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Jüdische Rundschau · 1921-11-25 · Heft 94 (25.11.1921) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXVI (1921)
Issue
Heft 94 (25.11.1921)
Date
1921-11-25
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Mr. Louis L i p s k y, Generalsekretär der Zionistischen Organisation Amerikas, erklärte in einer Sitzung der Nationalexekutive, man erwarte von Amerika 15 Millionen Dollar für den Keren Hajessod im Laufe des Jahres. Volksempfang für die zionistische Delegation New York, 19. Nov. (J.CB.) Ein spezielles fmpiaiigskomitee bereitet einen großartigen Volksempfang für die zweite zionistische Delegation in ArneriU vor, der am 24. November in der Carnegie Hall stattfinden soll. Keine jüdische Abordnung zur Washingtoner Konferenz Washington, 19. Nov. (J.CB.) Die Nachrieht, als hätte die ״Union of Hebrew Congregations‘‘ beabsichtigt, dem Staatsdepartement ein Memorandum betreffs der Wahrung der jüdischen Rechte bei der Washingtoner Konferenz zu unterbreiten, bewahrheitet sich nicht Es verlautet ferner, daß keine Absicht bestehe, irgendwelche jüdische Fragen auf der Konferenz zu behandeln, oder die Angelegenheit der amerikanischen Rechte aus dem Titel des Palästinamandate• -ui iu wert ca. ע! 4»a* Dokumente und Quelle□ Es ist eine in der letzten Periode des Zionismus seit langer Zeit schwer empfundene Tatsache, daß infolge der Verlegung des politischen Zentrums nach England die meisten auf die politische Geschichte der zionistischen Gegenwart Bezug habenden Dokumente nur in englischer Sprache zugänglich! sind. Die Mehrzahl des jüdischen Volkes versteht heute noch nicht englisch; vor allem die zionistischen Massen des Ostens und vielfach auch Mitteleuropas haben keine Möglichkeit, durch persönliches Studium der Dokumente, Akten und Quellen sich ein eigenes Urteil über die Situation des Zionismus und die politischen Probleme zu bilden. Bis jetzt ist es nur in seilenen Fällen möglich gewesen, wichtige Dokumente wörtlich ins Deutsche zu übersetzen. Gewöhnlich war der deutschlcscnde Jude auf Auszüge angew;-׳sen, welche von einer Redaktion oder einem Konespondenzbüro hergestellt wurden, und die begreifiichcrwcisc nicht immer ein volies Bild des eigentlichen Gehaltes geben konnten. Um diesem Mangel abzuheifen und um1 in Zukunft der jüdischen Oeffentlichkeit Deutschlands und anderer Länder die Gelegenheit zu eigener Information zu geben, hat sich die Redaktion der ״Jüd. Rundschau" entschlossen, eine eigene Beilage unter dem Titel »Dokumente und Quellen" cinzurichten, in welcher die jeweils in englischer oder anderen Sprachen zur Veröffentlichung gelangenden Dokumente in deutscher Uebersetzung nach Möglichkeit vollinbaUHch zum Abdruck gelangen werden. Die Redaktion dieses Teiles übernimmt Herr Dr. Hugo זז mann, Mahr.-Ostrau. Wir hoffen, daß wir 1״ü dieser Ncueinführung einem Bedürfnis unserer i-eserschaft «ntgegenkommen. Die Beilage wird von Fall zu Fall erscheinen. Den Anfang machen wir in der nächsten Nummer m't der Wiedergabe des in London als Weißbuch Erschienenen Berichts der Untersuchungskommission über die Maiunruhen in Jaffa. Die Beilage kann auc’> einzeln abgegeben werden, und wir lenken schon jetzt die Aufmerksamkeit aller unserer Freunde darauf, für eine möglichst weite Verbrei- <un£ dieser Dokumente Sorge zu tragen. Zentralverein und Palästina Der ״Zcntralvcrein deutscher Staatsbürger jüdisehen Glaubens" hat am1 Sonntag und Montag seine Hauptversammlung in Berlin abgeha'.tcn. Von der Versammlung, die sehr zahlreich beschickt war. —- es waren 365 Delegierte erschienen — wurde erwartet, daß sic die Stellung des Z.