Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXVII (1922)
- Issue
- Heft 10 (3.2.1922)
- Date
- 1922-02-03
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Januar, wurden die Herren [)r. Soloweitschik, Dr. Rosenbaum und Dr. Rachm ile w i tsch vom Präsidenten der litauischen Republik in Audienz empfangen. Die Herren machten dem Präsidenten klar, wie schwer die nationalen und ökonomi-!dien Bedürfnisse des litauischen Judentums unter dem in der Verfassungskommission des litauischen Sejm angenomoenen Beschluß leiden würden, wonach das Recht auf tlncn nationalen Verband und somit auf eine nationale Autonomie nur Minderheiten zustünde, die nicht weniger als 10 0/, der Gesamtbevölkerung ausmachen, sowie die soziale Fürsorge, die bekanntlich einer der wichtigsten Bestandteile des jüdischen Geselischaftsiebcns sei, der Kompetenz der nationalen Autonomie zu entziehen. Ferner wiesen sie darauf hin, daß die jüdischen Interessen durchaus verlangen, daß die jüdische Bevölkerung im litauischen Kabinett durch ihren Minister vertreten sei, was seitens der litauischen Regierung mehrere Maie feierlich zugesagt wurde. Der Präsident versprach, mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln dahin zu wirken, daß die jüdischen Forderungen und die den Juden gemachten Zusicherungen b vollem Maße erfüllt werden. Dies entspreche der (׳roßen historischen Rolle, die das litauische Judentum bei der politischen Wiedergeburt de9 jüdischen Volkes gcspielt habe. Ein weiteres Telegramm aus Kowno besagt: ״Die zur Modifizierung des OesctzvorscJilagcs über die nationalen Ministerien eingesetzte Ausglcichskomaiission unter Vorsitz des Ministers für jüdische Angelegenheiten, Dr. Soloweitschik, hat dessen Vorschlag, wonach jede Minderheit, die hunderttausend Seelen zählt, auf ein nationales Ministerium Anrecht hat, angenommen. Wie verlautet, wird auch die Konstitutionskommission diesem Vorschläge zustimam. Die Vertreter der Sozialdemokratie, die bisher gegen die Errichtung von nationalen Ministerien aufgetreten dnd, haben sich bereit erklärt, die Vorschläge des Dr. Soloweitschik zu unterstützen.“ Das neue litauische Kabinett Die ״Jiddische Stimme“, Kowno, teilt mit, daß Dr. Soloweitschik die Aufforderung erhallen hat, in das neu zu bildende Kabinett als Minister für jüdische Angelegenheiten einzutreten. Die jüdische Sejmfraktion hat sich mit dem Eintritt Soloweitschiks ins Kabinett e i n v e r s t a n d e n erklärt Freisprechung der verurteilten Juden Jerusalem, 29. Januar. (J.C.B.) Die Re- Vision des Prozesses gegen die drei zu schweren Zuchthausstrafen verurteilten Juden, die beschuldigt waren, am 2. November auf die arabische Menge, die das jüdische Viertel angreifen wollte, Bomben geworfen zu haben, endete mit einem Freispruch der Verurteilten. Nach dem Plädoyer des Vertcidigers Henri Sacher gelangte das Gericht zum Beschluß, daß man das Recht der Juden auf Selbstschutz anerkennen müsse, und daß die Bomben ausschließlich zum Zwecke der Vertreibung der arabischen Menge geworfen wurden. Außerdem lagen auch keine direkten Beweise vor, daß die Verurteilten die Bomben geworfen hatten. Das Gericht erkannte auf Frei- Spruch. Dieser Beschluß des Appeilationsgerichts wurde von der jüdischen Bevölkerung mit großer Genugtuung aufgenommen. Damit ist ein Präzedenzfall von prinzipieller Bedeutung für die Zustände in Palästina geschaffen. Eine zionistische Emigrationskonferenz in Wien Das Emigrationsdepartement der zionistischen Exekutive in Jerusalem gedenkt in nächster Zeit nach Wien eine Emigrationskonferenz, an der Vertreter aller zentralen Palästinaämter im Galuth teilnehmen werden, einzuberufen. An die Betreffenden Palästinaämter sind bereits ent- *prechende Instruktionen abgegangen. Von Dr. O.Thon, Warschau. Wir entnehmen nachstehenden Artikel dem Warschauer ״Hajnt“. Der Vorschlag Dr. Thons, der sich zunächst nur an die polnische und amen* klinische Landesorganisation wendet, dürfte