Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXVII (1922)
- Issue
- Heft 100 (19.12.1922)
- Date
- 1922-12-19
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 100 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite OST Spvecbsaal (Ohne Verantwortung der Redaktion.) Die Gefahr In Nr. 97 der ״Jüdischen Rundschau" findet 8!d> eine mit 15 Unterschritten versehene Erklärung veröffentlicht, die nach ihrer eigenen Angabe bezwecken soll, die bisher von der ,Jüdischen Rundschau“ offenbar systematisch im Dunkel gelassene zionistische Ocffcnflichkcit endlich filier ,,die katastrophale Entwicklung des Wanderbundes Blau- Weih“ ,mfzuklärcu. Die Unterzeichner haben, wie jeder Kenner der Verhältnisse weiß, so wenig miteinander zu tun, daß nur die Orolle der Gefahr sie zu einer Einheitsfront zusnmmcimeliigt haben kann. Wer der Regisseur und Akteur dieser fulminanten Erklärung ist, wird dem Kenner nach ihrem (leist und Stil sofort klar sein. Und weiter wird ihm klar sein: cs muß wirklich etwas Wichtiges vorgcfallcn sein, wenn der alte Ueldenspiclcr von 1917/18, der damals in vier Seilen langem beredtem Schweigen zum unwiderruflich letzten Male seinen Abschied von der Jugendbewegung ge* iiommen bat, um fortan in stiller Ehrfurcht und Konzentration zti ,.lernen‘1, nun aus der Weihe seiner Studierstube wieder in die ()Öffentlichkeit tritt. Was mögen die Raben dem alten Barbarossa im KvtfHäuser ־zugetragen haben, daß cs ihn in seiner Ruhe nicht länger mehr duldet?! Der Blau-Weiß, der bisher getreu allen Wandlungen der deutschen Jugendbewogun ז vom Wandervogel bis zuin Weißen Ritter mil- und naeligemacht batte, iiat beschlossen, um seinen Mitgliedern auch «las Neueste in dieser Branche bieten zu können, sich in eine Art Organisation C um/uwandeln, und schickt sich, von einem iaLschcn Moses geführt, an, in straffer ״reicltgcglicderlei‘‘ Armee, unter dem Absingen von zünftigen Landskncditslicdcrn nach Palästina zu marschieren, um dort deutscher Kultur eine bleibende Stätte zu bereiten. So absurd mag cs etwa aus der Darstellung der 15 Erklarer her.msklingcn, und diese unerhörten staatsgcfährliehen Tatsachen der zionistischen Ocflentlichkcit unterbreitend, scheinen sie beinahe nach einem zweiten ״Gesetz. zum Schutz der Republik" zu rufen, das diese Hitzköpfe im Zaume lullt. Die Aktiv Icgitimation für ihr Vorgehen haben sic allerdings nicht naciigcwicsen. Der Kenner weiß, daß ihnen auch jede sonstige Verantwortung und Verantwortlichkeit abgeht. Niemnndem wird zum Vorwurf gemacht werden, daß er sich von der Verbündung der zionistischen Jugend, die im Rahmen der Bewegung ihre Sonderaufgabe lastet, fernhält und vercinzelt bleibt. Aber unverständlich ist cs, auf Grund welcher eigenen öffentlichen Leistung er dann aus dieser Untätigkeit und Isoliertheit den Mut faßt, Bünde, die jahraus jahrein in hartem Kampfe dem verfallenden deutschen Judentum seine jungen Kräfte abringen, von oben herab abzukanzeln und ihre Wertlosigkeit und Gefährlichkeit zu erweisen. Dieser Blick in die Personalakten der Erklärer ist von mehr als biographischem Interesse. In dieser Hinsicht ist übrigens der 1 laiinlerklärcr wahrlich uninteressant genug; hat cs doch seit Heinrich Heine in der deutsch-jüdischen Berliner Tageblatt- Zone Zeitungsschreiber — auch solche, die sich antijournalistisch gebärden — in hinreichender Zahl gegeben. Aber Bedeutung und Gewicht eines Angriffs kann nur beurteilt werden, wenn man weiß, wer hinter ihm steht imd die Waffe führt. Als das K. J.V. bald nach dem Bundestag älif Grund eines entstellten T,agu11gsberichtcs Rechenschaft von dem Blau-Weiß forderte, hat er sich in Cassel in offener Fehlschicht gestellt. Hatten doch die Angreifer nach