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Jüdische Rundschau · 1922-11-10 · Heft 89 (10.11.1922) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXVII (1922)
Issue
Heft 89 (10.11.1922)
Date
1922-11-10
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Anzeigenpreis für die nchtgeipaltcncNonpn^cilleielle 25.• M. I׳iir heUrUiidio Anzeigen $0% AulichUfl• Anzcigr.nnchluß! Dienstag und Freitag nachmittag 4 Uhr. ■xmsmmammmMKsmssammrnamrxm^xss1^7vrjtBs,>emxxt,m3m Telephon! Pfalzburg6697u.6698. Postscheckkonto! BerltnNr.17392, Für Oeilerrelchi Poatsnarknssennrnt Wien, Konto Nr. 156 030, Für Tschechoslowakei: PosUparkassenamt Prag, Konto Nr. 156030, — Redaktionaschluß Sonntag und Mittwoch nachmittag, — מרחשוו׳ per Zlonlsmu« critrebl fUr da» JUdlacha Volk tHa Schaffung einer öffentlich rechtlich ®®sicherten Melmitltte In Palästina. XXVII. Jahrjj. ״Baseler Programm.“ Ä, Uebcrrasdicndcr Wahlsieg des Mmdcrhciienblodtcs Warschau, S. November (J.C. B.) Nach den k'Vteti Feststellungen haben 30״> der gesamten V'ahlcrzahl in Polen, nämlich 750 000, für die Liste des Blocks der nationalen Minderheiten votiert, pur die Liste der Folketisten stimmten außerdem 30000 Wähler, für den jüdischen ״Bund“ 60000, für die Paale- /jem 20000 Wähler. Ferner erhielten ander« jüdische Listen kleinere Stimmenzalilcn.; Man rechnet: mit Sicherheit auf insgesamt 25 jüilische Deputierte im künftigen Sejm. Die Zahl der ^samten Minderlicitsmandatc wird 55 betragen. Von den bisher gewählten jüdischen Deputierten, die auf die Liste des Miuderlicitsblocks kandidiert haben, sind bisher dem Namen nach folgsnde bekannt: Grün bäum (Zionist), Kirschbraun (Orth.), Farbsteiu (Misrachist), Hartglas (Zionist), Rabbiner Schapir© (Orth.), Dr. Rosenblatt (Zionist), Sirkis, Dr. Schipper, Wigodzki (Zionist), Feldmann (Misrachist), Wischlitzki, Dr. Thon (Zionist), Helmann, Trusker, Weinzieher (unparteiisch), Dr. Reich (Zionist), Rabbiner Rubinstein (Orth-od.). Außer diesen wurden noch in den ostgalizischen Städten Stanislau und Stryj zwei jüdische Abgeordnete gewählt. Die Wahlen in Warschau Warschau, 7. November. (J. C. B.) Nach einer Seher• lüften Vorwahlkantpagne verlief der Wahltag selbst, soweit bisher Nachrichten vörlicgcn, bei allgemein starker Wahlfceteiligung ruhig. In Warschau beteiligte sich die jüdische Bevölkerung stark an den Wahlen, die jüdischen Zeitungen waren als Wahlnummern erschienen. Das Hauptwahllokal des Minderhcilsblocks war den ganzen Tag durch eine Polizeiahteilung bcwacht, da man Ucbcrfällc seitens reaktionärer Elemente erwartete. Bönar Law über Palästina Auf einem Wahlmeeting in Leeds am 4. November erklärte Bonar Law unter Hinweis auf die Pressekampagne über die Palästinafragc: ' ״Von allen Seiten werde ich mit Fragen über- Schüttet, ob wir Mesopotamien und Palästina räumen oder nicht. Mr. Asquith sagt, er würde diese Länder räumen. Während aber Mr. Asquith, mögen die Wahlen ausfallen wie immer, nicht an der Spitze der Regierung stehen wird, wird die Regierung, an deren Spitze ich stelle, nach meiner Ueberzeugung auch nach den Wahlen existieren. ,Wie kann ich also jetzt schon Zusicherungen gehen? Ich verstehe das Gefühl sehr gut. Es beruht nicht bloß darauf, daß heute viel ausgegeben wird, obwohl schon das eine große Summe ist; cs ist vielmehr das Gefühl, daß die Vcrpflichtungen zu ungeheuren Ausgaben anwach sen werden, die wir nicht voraussehen können. Ich kann nur soviel sagen, daß wir die Frage genauprüfen werden, Wir müssen aber in Erwägung ziehen, wie weit wir durch unsere bisherigen Verpflichtungen gebunden sind.