Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXVII (1922)
- Issue
- Heft 97 (8.12.1922)
- Date
- 1922-12-08
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Der heutige Zustand ist weit ernster, als er cs jemals für die deutschen Juden seit der Emanzipation gewesen ist. Die Reaktion ist überall im Fortschreiten begriffen. Sie verlangt die Wiederkehr der Monarchie, und ihr stärkstes Argument ist die Judenhetze, die, mit immer gröberem Nachdruck betrieben, steigende Bcachtung und Sympathie sich errungen hat, Wir wissen, aus welcher Atmosphäre des Mordes lind des fanatischen Judenhasses die Attentate geboren wurden, und sehen wieder, wie auch beim Schcidcinann-Attcntat bei jeder Qelcgcnhcit antisemitische Noten mit anklingen. Die Rciehsrcgierimg hat in Ausführung des Gesetzes über den Schutz der Republik eine große Reihe von Vcicinipimgen verboten, die eine Gefährdung des Friedens in der Republik bedeuten und die ausnahmslos wüstesten Judenhaß predigen. Aber niemand glaubt, daß die Gefahr damit beseitigt ist. Der Name und die Organisationsform, in der siel» diese Kreise Zusammenschlüßen, ist schließlieh nicht das entscheidende. Am bedenklichsten ist vielleicht •die Tatsache, daß die antisemitische Bewegung sich keineswegs auf ausgesprochene Reaktionäre beschränkt. Sic hat immer weiter um sich gegriffen, und cs ist ein offenes Geheinmis, daß weite Teile der Arbeiterschaft, auch der sozialdemokratisch organisierten, von diesem Gift nicht verschont geblieben sind. Die großen Erfolge, die eine auf nichts als auf einem handfesten Antisemitismus bcruhende Partei wie die des sogenannten Knüppel-Kunze bei den obcrschlesischen Wahlen gehabt hat, ein Erfolg, der ohne jedes Parteiorgan beim ersten Anlauf 20 0Ö0 Stimmen zu gewinnen vermochte, ist bezeichnend für diese Stimmung. Die Versuche, Arbeiter auf Grund einer national-sozialen Parteigruppierung zu vereinigen und ihnen einen mit einem sozialen Mäntelchen umkleideten Antisemitismus als Ziel darzubicten, sind alt Jetzt aber haben sie in kürzester Zeit zu Erfolgen geführt. Wohin die Entwicklung steuert, ist noch nicht zu übersehen. Aber es stellt zu befürchten, daß dieser Winter, der ohnedies durch das wirtschaftliche Eiend Schwierigkeiten genug bringen wird, von den reaktionären Kreisen zur Durchsetzung ihrer Schwierigkeiten mißbraucht werden soll. In Bayern herrscht eine Stirnmung, die den Ausbruch eines reaktionären Putschcs stündlich möglich erscheinen läßt, und es kann niemand verborgen bleiben, wie gefährdet dann die Situation des bayrischen Judentums sein würde. Aber die Gefahr bc* schränkt sich nicht auf Bayern. Die deutschen Zionisten haben es im allgemeinen abgclehnt, siel! mit der Bekämpfung des Antisemitismus zu beschäftigen. Zw׳ar ist der Standpunkt, der alle Encrgien unserer Bewegung nur auf den unmittelbaren Palästinaaufbau beschränkt wissen will, längst überwunden. Schon aus der Erkenntnis heraus, daß auch die folgende Generation am Aufbau Palästinas miUuwirkcn hat, sind wir an der Erhaltung des Galutli-Judentiims auf das ernsteste interessiert. Dt allen Ländern, auch in Deutschland, sind die Zionisten längst an führender Stelle und mit aller Energie bei allen Maßnahmen vertreten, die die Position der Juden stärken und die Entwicklung ihrer Institutionen fördern soll. Das gilt etwa von der Geineindcarbeit und von der kulturellen Tätigkeit auf dem Gebiete der hebräischen Sprache und der jüdischen Schule. Zuriickgchalten haben wir uns aber in Deutschland gegenüber dem Antisemitismus. Dafür waren viele Gründe maßgebend. 