Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXVII (1922)
- Issue
- Heft 83 (20.10.1922)
- Date
- 1922-10-20
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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JaBrg ggfenUKh rachtllcts coslchartoii HotmsUHU 11» Palitlfna. ״Be»aler Programm.^ per Zionismus «!■strebt für «tag Jüdlscho Vom die Schaffung einer Siegerrecht und Mandats-Idee Von Dr. Victor Jacobson, Die Ereignisse im Nahen Orient entwickelt* sich mit einer fast kinematographischen Schnelligkeit. Vor ein paar Wochen vcrzeichncte man die Nachricht von dem bevorstehenden griechischen Feldzug nach Konstantinopcl. Dann kamen die entscheidenden griechischen Niederlagen. Jetzt stehen wir vor einer Räumung von Teilen Osttlirazieiis, die von den siegreichen Mächten des Westens auf Grund ihres ״Sicgerrcclitcs" von der Türkei abgetrennt und eien üricchcn übergeben worden waren. Natürlicherweise schlagen diese Ereignisse Wellen, de bis zu den weitesten Grenzen des islamischen und der orientalischen Welt überhaupt reichen. In den Konflikt der imperialistischen und kapitalistischen Gelüste der Westmächte mischen sich mit immer mehr Nachdruck, in ein neues Gewand gehüllt, alte Stimmen, die alte Melodien aus dem uralten Orient wieder ins Gedächtuis rufen. Auf demselben Schauplatz, wo schon mehrfach durch kriegerische Ereignisse Auferstehung und Niedergang großer Nationen und großer Weltreiche entschieden wurde, geht wieder der Kampf um die Existenz der Völker, Eine Episode folgt der anderen, die endgültige Entscheidung des Kampfes ist wohl nicht abzusehen, und in der Ebbe und Flut der politischgeschichtlichen Ereignisse wird sich vieles anders gestalten, bis In diesem vicigcplagten Erdcnwinkel, wo — man sollte dns doch nicht vergessen — die Wiege der ganzen modernen Kultur stand, stabilere Verhältwisse entstehen und eine ruhigere Entwicklung beginnen kann. Für die gesamte politische Situation ist es aber׳ von entscheidender Bedeutung, in welcher Form dieser sich jetzt mit solcher Schärfe akzentuierende Prozeß von* statten geht, in welcher Richtung und in welchem Tempo er sich entwickelt. Es ist doch keine Uebertreibu ng, wenn man behauptet, daß die ganze Wcltpolitik ■der letzten 50—60 Jahre von den verschiedenen Phasen der ״Orientfragc" abhängig war. Die letzten Ereignisse haben ja nichts Neues in sich. Auch früher in dem Streit um die Machtstellung im Nahen Orient und in der Türkei spielte man mit dem Schicksal dieses ganzen Landkomplcxes und vieler Millionen Menschen, indem man in ihrer ״anima vili" Experimente vollzog. Für «inen jeden nahen Beobachter war es ein Schauspiel von abstoßender Häßlichkeit und unbeschreiblicher Leichtfertigkeit, was nach der jungtüikischen Revolution von 1908 am schönen Bosporus, in den sogenannten eurepäischen Vierteln von Pera und Galata und in den alten Palästen Stambuls vor sich ging. Der schnöde Handel, die ungeschminkte gierige Verteilung der Beute, die die europäischen Politiker -und Finanzmänner in ihren Handlungen in der nouen Türkei als Ziel ihrer Tätigkeit sich vprsteckten, schiene« nur durch den Leichtsinn übertroffen zu werden, der sic denken ließ, daß diese Methoden für die Ewigkeit dauern könnten. Als die Türken 1908 es versuchten, auf neuen Grundlagen das große Reich zu reformieren und von den großen Denokratien des Westens aufrichligc Unterstützung und ehrliche Sympathien erwarteten, präsentierte ihnen eine jede dieser Demokratien eine ganze Reihe von verscliiedenen Konzessionen, von deren Gewährung sie diese Unterstützung uncf diese Sympathien abhängig machten. Es handelte sich nicht um Konzessionen auf dem Gebiete des ״Rechts", sondern um ganz irdische Dinge *יvon dieser Welt — uni Beteiligung an den ״Telefhonen", an Bau der Chausseen, Eisenbahnen, um Aus- Deutung von Minen. Ein Chester-Projekt, Monopol- Konzession über Mineralschätze und Eisenbahnen in Armenien, Bagdadbahn, Affäre Lynach, (Schiffahrt auf dem Euphrat und Tigris) — diese Sachen entschieden über die politische Haltung großer Staaten. Die Verhandlungen VcRen der Beuteverteilung dauerten tjionatc-und jahrelang und hemmten jeden — durch die Mängel der veralteten Staatsmaschine, die nicht von beute auf morgen reformiert werden konnte, schon an sich sehr, sehr Verlangsamten Fortschritt. Wenn man die wahre Geschichte der jungtürkisdien Revolution und der jungtürkischen Wirtschaft sdirciben wird, wird man in vielen Eällen für das Mißlingen des Reforimverkes, für die Abweichung der Jungtürken von der von ihnen angekündigten Politik der entschieden liberalen Reform, für 1״re ״Mißwirtschaft" die europäischen Einflüsse und die Europäische Hemmung und die jungtürkischc ״Ent- *ausdiung" als die letzte Ursadie dieses Mißlingens und jheser Mißwirtschaft Poststellen müssen! Unter diesen Umständen konnten die Jungtürken keinen ״Befähigungs- 3״chweis" erbringen, und es war nicht fair, ihnen deseine ״Befähigung zur Reform" abzusprechen. “״Sc Abwelchungen von der proklamierten Politik ^ürden dann aber .von denselben Mitschuldigen ־“ Lasten . der türkischen ״Mißwirtschaft" ge- ״E«t und als Entschuldigung föf die unfreundliche und Wchnende Politik der einen oder der aiKlctai West* macht, die nicht auf Ihre Rechnung gekommen war, ins Feld geführt. Und so kam es zu dem Krieg von 1912. Die Mächte, die vor dem Krieg einen für die Türkei günstigen Ausgang erwarteten und den Grundsatz des stalus quo ante aufstclltcn, um evtl. Vergrößcrungen des türkischcnGcbietcs zu verhindern, ließen die Zertrümmerung der geschlossenen Türkei und die Bildung von Groflscrbicn — vor den Toren Oesterreichs — und von Großgricchenlaiul zu. Dabei mußte doch einem jeden, von der Nähe Beobachtenden, klar sein, daß dieser Abschluß kein Abschluß, sondern der Anfang eines neuen Kampfes ist, der zu der Katastrophe eines Weltkrieges mit absoluter Notwendigkeit führen mußte und auch geführt hat. Und wenn man dazu kommen wird, eine wahrhaftige Geschichte der ״Sclnildfragc" zu schreiben, wird man auf diese Ereignisse von 1912 — und auf weit, weit frühere Ereignisse im Nahen Orient — zurückgrcifen müssen. Nun kommt es 7.u einer neuert Phase ln der Ent- Wicklung des Nahen Orients. Wiederum wird die Türkei die Möglichkeit erhalten, ihren ״Befähigungsnachweis" zu erbringen, nicht nur auf dein Gebiete der militärischen Siege, sondern auch auf dem Gebiete einer gründlichen. Reform und Gesundung der inneren Verhältnissc. Die von den Wcstmächtcn zum Verscinvindcii, wenigstens in Europa, verurteilte Türkei wird wieder in einen großen Teil der von ihr verlorenen europäischen Provinzen eingesetzt, und auch in Klcinasien hat sic ihre Machtstellung zurückerobert. Dies kann natürlich nicht vor sich gehen, ohne einen großen Einfluß auf die Gcsamtcntddcklung der Nachbargebiete des Nahen Oriente auszuüben, wo die Zeichen der sich vorbereitenden Auseinandersetzung mit Europa mit immer größerer Intensität in Erscheinung treten. Die positiven Abmachungen der auf ״Siegerrecht" begründeten Friedensverträge haben sich offensichtlich als unwirksam und unanwendbar erwiesen, und die erste gründliche Revision ist jetzt durch den auf sein ״Sicgcrrccht" sich stützenden Kanal Pascha durchgesetzt worden. Wird auch der andere Teil der Friedensverträge, wird auch der Gedanke des Völkerbundes und die mit ihm unzertrennlich