ihrer öffentlichen Leistung sehr wohl das Recht, vom Blau- Weiß Rechenschaft zu verlangen, in welcher Weise er seine Tcilaufgabe innerhalb der Bewegung erfüllt. Den Isolierten steht dieses Recht sicherlich nicht zu. ln Wirklichkeit verlangt cs sie auch gar nicht nach Rechenschaft und Ausspräche. Wie alle Unverantwortlichen machen sic es sich bequemer: sie denunzieren. Vorurteilsfreie, dem Blau-Weiß qbne Ocgcnaffcktc gegenüberstehende Leser werden es schon aus der Art der Darstellung entnommen haben, wie liier nach bewährter Methode einzelne Aeußerungcii, die ihren Sinn durch die Situation empfingen, in der sie getan wurden, ohne Scham, nachdem sie ihres Sinn- Zusammenhanges entledigt sind, von dem Schreiber zu einem neuen willkürlichen, ihm genehmen Bilde zusammengefügt worden sind. Jene in extenso zitierten Worte von der Aufgabe des Blau-Weiß stehen wirklich so in der Vorrede zu den ״Gesetzen“. Aber Sinn bekommen sie erst durch die besondere einmalige Lage, aus der heraus sic gesprochen sind. Vor ungefähr zwei Jahren wurde cs denjenigen Menschen, die eine führende Rolle in! Blau-Weiß spielten, immer klarer, daß nur dann der Blau-Weiß seine Aufgabe erfüllen könnte, in Deutschland die jüdische Jugend zu erfassen und in Palästina ein aufbauendes Glied für den neuen Jischuw darzustellcn, wenn es gelänge, eine kontinuierliche Entwicklung des Bundes zu gewährleisten. So kam es darauf an, alle Kräfte zu vereinen, um den Bund in den Mittelpunkt zu stellen. Ihn zu schaffen, machten sich im wesentlichen die llaupfbünde zur Aufgabe. Das Werk des Bundestages in Prunn ist die Schaffung dieses Bundes Blau-Weiß. Und wieder erstand der Plan der eigenen Kolonie, der aus dem leidenschaftlichen Palästinawiilcn des Blau-Weiß schon immer ein Ziel des Bundes gewesen war. Die Kolonie sollte das erste große gemeinsame Werk des Bundes für den verwirklichen Zionismus werden. Die Ideologie, die der Vorfasscr diesem Plane rusclircibt, nämlich die Kolonie als lailturschöpferische Tat herauszustellen, hat er offenbar von seinem eigenen Kulturbegriffc her versehentlich in diese Sache hineinprojiziert. Kultur eines Volkes ist keine Sache, die innerhalb eines Menschenlebens nach einem vorgefaßten Plane fabriziert wird. Sie erwächst ans dem viele Jahrhunderte langen Zusammcnleben eines Volkes in einer Wirklichkeit Sicherlich Kt sic letzter und tiefster Sinn des Zionismus, aber von diesem letzten sollte kein Zionist in seinem ganzen Leben mehr als einmal reden. Die Uukeuschhcit, mit der die Kultur• idcologie seit Jahrzehnten datiernd in den Mittelpunkt der zionistischen Argumentation gerückt wird, liegt gerade dem Blau-Weiß ganz fern. Für ihn heißt eine Kolonie schaffen, nicht Kultur fabrizieren, sondern eine neue Position im L ande gewinnen. Will er die Kolonie mit den Kräften der Blau- Weißen aufbaueil, so tut er es des,halb, weil Kräfte, zum Bunde Gleichgerichteter vereinigt, eine größere Stoßkraft besitzen, als die einzelner unverbündeter Menschen. Das Beispiel des Gdud, des Haschoincr Hnzair und von Chcfzibnh zeigt, daß landsmannschaftliche Kolonisation auch anderen Kreisen Bedürfnis war. Grundsätzlich landsmannschaftlich zu kolonisieren liegt dem Blau-Weiß ganz fern. Er ist nicht so töricht, seine Menschen vor der abhärtenden Zugluft der Fremde schonen zu wollen, sondern will sie an deren Widerständen erstarken lassen. Auf nichts wartet er heute und wird er später begieriger warten, als wenn neue Menschen hcreinkomincn und sein Leben bunter und reicher gestalten. Jeglicher Sehnsucht nach esoterischer Jugendidyllik ist er heute abgeneigter als je, und er hat genügend Einsicht zu wissen, daß, wenn sie bestünde, die Stärke der palästinensischen Wirklichkeit sie auf den ersten Anhieb über den Haufen werfen müßte. Einem in Palästina lebenden Menschen müssen alle diese Erwägungen für und wider überhaupt höchst müßig und wie im luftleeren Raum geführt anmuten.!Er mag lächeln Und der Wirklichkeit vertrauen, die von selber alle Vor-' stiegenheiten diesseits und jqus s korrigiert. 