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Jüdische Rundschau · 1922-08-08 · Heft 62 (8.8.1922) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXVII (1922)
Issue
Heft 62 (8.8.1922)
Date
1922-08-08
Page
– (sequence 1)
Language
German
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TostutherkVonioi Beriin Nr. 1173'>J. Kur Oe*trrr*irit. P01t*p*rk**sen*mt Wien, Konto Nr. 156 030. Für Ti^erhoslovrakei; Pottspm <na*rnM־M Pruy, Konto Nr. 156050, —׳ Krd«ktion*1d1!u8 Sonnt»? und MiUwo>it n*clmiU•^. — ־׳ cs חרס׳, XXV15. Jahrg. per Zionismus erstrebt für das jfitiischo VoiU d>0 Schaltung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Melms'&tle In Palästina. ״Baseler Programm״.! Da will Frisclmiann Freitag, den 11. d. M״ um 12 Uhr mittag s(arl) in Berlin in der Klinik Prof, ßorcliardis nach längerem Leiden Dawid Frisclmiann im 57. Lebemjahre. Nach Serdvezewski der?•weile schwere Verlust, der die hebräische Uferatnr Innerhalb kurzer Zeit in Berlin trillt. Wir verweisen auf die Ankündigungen über die Beerdigung im Inaern des Blattes. D. Red. Gebeugten Hauptes mul betrübten Herzens bringt heute die kleine Kolonie der in Berlin anwesenden hebräischen und jüdischen Schriftsteller einen ilfrer Altmeister zur ewigen Ruhe. Dawid Frisclmiann ist cs, der* uns jetzt entrissen worden ist. Langsam leert sieh der ״Misrach“ unserer kleinen Schule, nacheinander gehen die Acltcren, Lehrer und Eizieher weg. Bange wird uns, wenn wir die Lücken betrachten, die nicht auszul'iillcn sind. Ihm, ,den üppige Jubiläums- und Trauerfeier immer ärgerte, wollen wir keine Worte der Wehklage inchrufen, keine Phrasen des Jammers^ über das Unglück. Alan darf dem Toten nicht sagen, was er lebendig nicht leiden konnte, noch mehr, woran er nicht glaubte. Und andererseits, wie schwierig ist es jetzt, da sein Su־g noch offen steht, Persönlichkeit und Wesen des Gestorbenen zu würdigen! Darum nur einige Worte, Worte der Erfnnerung, noch!ungeschrieben unter dem ersten Eindruck des schmerzlichen Ereignisses. ,,Tohuwabohu!'‘ So war der Anfang. ׳־ ,,Tohuwabohu“. Das ist kein Roman, oder Komanc-Erzählungen aus einem bürgerlichen, verwcsiüclitcn, östlichen Judentum. Nein. Das war eine Schrift des jungen 17jährigen Dawid Frisch'- mann. Eine Kampfschrift ersten Ranges, die an Sciiä rfe und Sarkasmus, Ironie und Kampfsucht ihresgleichen bei uns kaum kennt. Das war die Fanfare, die Kriegsironipcte des jungen Frischmann, die bald darauf die der ganz.cn Generation, wurde. Er hat zum Krieg gerufen. Er war der große• Al ahnend e. Er kam, die Alten zu bckriegen, sie von ihren olympischen Sesseln herunlerzurcilkm. Er war der Verkünder einer neuen Aera, eines Frühlings in der gealterten hebräischen Haskala-Litcratur. Ein Revolutionär, Krieger, dem alle Waffen zu Gebote standen. ,,Tohuwabohu“ hat sein Ziel erreicht. Die Geister begannen sicli zu bewegen, die allen ״Götter“ begannen zu verblassen und zu verschwinden, der junge Frisclmiann mit seinen Genossen ist Herr der Situation. Lest Berdyczewski und andere, so werdet ihr scheu, was der junge Frisch m a 11 n war, was er für seine Generation war, was er nocii für uns ist und sein kann. Dem jungen Dawid Frischmann gegenüber stand ein Goii.Th, die alte Generation, gegen den e.־ seine kicinen Steine zu schleudern pflegte, bis fr ihn aus dcr.1 Wege geschafft hat. Er bekämpfte Fast alle Dichter und Schriftsteller, den einen '1■׳egen Mangels au Realismus, den andern wegen Mangels an" Phantasie, den dritten weil er kein Lichter sei, den vierten weil er nur ein träumet• rischer Phantast sei, diesen weil er nicht genug ehrlich und aufrichtig war, den änderen weil er zu ״naiv“ und einfach sei. Was bekämpfte er denn hauptsächlich? Die ״Bationut“! Was ist das? Weiß niemand! Es Kt ein unübersetzbares Wort, sprachlich wie auch inhaltlich... Frischmann war der größte Bel.anmfcr dieser Bationut, und auch ihn! wurde cs spater einigemal zugerufen: Bationut! Eine Ironie de.5Lebens! Er bekämpfte das Alte, direkt nur auf literarischem Gebie'e, indirekt auch auf