Zweifellos auch für die numerisch kleineren Lamlcsvcrbände, zu denen heute auch der deutsche gehört, von Interesse sein. Red. Die deutschen Zionisten, die das Wort ״Sztam“ nicht aussprechen können, sagen öfter ״Stamm“- Zionisten. Diese Bezeichnung ist auch ganz riehtig, denn sie bezeichnet den eigentlichen Charakter der Zionisten, die sich ״Sztam“-Zionisten nennen, d. h. Zionisten, die keine anderen Tendenzen in der Zionistischen Organisation verfolgen, als den Zionismus selbst, einen Zionismus, der keine besonderen Forderungen an das Aufbauprogramm für Palästina stellt. Das ist eben der St am m -Zionismus, der durch kein Wenn und Aber eingeschränkt wird. Dieser Zionismus sagt nicht: Palästina müsse fromm• oder überhaupt nicht sein, Palästina müsse freidenkend oder überhaupt nicht sein; entweder kapitalistisch oder gar nicht, entweder sozialistisch oder überhaupt nicht. Dieser Zionismus weiß nur eines: das jüdische Volk muß möglichst schnell in Palästina seine nationale!Heimstätte finden. Dieses nationale Heim wird sich das jüdische Volk so behaglich cinrichten, daß <8 sich darin wohl fühlt. Gemeint ist hiermit, daß die Juden verschiedener Richtung darin wohnen können, nicht aber eine bestimmte Partei oder eine bestimmte Weltanschauung. , Soll das etwa heißen, daß die Sztam-Zionisten farblose Menschen sind, die für die schwierigen sozialen und religiösen Fragen kein ,Verständnis haben? So ist es absolut nicht gemeint. Jeder hat seine abgeschlossene Weltanschauung, die ihm teuer und heilig ist. Jeder von uns Sztam-Zionisten behält es sich vor, in Palästina, sobald wir soweit sind, daß wir das Land als unser Heim ansprechen dürfen, diese Ideenkämpfe auszufechten. Ja, sogar unterwegs, sobald wir auf ein bestimmtes Problem stoßen, das eine sofortige Lösung verlangt, sagen wir offen unsere Meinung. Dabei teilt sich die Gruppe derart, daß es jedem klar wird, wie verschieden und sogar entgegengesetzt unsere Meinungen über die verschiedenen Fragen sind. Die Sztamk• Zionisten sind keine undifferenzierte Masse, aber ein Gedanke und eine Tendenz verbindet alle: Der bedingungslose Aufbau Palästinas, in großen geschichtlichen Bewegungen, wie es der Zionismus ist, ist der Ort, auf den ein bestimmter Gedanke gestellt wird, von großer Wichtigkeit. Es ist wichtig, ob ein bestimmter Gedanke im Zentrum einer Bewegung steht oder an der Peripherie. Stellt man z. B. in den Mittelpunkt des Zionismus die Frömmigkeit oder den Freisinn, den Sozialismus oder den Kapitalismus, so hat man meines Erachtens unseren Hauptgedanken jandie Seite geschoben, der leicht in Vergessenheit geraten kann. Stellt man aber unseren ,Hauptgedanken ins Zentrum, Palästina als jüdische Heimstätte, so werden dadurch alle anderen Fragen zu Fragen zweiter Ordnung heruntergedrückt, mit deren Lösung gewartet werden tnu, bis der zentrale Gedanke durchgedrangen ist. ,; ich zweifle nicht einen Augenblick daran, daß die Zionistische Organisation sich bis zu einem! gewissen Maße entsprechend den geistigen und sozialen Strömungen der Umgebung differenzieren mußte. Es ist ganz klar, daß das jüdische Volk keine plumpe, einheitliche, von den ungeheuren Kämpfen der nichtjüdischen Welt unbeeinflußte Masse bleiben konnte. Ich glaube sogar, daß auch in einem vollständig abgeschlossenen Ghetto wir un3 nicht von unserer Umgebung so abschiießen könnten, daß uns kein Strahl der Außenwelt trifft. Wir aber leben zwischen und jnit den anderen Völkern, neh'men regen Anteil am ökonomischen und sozialen Leben der uns umgebenden Völker und stehen unter dem׳ Einfluß der geistigen Strömutigen der Welt, die auch in unsere große na¬ •) Unter ״Sr.tam-Zlonisfen“ versteht man in Ruß- Und die Zionisten, die man in Deutschland als ״allgemeine' Zionisten bezeichnet, Zionisten, die weder einer Fraktion, noch einem Sonderverband «!!gehören. tionale Bewegung «indringen mußten. Es ist also eine ganz natürliche Erscheinung, daß sich bei uns verschiedene