111 der Studier• *tub cnlult dagegen wachsen mangels dieses Korrekt!vums alle Probleme leicht nt unförmlicher Gestalt Von dieser richtenden Kraft der Wirklichkeit hat der Blau-Weiß In der letzten Zeit einen Hauch verspürt und alle seine Pläne und Unterncliiiiungcn sind von diesem Geiste getragen. Die uuerhörtc KrafLaustrcrguug, die der in nah« Zukunft zu verwirklichende Plan tfrr Kolonie'dem filnn-Wdß zur Pflicht machte, mußte naturgemäß sein äußere« Bild bestimmen lind dein 1»» dahin lockeren lktnde!;gcfüge eine festere Form geben, die alle Kräfle wirklich binden und entfalten konnte. Völlige Erfassung seiner Menschen wurde rum ersten Gebot. Dieses Gebot schuf die VoiStellung vxm einer friedlichen Armee, die der Llnu-Weiß werden wollte, um alle seine Kräfte zum Letzten zu nutzen und unter richtiger Ldhuig zur hödistcu Wirksamkeit zu bringen. Ls war ihm wohlbekannt, daß er sich damit neue ״Freunde" und neue Gegner verschaffte, Gegner: die Etliizislen von 1918, die bei dein Worte Armee unausblcihlidh zuiwidist an Ludendorff und ihren aiisbii.lenden Unteroffizier denken mußten, um! ״Frcisni&e“: die Witzbolde von vor und nach 1918, deren Geist in dieser Zeit der Baisse neuer und reichlicher Stoff für viele Monate zugefiihrt werden konnte. Beide trafen sieh darin, das Votbiid tiir diese neueste Wendüng in den iu:1g!!e11t־chen Strömungen der deutschen Gegenwart zu finden, obwohl jedem mit der Entwicklung des lltmde« wirklich Vertrauten bekannt sein mußte, daß der Blau-Weiß seit Jahren weder innerlich noch äußerlich Fühlung mit der deutschen Jugendbewegung besaß und sich auch streng gegen sie ahgegren/t hatte. Der Gedanke, daß das Vorbild einer111 ־ der Ai'beiisarmec von Herz! liegen köiwtle oder in dem Wirklichkeit gewordenen üdttd 1 laawvxlaii, kam weder ״Freund“ noch Feind. Nach landläufiger Meinung hatte der IRau-Weitt, liekmuiüich in tief4er Assimilation befangen, ja nur zu den deutschen Modeideen Fühlung zu haben und dran jüdischen Volke ferimr-teJicu. Daß imbecondere efte ,,Aufklärung" gegen das Pifcl der Armee Sturm laufen würde, war von vornherein klar, Armee hieß dir: Tun ohne Denken, Automatisierung des Handeln.■;; Befehlen war ihr Kommandieren^ uiul Folgen Naditrottcn. Gehorsam kannte sic nur in der Form des Kadavcrgdiorrams. bür andere Gnmdlcräfte, die frülver einmal Armeen getragen und werthaft gemacht haben, hatte auch der Axtikcl&clirciocr trotz seines konzentrierten 0esdiiditsstudiums keine Augen und kein Verständnis. Für ein auf Vertrauen gegründetes Vedtalttüs von Menschen zueinander, für eine natürliche Gliederung nach ihrem inneren geistigen Range fehlte cs ihm offenbar an Instinkt Daß j cm und um eines Werkes wißen einmal gehorchen konnte, ohne oder gar gegen seine lieberzeugting, schien ihm, dem im tiefsten vorzionislischcn Individualisiiius befangenen, Rückfall in finsteres Gojtum zu sein. So kann Treue für ihn audi wirklich nur in Anführung»• Zeichen in Erscheinung treten, und dafür daß, wenn wieder Treue unter den Juden herrscht, das (Kölns dem Ende sein muß, kann er unmöglich Blick haben. ßflicklorigkeit ist überliaupt sein wesentlichstes Merkmal. Der Bundesführer ist ihm zynisch, großspredicrisriicr General, die anderen Führer anmaßende Generalstäbler, die man vom Weltkriege her kenne. An diesem Ihtnklc insbesondere!hört jede Diskussionsmöglichkcit auf. Gegen sdmnit/.ige Brillengläser