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Jüdische Rundschau · 1922-10-24 · Heft 84 (24.10.1922) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXVII (1922)
Issue
Heft 84 (24.10.1922)
Date
1922-10-24
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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< 6 QKT, 2 r - L,J YJ t Telephon! Pfakburg 6697 u. 6698. Postscheckkonto! Berlin Nr. 17392.' pr Oesterreich! Postiparkasaen&ml Wien, Konto Nr. 156030* Für *«chcchoslovakdi Postsparkaasenamt Prag, Konto Nr. 156030. — KcdakUonaschluß Sonntag und Mittwoch nachmittag. — ב׳ מרחשוו׳ תרס״ג j xxrn jaiug. Berlin, 24. X. 1922 ״Oasaler Programm•' Buir Ä&dfadla In London Transjordanien and Palästina (J.P.Z.) London, 16. Oktober. Emir Abdulla von Transjordanien, •der Bruder des Königs Feissal, ist jnm Sonntag in London angekommen, wo er mit der englischen Regierung ein neues Statut für Trans״ jordanien besprechen will. Der ״Daily Telegraph“ vom 17. Oktober meldet, daß Emir Abdulla gestern eine Konferenz mit Sir Gilbert Clayton hatte, dem neuen Chief-Sccrctary für Palästina. Audi Lord Milner kommt nach London, um mit dem Emir zu verhandeln, Der Korrespondent des New Yorker ״Morgen |ournal“ telegraphiert seinem Blaite: Das britische Colonial Office arrangiert eine Konferenz zwischen dem Emir Abdulla und den zionistischen, F ü Irr e r n. Die ״Times“ vom 16'.׳Oktober schreibt: ״Des Emirs Besuch in London wird ihm Gelegenheit geben, den künftigen Status von Transjordanien mit dem Colonial Office zu diskutieren, da man die Notwendigkeit einer endgültigen Regelung fühlt, damit die Regierung des(• Emirs in einer besseren Lage sei, um die für die Ent״ Wicklung des Landes notwendigen Anleihen aufnehmen zu können. Gegenwärtig bildet Transjordanien einen Teil der Sphäre, für die Herbert Samuel, der High- Cotmnissioncr von Palästina, 'verantwortlich ist. Aber die Balfour-Deklaration findet keine An- Wendung auf Trans jordanien, und die Bedingungen ־zu beiden Seiten des Joixlans sind so verechieden, daß im Interesse aller Telle eine Aenderungj der Beziehungen zwischen Amman, Jerusalern und London notwendig ist. Während des vergangenen Jahres hat die Regierung des Emir ihre Steilung in Transjordanien sehr befriedigt, wo die britisehen Behörden sorgfältig vermieden haben, irgendwie sich in die arabische Verwaltung, außer mit Rat, einzumischen. Eine kleine eingeborene Armee, die mit Hilfe einer Abteilung britischer Flieger für die Bedürfnisse des Landes genügt, besteht bereits. Alle ihre Offiziere, mit einer einzigen Ausnahme, sind Araber, und die Zahl der britischen Beamten ist auffallend gering, aber dafür ist England in Transjordanien weit weniger unpopulär fn PalÄsHna oder Mesopotamien und das Wort Mandat ist dort nicht ein politisches Schrcckcnsgespcnst geworden.“ Unter anderem wünscht der Emir auch den Anteil Transjordaniens an den Zöllen in den palästinensischen Häfen zu fixieren, dann die Grenze zu berichtigen und die volle Kontrolle über, den Eisenbahnsektor zwischen Semnia am Tibcriassec und Nazib, wo die Linie voll* ständig im transjordanischcn Gebiete liegt. Es soll auch eine neue Linie über Irbid gebaut werden, um den An* Schluß der Mckkabahu an Haifa ohne jede Berührung französischen Territoriums durchzufiihren. Ernennung Sir Gilbert Claytons zum Zivilsekretär Palästinas (J.P.Z.) Laut'!einer Nachricht der ״Daily ^faII“ aus Kairo, soll Sir Oilbert Clayton, früherer Ratgeber des ägyptischen Ministers für das Innere, der Nachfolger von Sir Wyndham Deedes als Zivil- Sekretär von Palästina werden.?um englischen Mandat über Mesepotamlcn London. (J.P.Z.) Der Bündnisvertrag