-V. zu den akuten jüdischen Problemen der Gegenwart bestimmen wird. Die Situation der Juden auf der ganzen Welt und auch In Deutschland ist eine solche, daß wohl auch dem gleichgültigsten die Notwendigkeit sich aufdrängen muß, das jüdische Problem in seiner Tiefe zu erfassen und überkommene oberflächliche Formeln, die sich als unfruchtbar erwiesen haben, zu überwinden. Andererseits ist durch die weitpolitischen Vorgänge die Palästinafrage ganz akut geworden, dicht an jeden einzelnen Juden herangetreten; es eröffnet sich für das gesamte Judentum eine Aufgabe von einem Umfang, wie sie dem Judentum noch niemals gestellt war, eine Aufgabe, von deren Lösung offenbar auch die weitere Stellung der Juden in der Welt, die Achtung des jüdisehen Namens abhängig sein wird. Eine Ver- Sammlung, die in einem solchen Moment zusanunentrat, mußte von der Einsicht und Lebendigkeit des Zentralvcreins Zeugnis ablcgen, mußte erweisen, ob überhaupt ein Kontakt zwischen Zentralverein und jüdischem Leben besteht. Was die Palästinafrage betrifft, so hat der Zentralerem bekanntlich im April Beschlüsse gefaßt, die ein völliges Unverständnis für die Bedeutung dieser Sache bekünden. Nunmehr hatte der Delegiertentag, der aus Vertretern der Ortsgruppen besteht, Gelegenheit, sich zu diesen Beschlüssen zu äußern. Wenn man den Verlauf der Delegiertenver- Sammlung überschaut, so kann man immerhin feststellen, daß auch im Zcrurulvereiu gewisse kisc Anzeichen einer inneren Gärung nicht zu verkennen sind. Im allgemeinen zwar begnügt man sich mit den üblichen Deklamationen, mit der Wahrung jenes äußeren Anstands, jener bürgerlichen Haltung, die die Errungenschaft des letzten Jahrhunderts jüdischer Entwicklung ln Deutschland ist und den aufgeklärten Juden geradezu zum Typus des Bourgeois gemacht hat. Noch immer steht im Vordergrund aller Betätigung die Beteuerung des deutschen Patriotismus, der ״Zugehörigkeit zum deutschen Volk", die mit einem oft an Komik, oft an blasphemische Naivität grenzenden Pathos vorgetragen wird. So zum Beispiel, wenn Herr Rabbiner Rieger den Nachweis führt, das für die Juden die Liebe zur Heimat ein geradezu religiöser Begriff ist, wofür als Beispiele — Jakobs Wunsch, nicht im Fremdland Aegypten begraben zu sein, und sogar Psalm 137 angeführt wird, dessen Sänger sich weigerten, das Lied Zions auf fremdem Boden zu singen. Da nun die Juden — folgert Rieger — in Palästina nur 1400 Jahre saßen, die deutschen Juden aber in Deutschland bereits 1800 Jahre sitzen, ist der Beweis erbracht, um wieviel stärker der religiöse Heimatsbegriff nun auf Deutschland anzuwenden sein müsse, zumal wenn man die ״rassebildende Kraft des Bodens" in Betracht zieht. Solche Argumente werden vorgebracht, ohne daß auch nur der Schimmer eines Zweifels an ihrer logischen und historischen Richtigkeit sich geltend macht. Nicht so weitragend, aber immerhin charakteristisch ist cs auch, wenn ein Redner — Rechtsanwalt Strauß aus Augsburg — als Schlußpointe seiner Rede das Wort ״Glauben“ im Namen des Vereins unter großem Beifall der Versammlung so interpelliert: ״Verein deutscher Staatsbürger, die den Glauben haben an eine deutsche Zukunft deutscher Juden“. Man könnte noch mehrere Beispiele dieser Art anführen, um das oberflächliche Niveau zu charakterisicren, in welchem die Debatte dieser Versammlung plätschert, mit dem selbstgerechten Gefühl des modernen Bildungsphilisters, mit jedem Bonmot wer weiß wie Bedeutungsvolles zu sagen. Aber unsere Zeit ist nicht danach angetan, daß eine jüdische Organisation von solcher Nahrung leben könnte. Selbst das Programm der Durch- Setzung der Gleichberechtigung, der Bekämpfung des Antisemitismus und der Gegnerschaft gegen den Zionismus und gegen die extreme Naumannsche Assimilation ist kein tragfähiges Programm, trotzdem zweifellos besonders Naumann das Verdienst hat. dem Zentralverein neue Impulse gegeben zu haben. Die Unfruchtbarkeit dieser Versammlung und der durch sie repräsentierten Organisation kommtdaher: dem Zentralverein fc 11 ltdie schöpferische Aufgabe. Er vertritt ein Judentum, das die jüdische schöpferische Aufgabe negiert. Darum aber ist er solange zur Hohlheit verurteilt, bis sich allmählich