kann cs vielmehr nur ein einziges Mittel geben; sie zu reinigen, und das mutt sdion dran Brillenträger selbst überlassen bleiben. Schließlich ist cs nach alledem auch verständlich, daß der Artikclsdireibcr kein Verständnis cfafiir haben kann, daß ein Bund, der seine neue Aufgabe gefunden zu haben glaubt und an die Erfüllung geht, den Glauben an seine besondere Berufung hat und iiir an dem Tage seines Bundes gesteigerten Ausdruck verlötet Jenen Unterzeichneten lullte früher einmal, auch wenn sie damals schon älter gewesen wären, ebenso das Verständnis dafür gefehlt, wie der B. J. C. rieh als den ״Erzichungsbund zum ritterlichen und adligen j&disdien Menschen“ empfinden konnte, und welchen Ansporn er durch diesen Glauben an seine Berufung empfangen hotte. Ein leidiges ist es, als Außenstellender die kühle Objektivität zu bewahren und die erhobenen Ansprüche in ihre Schranken zurückzuweisen. Wirklich reife Menschen werden solcher Anisprudihnftigkcit gegenülvr verstäisdiiisvollcs Schweigen finden, obwohl oder weil sie alles wissen. Weniger reife mögen lächeln und das Wort von dem Most zitieren, der sich absurd gebärdet, Der Literat aber, dessen Handwerk das Wort ist, und zwar das Wort ohne Seele, wird, zumal wenn er affektgetriibt ist, in die Posaune stoßen, vor der unerhörten Anmaßung des ״stolzestem" Bundes warnen und zum Kampfe gegen die Gefahr aufrufen. Das hat er nun auch getan. Befriedigt mag er jetzt in die Konzentration des Lernens zurückkelircn. Wenn wieder Gefahr im Verzüge ist, werden cs ihm die Raben schon zutragen. Der Blau-Weiß indessen muß angesichts des Andrangs der Gegenwartsaufgaben darauf verzichten, seinen Mcnsclien diese Ruin: und Konzentration, zu gönnen und wird sich nicht abbaltcn lassen, seine zionistische Pflicht zu erfüllen. Er ist und bleibt Diener der ziomistisdicn Bewegung,.der er seinen Ursprung verdankt, und de allein wird wcilerliin sein Dasein und Handeln rechtfertigen. GI e i w i t z, den 13. Dezember 1922. Benno Cohn. * Mit dem vorstehenden Artikel nt« den Kreisen des Blau- Weiß bt die Basis für eine Diskussion und eine Informierung der zionistischen Ocffentliehkcit gegeben. Daß eine solche Information überaus notwendig ist, geht aus den nachfolgenden Ausführungen hervor, die in dem ״Mitteilungsblatt des Binjan Haare?“ in einem Die Krisis in der Jugendbewegung‘" überschricbcncn Artikel stehen: ״Wenn man mm die Gründe der jetzigen Spaltung am allen den hochtrabenden Reden herauszuschälen unternimmt, so stößt inan etwa auf folgende Grundtatsachcn: Der Blau- Weiß bt eine Schöpfung des Kartells Jüdischer Vorhindüngen (K. J. V.) und war mit diesem bisher durch gemein- 6ame Ziele aufs engste verknüpft Beiden gemeinsam war der Glaubensartikel: Zionismus ohne Sozialdemokratie gibt cs nicht. ,Jüdische Berufe‘ waren nur der des Landwirts und der des Lehrers. Alle übrigen waren ,unjüdisch‘. In dieses Lehrgebäude hat, wie anerkannt werden muß, der nachher besser informierte Klötzel als Erster gründlich Bresche gelegt. Schließlich hat der Schöpfer und Hauptvertreter dieser Ideologie, Walter Moses, seinen Tag von Damaskus gefunden, er bt zu einem kaufmännisch-industriellen Beruf übergegangen und hat damit seine gläubige Jugend aufs äußerste enttäuscht. Enttäuscht hat er aber auch die Jugend des 1(. J. V., denn er bt mit seinem Ucbertrilt unrettbar der kapitalistisehen Produktionsweise verfallen. Deshalb hat das K. I. V., von seinem Standpunkt durchaus folgerichtig, die Spaltung geschürt, um einen neuen Blau-Wciu unter sozialistischer Flagge zu gründen.