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Jüdische Rundschau · 1921-11-04 · Heft 88 (4.11.1921) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXVI (1921)
Issue
Heft 88 (4.11.1921)
Date
1921-11-04
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 628 Kolonisationsprobleme Das Konsumgcnossenschaftswesca in Palästina Von Dr. Fritz S t e r n b e r g*) Das Konsuinvcrcinswcscn kann für Palästina von ganz fundamentaler Bedeutung werden. Es gilt in Palästina ein Wirtschaftsleben aufztibaueu, das die Anorinalitiit des jüdischen Wirtschaftslebens in der Diaspora möglichst beseitigt. In Europa ist unter den Juden das handeltreibende Element so stark vertreten, daß ein gleicher Prozentsatz den gesamten Aufhau in Palästina zerstören würde. Wir müssen daher dahin zu wirken suchen, <lali die 15 e r 11 f ss c 11 i c 11 111 n g der Auswandere!׳ dem neuen Aufbau entgegenkommt. Analöge Verhältnisse in gewisser Weise hatten wir bereits bei der Einwanderung in Amerika, da unter <1011 Aus- Wanderern nur (> -7 ״/o »lein Mandel angeliörten. Wenn die berufliche Zusammensetzung der Einwanderer nach Palästina nicht anders wäre, so brauchten wir keine allzu starke Besetzung des Kleinhandel treibenden Eiements in Palästina zu befürchten. Dem ist jedoch nicht so. Es ist natürlich richtig, daß die wirtschaftliche Struktur im Aiisvmulertingslandc für die Auswanderer bedoutsam ist, und daß viele Kleinhändler deswegen nicht auswandern, weil ihnen die Liquidierung ihres Ge- Schaftes weit größere Schwierigkeiten macht als den meisten Handwerkern. Aber der wesentlichste Punkt ist die Lage im Einwandenmgsland; und wenn die Handeltreibenden bei der Einwanderung in Amerika einen so unverhältnismäßig geringen Bruchteil der Einwanderer ansmacliteii, dann war es deswegen, weil sie in Amerika keine bedeutenden wirtschaftlichen Möglichkeiten fanden. Dies geht schon daraus hervor, daß bei der Auswanderiuig aus Amerika die Handeltreibenden einen weit größeren Bruchteil ausmachtcn (zirka 2ü 1'/«) als jede andere Berufsklasse. Für Palästina liegen die Verhältnisse komplizierter. Bei der Auswanderung nach Amerika machten die Angehörigen des Tcxtilgewerhes im weitesten Sinne fast ein Drittel aus; wir hoffen ja nun auf eine starke Entwicklung der Bekleidungsindustrie jeder Art, aber cs ist gewiß, daß wir in den ersten Jahren sicherlich keinen umfangreichen Export im Textilgewerbe haben werden, sondern nur den einheimischen Bedarf decken können. Da das KleiJungsbedürfnis der erwandernden Juden, die zum größten Teile minderbemittelten Kreisen angeboren, sicher nicht größer ist als beispielsweise das der Deutschen, so kann inan annehmen, daß in Palästina dieselbe Menge Menschen im Textilgewerbe ihren Beruf finden werden, wie prozentual!ungerechnet in Deutschland, das sind vielleicht S—10 °,'o, aber gewiß nicht ein Drittel. Alle übrigen müssen sich anderen Berufszweigen zmvenden, und die Gefahr ist außerordentlieh groß, daß sic sich im Kleinhandel zu betätigen suchen. Es fällt außerhalb des Rahmens dieser Arbeit, darauf einzugehen, in welcher Weise man eine Umschichtung der Berufe der zur Auswandemng Gesonnenen in den Ländern der Di.'iiqxara durchführen kann. Hier soll nur nadigewicsen werden, wie außerordentlich wesentlich die Konsunivcreinsbildttng gerade für Palästina ist. um ein Uebcrwuchern des parasitären Zwischenhandels zu vermeiden. Allerdings müssen wir uns darüber klar sein, daß sie besonders in den ersten Jahren mit außerordentlichen Schwierigkeiten verbunden sein wird. Es war bisher im Lande zu beobachten, daß die Juden aus den verschiedenen Ländern an den Lebens- ׳;(•wohnheiten, die sie mitbrachten, zähe festhidten, so daß z. B. die Bedürfnisse an Lebensmitteln die erhebliebsten Differenzen aufwiesen. Dieser Tatbestand erschwert die Einrichtung von Konsumvereinen nach europüisdiem Muster ungemein'*). In