Englands mit Mesopotamien hat im allgemeinen eine ungünstige Presse gefunden. Die,״T!i m e s“ bespricht ihn in einem Leitartikel vom 13. Oktober in ablehnender Weise und erklärt, daß Groß* britannien von dem Vertrage keinen Vorteil habe und sich statt dessen eine Bürde aufertegt, die es ebensowenig tragen kann, wie der Völkerbund. Ebenso lehnt der ״Evening Standard" das Mandat nb und hofft, daß der Art. 6 bezüglich des Eintrittes Mesopotamiens in den Völkerbund binnen 18 Monaten erfüllt werden wird, wodurch das Mandat automatisch erlischt, Oberst Meinertzhagen, der eine hohe Position im britischen Colcninl Office cinnimmt und ». Z. nach den ersten Unruhen in Jerusalem mit der Untersuchung betnut war, hat steh am 4, Oktober für etwa zwei Woeben nach Palästina begeben, um dann nach Mesopotamien weiter* zureisen. Seine Reise steht, wie der ״Doar-Hajom“ zu melden weiß, im Zusammenhang mit den Fragen des Nahen Ostens und höchstwahrscheinlich werde er auch an der Mission mitzu* wirken haben, mit der Colonel Lawrence betraut wurde. Pogromhetze in Litauen Drohung des litauischen Finanzministcra Kowno. (J.C. B.) In Anbetracht der großen Erregung unter der Bevölkerung wegen der infolge der Einführung der neuen Valuta herrschenden Teuerung, die von den Anti* semiten zu einer Hetze gegen die jüdische Kauf* mannschnft ausgeniitzt wird, begab sieb eine Delegation des jüdischen kaufmännischen Verbandes zum Finanzministcr Petrulls, um mit ihn! die Lage zu besprechen und ihm an der Hand der Preist,׳!bellen nachzuweisen, daß die Preise in den Vcrkaufsliallcn der litauischen Kooperationsgenossenschäften noch höher sind, als in den jüdischen Läden. Herr Pctrulis jedoch ließ sich auf Gründe nicht ein, sondern schob die ganze Schuld an den Verhältnissen dem jüdischen Handel zu. Er sagte wörtlich: ״Pogrome werden und müssen kommen. Wenn die finstere Menge eure Geschäfte plündern wird, werde ich keinen Finger rühren, um euch zu verteidigen,“; Dieses Benehmen des erst 20jährigen Ministers, der nodt vor kurzem ein kleiner Bankangestellter war, gegenüber Vertretern der jüdischen Kaufmannschaft bat in hiesigen jüdischen Kreisen sehr peinlich berührt und wird 41• tun so ungerechter umpfunden, als sich unter den 19 Verkaufsläden, die ln den letzten Tagen unter der Beschuldigung de» Preiswuchers bc* hördiieh geschlossen wurden, acht nichijiidische befanden, obwohl die christlichen Läden in Kowno nur 10 ״/« der jüdischen ausmachen. Die jüdischen DcputScrlcn Rosenbaum und Finke!• stein erschienen beim Premierminister Oalvanowskl und besprachen mit ihm die kritische Lage infolge der Teuerung und der antisemitischen Propaganda. Herr Galvanowski gab eine beruhigende Erklärung ab und ver* sprach, eine offizielle Darstellung und Erläuterung der ge* 8chaffet1cn״ Lage veriauibaren zu lassen. In den letzten Nächten wurden In Kowno die gleichen von einem ״Geheimkomitee zur Reinigung Litauens von Juden" Unterzeichneten Proklamationen an die Wände geklebt, wie jüngst in Wilkomir. Diese Pogrom* Propaganda in der Hauptstadt des Landes wird mit den Drohungen des Ministers Pctrulis in Zusammenhang gebracht. Die Einbörgerungs-Aktion in Palästina Bekanntlich gibt die •unlängst für Palästina veröffcntliclite Verfassung das Wahlrecht mir den palästi* nensLschen Bürgern. Ais solche werden alle türkischen Untertanen, die zur Zeit der InJerafttretung der Verordn'1ntT über die Wahlen zum Legislative Council auf Gebiete Palästinas ihren dauernden Wohnsitz hatten u״d all jene niclitltirlusclieu Staatsangehörigen, die in erwähntem Zeitpunkt dauernd in Palästina wohnen und innerhalb von zwei Monaten sich um die die palästi- Musische