111 richtiger Erkenntnis der sjmptomatisclicn Bedeutung des Antisemitismus für die Beurtcilung der gesamten Judenfrage betonten wir, daß Antisemitismus eine ־unvermeidliche Folgeerscheinung der Minoritäls- und Goiuscxistenz unseres Volkes Ist, daß alle Mittel der Aufklärung bestenfalls P.illiativmittcl* dien sind und nur die radikale Aendenitig der Verhältnisse jm jüdischen Volk durch die Errichtung eines nationalen Zentrums in Palästina grundlegenden Wandel schaffen können. Die antisemitische Bewegung war im %igcn in jener Zeit vor dem Kriege zwar störend und unerfreulich, aber sie betraf nicht wesentlichste Vorbedingütigen für jedes jüdische׳ Leben, D-cr Antisemitismus erfreute sich behördlicher Duldung und Förderung, er tam in der Zurücksetzung von Juden in Staat und Heer 2um Ausdruck, aber es■ gab keine ernsthaften Versuche, das Leben, die Rechtsstellung und das Eigentum der Juden anzugreifen. w, in einem Punkt freilich haben wir uns stets für verf Pflichtet gehalten, mit allen unseren Kräften aktiv zu |; «ei״, Das war jcdcputl da* wo «a stell um ostjüdischc A'ngdcgctihcitcrt handelte. Wir hatten' und wir haben nicht das Vertrauen, daß diese Abgelegenheiten von an* deren Gruppen im jüdischem Volk in der Form behandelt werden, die wir für die richtige halten, Wir wissen, daß es selbst Juden gegeben hat, die sielt für der» Grenz- Schluß einsetzten, wir wissen, daß Juden in der Oeffentlichkeit gegen die Ostjuden gehetzt haben und haben cs für eine natürliche Folgeerscheinung unseres nationa* len Standpunktes gehalten, gerade hier positiv! und nach» drücklich tätig zu sein.; ( * j Die Situation der letzten Monate ist aber eine ‘derartige geworden, daß cs uns zweifelhaft genug geworden ist, ob unsere weitere Zurückhaltung gegenüber dem Antisemitismus noch möglich ist. Paß alle Mittel der ״Aufklärung“ und des ״Protestes“ vollkommen wirktnigslos geblieben sind, wie wir cs seit Jahrzehnten immer und immer wieder gesagt haben, dürfte heute nachgerade jedem deutschen Juden Marge worden sein. Um so notwendiger wird cs sein, daß wir uns um die Lösung dieser Dinge bemühen, wenn wir glauben, wirksanier vorgehen zu können. Grundsätzliche Bedenken kann es nicht geben. Haben wir einmal erkannt, daß die Erhaltung des Galuth für uns eine mrtwendige ist und daß es für uns eine Verpflichtung bedeutet, der wir ־uns nicht entziehen können, so bedarf cs keines Beweises mehr, daß wir da cinzugreifcn haben, wo Leben »md Recht der Juden auf dem Spiele stehen. Haben wir aber einen anderen Weg Voranschlägen? Ist unser Mittel ein neues? Jede Bekämpfung des Antisemitismus wird zunächst zu versuchen haben, da Aufklärung zu schaffen, wo davon ein Erfolg erwartet werden kann. Ohne Zweifel sind viele derjenigen Kreis«, die heute der judcnfcindliclicn Richtung zuneigen, durch!^Stellungen beeinflußt und durch andere Darstellung im anderen Sinne wieder zu gewinnen. Bei solcher Aufklärjmgsarbcitkann cs für uns nur eine Richtschnur geben: unbedingte Wahrheitsliebe und unbedingtes Bekenntnis zu unserem Standpunkt. Wir können auch den Antisemitismus nur als Zionisten, nur als Nationaljudcn bekämpfen, die die Solidarität aller Juden nicht für einen schweren Vorwurf, sondern für eine Forderung arf uns halten und die daran gearbeitet haben und daran arbeiten, daß das jüdische Volk in aller Welt wieder solidarisch empfindet und solidarisch handelt. Wir werden es ablehncn, unser Recht ln Deutschland zu verteidigen, indem wir, und sei