“ Es ist unverständlich, wie jemand, der die VcrhSlInlssc in der zionistischen Bewegung auch nur ganz obcrdlchlieh kennt, zu einer derartig schiefen und nicht in einem Worte richtigen Darstellung kommen konnte. Es ist wohl überflüssig zu betonen, daß die Auffassung des K,J.V, niemals, weder zur Zeit der Revolution, noch heute, in irgendeiner Weise als sozialistische charakterisiert war, was ohne Wertung festzustcllen ist. Ebenso wird niemand, der die Jugendbewegung auch nur von außen kennt, ernsthaft der Meinung sein, daß die Gemein* samkeiten von K. J. V, und Blau-Weiß in ihrer sozialistischen Einstellung liegen. Sic Ingen und sic liegen in einer besonders betonten nationalen Aulfa: smigdes Zionismus, in den sieh daraus er■ gebenden Forderungen für die Erziehung und in dem Gedanken <lcr Vorbereitung und Paliiotlnaübcrsicdlung als höchstes Ziel dieser Erziehung. $(etm der sich nlchf nennende Autor des Artikels in den Blniin-Haatcz-Mltte'riungen in diesen charakteristischen Merkmalen Sozialismus oder gar, wie er schreibt. Sozialdemokratie zu sehen glaubt, so ist dazu schließ* lieh nichts zu sagen. Zur RIchilgsieHnng Herr Dr. Sternberg hat ln Nr. 8 der Palästina-Beilage der ״Jüdischen Rundschau“ eine Entgegnung auf tnclnc Kritik seines Buches veröl!entlieht. Ich verzieht« nun meinerseits darauf, diese Entgegnung zu beantworten, erstens, weil Ich ■nicht glaube, daß die Palästina-Beilage der .,Jüdischen Rundschau“ der geeignete Platz ist, um derartige Kontroversen nuszulragen, zweitens aber, weil Ich überhaupt eine weitere Debatte in dieser Hinsicht für zweck- und sinnlos halte. Das Urteil darüber, wer von uns beiden, ich oder Sternberg, im Vcrsammlungston geschrieben hat, überlasse ich ruhig den Lesern. Wenn ich auf die Sache hier zuriickkominc, so geschieht es nur deswegen, um mit aller Schärfe den Vorwurf zurfickzuwcisen, in dem ich kaum etwas ander«! als eine böswillige Entstellung meiner Worte sehen kann, den nämlich, als ob ich in meiner Kritik etwas gegen Marx gesagt hätte. Diejenigen, die meine Kritik geiesen haben, werden wohl ganz verblüfft gewesen sein, dies aus Sternbergs Antwort zu erfahren und meiner Richtigstellung gewiß nicht bedürfen. Um aber doch jedweden Schein einer Unklarheit zu vermeiden, erkläre Ich fnit alter Entschiedenheit: Die von Sternberg als Beleg zitierten Worte meiner Kritik richten sich natürlich bloß gegen diejenigen Leute, die glauben, mit Berufung auf die Autorität von Marx allerlei Unsinn predigen zu können und deren Zahl leider keine geringe ist. Daß ich, wie übrigens jeder Nation.!lükonom, bei aller Freiheit der Kritik mich vor Marxens Oröße beuge und nie wagen würde, von ihm anders, als mit größter Ehrfurcht zu sprechen, Ist wohl selbstverständlich und würde kaum einet; besonderen Hervorhebung bedürfen, wenn Ich nicht durch die famose Ablenkung Sternbergs dazu gezwungen wäre. Dies sd vor aller Ocflentlichkcit festgcstcllt. ' Dr. Arleh Tartakower. Aas der palästinensischen Presse ״Haarez“ vom 28. November bringt einen Artikel des bekannten liberalen Publizisten A. M. Boruchow unter der Ucbcrschrift ״An den Waad Lcumi“, in dem gesagt wird, daß der Waad Lcumi zwar der Regierung gegenüber anscheinend machtlos sei, jedoch der Zionistischen Organisation gegenüber immerhin eine Stimme haben müsse. Er müsse daher seine Aufmerksamkeit der Tatsache zuwenden, daß gegenwärtig eine neue politische Vertretung des Zionismus in Palästina gebildet werde, während bis jetzt die politische Vertretung in den Händen der palästinemsischcn Exekutive lag. Die palästinensische Exekutive kennen wir und sie kennt uns und unsere Bedürfnisse, die meisten ihrer Mitglieder sind Fleisch von unseren! Fleische; nun kommt ein neuer Vertreter, den wir nicht kennen, aber was noch viel schlimmer ist, er kennt auch uns nicht. Mag er selbst der begabteste Mann sei«, —• solange dieser