“ Asquith für Sparsamkeit London. (J.C. B.) Nach der Rede des unabhängigen Liberalen John Simon, der die Forderung nach Räumung Palästinas und Mesopotamiens aufstelitc, hat nun Mr. Asquith selbst seine Stellung zur Palästinafragc festgclcgt. Während einer Rede in seinem Wahlbezirk erklärte Asquith: ״Es sei notig, daß die englischcnVcrpflichiungen in Palästina und Mesopotamien und anderweitig bis zur letzten Möglichkeit eingeschränkt werden. Es ist unmöglich, auf Kosten des englischen Steuerzahlers in allen Teilen der europäisch-asiatischen Welt ein philanthropisches Experiment zu unternehmen. Wir li.ibcn alle Verpflichtungen, die wir übernommen, bereits erfüllt, und es ist Zeit, daß wir uns zurückzidien.“ Es ist demgegenüber interessant fcstzustcllcn, daß Asquith b seiner Parlamcntsrcdc am 9. März 1922 fcstgcstellt hat, ׳ daß England mit Bezug auf Palästina besondere Verptlichtun• Ren den Juden gegenüber habe, die in jedem Falle zu *ffüllen sind, mag es richtig oder falsch gewesen sein, zu übernehmen, Aeußerungen englischer Wahlkandidaten London. (J.C.B.) ״Daily Express“ veröffent- »cht weitere Antworten von Kandidaten verschiedener Parteien öber ihre Stellung zur Palästina trage. Der Kandidat der Arbeiterpartei Frank Smith, der Konservative Sir W. E. H u m •e W i 11 i a in s, der Konscrv»tivc Licut.•Colonel A. L. Bucha n an, der Nation,1ll;l>cra]c General Sir R. Hufchison und der frühere Lord der Admiralität Sir L. Wort h i ng ton ־E wans haben sich WL überhaupt gegen die Räumung Palästinas, Wh für eine Räumung erst nach Erfüllung aller Ehrenv״pflicl1tungcn ausgesprochen. Zwei Minister des neuen Kabinetts, Colonel Ashley *״Kl Mr. Douglas Hogg, wollen mit der Antwort solange Von den 14 Warschauer Wandalen werden antch'dnend 7 den Nationaldcmokratcn, 3 den Sozialisten, 2—3 den Juden uni 1 den Kommunisten Zufällen. In Krakau wird mit einem jüdischen Mandat als sicher gerechnet Au» der Provinz, sowie aus Ostgalizicn und dem Wilna-Distrikt Hegen genaue MelJuwccii 110.: 11 nicht vor. In Warschau wanden im ganzen 363 000 Stimmen ab• gegeben, darunter 60 000 Stimmen für den Wahlblock der 1» n t io 11 n l e 11 Minderheiten. Aul der Wahlliste des Mindcrkciisbkickc* wurden 2 Juden, die Kandidaten Orimbnutn und K.rchhatim, als sicher gewählt. Von der Liste der Folki&tcn wurde nur N, Priliitzki gewählt, Die ßusuiisten und Poilc- Zionisten blieben in Warschau ohne Mandat Letzte Nachrichten Warschau, 9. November (Telegramm de* J.C.B.) Außer den bereits gemeldeten Rcsu'tatcn wurden vom Minderhcitsbiock noch folgende jüdische Kandidaten gewählt. Rabbiner Brodt (Misraclii), Dr, Gott lieb (Zionist), in Ostgalizicn Dr, Ringel (Zions!), Reizes (Unabh. Jüdisch-Nationaler). I!1 Wilna ist kein jüdischer Vertreter gewühlt worden. Dieser überraschende Mißerfolg in einem der größten jüdischen Zentren wird allgemein auf die verhängnisvolle Wirkung der Fo'kctisfisrhcn Zcrsplittcrungstnktlk zurückgcführt. Der Zionist Wigotzky, der in Wilna infolge de» Fehlens von 80 Stimmen durdigcfallcn ist, wurde im Wahlkreis Nowogrudek gewählt. Der Minderheitsblock hn ganczn verfügt nach den bisher bekannten Resultaten über etwa 80 Sitze und wird dadurch die zweitgrößte Fraktion des Sejm sein. Als einer der Führer der Fraktion ist der zionistische Deputierte Grün bäum in Aussicht genommen, Da sich int übrigen im Sej’m die' Rechte und Linke ungefähr die Wage halten dürften, werden die Stimmen der Fraktion der Minderbeiten die entscheidende Rolle spielen. Die liberale polnische Presse widmet dem Sieg des MiiKlcrlieilenhloiks ernste Betrachtungen und weist darauf bin, daß die Schaffung des Blockes die notwendige Folge des auf Ausschaltung der Minderheiten abziclcndcnWahlgesetzes gewesen ist. z u r ü e k 11 a 11« ft, bis die Regierung zur Pa'ärlmfragc Stellung genommen hat. Einer der Führer da׳ Arbeiterpartei, Herr Thoinas, hat sich In seinem Wahlbezirk folgendermaßen über die Palästinafragc ausgedrückt: ״Wir sind Ökonomisten und wir wollen sehen, was das britische Imperium von den ln Mcsojzolamicn und Palästina gemachten Ausgaben haben wird. Sollten wir diese Gebiete nur mit Schwert und Bajonett halten können, dann ist es besser, wir gäben sie auf.