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Jüdische Rundschau · 1922-08-22 · Heft 66 (22.8.1922) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXVII (1922)
Issue
Heft 66 (22.8.1922)
Date
1922-08-22
Page
– (sequence 1)
Language
German
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F8f Tetbecboelowebri: Po.tep.rkee.rneml Prüf, Kenia Nr. 15603a "** PedekUont.cbluä Sonnte? und Mittworb nedimtHejf. — כח^ אס תרס״ב | xxvn. jahrg. Dar Zionismus erstrebt fOr das jüdische Volk dta Schaffung einor Ctfontllch-rochtHch gesicherten Heimstätte In Palästina. ״Baseler Programm Herzls Rede zur Eröffnung des 1. Kongresses Geehrte Kongreß.Mitglieder! Als einem der Einberufer dieses Kongresses i<t mir die Ehre zugefallen, Sie zu begrüßen. Ich will cs mit wenigen Worten tun, denn jeder von uns dient der Sache gut, wenn er mit den kosibaren Minuten spart. In drei Tagen haben wir viel Wichtiges zu besorgen. Wir wollen den Grundstein legen zu dem Hause, das dereinst die jüdische Nation beherbergen wird. Die Sache ist so groß, daß wir nur in den einfachsten Worten von ihr sprechen sollen. Soweit es sich jetzt schon beurteilen läßt, wird in diesen drei Tagen eine Ucbersiclit über den gegenwärtigen Stand der Judcnfrage geliefert werden. Der gewaltige Stoff gliedert sich unter der Hand unserer Referenten. Wir w erden Berichte hören über die Lage der!!den in den einzelnen Ländern. Sie alle wissen, wenn auch vielleicht nur in einer unbestimmten Weise, daß diese Lage mit wenigen Ausnahmen (inc nicht erfreuliche ist. Wir fänden uns wohl catiin zusammen, wenn es anders wäre. Die Gcmcirisarnkcit unserer Geschicke hat eine lange IJnterbrechung erlitten, obwohl die versprengten Teile des jüdischen Volkes allenthalben Aehnliches erdulden mußten. Erst in unserer Zeit ist durch die neuen Wunder des Verkehrs die Möglichkeit einer Verständigung und Verbindung der Getrennten gcgeben. Und in dieser Zeit, die sonst so hoch ist, fühlen wir uns überall vom alten Haß umgeben. Antiscmismus ist der Ihnen nur zu wohl bekannte Name der Bewegung. Der erste Eindruck, den die Juden von heute davon hatten, war lieberrascluiug, die in Schmerz und Zorn überging, unsere Gegner wissen vielleicht gar nicht, w׳ie tief im Innersten sie gerade diejenigen unter uns verletzt haben, die sie möglicherweise nicht in erster Linie treffen wollten. Das moderne, gebildete, dem Ghetto entwachsene, des Schachems entwöhnte Judentum bekam einen Stich mitten ins Hera. Wir önnen das heute ruhig sagen, ohne uns verdächtig zu machen, daß wir an die Tränendrüsen unserer Gegner appellieren wollen. Wir sind mit uns im Reinen. Man war in der Welt von jeher schlecht über uns unterrichtet. Das Gefühl der Zusammengehörig- Veit, das man uns so häufig und grimmig vorwarf, cs war in voller Auflösung begriffen, als uns der Antisemitismus anfiel. Dieser hat cs wieder gestärkt. Wir sind sozusagen nach Hause gegangen. ' er Zi:;::;.:uus ist die Heimkehr zum Judentum 1'•ach vor der Rückkehr ins Judcnlaud. Wir heimgekehlten Söhne finden im vaterländischen Mause manches, was der Besserung dringend bedarf; wir haben namentlich Brüder auf tiefen Stufen des Lbnds. Man heißt uns aber in dem alten Hause 'villkommcn, weil es wohl bekannt ist, daß wir nicht den vermessenen Gedanken hegen, an Ehrwürdigem ru rütteln. Das wird sich bei "der Entwicklung des Ujnistischcn Programms zeigen. Schon hat der Zionismus etwas Merkwürdiges, ehedem für unmöglich Gehaltenes zu Wege gebracht: die enge Verbindung der modernsten Elemente des Judentums mit den konservativsten. Da rieh dies ereignet hat, ohne daß von der einen °dcr anderen Seite unwürdige Konzessionen gemacht, Opfer des Intellekts gebradit worden wären, r0־ ist dies ein Beweis mehr, wenn es noch eines 1';■weises bedürfte, für das Volkstum der Juden. >•! ::sicher Zusammenschluß׳ ist nur möglich auf 1Lr Grundlage der Nation. Es werden nun auch rnandhe Debatten stattlüden über eine Organisation, deren Notwendigkeit jeder ci 