landungssteile wären. Ich sprang ans Land, und während die türkischen Polizisten in unseren Teskcrchs hernniscbnüffelten, nahm ich den deutschen Beamten beiseite, sagte ihm, wir seien auf Befehl des Kaisens hier; man ntojje die fünf weißen Korkhelme sofort passieren lassen. Dies gesduifi. Die rumänische Frau übergab ich der Mm«. Gaulis, der Frau eines franzöi'ischen Journalisten, die 1m nächsten Boot saß: die solle sie als ihre Dienerin atisgcbcu. Mine. Gaulis tat so, die arme Alte hielt sich am Kleide der Französin an und schlüpfte so durch den Kordon durch — lind war so glücklich, in Palästina zu sein, wo sic ihre todkranke Tochter besuchen wollte. Was es für Glück gibt! Und wir waren in Jaffa! Wieder Armut und Elend und Hitze in lustigen Farben. Durcheinander in den Straßen, im Motel, kein Wagen zu bekommen. Ich saß schon auf einem Pferde, um• nach Risdmii zu reiten, stieg aber wieder ab, als Dr. Joffe eine Fahrgelegenheit verschaffte. Wir fuhren — bei fürchterlicher Hitze — zuerst nach Mikweh Israel. Das ist eine vorzüglich« Ackerbmischulc. Am Tor Schmuck für den Kaiser, der morgen hier vorbei nach Jerusalem fälirt. Ich will versuchen, ihn zum Besuch der Anstalt zu bewegen. Von Mikweh durch die arnbisdr verwahrloste Landschaft nach dem vielgepriesenen Rischo11-lc-Ziot1. Für ein armes Dorf ist cs ein ziemlich wohlhabender Ort. Aber wenn man sieh mehr als eine arme Niederlassung ««•gestellt li.'t, ist man enttäuscht. Tiefer Staub auf den Wegen, ein wenig Grün. Der Administrator empfing uns mit feiger Miene, wagte offenbar weder liebenswürdig, noch unlicbenswürdig zu sein. Ueber allem schwebt die Furcht vor dem Herrn Baron in Paris. Die armen Kolonisten haben eine Angst mit der andern vertauscht. Man zeigte uns umständlich die Weinkcliercien. Aber daran habe ich nie gezweifdl, daß man mit Geld wo immer industrielle Etablissements errichten könne. Mit den Millionen, die hier in den Sand gegossen und gestohlen und verschwcmM wurden, halte sich ganz anderes erreichen lassen. , Inzwischen halte sich die Kunde von unserem Eintreffen im Ort vcibrcitct. Eine Deputation kam, mich ins Beth Finnin bitten. Musik, leider nur gut gemeinte, empfing uns. Wieder ein Spalier von Gesichtern, die ich in London, Berlin, Brünn, überall gesehen Iinbe. Einer hielt eine Ansprache, worin er die Pflichtschuld gegen den Herrn Baron mit der Liebe zu mir in einen ebenso uimiöglich.cn Einklang z.u bringen versuchte, wie der Kapellmeister die Flöte und die Violine. Die große Trommel mußte alles bedecken. Ich sprach auch ein paar Worte, riet ihnen, dein Baron dankbar zu sein, obwohl er nicht dasselbe wolle •wie ich. Dann besah ich das Haus eines Koloristen, der reüssiert hat. Große Räume, immerhin wohnlich. Aber welke Gesichter. Dann sali ich das Haus der Arbeiter, die auf Taglohn kommen. Hol/pritschcn mit Misere. Zum Schluß sprach ich mit dem Arzt der Kolonie, Dr. Mnzic. Der schenkte mir reinen Wein c.n. Ficberl Die Kolonien leiden alle am Fieber. Nur durch großartige Drainagen, Entsumpfungen ließe sich das Lnnd bewohnbar machen. Das ist auch meine Ansicht und Absicht. Das wird Milliarden kosten und Miiliaidcn neuer Werte schaffen! Als Arbeiter wären solche Araber zu verwenden, die gegen das Fieber immun sind. Jerusalem, 29. Oktober. Schluß der Ansprache an den Kaiser: Das ist das Vaterland von Ideen, die nicht einem Volke, nicht einer Konfession ausschließlich gehören. Je Iiölicr die Menschen in der Ocsittung steigen, um so deutlicher erkennen sie das Gemeinsame in diesen Ideen. Und so ist auch aus der wirklichen Stadt Jerusalem mit ihren schicksalsvollen Mauern längst eine symbolische Stadt geworden, die allen Kulturmenschen heilig ist. Lin Kaiser des Friedens zieht mächtig ein in die ewige Stadt. Wir Juden grüßen Ew. Majestät in diesem hohen Augenblick und wünschen dabei aus tiefster Brust, daß ein Zeitalter des Friedens und der Gerechtigkeit aubrcdicn möge für alle Menschen. Audi für uns, 2<5. Oktober, Jerusalem. Die Ansprache mit folgendem Begleitbrief an August Eulenburg geschickt:; Ew. Exzellenz beehre ich mich ganz ergebenst in der Beilage die Anspräche der zionistischen Abordnung zu überreichen. Die von Sr. Majestät dem Kaiser gewünschten Aenderungen oder Dessen hohe Zustimmung bitte ich mir giltigst bei der Rücksendung des Manuskriptes bekanntzugeben. Ich werde es in der Audienz in der :anbefohlcnen. Weise Vorlesern . ■ •';. .