Mangel nicht behoben ist, d. h. solange er die Verhältnisse nicht genau kennen gelernt hat, darf er nicht selbständig handeln, sondern mutt der Leitung der palästinensischen Exekutive unterstellt werden. Der Artikel verlangt, der Waad Leumi möge an Weizmann die offene Frage stellen, welche Vollmachten der neue Mann hat und welche Rollo er spielen soll, ob die palästinensische Exekutive auch fürder politisch verantwortlich bleibt oder der Mann vielleicht direkt der Londoner Leitung unterstellt werden soll Wird der neue Mann wenigstens verhalten werden, die Forderungen des Jischuw zu berücksichtigen, oder werden ihm am Ende Beratcr aus jenen Kreisen beigegeben werden, die der Jischuw ׳ nicht brauchen kann, an denen aber «1er Präsident der Zionistischen Organisation Gefallen zu finden scheint? (Es wäre zu wünschen, daß der heftige Unwille über die Ernenriung Col. Kischs zum politischen zionistischen Vertretef in Palästina, der sich in diesen! — vielleicht inspirierten? — Artikel äußert, durch entsprechende Auf- Klärungen und durch eine entgegenkommende Erklärung der palästinensischen Exekutive, die doch den neuen, zur Vermililung des Verkehrs mit der Regierung befähigten Mitarbeitcr begrüßen muß, beschwichtigt wird. Der Artikel zeigt, welche unfreundliche Aufnahme Weizmann diesmal gerade bei jenen Elementen gefunden hat, die früher seine treuesten Freunde waren und augenscheinlich — siche den Schlußabsatz des Artikels — durch Weizmanns Beziehungen zur Gruppe des ״Doar Hajom“, die als reaktionär und levantinisch gilt, verärgert ist) Der Lehrerstreik ist in der Presse Gegenstand lebhafter Erörterung. In ״Haarcz“ weist D. Abissar darauf hin, daß die Verantwortung für das Schulwesen nicht nur auf der Zionistischen Organisation ruhen kann, sondern auch auf den Eltern der Schüler und auf der Regierung. Dr. Glßckson entwirft im Anschluß daran ein Schulprogran!m, das Ln der Forderung gipfelt, die Regierung müsse die Schulen übernehmen. Die materielle Erhaltung der Schule« sei Sache der Regierung, die kulturelle Ausgestaltung Sache des autonomen Jischuw. Unsere ״Realpolitik“ der Bescheklenheit hat nichts genützt, daher ist die Zeit gekommen, mit altem Nachdruck unsere berechtigten Forderungen an ,die Regierung zu stellen. Ferner wird die Frage erörtert, ob die Lehrer überhaupt ein Streikrecht besitzen. In einem offenbar aus Lehrerkreisen stimmenden Leitartikel wird diese Frage verneint, da ein Streik der Lehrer mit einem Schlage die ganze kulturelle und moralische Grundlage des Jischuw vernichten könnte. Ein Streik wird nicht das fehlende Geld zur Gehaltszahlung herbeischaffen und ist auch deswegen wirkungslos, weil er sich nicht gegen die unmittelbar Betrof(enen richtet, sondern gegen den im fernen Lande sitzenden Geldgeber. Die Lehrerschaft müsse «lalier Wege suchen, um gemeinsam mit der Zionistischen Organisation einen Ausweg aus dem unerträglichen Zustand zu finden. Worin dieser Ausweg bestehen soll, darüber sagt der Artikel alterdhig» nichts. Die Auswanderung au• Palästina Jerusalem. (J. C. B.) Nach einer offiziellen Mittellung sind im Laufe des Monats September aus Palästina 2708 Personen abgcrcist, von welchen der größte Teil Touristen und Kanflcute waren, aber auch Emigranten, und zwar 131 neu cingcwandcrle und 91 dem alten Jischub angchörenda Juden, von denen der größere Ural sich «ach Amerika begibt. Juden und Armenier ln der Türkei. Die türkische Delegation in Lausanne dementiert alle Nachrichten über Verfolgungen der christlichen Bevölkerung in Konsfantinoptl. Riza Nur, der zweite türkische Delegierte, hält ■ein Zusammenleben von Griechen und Türken für unmöglich; Juden und Armenier könnten unangefochten im Lande bleiben.