'cieht. Die Organisation ist der Beweis des ■Vernünftigen in irgendeiner Bewegung. Hier ist ober ein Punkt, der nicht deutlich und energisch genug herausgearbeitet werden kann. Wir Zionisten wünschen zur Lösung der Judenfrage nicht etwa einen internationalen Verein, sondern nur die internationale Diskussion. Der. Unterschied ist für uns Das Jahr der Mandatsbestätigung, der Er■ füthmg der politischen Voraussetzungen des Zionismus, ist zugleich das Jahr der Erinnerung au den Anfang unserer Bewegung, an jene heroische Zeit, da in dem Kopfe eines In Paris lebenden Wiener Journalisten der grandiose Gedanke des Juden- Staates entstand und dieser Gedanke im Baseler Kongreß seine Ausdrucksform fand. 25 Jahre trennen uns von jenem Tage, da das jüdische Volk wieder eine Tribüne erhielt, wieder ein Zentrum, das seine Nöte mitempfand und sein Schicksal zu gestalten suchte. So mancher, der in dieser Zeit mit uns stritt, ist inzwischen durch den Tod unserem Heere entrisse« worden; keiner mehr bctrauert, keiner unersetzlicher als er, der Schöpfer unserer Bewegung, dessen Name uns ein Symbol unserer Ideale ist und bleiben wird. Noch stehen in unseren Reihen viele von jenen Männern, die auf Herzls Ruf sich in unsere Reihen stellten oder schon vor ihm der Sache Palästinas und des jüdischen Volkes dienten. Und doch, wenn wir uns in den Tagebüchern jene entscheidenden Monate vergegenwärtigen, da der Judenstaat entstand und der Kongreß vorbereitet wurde, wenn wir dann den ersten Jahrgang der ״Well“ öffnen, des Judenblatics, mit dem Hcrzl die Ehre des jüdischen Namens wiederhcrstellcn wollte, so sehen wir, wieviel uns von jener Zeit trennt. Wie anders sind die Probleme, die den erden Zionist: ukougreß bewegten, wie anders die Stimmung, die Hoffnungen und Befürchtungen, die die junge nationale Bewegung damals trugen. Die zionistische Bewegung ist aus einem kleinen Kreise entschlossener Männer zur großen umfassenden Volksbewegung geworden. Die kühne Politik, mit der Theodor Hcrzl, der nichts in die Wagschalc zu werfen hatte, außer der eigenen machtvollen Persönlichkeit, furchtlos und stolz mit den Mächten verhandelte, erscheint uns erst heute in ihrer ganzen Bedeutung, wenn wir daran denken, welcher Arbeit, welcher Vorbereitungen, weicher jahrelangen Anstrengung cs bedurfte, ehe die von ihm inaugurierte Politik einen Erfolg verzeichnen konnte. Eines freilich hatten jene Jahre vor uns voraus. Wer mit den Männern spricht, die das Glück hatten, neben Theodor Hcrzl zu arbeiten, Wer die Zeit des ernten Kongresses aus eigener Erinnerung oder mit Hilfe von Büchern und Zeitungen sich vergegenwärtigt, der empfindet den ungeheuren seelischen Schwung, der die Menschen damals bescclte. Sie alle, die am 29, August 1897, dem 1. Elul 5657, sich in Basel versammelten, empfanden den historischen Augenblick, da das jüdische Volk die Gestaltung seiner Geschicke wieder in seine Hand nahm mul das Land seiner Väter wiederzugewinnen trachtete. Das Gefühl, eine historische Zeit mitzucrleben, die opferwillige Begeisterung, die der Augenblick erforderte, sind das charakteristische Merkmal aller Aeyßerungen aus jener Zeit. Es ist in der Tat ein neues Hcrocnzeitalter unseres Volkes, das damals begann. Jede Zeile aus Herzls Schriften 1und Tagebüchern, aber auch jeder Bcrieht, jeder Aufsatz, den die Welt publizierte, atmete jenen berauschenden Duft des neuen Freihcitsgefühls und des stolzen Nationalbewußtseins, das die Träger der Bewegung damals erfüllte. Wie, weit ist unsere Zeit von der Stimmung jener Epoche entfernt! Wenn man die Geschichle unserer Bewegung seit Hcrzl überblickt, wird man vergebens nach einem Augenblick suchen, der sich an Bedeutungsschwere mit der Herzischen Zeit so sehr vergleichen ließe wie der unsere. Wir haben die Erfüllung dessen miterlebcn dürfen, was Hcrzl ersehnte, wofür er arbeitete und wofür er sein Leben gab. Aber wir haben nicht empfunden, daß unsere Zeit diese Vorgänge mit der leidenschaftlichen Anteilnahme mitgelcbt