־v . : ,׳ Zugleich bitte Idi tim freundliche Mitteilung des! »un Empfang der Abordnung bestimmten Tages und de« Stunde. ׳ Genehmigen Ew. Exzellenz die Ausdrücke der aus» gezeichnetsten Hochachtung - Ihres ganz ergebenen , I I Dr. Th. H. ' 29. Oktober, Jerusalem. Ich muß die Begebenheiten seit vorgestern, seit wir Rischon-Ic-Zion vertieften, naditragm. Wir fuhren vormittags von Rischon fort. Etwa eine halbe Stunde entfeint ist das Judendorf Wad el Chaim. Dort empfing uns die ganze Bewohnerschaft; singende Kinder; ein Alter überreichte mir Brot und Salz und Wein vom eigenen Boden. Ich mußte die Häuser, der Kolonisten fast sämtlich besuchen. Wir fuhren weiter. Eine Kavalkade stürmte uns vor der Kolonie Rechobotli entgegen, etwa zwanzig junge Burschen, die eine Art Pliantasia auf führten, 11c!>räiscl10| Lieder jauchzten unil unseren Wagen umsclrvvärmtctr.j Wolffsolm, Sdinircr, llodcnheimer und ich hatten Tränen! in den Augen* als wir diese flinken mutigen Reiter! sahen, in die sich die hosenverkaufenden Jünglinge ver-j wandeln können. Fledad! schrieen sic und stürmten auF ihren arabischen Pferdchen querfeldein. Mich crim.criett sie an die Far-West-Keiter der amerikanischen Steppen, die idi einmal in Paris gesehen hatte. In Rechobotli noch größere Kundgebung; die ganze Ortschaft erwartete mich in Reih und Glied. Die Kinder sangen, Mit den Mitteln Armer ein fürstlicher Empfang. In schwerer Hitze zurück nach Jaffa, wo ich erschöpft anlangte. Mein guter Hechler war cingctroffcn. Ich erzählte ihm die Vorgänge seit unserer ersten Trennung! und bat ihn, dem Grafen Eulenburg zu sagen, daß ich nrn nächsten Morgen .auf der Landstraße vor Mikweh! Israel auf den Kaiser warten werde. Gestern früh fuhr ich zeitig hinaus nach Mikweh Israel. Ich war schon unwohl, hielt mich aber mit An•• strengung aufcrcht. Das Bild der Zöglinge an den land* wirtschaftlichen Geräten war sehr hübsch. Als Neugierige fanden sich auch die etwas hochmütigen frciherrlidf Rothscliildschcn Administratoren ein. Dem Direktor Niego von Mikweh sagte ich, ich würde ihn dem Kaiser vorstcllcn, wenn mich dieser erkennen und ansprechen sollte. Niego bat mich, dies zu unterlassen, da es a!9 eine zionistische Manifestation angesehen werden und ihm schaden könnte. Ich sei hier als Gast von Mikweh' und solle ihn, den Direktor, daher nicht uorstclien. Eigentlich war das eine kleine Zurechtweisung, die ich aber dem sonst liebenswürdigen Manne nicht verargte. Uni neun kündigte eine Bewegung auf der mit einer mixed multitude von arabischen Bettlern, Weibern, Kin* dorn und Reitern besetzten Landstraße das Hcrannabeii des kaiserlichen Zuges an. Grimmige türkische Reiter sprengten mit verhängten Zügeln, drohenden Gewehren, noch drohenderen Rundblicken einher. Dann die Vorreifer des Kaisers. Und dort in einer grauen Gruppe mit einigen Damen er selbst. Ich gab dem Schülerchor von Mikweh das Zeichen zum Absingen des ״Heil Dir im Siegerkranz“ mit der Hand. Ich stellte mich au einen der Pflüge hin und zog den Korkhelm. Der Kaiser erkannte mich schon von fern. Es gab ihm einen kleinen Ruck, er lenkte sein Pferd zu mir herüber — und hielt vor mir an. Ich trat zwei Schritte vor; und als er sich auf den Hals deg Pferdes niederbeugte nncl mir die Hand beruntcrstreckte, trat ich ganz dicht an sein Pferd heran, streckte meine Hand hinauf und stand entblößten Hauptes v׳or ihm. Er Jachte und blitzte mich mit seinen Herrcnaugcit an: ״Wie geht's?“ ״Danke, MajestätI Ich sehe mir das Land an. Wie ist die Reise Majestät bisher bekommen?“ •Er blinzelte mächtig mit den Äugen: ״Sehr heiß! Aber das Land hat eine Zukunft.“ ״Vorläufig ist cs noch krank“, sagte ich. ״Wasser brmdlit es, viel Wasser!“ sprach er herab. ״Ja, Majestät! Kanalisierungen in großem Maßstabt“ Er wiederholte: ״Es ist ein Land der Zukunft!“ Vielleicht sprach, er noch einiges, was mir entfallen ist, denn mein Aufenthalt dauerte einige Minuten. Dann reichte er mir wieder die Hand herunter und trabte, davon. Die Kaiserin war auch ein wenig in die Fronte geritten, nickte mir lächelnd zu. Dann ging der Kaiserzug unter den Kindertönen des ״Heil Dir im Siegerkranz“ weiter. Ich sah noch, wie der Kaiser sieh stolzer im Sattel aufreckte und seine Hjmne salutierte, wie damals in Breslau das Denkmal seines Großvaters. v