Staatsbürgerschaft bewerben, angesehen!. Sofort nach Kundmachung •der Wahlordnung hat unter den Juden Palästinas «ine äußerst rege Bewegung eingesetzt, alle Juden, die niclittürfdsche Staatsangehörige, Wso eo ipso palästinensische Staatsbürger sind, zu ver- *״lassen, sich um die Staatsbürgerschaft zu bewerben. Außer langen Aufrufen des Waad Lcutni, des Oberrabbi- und der verschiedensten Organisationen wurde eine äußerst rege Propaganda von Haus zu Haus und Mann *ju Mann geführt, Ucberall wurden Büros errichtet, die “cn Bewerbungswiliigcn mit Rat und Tat zur Seite gehen, die Beschaffung der nötigen Dokumente und Photographien erleichtern usw. Trotzdem haben im Erstell Monate der Bewerbungsfrist noch nicht so *ielo Juden als e rwartet, sich registrieren lassen, was darauf zugückgeführt wird״ daß gerade die Zeit vor den Feiertagen ein recht ungeeigneter Termin für diese Registrierung war. Die Handwerker und Arbeiter waren in dieser Zeit so beschäftigt, daß sie auch die Nacht heranzichcn mußten und auch die Nichtarbeiter waren von den traditionellen Feiertags Vorbereitungen in Pa* lästina so •sehr in Anspruch genommen, daß sie die Bewerbung um das Bürgerrecht für die Zeit nach den Feiertagen herausschoben. Erschwerend wirkten auch einzelne über die Folgen der Einbürgerung aufgetauchten Zweifel, so u. a. über die Internationale Bedeutung derselben, wie aucli die Frage des Verlustes der Schadenersatzansprüche an die Türkei. Die Regierung erklärt« nun, daß die vom Wahlgesetz vorgesehenen Einbürge• rungsbestimmungen nur temporärer Art sind. Die Einbürgerung wird nach außen keine ree 11 Hieben Folgen nach sich ziehen. Die genatien Bestimmungen über die palästinensische Staatsbürgcrschaft würden, nach Nachrichten aus London, in einem demnächst n\ veröffentlichenden Gesetz genaucst bestimmt werden.. Erst diesen Bestimmungen würde internationale Bedeutung zukommen. Die jetzige Verordnung sei nur erfolgt; um die Teilnahme an den Wahlen zu •ermöglichen,, ändere aber nichts an dem politischen Status der Bewerber. Selbstverständlich blei* ben diesen auch die vorher erwähnten Ersatzansprüche .gewahrt (Zjko^וי׳ י.! :..,י י ' .«I.י. Krise in England Der Rücktritt Lloyd Georges, der eine ZeittagJ der mächtigste Mann der Welt war, ist ein Ereignis(, das Weit über die Grenzen des britischen Reiches scina Wirkungen nusstrahlt. Lloyd George war ein Staats* mann, der, getreu besten englischen Traditionen, sich in Seiner Politik nicht nur von den augenfälligen Tagesintcrcsscn, sondern von Ideen leiten ließ; er wußte, daß nur jenes Reich wirklich Bestand haben kann, das eä versteht, seine Entwicklung mit den Tendenzen der Menschheit in Einklang zu bringen, auch den Gegner! zu verstehen, aus Feinden Freunde zu machen gewisse* maßen durch eine Politik allgemeiner Mcnschlicitsidecrt, Solche Staatskunst vermag .auch Imponderabilien ia ihr Kalkül einzusetzen, die anderen als nichtsnutzige Absoiidcrllchkeit erscheinen. So gewinnt sic, indem sie andern zu dienen scheint, selbst an ideeller Kraft und universaler Machtstellung. . g! Lloyd George ist der Premierminister, unter dessen Aegide am 2. November 1917, also vor nun beinahe genau einem halben Dezennium, die Deklaration gegeben wurde] durch die das jüdische Volk nach1 vielen Jahrhünderter« wieder in •seiner politischen und nationalen Existena anerkannt wurde. Diese Tatsadie wird in der jüdischen Geschichte nicht mehr vergessen werden, und neben Arthur James Balfour, dem großen Freunde des jüdw sehen Volkes, *wird aucli Lloyd Georges Name uivi vergessen bleiben. Lloyd George hat persönlich dar* größte Verständnis .für den Zionismus, er hat nichr nur durch seine Politik, seine Taten, sondern auch durch viele kluge Worte gezeigt, daß er die exzeptionelle Laga des jüdischen Volkes, unsere besonderen Schwierigkeiten, aber aucli unsere Hoffnungen und die mcnsclt« liehe Größe unserer Sache verstellt. Wenn er jetzt vor( der Regierung scheidet, so wünschen und hoffen wir, daß er uns auch weiter ein Freund bleiben möge.