hat, wie cS jene Generation tat, die die zionistische Bewegung schuf. Es ist heute hier nicht der 01% die Gründe dafür fcstzustellcn, nicht die Gründe, die in uns selbst liegen und nicht die Gründe, die in der allgemeinen, von uns unabhängigen Zeit- Stimmung besähen. Aber nichts kann man sehnlieber wünschen, als daß die Rückschau, die wir heute auf die Zeit des ersten Kongresses halten, in uns das Feuer wieder zur hellodernden Flamme entfachen möge, das wir in uns tragen, wenn wir Zionisten Angehörige und Mitarbeiter an Theodor Herzls Werk sein sollen. . F. L von der höchsten Wichtigkeit, wie ich Ihnen nicht erst auseinanderzusetzen brauche. Dieser Unterschied legitimiert auch die Einberufung unseres Kongresses. Es kann sich bei uns nicht um Biindekän, geheime Interventionen und Schleichwege handeln, sondern rmr um eine freimütige Erörterung unter der beständigen und vollständigen Kontrolle der öffentlichen Meinung. Es wird einer der nächsten, schon jetzt in großen Umrissen wahrnehmbaren Erfolge unserer Bewegung sein, daß wir die judc:׳..Vajc in die Zionsfrage uniwandcln werden. Eine so große Volksbewegung muß von vielen Seiten augepackt werden. Der Kongreß wird sich daher auch mit den geistigen Mitteln zur Wiederbelebung und Pflege des jüdischen Nationalbcwußtscins beschäftigen Audi :>•4? diesem Punkte haben wir mit Mißverständnissen zu kämpfen. Wir denken nicht daran, auch nur eines Fußes Breite von erworbener Kultur aufzugeben, sondern denken an ein weiteres Vertiefen! der Kultur, wie cs jedes Wissen bedeutet. Ucbrigcns ließ das geistige Leben der Juden von jeher bekanntlich weniger zu wünschen übrig, als das ihrer körperlichen Betätigung. Dies haben die praktischen Vorläufer des jetzigen Zionismus eiiigesehen, als sie anlingen, einen jüdischen Ackerbau bervorzurufen. Von diesen Kolonisationsvcrstieben in Palästina und Argentinien können und werden wir alle nie anders als mit aufrichtiger Dankbarkeit sprechen. Aber sie waren nur das erste, sie sind nicht das letzte Wort der zionistischen Bewegung. Diese muß größer sein, wenn sic überhaupt"’sein soll. Ein Volk kann sich nur selbst helfen; kam! es das nicht, so ist ihm eben nicht zu helfen. Wir Zionisten wollen aber das Volk zur Selbsthilfe anregen. Dabei sollen keine verfrühten, ungesunden Hoffnungen erweckt werden. Auch aus diesem Grunde ist eine Oeffentlichkeit der Behandlung, wie sie unser Kongreß bezweckt, von hohem Wert. Wer die Sache ruhig bedenkt, wird sich doch sagen müssen, daß der Zionismus auf andere Weise als durch eine rückhaltlose Auscinandcrsetzung mit den beteiligten politischen Faktoren sein Ziel nie erreichen kann. Die Schwierigkeit;!! der Kolomsationsbefuguis wurden bekanntlich nicht erst durch den Zionismus in seiner Gestalt geschaffen. Man muß sich fragen, welches Interesse die Erzähler solcher Märchen denn eigentlich haben, Das Vertrauen der Regierung, mit der man über eine Ansiedelung jüdischer Volks-!nassen im großen Maßstabc verhandeln will, läßt sich nur durch eine offene Sprache, durch ein loyales Vorgehen erreichen. Die Vorteile, die ein ganzes Volk als Gegenleistung zu bieten vermag, sind so bedeutend, daß die Unterhandlungen von vornherein mit genügenden! Ernst ausgestnttet sind. In welcher rechtlichen Form die Einigung schließlieh stattfinden soll, darüber heute viel zu reden, wäre ein müßiges Beginnen. Nur das Eine ist unverbrüchlich festzuhaltcn: Die Basis kann nur ein Zustand des Rechtes und nicht der Duldung sein. Mit der Toleranz und dem Schutzjudentmn auf Widerruf haben wir nachgerade genug Erfalirungen gemacht. Unsere Bewegung hat folglich nur dann einen vernünftigen Zug, wenn sie öffentlich rechtliche Bürgschaften anstrebt. Die bisherige Kolonisation hat das erreicht, was sie nach ihrer Anlage erreichen konnte. Sie hat die vielbcstrittene Tauglichkeit der Juden zur Landarbeit erhärtet. Sie hat diesen Beweis, wie es in der Rechtssprache heißt.

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