religiösem und nationalen. Das kann nur von demjenigen verstanden werden, der etwas mit den 'damaligen Zuständen im östlichen Judentum, wie in der hebräischen Literatur bekannt ist. Frisch- Wann selbst ist dafür noch immer die beste Quelle. I'r hat in seinen Kampfschriften der bekämpften Oc> neration die Monumente erbaut. Wofür kämpfte er denn? Zuerst: für den ,,guten Geschmack“ (mau muß cs nur richtig verstehen, nämlich in der eigentümliehen jüdischen Färbung), für das Leben, das Leben im Leben, das Leben in der Literatur, für die freie Di eh tun״, ,)Vogeldichtung“, für das teildeuzlose Schaffen, für Realismus und Poesie zugleich, für Autonomie des literarischen S c I1 a f f e 11 s, Befreiung der Kunst von ״politischen“ und nationalen Ideen, Kunst um ihrctwillen, Mensch um seinetwillen, Volk um sciuctwillen .... Die Erlösung der Juden wird kein Herzlschcr Judenslnat, kein Achadhnanischcs ״geistiges Zem• trum“ sein, sondern die Auferstehung des jüdischen H c r z e n s, des j ü d i s c h e n F ü h - lens und Empfindens. Wenn das Volk fühlen und empfinden lernt — wird sein Messias kommen. Das ist ״populär“ gesprochen, wer cs bei Frisch mann nachlcscn wird, wird cs besser verstellen. Seine Sprache war damals die Sprache eines Bahnbrechers, eines Diktators im Geistigen: ln Gottes Namen und meinen eigenen Namen schwöre ich, daß ich euch nicht Ruhe geben werde, daß icli mit Gewalt und Kraft euch wecken werde, von Morgen bis Abend werde ich sprechen und sprechen bis ihr ein Herz bekommt, bis ihr fühlen lernt, bis ihr gut zu fühlen versteht, das Schöne zu begehren und das Häßliche 7.11 verwerfen. Also sprach Dawid Frischmann; und war cs denn vergebens? Wer weiß, ob gerade dieser ,,Antinationalist“ dem jüdischen Nationalismus und Zionismus nicht die größten Dienste geleistet hat! Den״ er hat uns unser Herz, unsere Sinne zurück gegeben. . . Wird man cs hier im Westen richtig verstehen? * Und später hieß cs: Europa. Sein Programm wurde viel klarer: man muß ״Europa“-Samcn im jüdischen Ghetto anbauen lassen, damit sie Früchte erzeugen. So wurde er zum Schöpfer des ״E11 ro p a - K u 11 u s“ bei uns. Bcrdyczcwski wollte mir Nietzsche. Ihm aber war es egal, alles Schone ist schön, ob es in Nietzsches ״Also sprach Zarathustra“ oder in Lippcts Kulturgeschickte steht (beide hat er ins hebräische übersetzt). Er wurde zum ״Schöngeist“. Was wir heute an ״Aesthcientuui“ bei uns zu leiden haben, auch das haben wir ihm zu verdanken. Er zeigte sicli bald als ein vielfältiger Schriftsteller: Lyriker, Erzähler, Feuilletonist, Kritiker, Uebcrsctzcr. Und überall hat er etwas neues gebracht, überall war er schöpferisch. Ueberall wollte er das ״Europäische“ bei uns heimisch machen, zu diesem Zwecke hat er auch viele Übersetzungen aus der europäischen Literatur gemacht, insbesondere auf dem Gebiete der schönen Literatur, die ihm die einzige Rcttung zur Aufrichtung des Herzens im jüdischen Menschen zu sein schien. Bialik sagte in Wien (auf der Kuiturkonferenz 1913): Die Belebung der alten Kulturgüter könne uns allein helfen; und Frischmann hat sich dagegen gesträubt: Schöne Literatur solle man dem Volke geben, dann wird es gesund werden! Sein ganzes Leben hat er sich bemüht, eins •Schöne aus Europa zu uns zu bringen: aus Byron, Nietzsche, Goethe bis auf Tagore, und er hat wirklich viel gebracht (bis er cs in den letzten Jahren erlebt hat, Leiter des großen Stybelwerkcs zu werden, wo er eine Gelegenheit fand, seine Ideen zu verwirklichen). Er hat aber in Europa auch die Skepsis gelernt, zit der er zweifellos von Natur hinneigte. So geht er vom Kritizismus ztun Skeptizismus, den er sehr weit gebracht hat, manchmal bis zum Zynisinus, nicht im heute üblichen Sinne einer ״bcsscren Gesellschaft“, sondern im antiken Sinne. Seine Skepsis führte aber keineswegs zur Mystik, zum Uebermenschlichcn, wie bei Pcrez. Sie ging aus ihrem engen Kreise nicht heraus, und wirkte zerstörend, ohne etwas wirklich zu zerstören, denn dazu war sic nicht schwungvoll genug, cs fehlte ihr die Tiefe des allumfassenden