י י » Mit Lloyd Georges Kabinett fällt auch der Kolonialminister Churchill. •Wir bedauern dies nicht nur aus( politischen, sondern auch aus administrativen Gründen; denn Churchill, der keineswegs als besonderer Judenfreund galt, hat seit seinem Amtsantritt Gelegenheit . gehabt, die zionistische Frage genau zu studieren. Ec war selbst in Palästina, er hat die Verhandlungen mit Arabern und Juden geführt, er hat im Einvernehmen mi! Herbert Samuel das bekannte Weißbuch herausgegeben, das der erste Scliritt zur Anbahnung des von uns ge« wünschten jüdisch-arabischen Ausgleichs sein sollte, et hat in seinen brillanten Pariamen tsreden sich als eirtj beredter Anwalt der Politik der unbedingten Einlösungs des den Juden gegebenen Versprechens erwiesen. Wenn! jetzt ein anderer Mann im Colonial Office einzieht, wird der unter Churchill bereits laufende Venvaltungsapparatj vielleicht wieder neu cingcarbcitct werden müssen, was! der Stabilität der Verhältnisse abträglich wäre. Bis zui^ Stunde ist nicht bekannt, wer den für unsere Sache*! wichtigsten Posten des Kolonialministcrs übernehmen 901^’ Die britische Regierungskrise bringt einen Ruck nach rechts. Im allgemeinen scheint cs jedoch, daß das! Kabinett einen mehr gemäßigten Charakter haben wird1 und die Extremisten von rechts nicht ans Rüde( kommen, Die Regierung wird wohi aucli keineswegs die Konti« nuität der politischen Linie schroff unterbrechen. DaS Programm der neuen Regierung ist noch nicht bekannt und die Auslegungen, die ihm 1'n einem Teil der Presse! gegeben werden, sind wohl weniger authentische Infor« mationen, als Versuche der Beeinflussung. In diesen Pressemeldungen wird auch davon gesprochen, daß die neue Regierung gewisse Aenderungen der OricntpoÜtiW beabsichtigt. Dabei ist die Rede von Mesopotamien und ein antisemitisches Blatt versteigt sich auch sa weit, zu erklären, daß jetzt ״das Ende der jüdischen Auto« kratic in Palästina“ gekommen ist. Wie sich die neue Regierung zu den zionistischen Bestrebungen verhalten wird, kann allerdings nicht vorhergesagt werden, obwohl auch hier mit einer gewissen, Kontinuität zu rechnen sein dürfte. Die konservative Partei, aus der das Kabi« nett gebildet wird, umfaßt auf ihrem rechten Hügel diejenigen englischen Politiker, die unsere schärfsten Gegner sind und die gegen uns gerichteten Anträge in beiden Häusern des englischen Parlaments kürzlich ein« gebracht haben; gleichzeitig darf aber nicht vergessen werden, daß auch Männer wie Lord Balfour selbst zu dieser Partei gehören, wenn sic auch durch die neud Konstellation der Minorität rugerechnet werden müssen. Der jetzige Premierminister Bonar Law hat bisher stetst eine sympathische Haltung dem Zionismus gegenüber eingenommen und hat in seinen Antworten im Unter* haus stets den Standpunkt vertreten, daß die Balfour•' Deklaration eine bindende Verpflichtung Englands ist.: Nichtsdestoweniger muß damit gerechnet werden, daß den neuen Männern gegenüber eine neue Informations« arbeit wird cinsetzen müssen. Wir wissen, daß schon früher ein Mlnistcrweclisel in einem der für uns wichtigen Ressorts stets eine gewisse neue Aufklärungsarbeit er« ,forderlich gemacht hat, Mch diesmal .wind diese Arbeit S . O 1 i 1 1 1 I!. V

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