verbundene Man'd atstheorie als unpraktisch und unanvvendbar sich erweisen? Durch diese Mandatstheoric wollte man das ״Siegerrecht“ ersetzen und auf Orund der übernommenen Mandate die imperialistischen, kapitalistisch-militaristischen Bestrebringe 11 einschränken und im Zaum halten. Vielleicht gibt cs jetzt keine anderen Begriffe, deren Gegenüber- Stellung Kesser den Charakter unserer Zeit symbolisieren, als die beiden Begriffe des ״Sicgcrrcchtcs" und des ״Mandates". Wird cs gelingen, das Mandatssystem wirksnm anrtnvcndcn, wird cs dem Völkerbund gelingen, die nötige Autorität und die nötige Macht zu erringen, tim die Notwendigkeit der Entscheidungen durch das Schwert aus der Welt zu schaffen? In dem gesamten Mnndatssystem bat vielleicht kein anderes Mandat mehr Anrecht auf die Aufmerksamkeit der gesamten Welt, mehr Bedeutung für die künftige Ausgestaltung der Gebiete, auf die sich seine Wirkung erstreckt, als unser, das palästinensische Mandat. Soll doch durch dieses Mandat das Schicksal eines historisch, kulturel!, wirtschaftlich und politisch wichtigsten Punktes am Mitteimccr bestimmt werden, eines Punktes, der als Brücke zwischen Asien und Afrika dient, eines Punktes, wo Europa seinen besten Vorposten in der orientalischcn Welt aufbauen kann. Welchem Europa wird dieser Vorposten dienen?, Demjenigen, das im Namen eines wählen Völkerbundes und einer ehrlichen Mandatsthcoric dem Orient die Schätze der europäischen Kultur und Zivilisation vermittelt und die zum neuen Leben erwachte schöpferische Tätigkeit des alten Orients an Europa binden soll, oder dem alten Europa, das nur für die Anwendung seines Siegerrechtes neue Stützpunkte sucht? Als Träger des palästinensischen Mandats sind zwei große Nationen auserkoren, die durch Jahrtausende als geschichtliche Tradition zu dieser Mittlerrolle am besten berufen zu sein scheinen. Wir Juden haben vor zweitausend Jahren die Ideale verkündet, denen heute die zivilisierte Welt zaghaft und schüchtern, mit vielen Rückfällen, sich zu nähern versucht. Vor Jahrtausenden haben wir das Recht des Fremdlings auf Schutz seiner Rechte verkündet und auch eine» Völkerbund proklamiert, der die gesamten 70 Völker fn einem Zentrum zum1 Preise des einen Gottes vereinigen soll. & ist eine provideiiticite Schönheit in diesem1 Versuch, den heiligen Traum zu verwirklichen, — seine Verwirklichung den Nachkommen der grollen Dichter dieses Traumes anzuvertrauen. Eine international« Aufgabe von ungeheurer ge* schichtlichcr Wichtigkeit und Bedeutung lastet auf den Führern und Vertretern der beiden Nationen. Und wenn \\׳ir in der letzten Zelt vielleicht schon zu oft unsere unerschütterliche Entschließung ׳ verkündet haben,׳ ■ ln enger Verbundenheit mit deü Srabaa aufrichtig und ehrlich der großen Aufgabe treu zu bleiben, so ist cs( jetzt an den verantwortlichen Führern des arabischen Volkes, zu erklären, daß auch sie sich nicht auf ein{ ״Sicgcrreclit“, wenn auch auf ein altes, versteifen, sotv* dem daß auch sie, von dem neuen Oeist der zukünftigen{ Zeit durchdrungen, ihren Widerstand gegen die Rückä Wanderung der durch das Schwert und durch das Sieger« recht vertriebenen Juden aufgeben und gewillt sind, dcnl großen Versuch eines Aufbaus ihrer politischen und na« tionalca Existenz und Entwicklung auf Grund der Prin« ztpfen des Völkerbundes und der Mandatsidee mitzu^ mache״, ebenso ehrlich und ebenso restlos aufrichtig, wie wir cs tun.! . j Nicht tun eine lokale Frage kleineren Umfanges und dadurch kleinerer Bedeut mg handelt cs sich hier. Es handelt sich um eine ewige und allgemeine Frage, die! Frage des Sieges des neuen, besseren, mcnschlichercrt Rechtes.! Auch