Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXVII (1922)
- Issue
- Heft 75 (22.9.1922)
- Date
- 1922-09-22
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Das neue Arbeitsjahr Vor! den vier Jahresanfängen, von denen der Talmud spricht, gebührt ,unstreitig־ der oberste Rang dem Neujahrsfest des ersten Tischvi, nicht nur wegen seiner besonderen religiösen Bedeutung, die gerade an den Anfang des Herbstes die Tage der Einkehr, der Besinnung und des Gedenkens gestellt hat, in denen, über das Schicksal des Menschen entschieden werden soll, sondern auch bei der täglichen Arbeit haben wir die Empfindung, daß im Kreislauf des Jahres an dieser Stelle etwas Neues beginnt. Der Sommer ist vorbei, die Hitzen, die in Palästina die Arbeit unterbrechen, in unseren müderen Gegenden Gelegenheit geben, die erschöpften Kräfte des Körpers und Geistes wieder auf- 7ufrischen, sind vorüber, und mit neuen Kräften gehen die ,Menschen an die Arbeit. Das Arbeitsjahr beginnt int eigentlichen Sinne mit dem Eintritt des Herbstes. Auch im Zionismus beginnt um diese Zeit das Arbeitejahr. Der Sommer erzwingt überall eine Pause, und auch die großen zionistischen Tagungen fallen gewöhnlich in diese Zeit, wo die Vertreter aller Länder die Möglichkeit haben, an einem Orte zusammenzukornmen. Das zionistische Budgetjar entspricht dem jüdischen Kalender. Wir stehen jetzt nach der Jahreskonferenz und beginnen das zionistische Jahr 5683. Die, Jahreskonferenz hat die Tätigkeit für die nächste Zeit vorgczcichnct. Sic zerfällt in Galiitharbeit und Palästinaarbeit. Der Schwerpunkt und die Kräfte des' jüdischen Volkes liegen heute riocn im Galuth. Hier muß eingesetzt werden, hier ftiiissen die versteckten Kräfte gehoben werden, liier muß die Bewegung erwachen und der Schöpferische Wille, damit dort, in jenem Lande unserer Zukunft, etwas entstelle, etwas geschaffen werden kann, was für das ganze Volk Achse und Stütze werden soll. Im vorverflossenen Jahre kam eine Entwicklung zum Abschluß, die schon vor 5 Jahren eingesetzt hat: Die Anerkennung der Ansprüche des jüdischen Volkes, in Palästina eine nationale Heimstätte zu errichten und die internationale Garantie dieses Rechtes. Das Jahr 5683 ist also das erste Jahr der auf Grund dieses Freibriefes cinsctzcndcn aufbaticnden Tätigkeit. Die zionistische Jahreskonferenz hat einen Appell an das jüdische Volk gerichtet; was in den letzten Jahren vielfach wiederholt wurde, daß Palästina dem ganzen jüdischen Volk gegeben wurde und die Aufbaupflicht auf dem ganzen Volke liegt, das ist jetzt In eine besondere Form gekleidet worden. Alle, die eine solche Verpflichtung — sei cs aus welchen Gründei! immer — anerkennen, werden aufgcrtifen, sich an einem Weltkongreß fiir den Aufbau Palästinas zu beteiligen. Wir wissen aus der dreißigjährigen Geschichte des Zionismus, wie schwer es ist, die erstarrten Kräfte unseres Volkes wieder wachzurüttcln. Dennoch muß immer und immer wieder angesetzt werden, und immer und immer wieder vermag der Meißel Stücke des spröden Steins abzusprengen. Wer wenig Phantasie und Aktivität bat, der konnte sich schwer an einer Sache beteiligen, deren Realität ihm zumindest zweifelhaft erschien; wenn aber wirkliche Dinge geschaffen werden, wenn es sich um ganz konkrete Arbeiten handelt, deren Früchte jedem sichtbar sind, dann wird cs leichter sein, Menschen mitzureißen und zu überzeugen. Der Palästinnkongreß ist als ein unpolitischer gedacht; lediglich der wirtschaftliche ,Aufbau Palästinas im Zusammenwirken Aller Ist sein Ziel. Wenn dieser Gedanke im kommenden Jahre seine Verwirklichung findet, dann kann das' Jahr eine epochale Bedeutung in der Geschichte des jüdischen Palästina- Verl;cs bekommen. 