Europa rechnen die Konsumvereine mit einem Massenbedürfnis, das sich auf ganz bestimmte Güter, zum größten Teil Lebensmittel, richtet. In Palästina werden die Konsumvereine in den ersten Jahren viele einzelne Artikel zu führen haben, wenn sie den individuellen Bedürfnissen der Einwanderer auch nur einigermaßen gerecht werden wollen, und es wird eine ihrer wesentlichsten Aufgaben sein, den Bedarf zu vereinheitlichen, für bestimmte Güter ״Normalien“ zu schaffen. Ein zweites, außerordentlich schwieriges Problem ist in der ökonomischen Schichtung der Einwanderer begründet; die Zahlen bei der Auswanderung nach Amerika können uns manchen Fingerzeig geben. Von den jüdisehen Einwanderern nach Amerika besaßen nur 4 ah ein Vermögen über 5t) Dollar, 50 0/0 überhaupt kein Geld und 60 »/ס ließen sich die Ucberfahrt von Verwandten bezahlen. Diejenigen Juden, die nach Palästina gehen wollen, werden sich in ihrer ökonomischen Schichtung nicht allzu sehr von den jüdischen Auswanderern nach Amerika unterscheiden, da der größte Teil aus Ländern mit entwerteter Valuta kommt. Mit anderen Worten: wir haben mit einer Einwandemng zu rechnen, die sich in ihrer überwiegenden Mehrheit aus völlig Besitzlosen ־zusammensetzt. Diese^ s‘>'d aber, wenn wir die europäische Methode des Konsumvereinswesens auf Palästina schematisch übertragen, nicht konsumvereinsreif. Es hat sich bisher in acr europäischen Praxis gezeigt, daß die größten Be- Autors 4 d“ •8*10״י‘ in JaLalk‘8w£^ JUEDISCHE RUNDSCHAU Ni. 88 siandieiic der Mitglieder der Konsumvereine Angehörige ן des vierten und dritten Slandes ausmachten, die über ein bescheidenes, jedoch noch ziemlich sicheres Einkommen zu verfügen hatten. Die Klasse unter ihnen, der sogenannte fünfte Stand, kaufte weiter beim Klein- Händler aus folgendem Grunde: Die Konsumvereine haben in England nicht ander» als in Deutschland das Prinzip der Rückvergütung durchgeführt, d. 11. sie verkaufen die Güter im großen ganzen zu denselben Tagespreisen wie es auch der Kleinhändler tut, nur vergüten sie das, was sie erübrigen, am Ende des Jahres zurück im Verhältnis der dngekauften Waren. Da sic das Prinzip der Barzahlung strikte befolgen, so macht der fünfte Stand, der von der Hand in den Mund lebt, beim Kleinhändlcr seinen Eiinkauf, der ihm Kredit gibt. Wie kommen wir ans diesem Dilemma heraus? Wir werden beim Prinzip der Rückvcrgütuhg einen Mittelweg gehen müssen. Eine Rückvergütung, wie sie in England zuweilen üblich ist, in Höhe von 20-30 ״/o, ist für uns überhaupt nicht diskutabel, denn sie bedingt Preise, die sogar noch über dem Kleinhandelspreis stehen. Aber auch das deutsche Prinzip der Rückvergütung scheint mir nicht angemessen, da es die Ware zum Marktpreise verkaufen läßt und daher die Kleinhandel j treibenden Elemente dadurch, daß sie Kredit geben, bei den ärmsten Schichten einen Vorteil vor den Konsmnvereinen haben. Ich halte es für notwendig, daß ein jüdisches Konsunivcreiriswescn in Palästina von vornherein Preise macht, die viellcidit um 5 °/0 unter den Kleinhandelspreisen stehen, und dieses — sehr geringe — Risiko auf sich nimmt. Bei den völlig ungeregelten Kreditverhältnissen in Palästina, bei der Höhe de» Zinssatzes und bei dem starken Zwischengewinn des Kleinhandeis ist cs äußerst wahrscheinlich, daß außer dieser Verbilligung der Preise noch eine Rückvergütung stattfinden wird. Diese Rückvergütung würde zunächst nicht auszuzahlen sein, bis sie eine gewisse Höhe erreicht hat, die den Geschäftsanteil des einzelnen Konsumenten bildet. <* 111 England wie in Deutschland ist das Konsumvereinswesen von unten herauf entstanden. Einzelne Konsumvereine haben sich gebildet und dann allmählich zusammcngcschlosscn. Man geht in der Ablehnung eines Eingreifens von oben so weit, daß inan beispielsweise in Deutschland nur dort Konsumvereine gründet, wo es von der Bevölkerung ausdrücklich