“ ״Evemng News“ greift iin Zusammenhang mit Mr. Hendersons dem Jewisli Gorrcspondciue-Burcau gemachter Aeußerung zugunsten der bisherigen englischen Palästinapolitik die Arbeiterpartei sehr scharf an. ״Daily Express“ wehrt sich gegen den Vorwurf des Antisemitismus und erklärt, sie handle im Interesse der Juden selbst und hätte die Mehrheit der Juden hinter sich, Der jüdische Weltkongreß Auf die vom J. C. B. verbreitete, auch von uns in Nr. 86 wicdergcgcbcne Meldung über die Vorbcrcitungen der Zionistischen Exekutive für den Jüdischen Weltk-oiigreß teilt das Zionistische Zcntralbüro in London offiziell mit, daß dieser Bericht über Vorbereitungen für eine sofortige Zusanimcnbcrufung «les Wcltkongrosses keineswegs den Tatsachen entspricht. Auf der Karlsbader Jahreskonferenz wurde beschlossen, die Zionistisch«; Exekutive solle vor Ende des Jahres dem Adions-Coinitd einen Bericht über die Frage des jüdischen Kongresses verlegen. Demgemäß hat die Zionistische Exekutive beschlossen, gewisse Er- Hebungen in verschiedenen Ländern anzustcllen, um die Informationen zu erhalten, die notwendig sein werden für die Maßnahmen, welche später für die Einberufung des Kongresses getroffen werden sollen, Der Mandatsrnub in Litauen Kowno, (J.C.B.) Nach der. speziellen Wahl- Arithmetik der Mauptwalilkoinmission erhalten die Christliehen Demokraten 37 Mandate statt 32; die mit ihnen verbundenen ״Volkssozialisicn“ 19 Mandate statt 15; die Sozialdemokraten 11 statt 9; die Kommunisten 6 statt 5. Dagegen erhalten die Polen statt 6 Mandate bloß 2; die Judc n statt 6 nur 3 Mandate. Die rechte Gruppe ״Poschanga“ erhält trotz der auf sic vereinigten 27 599 Stimmen kein einziges Mandat. Auch der deutsch-russische Block mit seinen 25833 Stimmen erhält keinen Sitz im Sejm. Wir bitten unicre Leser, die Mitteilung der Ver wa|tung im Innern des Blattes tu beachten. Vor Lausanne Von Dr, Jacques Adler, Leipzig. Was Schein und Sein im individuellen Leben sind, stellen im Dasein der Völker Formalrecht und N Murre cht dar. Formalrcdti, Vertragsrecht, hält sich nur solange, als ein Wille dahinter stellt, der ihm Kraft ■und Gewahr, verleiht. Natu riecht aber, das von aller Voraussetzung durchaus unabhängige, keines Beweises bedürfende An* Spruch auf das Sein, auf die Existenz, lebt weiter mit dem Volke, sei es auch durch Formalien geknechtet, und erhebt sich wieder zu neuer Geltung mit jedem Auf* stieg der Gemeinschaft. 1! Das jüdisch« Volk als Einheit des Glaubens, des Volkstums, des Stammes, der Herkunft in Geschichte und Gegenwart hat wie eine jede andere Nation den naturrcclitlichcn Anspruch auf Existenz, Betätigung und eine Stätte eigener Siedlung, ein Anspruch, der an sich, keiner besonderen formalrcchtliclicn Bestätigung mehr bedarf, ein Anspruch, der vielhundertjährige Mißachtung überstanden hat. I! :! ,!, Das Existenzrecht des jüdischen Volkes be9tebt nicht erst seit der Balfour-Deklaration, nicht erst seit San Remo, nicht erst seit dem Palästina-Mandat, möge die in diesen Urkunden ausgesprochene Anerkennung auch noch so bedeutungsvoll und nützlich sein. Wem» schwere Tage kommen, ist es gut, sielt