Geistes, kurz das ״ein wenig“ Genialität. Sic deckte sicli schließlich mit einem Mantel der Ironie und des Sarkasmus, der freilich mit der Zeit abzunchmcn schien. Dabei War aber Frisch, mann ein Mensch, der glauben wollte, glauben wollte, aber nicht Glauben suchte. Er wollte wenigstens an das Schöne glauben, auch das konnte er manchmal nicht. Trotzdem war er immer ein Bewunderer, wo er nur etwas Rein-Menschlichcs, Wirklich-Menschliches zu finden glaubte. Noch vor kurzem haben ihm die Brielc der Rosa Luxemburg, bei all seiner Abneigung gegen Sozialismus, Kommunismus und sonstigen ,,ismus“, Anlaß gegeben, den Menschen Rosa Luxemburg aufs höchste zu bewundern, ihren Mördern zu fluchen. Sonst konnte er das sehr selten, dazu fehlte ihm die Extase eines Gläubigen. In der Tiefe seiner Seele war er ein Mensch des Leides. Alles war ihm so rätselhaft, unver. stündlich: Was ist Held und Heldentum? Was ist Liebe? Leben und Tod? Wahrheit? Die meisten seiner Erzählungen drehen sich um diesen problematisch-psychologischen Wendepunkt: Was ist das, was wir erleben oder zu erleben glauben. Ist cs wirklich, wie man cs bezeichnet, oder ist cs etwas anderes? Sein Leid war nicht beflügelt, es war ihm alles so aussichtslos, er hörte nicht den Adler über seinem Kopf, wie sein Volksgenosse der ״kranke blasse Jude“, Heinrich Heine, mit dem er viel, viel Aclmlichkeit aufzuweisen hat. Sein Leiden war kein Ringen, cs hat sich in Ironie umgesetzt. Zum Kampf geboren, zum ,,Schlachtrosse“ bestimmt, biieb er doch ein Abscitsstehendcr. Es fehlte die Kraft des Glaubens, der ,,göttliche Wahnsinn“ des Dichters, die Siegeslust des Kampfers. Er blieb Beobachter, Beschauer. Wozu kämpfen? Es gibt kein Ziel. Und woher soll Großes, Zeitcni'.berlebendes entstehen? Er war populär: der Lyriker fast vergessen, der Kritiker sehr beachtet, der Erzähler gelesen, der Ucbcrsetzcr verehrt, der Fcuiiietonist weit berühmt, seine Bonmots immer zitiert. Aber der wuchtvollc 17jährige Verfasser des ״Tohuwabohu“ hatte etwas anderes gewollt ... ln seinen ״Biblischen Erzählungen“ zeigt sich ein. ganz anderer Frischmann. Ein Motiv, das sich wiederholt und doch etwas besonderes in sich birgt, der stille Vertcidigungskampf des einzelnen gegen die drohende Menge. Ein Volk unter der Führung eines Gottgcsnmltcn geht aus dem Sklavculande, um sein Heim aufzurichten. Sechshunderttauseud Menschen — ein Herz, ein Wille, ein Wunsch: nach der Heimat! mit dem ganzen Volke das persönliche Leben aufzubauen. Aber auch damals, in der Zeit der Eroberung Kanaans, und noch früher, in den Jahren der Wüste:!‘־ Wanderung, wo das national-kollektive Ideal so gebieterisch die Gemüter beherrscht hat, auch da-!!:als, erzählt Frischmann, gab es einzelne, die von diesen Idealen nicht ״angcslcckt“ waren, sie lebten für sicli, die Individualisten, suchten ihre eigenen Fragen allein zu lösen, ihr Lci.1 allein auszaleidcn, ihre Freude allein zu genießen. Man errichtet den ״Eigel-hasahaw“, den höchsten Ausdruck des Kollektiv wese 11 s, alle sammeln für ihn, geben ihr Gold hin, .aber ein kleiner, geringer Stamm der Dudanim bringt nichts dem ״Goldenen Kalbe“, er hat nichts mit dem ganzen Tun und Treiben der Menge zu tun, er dient seinem eigenen Gotte, der Lolin dieses Stammes wird nicht gcteilt von der Allgemeinheit. . Welche Leiden diesem Stamme der Dudanim beschicden sind! Abseitsstchcnde, Zurückgezogene in der Zeit des größten Jubels eines Volkes! Ist cs Mut oder Schwäche? Nicht wir wollen darüber entscheiden. Dieser unglückliche Stamm kann einfach nicht mit der Menge gehen. Ihr Tempel ist nur für sie allein, was ist ihucn gemein mit den Vielen? Dieser Stamm der Dudanim ist seit Moses nicht verschwundc!1. David F r i s c h m a n n war einer seiner treuesten Sötmc. Dieser Dudanidc konnte einfach nicht dem ״Nationalismus“ und ״Zionismus“ dienen. Warum? Das ist liier und jetzt nicht zu erörtern. .Feine Großeltern haben auch so getan bei der Wanderung aus Aegypten . .. wie konnte er denn

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