die Araber müssen verstehen, daß auch ihre! Sache wie die unsere nur in einer Atmosphäre des all-; gemeinen Wohlwollens gedeihen kann, und daß dieses( allgemeine Wohlwollen derjenigen besseren und ge« rechteren Elemente, denen trotz aller. Schwierigkeiten des jetzigen Augenblicks die Zukunft gehört, nur durch( die ehrliche Anstrengung dauernd gewonnen werden' kann, eigenes Recht und das Recht des anderen in ein« richtige Harmonie zu bringen. j Dem Völkerbund ist die große Aufgabe zugefallcny die Anwendung des Mandates zu kontrollieren und diese; Harmonie durchzusetzen, trotz der zahlreichen Wider«; stände in und außerhalb Palästinas. Der neu veröffent-, lichte Fragebogen des Völkerbundes an die Mandatar*' macht, in welchem die Richtlinien vorgczciclinct wurden, nach denen der Völkerbund seine Kontrolle auszuiibeit gedenkt, gibt darüber Rechenschaft, .daß diese Kont trolic in dem oben angedcutctcn Sinne gedacht worden’ ist. Als Richtschnur für seine Kontrolltätigkeit gelten dem Völkerbund die beiden großen Verpflichtungen^ welche die Welt übernommen hat: dem jüdischen Voika gegenüber — die Wiederherstellung seiner nationalen Heimstätte in Palästina der arabischen Bevölkerung Palästinas gegenüber — die Aufrechtcrhaltung ihrer bürger« liehen und religiösen Rechte. 1: Uns ist diese Kontrolle nur willkommen. Wir sind unserer Sache so sicher, daß wir nur eines immer er■! sehnen: die immer nähere Bekanntschaft der gesamten Welt mit unseren Bestrebungen, unseren Wünschen, den Resultaten unserer Arbeit und der Intensität unserer An* strengung. Wir zweifeln nicht daran, daß diese Be« kanntschaft dazu führen wird, in den Kreisen der besseren: neuen Menschheit dieselben Sympathien und dieselbe uti« eigennützige, tatkräftige Liebe für unser Ideal zu er* zeugen, die einst einen großen Verkünder der besseren Zukunft, Lord Byron, bewogen hat, sein Leben für die Freiheit einer anderen alten Nation hinzugeben. Nur unter der Bedingung dieser tatkräftigen und «״eigen, nütrigen Liebe wird auch unsere Sache gelingen. . Das Gelingen unserer Sache würde die Lösung des schwierigsten Problems im Nahen Orient und darüber hinaus die Auffindung des Schlüssels zu dem Gesamt- Problem, zu der internationale« Regelung der Beziehungen zwischen Völkern und Nationen in gerechteren und fried* lichcrcn Formen, bedeuten. Es würde dazu führen, die durch das Siegcrrceht des Mustapha Kanal Pascha herbeigeführte neue Phase der Entwicklung Im Nahen Orient in friedlichere Bahnen zu lenken. Aus dem wiedererbauten jüdischen nationalert Heim in Palästina kann bei der' nötigen An* strengung des jüdischen Volkes, bei der not* wendigen Unterstützung seitens der unter dem Banner des wahrhaften Völkerbundes sich vereinigenden Kräfte der neuen Menschheit wiederum die Lehre ausgehetf und das Wort Oottes. Die jüdische Einwanderung Im September Jerusalem. (J.C.B.) Offiziell wird hier bekannt gegeben, daß im Laufe des Monats September 691 jüdische Immigranten in Palästina eingetroffen sind. In diese Zahl sind die 180 Waisen, die aus der Ukraine nach Palästina in Begleitung von Herrn Beikind ein* getroffen sind, inbegriffen. Transjordanien Der neue Adlatus des Emir Abdullah, General Rida Pascha, hat angesichts des Fehlens von Häusern und Bauten, welch« für die Verwaltung geeignet wären, verfügt, daß der Sitz der Regierung fortan im Dorfe S u s a h bet Amman abgeschlagen wird. Der Name des Dorfes wird In Haschimie (den Namen de* Königshauses von Hedjas, dem Emir Abdullah angehört) ge* ändert. Eine Reihe von Häusern und Baracken wird für die Unterkunft 'des' Emirs, der Beamten und der Verwaltung er* richtet we$qn._ , . ״ ' ,.. . , a