verlangt wird. Ein derartiges Vorgehen erscheint mir in Palästina unmüglieh. Wie wir in allen Zweigen unseres Kolonisationswerkes genötigt sein werden, von oben herab einzugreifen, so werden wir auch beim Konsumvereinswesen nicht darum hertmikoinmen; wobei wir uns selbstvcrstündlich darüber klar sind, daß eine Entwicklung von unten herauf wegen ihres organischen Charakters stets zu bevorzugen ist. Wir schlagen vor, der jüdischen Kolonisationszcntrale eine Einkaufszcntrald anzugliedern, die mit nicht unbedeutenden Geldmitteln auszustatten sein wird. Die meisten deutschen Konsumvereine mußten bei der Er- Weiterung ihrer Läger oder beim Ucbergang zur Eigen- Produktion so lange damit warten, bis die Anteilscheine ihrer Mitglieder und die eventuellen Spareinlagen dies ermöglichten. Solange können wir uns in Palästina unmöglich gedulden. Wir müssen unser Konsumvereinswesen von vornherein mit größeren Kapitalien von oben her finanzieren, schon, um es über die ersten, nicht ungefährlichen Jahre hinwegzubringen, und wenn unsere jüdische Kolonisationszcntrale Gelder zulegt, so sind diese nicht auf nationales Verlustkonto zu buchen, da, wie eingangs betont, ein starkes Konsumvcrciuswesen der so notwendigen Beriifsschiclitiing zugute kommt. Das Konsumvereinswesen in Palästina hat sich während des Krieges entwickelt. Nach einer Statistik, die ich dem Bericht der Ercz-lsracl-Kommission entnehme, hatte der Hamaschbir folgende Niederlassungen: Ort Qründungsjahr Monatlicher Utmaiz In englischen Ltg, Risclion le Zion ..... 1917 250 Rechowoth. 1916 250 Tel-Awiw. 1917 400 Sichron-Jakob. 1916 250 Haifa. 1920 700 Tiberias. 1920!300 Jaffa. 1918 1000 Zusammen.| j 4150 jüdischen Landwirten und Konsumvereinen in Fra״c wi• zwischen den dänischen Landwirten und der englisch1!״’ Großcinkaufsgesellschaft Dort ist im Verhältnis zweie Länder verwirklicht, was wir in Palästina, in vlaJ, Lande gestalten wollen. Zwischen der! organisierten Landwirten und der Vertretung der städtischen Kons״ menten ist kein Mittelglied eingeschoben, sondern de! Austausch dieser gewaltigen Gütermengen erfolgt direkt Vermischte Nachrichten Achat! Ilasrns Pläne; \X׳ie ״Haarez“ meldet, ist vor kurzem der bekannte; hebräische Schriftsteller Mordechaj Ben Mild ilakoiien welcher die letzten Monate in London bei A c hd 1 i ilaam geweilt hat, nach Jerusalem zurückgekehrt Lr ' erzählt, daß Acliatl-Haums Gesundheitszustand sich wesentlich gebessert habe. Achad-llaam * plant noch in diesem Winter nach Palästina za übersiedein, auch sein Sohn und seine Schwiegertochter gehen mit ihm. Vorläufig steht noch nicht Fest י ©b Achad-Haam sich in Jerusalem oder in Haifa, v,0׳ ' er einen Besitz in der Nähe des Technikums erworben :׳ bat, niedcrlassen wird. Wahrscheinlich wird er den '• Winter in Tcl-Avviw verbringen, bis er in seinen Von- ’• nungsplänen eine Entscheidung gefällt haben wird. | Achad-Haam hat literarische, vorwiegend wissmdiah- 3 liehe Pläne, besonders auf dem Gebiete der Bibelf forsch ung, und will ihnen seine ganze freie £cit I widmen. Letztens hat er auch begonnen Arabisch I zu lernen, da er gern den Maimonidos im Original | lesen möchte. Da» Eintreffen Achad-Haams in ,.,w•.•״*! ist um die Jahreswende zu gewärtigen Board of Deputies und Zionistische Organisation ' London, 1<). Oktober. (J. €. B.) Auf der xn : 23. Oktober stattfindenden Sitzung des Board of Deputies of British Jews wird cm Antrag von Rabbiner l>r Daiches auf Zusammenarbeit dieser Körperschaft um! der Zionistischen Weltorganisation behandelt werden. Der j diesbezügliche Antrag lautet: Angesichts der verji zweifelten Lage der Juden Osteuropas und der Ixft schränkten Einwanderung in viele Länder, erklärt sich H der Board zu einer Zusammenarbeit mit der Zio-!1 nistischen Organisation bereit, uin die Ansiediun1 ״• jüdischer Emigranten in Palästina zu ermöglichen. \] Die