Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXVII (1922)
- Issue
- Heft 95 (1.12.1922)
- Date
- 1922-12-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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L au 1 1J kJJ י. j t.j Anzeigen-Verwaltung Berlin, i. XIL 1922 per ZIcnLmua oralrabt fOr da« JQdlach© Votk die Schaffung einer öffentlich rechtlich ®©sicherten Heimstätte In Palästina. ,Daseler Programm.** Um den jüdischen Weltkongreß De!• wichtigste Beschluß der diesjährigen Jahres- Konferenz in Karlsbad betraf den jüdischen Weltkongieß,!kr Beschluß ging dahin, daß die Exekutive bcaiiftrngt wurde, dem Actions-Gomitd einen genauen Plan fur die Einberufung dieses Kongresses vorzulegen. Die Frage, um die es sich handelt, ist schon technisch so kompliziert, daß die allcrgründlichste Vorbereitung und Dtirclulciikung aller Einzelheiten notwendig ist, wenn ein Mißlingen vermieden werden soll. Die Frage, ob der Kongreß mir auf Grund allgemeiner Waiden statllinden soll oder ob, wie es beim amerikanischen Kongreß seinerzeit der Fall war, auch die großen Organisationen bcrcchtigt sein sollen, sich auf diesem Kongreß vertreten zu lassen; ob die Gemeinden die gegebenen Wahlkörpersdiaflen sind oder ob solche erst zu bilden sind, die 1 ragen, welche Verschiedenheit im Walilmodus durch die verschiedenen Lnndesgesetze und die verschiedenartige Struktur der Juden geboten sind, alle diese rein technischen Fragen sind bereits außerordentlich schwer zu lösen, Vor allem aber wird es sich darum handeln, den Kongreß sachlich so vorzubereiten, daß die größtmögliche Garantie fiir sein Gelingen geboten wird. Das Ziel ist, daß diese Tagung die Vertretung des gesamten an Palastina interessierten Judentums wird, daß sic sich als ein? solche fühlt, und daß sie von Juden und fjichtjudcn als solche empfunden wird. Dieses geczaitigc. und bedeutsame Ziel erfordert also vor flllem die Mitarbeit weiter Teile der nichtzionistischen Jmicnlieit an diesem Kongreß. Nicht die zionistische Majorität auf diesem Kongreß liegt in unserem Interesse. Wenn wir unter uns bleiben wollen, können wir cs auf , ‘!cm zionistischen Kongreß bequemer haben. Unser Interesse 1nt!ß vielmehr sein, daß wir auf diesem Kongrell als eine starke Gruppe, aber nicht als die allein entscheidende erscheine» können, und daß wir durch d:e Gewalt unserer Gründe, durch die Stärke unserer l.cistung und unserer Organisation uns durchsetzen werden, wie auch immer die Zusammensetzung sein mag. Es läßt sich heute noch nicht vorher bestimmen, welches das Ergebnis eines solchen Kongresses sein soll. Es wäre möglich, daß der Kongreß nur einmal zusammentritt und daß seine entscheidende Wirkung in einem gewaltigen Appell besteht, den er an das jüdische Volk richtet, in einem neuen Impuls für verstärkte Aufbauarheit in Ercz-Isracl. Aber es wäre auch möglich, daß der Kongreß zu einer Art von dauernder Organisation wird. Damit werden eine große Reihe neuer Fragen aktuell. Denn dann wird es sich darum handeln zu entscheiden, wie das Verhältnis dieses jüdischen Weltkongresses zur Zionistischen Organisation, wie das Verhältnis zum allgemeinen Keren Hajessod und wie cs endlich zur Jewish Agency sein wird. An der Klärung dieser Probleme werden Männer arbeiten müssen, die nicht nur organisatorisch auf das beste geschult sind, sondern die wirklich verstehen, welclip Kräfte in diesen Gruppen am Werk sind und wie sie am besten für den großen Gedanken des Aufbaus nutzbar gemacht werden können. Auch in zionistischen Kreisen gibt es Bedenken gegen die Idee des Weltkongresses. Diese Bedenken gehen dahin, daß wir entweder auf diesem Kongroß uns in einer gewissen Vereinsamung befinden kannlen und der Kongreß damit