auf das natür« liehe Recht zu besinnen, fcstzustcllcn, inwieweit nut« sich selbst, inwieweit man anderen vertrauen darf, zu prüfen, welche Reserven m eigener Kraft und mora* lischcm Ansehen einem zur Verfügung stehen. Gerade heute ist cs gut. Wir halten heute vor Lausanne. Beiläufig be* merkt: Es tut nichts zur Sache, sollte die Lausannes Konferenz im Augenblick an irgendwelchen diplomati* sehen Anstößen scheitern. Lausanne bezeichnet ln der Orientkrisc der Gegenwart nicht einen beliebten Tagungs* ort am Genfer Sec — konferierte man dort nicht einst über die Kyrenaika und Trijx>lis?l —, sondern eine füf den Gang der Zeiten charakteristische Situation, wie «inst Sövres. Einst Sivres . . ״ Der Vertrag von Sbvrcs gehört heute, so hat cs die Nationalversammlung des türki* sehen Volkes ausgesprochen, der Vergangenheit an. Der ׳ Vertrag, der einst die Zertrümmerung des drei Erdteilen zugehörigen alten Ottomnncnrcichcs sanktionierte und die Mandate schuf. Angora ist von diesem Vertrage zurückgctrctcn und verlangt ein neues Dokument, das dem Ausgang des griechisch-türkischen Krieges Reell* nung trägt. Bedeutet dieser Rücktritt Angoras ein Wiederaufleben des alten Reiches von Adrianopcl bis zur liby* selten Wüste? Mit nichtcn. Attgora repräsentiert ebensowenig dies alte Reich, wie etwa das heutige Wien im Namen der ehemaligen Donaumonarchie noch handeln könnte. Die tatsächliche Macht Angoras und sein reali* sierbarer Hcmchaftsniispruch umfaßt nur den anatoli* sehen Kern Klcinasicns mit der ägäischcn Küste sowie auf der europäischen Seite den ostthrazischcn Distrikt mit Konstantinopcl, Adrianopcl und Gallipoli, alles nur Gebiete mit kompakter nationaltürkischer Bevölkerung oder zumindest starkem nationaltürkischcn Bevölkcrungsantcil. Wenn die Türkei, wenn die Nationalversammlung heute die Unterschrift der Konstantinopler Delegierten auf dem Vertragspnpier von Stvres widerruft, dann zwar mit dem unanfechtbaren Naturrecht einer erfolgreich sich selbst behauptenden Nation, dann aber auch nur hinsichtlich der Vcrtragsabschiiiite, die die Rechtsverhältnisse und Verpflichtungen des jetzigen türkischen Macht-, Vcrwaltungs- und präsumtiven Staatsgebietes betreffen, keineswegs aber für den Gesamtvertrag. Denn dieser ist materiell seinem tatsächlichen Inhalte nach, kein nationaltürkiscli-cntcntistischcr Friedensvertrag, wie etwa die Friedensschlüsse der Entente mit Deutschland und mit Bulgarien, sondern ähnlich dem Grundprinzip des Vertrags von St. Germain, ein Auseinandersttzungsvertrag von Nachfolgestaaten, liier der Nachfolgestaaten, des ehemaligen, großenteils auf Eroberung beruhenden Otlomanenrciches, dort jener des hauptsächlich durch Heirat und Erbschaft zusammengcbrachten Habsburger- Staates. Der Rücktritt der Türkei läßt die Teile des Vertrags, die sich auf andere als nationaltürkische Interessen (Anatolien, Smyrna, Ostthrazien, Gallipoli) bcziehen, unberührt. Zu behaupten, daß dieser Rücktritt den ganzen Vertrag nichtig mache, also auch die Man* datspolitik negiere, ist nicht nur ein Rcchtsirrtum, sondem auch — und das ist noch bedeutsamer — eine völlige Verkennung der tatsächlichen Lage. Mesopotamien, Syrien, Palästina, Hauran, Hcdschas, Sinai, Aegyplen sind dem Willen des heutigen türkischen Staates nicht nur rechtlich — insbesondere nach der von ihr selbst gegebenen Erklärung des Desinteressements —* sondern auch tatsächlich entzogen. Angora mag heute, was offiziell bisher jedoch noch nicht geschehen und auch nicht allzu wahrscheinlich ist, arabischen Opppskio- F;־ י,.! י '׳1: . r . I ן . S;1׳: k, 1 j}" : ).!׳!

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