1 ׳ Noch eine andere Tätigkeit muß Im Galuth entfaltet *׳erden: Es ist jene Tätigkeit, die vielleicht die Funktion der jetzigen Generation der jüdischen Bewegung ist, eine scheinbar minder zu bewertende Tätigkeit, die aber größte Zähigkeit, unermüdliches Pfliditbewiißtscin, Verlumdrnheit mit dem hohen Ziele zur Voraussetzung hat: Die Mittel für den Aufbau müssen beschafft werden, und cs ist unsere Sache, immer wieder zu der! Juden zu Rehen, für Palästina zu werben, nicht nur finanzielle Beiträge, sondern finanzielle Opfer für den Aufbau zu fordern. Wer weiß, wie fern unserer Sache noch '*rite Kreise des Judentums sichen, wie sehr der materielle Egoismus die zentrale Kraft der meisten jüdischen Existenzen ist, der wird ermessen, mit welchen Widerstünden und Schwierigkeiten diese Geldauffcringung kämpfen hat. ־ Aber doch muß sie durchgeführt werden, die Parole des Keren Hnjessod muß, in das, neue Jahr hineingetragen werden, es muß verhütet werden, daß die Gefahr des Zusammenbruchs mühsam erarbeiteter, Positionen, die im letzten Jahre manchmal schon nahe schien, in diesem Jahne! wieder ihr drohendes Antlitz zeigt. Darum darf keine Zeit verloren werden, die Arbeit muß sofort in allen Ländern mit Hochdrude clnsctzcn. Es ist die Arbeit, die in den nüdislcn Jahren und vhllc'cht Jahrzehnten unerläßliche Bedingung unserer Be* wegung Ist. I Die Jahreskonferenz hat auch das Palästinabudget für das Jahr 5683 festgesetzt. Daß es gegenüber dem Vorjalire um etwa ein Drittel herabgesetzt ist, bedeutet keine Einschränkung der Arbeit im eigentlichen Sinne, da ja das vorjährige Budget nicht voll gedeckt war und daher auch schon im Vorjahre die Tätigkeit gegenüber dem Kongreßpinn verkleinert werden mußte. Trotz* dem hat Palästina im vorigen Jahre einen Aufschwung genommen, neue jüdische Stadtviertel sind im Entstehen, eine ganze Anzahl industrieller Unternehmungen wurden begründet, ln erster Linie aber ist zu erwähnen der Beginn der Arbeiten im Emek Jcsrccl, der erste Versuch einer Großkolonisation auf Nationalfondsbodcn. Die 'Arbeiten sind bisher gut von statten gegangen, aber das nötige Geld fehlte immer, und erst das nächste Jahr soll die eigentliche Ansiedlung einer Anzahl vom Gruppen bringen. Unter diesen sind auch deutsche Chniuzim, für die gerade jetzt in Deutschland durch den neutralen Keren Hajessod das Inventar besorgt werden konnte. Die Siedlung im Emek ist nicht nur ein entscheidend wichtiger Versuch landwirtschaftlicher An- Siedlung in bestimmten sozialen und wirtschaftlichen Formen, sondern sie bedeutet eine Vergrößerung des landwirtschaftlichen Besitzstandes des palästinensischen Judentums, die eine gewaltige Steigerung der jüdischen Urproduktion mit sich bringt. Die zweite wirtschaftliche Position, die im vergangenen Jahre auf eine beträchtliche Höhe gebracht wurde, ist das Amt für Oeffentlichc Arbeiten <״Misrnd Laawodoth Zibtuiolli“), das sich aus den kleinen Anfängen der Straßenbau-Kooperativen zu einer Institution entwickelt hat, die bereite selbständig Arbeiten übernimmt und auch wirtschaftlich konkurrenzfähig geworden ist. Die öffentlichen Arbeiten werden 'mich in Zukunft ein Reservoir sein, das immer neue Einwanderer aufnehmen kann. Wenn cs gelingt, im diesem Jahre die Arbeiten zur Durchführung des Rutenbergsehen Projektes zu beginnen, so wird dadurch gleichfalls eine starke Einwanderung eröffnet. Eines aber hat die Erfahrung der letzten Jahre gelehrt, und das' kann nicht oft genug betont werden: Nur diejenigen erwandernden Arbeiter können sich im Lande behaupten, die eine entsprechende Schulung und fachliche Ausbildung mitbringen. Die Notwendigkeit einer Auslese der Ein- Wanderer nach ihrer