ein Schlag ins Wasser wäre, oder aber, wenn der Kongreß gelingt und eine lebeusfähige ICongreßoiganisatioii ins Leben ruft, daß dann für die Zionistische Organisation das Wciterbcstehcn in Frage gestellt werden könnte. Diese Gedankengänge sind uns verständlich, aber wir glauben nicht, daß sie ausreichen können, 11m die Frage negativ zu beantworten. Unsere Arbeit wird uns im Laufe einiger Zeit erkennen lassen, ob weile nichtzionistische Kreise für den jüdischen Palästinakongreß gewonnen werden können. Nach den Erfalimngeii, die wir bei der Keren Hajessod-Arbeit gemacht haben, glauben wir nicht, daß die Gefahr eines rein zionistischen Weltkongresses bestellt. Aber auch die fT7;l'*1lciligc Befürchtung ist nicht begründet. Keine OrfFinisa(Ion im jüdischen Volk, sic mag so stark scirij wie fie wollt, wird in absehbarer Zeit imstande sein, die Zionistische Organisation zu ersetzen und überflüssig zu machen, Unsere 25jährigen Erfahrungen, das einheitliche jüdische Weltbild, das die Zionisten miteinander verbindet, der idealistische Schwung, der unsere Bewegung Ausgezeichnet hat und weiter auszeichncn wird, die. Dis- *iplin, die die Mitglieder unserer Organisation verbindet, 41«s alles sind Werte, die vielleicht unschätzbar sind und die jedenfalls für Jahre hinaus für jede andere Orkaute,■iiion nicht zu schaffen sind. Vor allem aber wird unsere Aufgabe bleiben, die Menschen für Palästina nt erziehen und au.szubiklcn, ohne die der Aufbau nicht kedacht werden kann und von denen niemand erwartet, 41nß sie aus einem anderen Kreis kommen könnten als 41cm unseren. Wir wollen gar nicht an die sonstigen Aufgaben des Galuth erinnern, sondern uns damit bc- 8״ügc«1, die Ueberzeugung auszusprechen, daß die Bcdcutung der Zionistischen Organisation auch neben einem jüdischen Weltkongreß eine gewaltige bleiben wird. Der neue Gedanke wird mancherlei Gegnerschaften auf jüdischer Seite zu bestehen haben. Wir sprechen nicht von der Gruppe ausgesprochener Assimilantcn, die an Palästina nicht interessiert sind und auf deren Teilnähme wir nicht rechnen. Schon eher denken wir an andere Kreise, die vielleicht ein warin-cs Palästinaintcrcssc haben und sich zu einem derartigen Kreis hingesogen■ fühlen, die aber vor dem Gedanken ztirückschrcckcn, das antisemitische Märchen von der ״jüdischen Wclthcrrschaft״ könne durch einen derariigen Kogreß Nahrung erhalten. Es gibt nichts falscheres, als mit Rücksicht auf böswillige Antisemiten Dinge zu unterlassen, die zum Nutzen unserer Gemeinschaft gereichen könnten. Bisher hat man behauptet, daß eine geheime jüdische Wclthcrrschalt existiere, hat an die ״Weisen von Zion" geglaubt, und man wird cs auch weiter tun und ihnen weiter glnuben, ob wir mm den Kongreß machen oder nicht. Außerdem soll der Kongreß, unserem Grundsatz folgend, sich iin vollsten Uchte der Oeffcntlichkcit vollziehen, und der Verlauf der Verhandlungen wird erweisen, welche ״Verschwörungen" wir dort planen werden. Wir weiden freilich die Tagesordnung eines derartigen Kongresses mit aller Entschiedenheit nur auf die Palästinafrage jkonzenfrieren müssen. So sehr wir anerkennen, daß cs heute andere Fragen gibt, die auch weit über die Kreise eines Landes hinaus die Juden der Welt interessieren und bewegen, so sehr glauben wir, daß das Gelingen unseres Kongresses davon abhängig ist, daß er sich auf diese eine Frage beschränkt. Jedes andere Problem, das auf die Tagesordnung des Kongresses gesetzt werden würde, könnte die Beratungen der Palästinafragc gefährden. Wir haben in diesen Tagen bereits eine erste Antwort auf unseren Kongrcßvorechlng erhalten. Eine Antwort freilich, die uns nicht überrascht hat und die wir nur so erwartet hatten. Es ist ein Artikel von