cs noch so vcrklausu» liert, sei es in noch so winzigen Kleinigkeiten, irgendwie die Zusammenhänge verleugnen, die •uns durch Vergangenheit und durch gemeinsame Zulcunftslioffuung mit dein jüdischen Volke verknüpfen. Wir werden die Assitnilationspsychologic in keiner Weise raitmachen können, die ihr Recht davon abhängig macht, daß sic die Stärke ihres deutschen Empfindens zum Gegenstand der Debatte macht. Wir können die Debatte über diese Frage als nicht zur Sache gehörig ablehncn. Wir erfüllen unsere Pflichten und verlangen mit allem Nachdruck unsere Rechte. Es kann erforderlich werden, daß wir die politische Ocffcntlichkcit über unsere Tendenzen aufklären. Wir müssen über den Zionismus, über seine Aufgaben in Palästina und dem Galuth in der Oeffent* lichkeit orientieren, um Mißdeutungen zu vermeiden, und wir werden die Frage unserer Stellung zum Staat, unserer inneren Verknüpftheit mit diesem, wo sie uns gestellt wird, ehrlich beantworten. Wir werden vor allem in Deutschland darauf hinzuweisen haben, daß vielleicht nichts für Deutschlands Stellung in der Welt so nachteilig gewesen ist wie die Tatsache des Nichtvcrstchens von Minderheitsgruppen, die sich in Deutschland immer wieder gezeigt haben. Die deutschen Juden sind nicht wie Polen und Dänen als nationale Minderheit anzusprechen. Dazu fehlt ihnen zuviel: gemeinsames Territorium, gemeinsame Sprache, Gefühl nationaler Zusaimnengcliörigkcit. Aber die deutschen Juden sind etwas ganz anderes als eine Religionsgemeinschaft, etwas ganz anderes etwa mich als eine nur abstnininungsinäßig verbundeiic Gruppe von Menschen. Sic sind bis zum lieuti* gen Tage eine erkennbare Gruppe mit besonderen Merk» malen, deren Acußercs, deren Benifsschichtung, deren Mentalität, deren Stellungnahme in allen politischen, wirtschafttichcn, kulturellen Dingen sic Immer wieder als Juden charakterisiert. Diese Zusammenhänge bestehen. Unsere Tendenz ist, sie soweit zu stärken, als es möglich ist, die nationalen Ziisammcnlüngc zu unterstreichen, das deutsche Judentum wieder zu einem lebendigen Zweige, am Baume des jüdischen Volkes zu machen. Diese Tatsachen haben wir immer betont und werden •sic heute nicht weniger nachdrücklich zu unterstreichen haben. Unser Verhältnis zutn Staat wird dadurch nicht berührt. Wir verlangen Verständnis für die eigenartige Situation und die eigenartige Struktur einer Gruppe von 600 C00 deutschen Staatsbürgern, wir verlangen, ln unserem Intercssc nicht weniger als in dem Deutschlands, daß man unserer Situation Verständnis entgegeubringt, indem man von uns fordert, was mau von uns fordern darf und was wir nie ,abgclehnt haben zu leistem : ‘ ff reue gegenüber 'dem Staat, derrt wir ’angchöreaf und indem man uns1 gewährt, was wir mit allem Nacta druck zu verlangen haben: Schutz unseres Lebens, ujiso» rer Rechtsstellung, unseres Eigentums und absolute Frei- »eit unserer inneren Entwicklung, für die einzutreten tms Stets die wichtigste Aufgabe sein wird.! < F. L’. ' Dr, Weizmann bei Sir Herbert Samuel ' Jerusalem. (J.C.B.) Atn 29. November empfing der Oberkommissar von Palästina, Sir Herbert Samuel,׳ den Präsidenten der Zionistischen Weltorganisation, Dr. Chaim Weizmann. Dr. Weizmann besprach mit dem( Oberkommissar eine Reihe von aktuellen Fragen, besondem über die Zusammensetzung der ״Jcwisli Agency“ in Palästina und über die Beziehungen zwischen der pa• lästinenslschcn ,Verwaltung und der ״JewisK Ägcncy'V Altlance und Keren Hajessod Haag (J.C. B.). In der soeben erschienenen Nummer* der