in ihm die Entwichlung vollziehen wird, die allein ihn zu einem lebendigen Organismus machen könnte: dre Entwicklung zu einem Glauben an die schöpferische Kraft und Aufgabe des Judentums. Dazu gehört jedoch vor allem, daß er über Sinn und Wert des Judentums äußerlich und innerlich unabhängig zu urteilen imstände wäre, daß er nicht nur aus Rücksicht auf andere äußere Gewalten handelt. Es würde dazu gehören, daß er sich das Wesen des Judentums klarzumachen versucht und es bejaht. Ein Referent, Dr. Ismar Freund, hat mit Nachdruck darauf hingewiesen, daß ein Zusammenschluß von Juden nur auf jüdischer Grundlage möglich ist, und daß der Zentralverein daher vor allem ein jüdisches positives Programm braucht, um Anteil zu erhalten an dem sich in unseren Tagen vollziehenden Prozeß der Erneuerung des Judentums. Die Jugend fordert lieutt ein jüdisches Ideal und jüdische Inhalte, das Judentum muß innerlich gestärkt werden, wenn es den Kampf nach außen bestehen soll. Wenn auch Herr Dr. Freund diese positiven Inhalte ausschließlieh im religiösen Judentum — unter Ausschaltung seines nationalen Gehaltes — finden will, so mutt doch den Vertretern dieser Anschauung klar sein, daß cs bei einem so bedeutenden historischen Prozeß keine Halbheit geben kann, daß die jüdische Wiedergeburt den ganzen Menschen beansprucht und daß cs unmöglich ist, bei Versenkung in die jüdische Ideenwelt und Vergangenheit an einer bestimmten Stelle halt zu machen, wofern man wirklieh nicht bloß archäologisches, sondern lebendiges, lebensvolles und zukunftgebärendes Judentum schaffen will. Die Forderung eines positiven Programms wurde auch von dem Vertreter der Jugend aufgestellt, und andere prominente Mitglieder, wie z. B. Geheimrat Fuchs, haben es unterstützt. Aber es war nichts davon zu merken, daß diese Forderung einen Widerhall gefunden hätte. Trotzdem I glauben wir, daß es sich um die ersten Anzeichen j einer inneren Revolutionierung handelt, die allerdings mit ungeheuren Trägheitswiderständen zu kämpfen hat. Stünde derZetttra,!verein auf positivem jüdischen Boden, 80 könnte er auch innerlich seine Selbständig* keit besser wahren, als es heute geschieht. So aber ist er völlig äußeren Einflüssen ausgesetzt, er richtet sich immer nach den Tendenzen der benachbarten Bewegungen. Der Zentralverein ist heute in einer schweren Lage. Es ist ihm ein Feind entstanden, der ihn an seinem wundesten Punkt zu verletzen droht. Dieser Feind ist der von Dr. Naumann begründete ״Verband nationaldeutscher Juden", dessen Spitze deutlich gegen den Zentralerem gerichtet ist. Schon die Tatsache seiner Gründung sollte beweisen, daß der Zentralverein eben nicht ״nationaldeutsch" ist. Für Naumann, der Judentum nur als die belanglose, wenn auch unverwischbare Tatsache jüdischer Abstammung anerkennt, ist nationales Deutschtum mit einem irgendwie lebendigen Judentum unvereinbar. Er wirft daher dem Zentrnlvercin vor, daß dieser durch seine jüdische Betätigung sich vom Deutschtum entfernt und in das Lager der Zwischenschicht begeben hat. Die Haitung des Zentralvereins steht deutlich unter dem Eindruck dieser Verdächtigung. Je lauter Naumann schreit, desto lauter werden die deutschnationalen Beteuerungen des Zentralvereins, die Naumanns Anklage übertönen sollen;’ und gleichzeitig ist man ängstlich bemüht, Naumann nicht neuen Stoff zum Angriff zu bieten. Es ist charakteristisch, daß ein Interpellant anläßlich der Wahlen heftige Angriffe gegen Dr. Paul Nathan vorbrachte weil dieser durch seinen Aufsatz in der Zeitschrift ״Im Deutschen Reich" eine Teilnahme deutscher Juden am Palästinawerk befürwortet und dadurch Naumann Gelegenheit zu einem scharfen Angriff auf die Halbheit des Zentralvereins gegeben hat Zwar wurde dieser Protest ebenso abgelehnt wie 1 €tnc spater eingebrachte Resolution, daß ״die Nauniannsche Gründung überflüssig sei, weil der Zen-

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