Dr. Isaak Breuer in der Beilage zum ״Israelit", den Blättern der Agudas JisrncI, Wir haben schon mehr als einmal Gelegenheit gehabt, uns mit der Frankfurter Spielart der Orthodoxie auseinanderaisctzcn, die das alleinige und wahre Judentum für sich gepachtet zu haben glaubt und die ihre Tätigkeit darin sieht, überall störend cinzugrcifcn, wo etwas zum Nutzen der jüdischen Gemeinschaft geschehen könnte. Das hat Herr Dr. Breuer wieder redlich versucht, wie wir hoffen aber auch vergeblich, Wir können darüber himveggehen, daß er den aus der zionistischen Phraseologie stammenden Gedanken eines Vergleiches der Emanzipation vor hundert Jahren mit der nationalen Emanzipation der Jetztzeit gegen uns zu wenden sucht, indem er uns mit eleu Reformrabbinern jener Tage in Parallele setzt, indem er die Zionisten für Feinde der Thora erklärt und sich zu Sätzen vcrstcigt wie dem: ״Zwischen dem Volke Gottes und dem Lande Gottes stellt die — Zionistische Organisation." Der Artikel bedeutet eine Kampfansage gegen den Zionismus, eine Ablehnung der Jcwislt Agency, die für Herrn Dr. Breuer nicht vorhanden ist und, wie zu erwarten, eine Ablclilehnung des Kongreßgedankens, der uns, wie Dr. Breuer meint, auf den legitimen Thron setzen soll. Und wie die großen Rabbinerkonferenzen des vorigen Jahrhunderts scheiterten und schließlich nur noch Tagungen der Refonnrnbbiiicr übrig blieben, so wünscht Dr. Breuer, daß die Orthodoxie auch diesen Weltkongreß boykotliere. Im Kampfe um die Jewish Agency erblickt Breuer den Kampf, der aus Jakob wieder Israel machen soll. Wir weisen cs weit von uns, auf diese Dinge sachlich einziigehen, auf einen Artikel, in dem jedes Wort und jeder Gedanke beleidigend ist und beleidigend sein soll. Was wir wissen und glauben, ist, daß liinter Dr. Breuer und seinem Frankfurter Kreis nicht das thoragläubige jüdische Volk stellt, daß cs nichts zu tun hat mit jener verketzernden, am europäischen Beispiel groß gewordenen Orthodoxie, die himmelweit geschieden ist von den wirklieh gläubig und jüdisch lebenden Teilen unseres Volkes und die in einem weit höheren Maße in der Einanzipafionscpochc vor hundert Jahren wurzelt als etwa die westlichen Teile der Zionistischen Organisation, Unsere Aufgabe muß heute sein, über diese erfreulichen Wortfülircr des tliorngläubigcii Judentums zu den Massen selbst zu gelangen und sic zu fragen, ob sic mit uns Ercz-Isracl aufbaucn oder mit Herrn Breuer und seinen Freunden cs von neuem zerstören wollen. F. L. Das amerikanische Judentum und der jüdische Weltkongreß New York (J-C.B.). Auf der von der Exekutive des amerikanischen jüdischen Kongresses cinberufcncn Konferenz aller jüdischen Organisationen in New York waren 471 Delegierte anwesend, die 158 Organisationen vertraten. Es wurde beschlossen, zunächst einen ameri* kaiiisdicn jüdischen Kongreß fiir Palästina cinznbcrufen, dessen Aufgabe die Vorbereitung des Weltkongresses sein soll. Die Konferenz nahm eine Protestresolution gegen die Zionistenverfolgungcn in Rußland an, | Peter Schweitzer[ Wie ein Telegramm aus New York meldet, ist dort dieser Tage der bekannte Zionistenführer und Vorsitzende des amerikanischen Keren Hajessod, Peter Schweitzer, plötzlich gestorben. Der Tod Peter Schweitzers bedeutet für unsere Bewegung einen auß^rordentlichen Verlust. Schweitzer gehörte zu den pro-! rninentesten Mitgliedern des zionistischen Landeskomitees in Amerika; er war einer der wenigen sogenannten deutschen Juden aus der Brandcis-Acra, der sich nach der Krise im amerikanischen Zionismus der Keren Hajessod-Gruppe anscliloß. Während des inneren Kampfes war er in Palästina und telegraphierte von dort an Brandeis und bat ihn, mit Rücksicht auf die Bedürfnisse des