Keren 1 lajessod-Zeitschrift ״Het ßcloofdc Land“ schreibt, der Präsident der A.S.U. Dr. B. Ascher in Holland u, a.:' ״Von verschiedenen Seiten wird die Frage an mich gerichtet, wie ich, als leidenschaftlicher Anhänger des von der Alliance verfochtenen EmatizU pationsgedankens, Mitglied des Kuratoriums des• Kerc» Hajessod werden konnte. Meine Antwort ist kurz und bündig: Nach meiner festen Ueberzeu. gung hat in dieser Zeit jeder Jude die unab. weisbare Pflicht, den Aufbau Palästinas zu fördert». Ich möchte durch dieses Beispiel alle Gesinnung»* genossen veranlassen, neben der Arbeit der Alliance an dettf Aufblühen Ercz Israels mitzuhclfcn.“ Ein holländischer Minister über den Zionismus Haag (J.C.B). Der Niederländische Unterrkhtsminlslcf Dr. Thode V isse r, der hier einer Vorführung des bekannten Palästina-Films beiwohnte, ergriff nach Schluß der Vorführung das Wort utvd führte u. a. aus! ״Es war der Wunsch' Ihres Präsidenten, daß ich als Mitglied der Regierung das W'ort ergreife, feil komme diesem Wunsclw sehr gerne mach, weil ich die zionistische Bewegung als einen der schönstet! Ausdrücke des wahren Nationalgef uh ls betrachte,“ Im weiteren Verfaul seiner Rede erinnerte der Minister an seine Reise nach Palästina vor ungefähr 20 Jahren und sprach die Hoffnung aus, daß die Juden der ganzen Welt den Zionismus und den J. N. K. unterstützen werden, da gerade im Zionismus eine wahre Vaterlandsliebe zum Aufdruck kommt. Syrisch ■ palästinensische Delegation in Lansanae Die syrisch-palästinensische Abordnung hat der Konferenz eine Note zügelten lassen, in der sie darum ersucht, bei Verhandlung der südlichen und südwestliche« Orenze der Türkei angchört zu werden. Ein neuer französischer Oberkommlssar für Syrien Der bisherige französische Oberkommissar des Memelgcblctes Tfitisnd ist, wie das J. C. B. erfährt, als französischer Oberkommlssar für Syrien in Aussicht genommen. Die Ernenn 11 ng wird demnächst erfolgen, Tdtisnd ist im Memclgtbiet allen Versuchen, die Rechte der jüdischen Bevölkerung zu beschneiden, entschieden cntgcgcngctrcUn. Die Gemeindeorganisation in Palästina Jerusalem (J. G B.). Der Waad Lcumi protestierte In einer Resolution gegen den Beschluß des englischen Kolonialmtnistcriums, die jüdischen Gemeinden in Palästina nicht als juridische Personen iwuucrkcnnen und ihnen das Recht zur Besteuerung der jüdischen Bevölkerung des Landes zu verweigern. Der Waad Lcumi beschloß, die jüdischen Gemeinden auf dem Boden praktischer Arbeit zu organisieren, um auf diese Weise den Plan einer Gemeinde-Organisation ln Palästina zu realisieren. Die sanitäre Arbeit in Palästina Jerusalem. (J. C. B.) Das ameri karaiscli-jüdisdie Joint Distribution Committee hat für die sanitäre Arbeit in Palästina 70 000 Dollar zur Verfügung gestellt. (Wem? Der Hadassa oder der Regierung? A. d R.) Die träte jüdische Stadt Anleihe Aus Amerika ist, wie das ״Zionistische Bulletin" meldet, die erfreuliche Nachricht eingetroffen, daß cs den Bemühungen des Herrn Uem.wl A. Roscnblatt, Mitglied der paälslinensiisdicn Exekutive, gelungen ist, die erste jüdischc SladfaolciliiC Palästinas zu placieren. Es handelt sich' um eine Anleihe für Tel-Awiw im Betrage vo« £ 75 000 zu 6>/a ״/» verzinslich. Der Betrag soll zu städtischen Verbesserungen verwendet werden. Es ist Herrn Rosenblatt gelungert, mit einer bedeutenden amerikanischen Bankfirma ein Abkommen zu schließen, wonadi diese die Anlellie unterbringen wird. Die Zionistische Organisation Amerikas hat dabei ihre Mithilf« zugesagt.