Fraktionen, von der äußersten Rechten bis zur äußersten Linken, gebildet haben. Es ist möglich, daß wir aus taktischen Gründen eine Differenzierung künstlich herbeiführen müßten, wenn diese sich nicht auf natürlichem Wege vollzogen hätte. Wir sind ein lebendiges Volk und müssen in uns alle Richtungen enthalten, wie jeder andere gesunde Volksorganismus. Dieser Vergleich mit einem gesunden Volks- Organismus beweist die ungeheure Wichtigkeit eines Zentrums, dessen Rolle bei uns die Sztam- Zionisten zu spielen berufen sind. Völker, die im Kampfe um ihre nationale Existenz stellen, haben ihren gesündesten Kern und ihr stärkstes Fundament in einem Zentrum, das in der Sicherung der nationalen Existenz seine Hauptaufgabe sieht. Als Sztam-Zionist kann ich von mir sagen: Ich habe gewiß eine ganz gefestigte Weltanschauung, von der ich nicht um Haaresbreite abwcichea werde. Ich bin jedoch bereit, eher auf viele wichtige und unwichtige Einzelheiten meiner allgemein menschlichen Weltanschauung zu verzichten, aia auf die geringste zionistische Forderung. Das will heißen: den Kampf um meine Ideen kann ich falls es nötig sein sollte, soweit hinausschieben, bis meine Hauptforderung im Zionismus — der Zionismus selbst — erfüllt sein wird. Ein Beispiel aus dem praktischen Leben der Partei wird diesen Gedanke»- gang am besten illustrieren. Ich kämpfe immer für religiöse Freiheit und werde in religiösen Fragen keinen Zwang zulassen. Ich trete jedoch dafür ein, daß mit allen Kräfte■ versucht werden müßte, an die Hauptarbeit de« Zionismus, die frömmsten Kreise des jüdische■ Volkes heranzuziehen, wenn sie an dem Aufbau einer jüdischen Heimstätte in Palästina mltarbeitca können. Ein anderer an meiner Stelle würde aber die Zusammenarbeit mit der Orthodoxie ablehnen, weil sie für die religiöse Freiheit eine Gefahr darstellt. Darin liegt also der Unterschied. Unauf* schiebbar ist für mich der Aufbau der nationale■ Heimstätte. Der Kampf für religiöse Freiheit kan■ und soll erst in unserer Heimat ausgefochte» werden. In der ganzen Welt ist es so, daß das Zentrum auf seinen Schultern die ganze Last des nationale» Lebens trägt. Bei uns aber ist gerade das Zentrum, die Sztam-Zionisten, die doch das Gros der zloni- »tischen Bewegung ausmachen, dermaßen eu« sammengepreßt, daß cs fast zur Elnfiußlosigkcit licrabgesunkcn ist. Das Zentrum ist »einer Natur nach die stillste Gruppe, und daher hört man «a wenig von ihr. Seiner Zahl und seinen Leistungen nach kann es jedoch den größten Einfluß und die Führung der Partei beanspruchen. Durch das Zentrurn und mit ihm müßten alle Kompromisse, die innerhalb der Partei notwendig und möglich sind, geschlossen werden. Bei uns ist a nicht der Fall. Schon in Karlsbad konnte man das sehen: Die Sztam-Zionisten oder der ״Allgemeine Black“, wie sie sich nannten, irrten führerlos umher, obwohl sie nicht auf hörten Sitzungen abzuhaltcn und Reden zu schwingen. Alles hatte der Allgemeine Block, bloß keine Leitung. Und das fehlt auch jetzt. Dieser Mangel verursacht eine unangenehme Schwächung der zentralen Zionistischen Organisation, die immer bedrohlicher für den Bestand der ganzen Bewegung wird. Wir dürfen nicht einen Augenblick außer acht lassen, daß, wenn die zentrale Organisation aufhören sollte, dies eine Zcrbröckluog der Partei zur Folge hätte. Ich meine datier, daß wir versuchen müssen, Mittel zu finden, um das Zentrum der Zionistischen Organisation zu stärken. Ich glaube, ein solch«! Mittel wäre eine starke und unmittelbare Verbin. düng der zwei größten Organisationen der zionistischen Partei, der polnischen und der amcrikanlsehen. Man müßte versuchen, einen engen Kontakt zwischen den beiden Organisationen herbeizuführen, um ein gemeinsames Vorgehen in allen wichtigen Fragen des Zionismus zu erzielen. Dieser Vorschlag enthält nichts, was man als eine Auflehnung gegen London bezeichnen könnte. Er will bloß das Zentrum der Bewegung festigen und es tragfähiger machen.