Landes, die er aus eigener Wahrnehmung kennen gelernt hatte, für den Keren Hajessod ein zu treten. Auf der Konferenz von CIcveiand wurde Schweitzer in das Präsidium der neuen Leitung des amerikanischen Zio nistnis gewählt. Er hat sidi im vorigen Jahre um die Organisierung der Keren Hajessod-Kampagne während der Anwesenheit der Sokolow-Dclegation besonders verdient gemacht. Im Sommer nahm Schweitzer an der zionistischen Jahreskonferenz teil, und niemand hätte damals geahnt, daß der jugendliche und kräftige Mann In so kurzer Zeit der zionistischen Arbeit entrissen werden wird. Wir sprechen unseren amerikanischen Oesinmmgsgenossen unser herzliches Beileid aus. Das A. •C. nach Berlin einberufen Die Exekutive der Zionistischen Weltorganisation gibt bekannt, daß das Actions-Comitc für den 25. und 26. Dezember nach Berlin cinberufen wurde. Dr. Weizmann in Palästina Dr. Cli. Weizmann ist am Donnerstag, den 23. November, auf der ״Esperia" in Haifa cingctroffen. Rußland und Palästina Lausanne, 28. November (Wolff). Rakowski, der bolschewistische Vertreter, empfing die hier weilende syrisch-palästinensische Delegation, Im Verlauf der Unterredung erklärte er, daß die Frage der Orient-Mandate nicht als endgültig gelöst zu betrachten sei, sondern wie die übrigen Fragen aus dem Vertrag von Sevres, die auf der Konferenz zur Verhandlung ständen, von den interessierten Staaten geregelt werden müssen. Verschiebung der Wahlen in Palästina? London. (J. C. B.) Der Jerusalemer Korrespondent de« ״Daily Mail" meldet seinem Blatte, daß im Zusammenhang mit der möglichen Aenderung der Politik im Nahen Osten dl« arabische Exekutive ln Palästina einen vollständigen Boykott der Waiden in die gesetzgebende Körper- *chaft Palästinas propagiert. Der Korrcs;>ondctrt gibt an, aus guter Quelle erfahren zu haben, daß auf einer Versammlung der Kreis-Kommissare erklärt worden ist, die Regierung ge• denke, die Wahlen derzeit noch nicht durchzuführen. Die Türkei und das Palästina - Mandat Der Korrespondent des ,,Jewish Chronick" in Sofia teilt seinem Blatte mit, daß unter den Konstantinopelcr Juden Unterschriften dafür gesammelt wurden, daß das Palls ti na-Mandat der Türkei übergeben werden soll. Die Unlcrschriflslx>gcn sollen der Nahen Osten-Konfcreiw in Lausanne zur Unterstützung der türkischen Forderungen übergeben werden. Der Korrespondent weiß ferner zu mehlen, daß die türkischen Juden eigentlich dafür sind, daß das Mandat bei England verbleibt, sie müssen aber das tun, was die Regierung in Angora von ihnen verlangt, Die Einwanderung in Palästina Jerusalem. (J. C. B.) Donnerstag, den 23. November, sind 300 jüdische Einwanderer in Palästina cingctroffen. Der antizionistische Kampf Msg. Barlasinass Rom. (J. C. B.) Die fascistische Zeitung ״Giornaie di Roma" veröffentlicht eine Korrespondenz aus Palästina, in welcher cs u. a. heißt: An dem Kampf der Araber und Giristen gegen die Zionisten nimmt der päpstliche Nuntius In Palästina, Msg. Barlassina, grollen Anteil. Seine vielleicht zu schroffe, Halbing verursacht den religiösen Instituten Im allgemeinen und dem Franziskancrorden im besonderen einen dauernden Schaden, da die englischen Behörden »idi daran gewöhnen, ihnen zu mißtrauen." Im allgemeinen ist der Korrespondent der jüdischen Ko• Ionisation nicht unfreundlich gesinnt, stellt aber auf deirt Standpunkt, daß sie ein Werkzeug der englischen Interessen Im Orient ist. Ein neuer j&tlischer Stadlteil in Tiber?•« Jerusalem. <J.C.B.) Am Som tag, den 26. November, fand die Einweihung des neuen jüdischen Stadtteils von Tiberja« statt, der den Namen Samuel-Stadt (zu Ehren des Oberkom* I missars Sir Herbert Samuel) tragt. Samuel hat den Feier• lichkeitfi» persönlich beigewohnt.