Arbcitsqualifikafion wurde von uns wiederholt gefordert. Die letzten Berichte und fach* männischcn Beurteilungen, die wir über Palästina gehört haben, 11 eben diese Erfordernisse in heilem Lichte erscheinen lassen. Es wurde schon oft darauf hingcvvicsen, welche Möglichkeiten sich gerade auf diesem Gebiete fiir den deutschen Zionismus eröffnen. Auf dem Kasseler Delegiertentag wurden dazu wertvolle Anregungen gegeben. Der deutsche Zionismus, der gleichfalls ln ein neues ArbcJtsjahr clntritt, wird diesem Problem noch mein־ als zuvor seine Aufmerksamkeit widmen müssen. Schmerzliche Punkte sind in dem Paliistinabudget die Posten für Einwanderung und Arbeit. Diese Posten sind die Pforte, durch die neue Einwanderer ins Land kommen können. Aber die Jahreskonferenz müßte verstehen, daß gerade diese Posten in einem rationalen Verhältnis zu den fiir sonstige Zwecke verfügbaren Geldern stehen müssen. Solange unsere Mittel zu bcschränkt sind, daß wir nicht die Möglichkeit haben, eine große Tätigkeit auf allen wirtschaftlichen Gebieten zu entfalten und dadurch für viele Menschen Arbeite- Gelegenheit zu schaffen, solange sind auch die Einwandcrungsmögllchkcitcn beschränkt. Trotzdem muß alles auf geboten werden, um eine Vergrößerung der Elinvaiidcrnngsmögllchkeit zu schaffen. Die Bestimmung, daß die Einwanderung der wirtschaftlichen Aufnahmefäldpkcit des Landes entsprechen muß, legt uns die Pflicht auf, die wirtschaftliche Kapazität des Landes so zu vergrößern, daß auch die Widerstände gegen die Einwanderung geringer werden müssen. Mit einem solchen Programm gehen wir ln 'das neue Arbeitsjalir. Nicht mehr sind es berauschende politische Erfolge, die wir von ihm erwarten, sondern die kleinen, stillen, aber um so dauerhafteren Erfolge der täglichen Arbeit, die wir uns selbst und dem Lande abringen. Am Ncujnhrstag hat jeder Rechenschaft zu geben über sein eigenes Tun und eigene Unterlassungen. Politische Erfolge konnten uns' andere bringen; die Erfolge der Tat können nur wir selber erringen. Darum möge der Tag der Besinnung auf Vergangenes auch ein Tag des ernsten Entschlusses zur Arbeit sein, der Besinnung nuf die Verpflichtung gegenüber der jüdischen Zukunft, für die wir der nach uns kommenden Generation von Juden Rechenschaft schuldig, sind. &W• Rückblick auf Kassel Wenn man das Fazit einer Tagung wie der Kasseler zu ziehen gedenkt, wird man sich vorerst über die Maß* stabe verständigen müssen, die in solchem Falle anzuwenden sind. Es gab in Kassel nichts, was in irgendeiner Weise als Sensation anzusprechen gewesen wäre, nichts, was dem sogenannten ״Stunk“ entsprochen hätte. Man kann auch nicht sagen, daß Kassel eine ״Epoche“ in der Geschichte des deutschen Zionismus bedeutet. Aber es scheint, als oh das auch nicht diejenfgen Charakteristika einer Tagung sind, auf die es ankommt. Nicht der Grad der Aufregung, den die Verhandhingen in einem bestimmten Stadium erreichen, kann entscheidend sein. Ob eine Tagung Epoche gemacht hat, ob sic neue Wege gewiesen hat, ist im allgemeinen unmittelbar nach ihrer Beendigung schwer zu beurteilen. Was von Kassel zu sagen ist, scheint uns wertvoller. Kassel war ein gut besuchter Dclcgicrtcntag, dessen: Referate und Verhandlungen sich im allgemeinen auf einem hohen Niveau bewegten und das im ganzen das Bild eines seiner Stärke bewußten und ohne' Zweifel im Wachsen begriffenen deutschen Zionismus bot. ■' Die Arbeiten des deutschen Zionismus haben in den letzten Jahren unter der bestehenden Opposition ctwds gelitten. Diese Opposition nahm an den Arbeiten des deutschen Landesverbandes keinen Anteil, und die von ihr erhobenen Beschwerden und Klagen!unterließen einen gewissen Eindruck bei