arabische Delegation und der Völkerbund Die palästinensischen Zeitungen berichten folgende interessante Einzelheiten über die Tätigkeit der and»- sch«! Delegation. Der Berichterstatter der arabischen Zeitung ״Palestinc“ meldet aus Genf: Die Mitglieder der palastincnsischen Delegation überreichte!» jedem einzelne:! der 137 Mitglieder de» Völkerbundes ein gedrucktes Memorandum über die Lage in Palästina. Sie Ix» mühen sich, jedes einzelne Mitglied persönlich zu sprechen, um ihnen die Berechtigung der Forderungen der Landesbewohner darzulcgcn, und sie fanden verständnisvolies Entgegenkommen von seiten der Vertreter der kleinen Staaten, seitens des Vorsitzenden des Völkerblindes und der Vorsitzenden der einzelnen Kommissionen, denn diese Vertreter sind nicht einverstanden mit den Bestrebungen der Großmächte. Die Frage der Man• date wird wahrscheinlich auf der Tagesordnung de; Konferenz in Washington stehen, da Amerika sich da■ bei ein Votum vorbehält. Daher sieht die Delegation sich genötigt, einen Teil ihrer Mitglieder nach Amerib zu entsenden. D.e Delegation hat auch die Abfassung eines Memorandums als Antwort auf das Weißbuch Herbert Samuels in Angriff genommen. Die Deleja• tior! unterstützt den Gedanken der Gründung ©ine» arabisch-palästinensischen Amtes in London und in Amerika. K< ' n r Die Araber und der Advisory Council — Die Exekutive des arabischen Kongresses hat von dem Führer der arabischen Delegation an die Adresw der Mitglieder des christlich-muselmanischen Rates zva Telegramme gerichtet, sie mögen sich an der bevor- I stehenden Tagung des Advisory Council, welche für den j ln Palästina hat sich das Konsumvereinswesen nicht auf die städtische Bevölkerung beschränkt, sondern von vornherein versucht, in den Kolonien festen Fuß zu fassen. So wie der Kolonist als Produzent in die landwirtschaftliche Produzentengenossenschaft gehört, so als Konsument in den Konsumverein. Die Gründung ländlicher Konsumvereine wird dadurch erleichtert, daß die Pflanzer genötigt sind, einen großen Teil der Lebensbedürfnissc ebenso wie die Städter einzukaufen, und daß die Kolonien in Palästina einen weit stärkeren städtischen Einschlag habet! als europäische Dörfer, da über 30 0/0 der Bevölkerung in den Kolonien von nichtlandwirtschaftlichen Berufen lebt. Die Errichtung yon Konsumvereinen auf dem Lande wird die Verbindung des gesamten Konsumvereinswesens mit der Urproduktion erleichtern. Als Ziel müssen wir uns setzen, daß das städtische Konsumvereinswesen in Eigenproduktion die gesamte Verarbeitung der Urprodukte nimmt (also Bäckereien, Fleischereien einrichtet, eigene Mühlen errichtet) und in direkten Austauschverkehr mit den landwirtschaftlichen Organisationen tritt Es kommen hier ähnliche Beziehungen zwischen 29. September einberufen war, nicht beteiligen , In den Telegrammen wird erklärt daß die 'Tatsache f ihrer Anwesenheit bd einer solchen offiziellen Vcrsammlung der Situation, die momentan günstig sei, außerordeiulieb schaden würde. (Der Aufforderung wurde allerdings nicht Folge geleistet, die arabischen Mitglieder , des Advisory Council haben auch an der letzten Session \ teilgenommcn. — Red. ״J. R.“.) Verwendung arabischer Arbeiter in Petach-Tikwab M Jerusalem, 25. Oktober. (J. C. B.) ln Petach-j'j Tikwah sind seit dem Ueberfai! keine arabischen Ar• j < beiter verwendet worden. Der Ueberfall hatte daher I! die gute Folge, daß in dieser großen Kolonie, die 1,1 vorher fast keine jüdischen Arbeiter beschäftigte, nun- I;; mehr eine große Zahl jüdischer Arbeiter beschäftig M werden konnte. Jetzt beginnt die Kolonie wieder zu *-• den alten Methoden zurückzukehren und hat die früheren £־, arabischen Arbeiter zum Teil wieder angcstellt; Die Arbeiter entstammen den Dörfern, die im DE! : den Angriff auf die Kolonie unternommen haben : ‘ t ן

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