den deutsche 11 Zionisten,: einen Eindruck, der leider vielfach zur Verärgerung und zu geringerer Aktivität geführt hat. Dieser Delegiertentag bedeutet ln dieser Hinsicht einen Anfang der Besserung. Wenn auch die eigentlichen Führer von Binjan, Haarez ihm noch fcrnhlicbcn, so sandten sic doch1 Parlamentäre, wie es Herr Heinrich M a rgu li e s nannte, und er und Leie wer bemühten sich, zu einer Einigung wieder zu gelangen. Zweifellos hat Dr, Lelcwcr selbst viel dazu beigetragen, die bestehenden Mißhclligkeiten zu beseitigen, als er mit nicht niißzuvcrstchcndcr Deutlich'-' keit die Beamtenhetze verurteilte. Was sonst von ihm und seinen Freunden in der Diskussion gesagt, worden ist, läßt sich verschieden auffassen. Die meisten1 Fragen sind nicht derart, daß sich aus ihnen unüber-׳ windlichc Oegensätze ergeben müßten. Die deutschen Vertreter auf der Jahreskonferenz in Karlsbad sind dort ebenfalls dafür cingetreten, daß die 20 °/0, die der Keren Hajessod dem Nationalfonds bestimmungsgemäß zu geben hat, gestrichen werden sollen und damit dem Nationalfonds eine größere Aktionsfreiheit zurück-: gegeben werden soll. Und die Forderung, den Keren' Hajessod zu einem reinen Spendenfonds zu erklären, also auch die 30°/o für Investments zu streichen, kann' zwar sehr verschieden beurteilt werden und wird ver. inutlich von vielen als ein unbegründeter Pessimismus, an der Entwicklung des Keren Hajessod abgclehnt werden, aber scheint uns auch kein entscheidendes Mo-! ment gegen eine Verständigung zu sein. Wenn Marguliesj grundsätzlich die Trennung von Politik und Wirtschaft fordert, so hat ein Beschluß dieses Dcleglcrtentagcs, mit dem er sich einverstanden erklärte, für Deutschland diesen Zustand geschaffen, indem eine Kommission gebildet wurde, der nrich Heinrich Margulics nngchört und die sich mit den wirtschaftlichen Fragen! des Aufbaus zu beschäftigen haben wird. Im ganzen half die Auseinandersetzung mit der Opposition vor allem!: das eine Gute gehabt, daß diese Auseinandersetzung überliaupt statt gefunden hat, und zwar vor dem Forum, das! dafür geschaffen ist und daß diese Auseinandersetzung seitens der Opposition die Bereitwilligkeit gezeigt hat, wieder an den Arbeiten tcilzunehmcn. Daß sachliche Unterschiede bestellen bleiben und daß cs die Opposltion für notwendig hält, das wettere Bestehen solcher Oegensätze in einer Erklärung vor dem Dclegicrtcnfage fcstzusteUcn, bedeutet kein Unglück. Wir haben das Bestehen einer Opposition niemals als ein Hindernis, sondern stets nur als eine Fördeunrg der Arbeit betrachtet, wenn die Opposition die Verantwortung für die Arbeit mit-' trägt, wenn sic zwar kritisiert und kämpft, wenn sie sieh aber legitim zustandegekommenen Beschlüssen fügt' und mitarbeitet. Wenn die Kasseler Verhandlungen dieses Ergebnis im deutschen Zionismus wieder hcrgestellt haben, so wäre schon deshalb der Kasseler Delegiertentag kein verlorener gewesen. Vor allein wird nicht nur formelle Anerkennung, sondern auch tätige Mitarbeit am Keren Hajessod auf der Orundlage des Maasscr zuj fordern sein. In der Begründung des Standpunktes der Opposi-, tion spielt die amerikanische Frage eine große Rolle, Leiewer insbesondere sicht den ״historischen Fehler“ des deutschen Zionismus in der Tatsache, daß er nicht die' Partei von Brandeis seinerzeit genommen habe. Der Dclcgicrtcntag gewinnt dadurch ein besonderes Inter, esse, daß die Erwiderung auf diese Reden der Opposition von Männern gegeben werden konnte, die als prominente Führer und wirkliche Kenner der amerikanischen Ver. häitnlsse angesehen werden .müssen. Die Rede von Abraham Goldberg, der zusammen mit Llpsky, der Führer des amerikanischen Zionismus ist und der au(