Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXVI (1921)
- Issue
- Heft 81 (11.10.1921)
- Date
- 1921-10-11
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 592 J LJ H DI SC H E R ö N DSC H A\J Nr. 81 die Möglichkeit haben, Beschlüsse über die Art und die Ausführung unserer Aufgaben zu fassen. Es soll auch Konfjrcßbeschlüssc;indem, Mitglieder der Exe■ kutive «rneimen und abberufen können, damit cs wirklieh für die sachliche Arbeit ein Ersatz des Kongresses( sein kann. Allerdings wird es notwendig sein, Aendenmgen von Beschlüssen des Kongresses (.»der des Zentralrates) und Beschlüsse über die Zusammensetzung der Exekutive an qualifizierte Mehrheiten zu binden, da das A.-C. nicht in gleichem Maße als Repräsentanz: der Bewegung angesehen •werden kann wie der Kongreß. Wenn das A.-C. nicht nur die Kontrolle der Exekutive ausübeii. sondern, in der geschilderten Weise, an den Arbeiten der Organisation mitwirken soll, so ist es falsch, die Exekutive dein A.-C. gegcnüberzustellen. Soll das A.-C. das Olga« sein, das den Willen der Bewegung über ihre wichtigen Fragen nusdrückt, so dürfen die Führer der Bewegung von der Mitwirkung nicht ausgeschlossen werden. Ihr Einfluß muß nicht nur in der Besprechung, sondern auch in der Abstimmung zum Ausdruck kommen. Mau muß der Exekutive auch die Möglichkeit geben, sich vor Uehcrraschungen auch durch das Gewicht ihrer Stimmen zu sichern. Andererseits, folgt das Stimmrecht der Exekutive auch aus dem Ciedanken, daß das A.-C. zu ständiger Arbeit an den Aufgaben der Bewegung, also zu einer ähnlichen, nur mehr auf das allgemeine und grundsätzliche gerichteten Tätigkeit berufen ist, wie die Exekutive. Das A.-C. wird und muß auf diesem Gebiet in den Angehörigen der Exekutive seine Führer sehen, mit denen es zusammemvirkt. Es soll sie beraten, soll ihnen aber auch den notwendigen Einfluß gewähren. Das muß auch in der Möglichkeit der Abstimmung zum Ausdruck kommen. Die Mitglieder der Exekutive sol'ten also S t i m mrecht 1121 A.-C. haben, das nur fiir das Gebiet der Kontrolle wegzufallen hätte, bei allen Beschlüssen also, die eine Beurteilung der Exekutive oder einzelner Mitglieder enthalten. Diese Art der Tätigkeit des A.-C. kann den Erfolg haben, daß cs ein Gefühl für seine Gcsamtverantwortlichkcit erhält. Die Durchsetzung dieses Begriffs der Gisamtverantwortlichkeit unserer leitenden Körperschafteil muß ein wichtiges Ziel der Organisation sein. Jedes Mitglied des A.-C. muß das Gefühl haben, daß das A.-C. wirklich verantwortlich für das Schicksal der Bewegung ist. Auf diese Weise kann ein Kreis von Männern entstehen, die auch jeder für sich den Begriff der Verantwortlichkeit auf sich anwenden. Diese Männer werden durch ihre ständige Tätigkeit in den Arbeiten der Organisation Uehung und Erfahrung erhalten. Eigenschäften, wie sie (allerdings in stärkerer Weise) ein ständiges Parlament hcrvorbiingt. Die geringe Zahl der Mitglieder des A.-C. kann andererseits eine Gefahr des ständigen Parlamentarismus verhindern, die wir noch nicht gebrauchen können, nämlich daß parteipoli* tische Betrachtungsweisen und parteipolitische Aktionsmethoden in größerem Malle in unsere Arbeit hineingetragen werden. — Es ist selbstverständlich, daß die Mitglieder des A.-C. durch ihre Arbeit wichtige Verbindungsglicder für die einzelnen Teile der Organisation werden müssen. Die Gesamt Verantwortlichkeit muß auch, mehr als bisher, ein erkennbares Charakteristikum der Exekutive werden. Es ist notwendig, daß die Exekutive als Ganzes, als Kollegium, mehr hervortritt. Es muß sich in der Tätigkeit der Exekutive zeigen, daß! die Fragen, die über den Bereich des einzelnen Ressorts hinaus Bedeutung haben, unter der Mitwirkung und Verantwortung der Gesamtexekutive behandelt werden. Das schließt nicht aus, daß außerdem eine strenge Abgrenz u n g der einzelnen Tätigkeitsgebiete stattfindet, die vielmehr dringend erforderlich ist. Die Gcsamtverantwort* lichkcit der Exekutive wird sich zunächst einmal darin zeigen müssen, daß die einzelnen Mitglieder für bestimmte Gebiete die leitende Tätigkeit übernehmen. Es muß ihnen die Möglichkeit gegeben werden, auf ihrem klar umgrenzten Gebiet, unbehindert und ohne Kollisionen, zu arbeiten. Sic haben andererseits dein Köllegiiim der Exekutive und dem A.-C. für ihr Ressort einzustehen. Die Exekutive als Ganzes trägt die Verantwortung dafür, daß durch eine planmäßige Einteilung der Geschäfte die Sicherheit hemmungsloser mul regelmäßig fortgeführter Arbeit geschaffen und benutzt wird. Wir müssen die Methode zufälliger, auf einzelne Gelegenheit und einzelne Personen zugeschnittener Arbeit — mag sie im Eiiizelfall auch noch so erfolgreich gewesen sein -ך durch Systematik ersetzen. Nur so können wir erreichen, daß unsere Arbeit mit Regelmäßigkeit, Kontinuität und gleichmäßiger Beachtung aller wichtigen Gebiete geführt wird. Es wird gesagt, daß die Organisation den wenigen verfügbaren Männern angepaßt werden müsse. Das ist mir sehr bedingt richtig. Es muß allmählich verlangt werden, daß die fahrenden Männer ihren Arbeitsstil nach den Bedürfnissen der Organisation bilden, die sich um so weniger auf Zufälligkeiteil irgendwelcher Art cinrichten kann, je mehr sie Arbeiten auf lange Dauer, mit starken Wirkungen für lange Zeit, übernimmt. Wir dürfen uns nicht mehr damit trösten, daß cs uns noch immer gelungen sei, die Form 111 der notwendigen, dem Augenblick entsprechenden Weise zurechtzubiegen. Die Jahreskonferenz war ein Beweis dafür, daß uns das nicht immer gelungen ist Experimente ähnlicher Art mit ähnlichen Wirkungen können wir nicht mehr riskieren. Es muß in diesem Zusammenhang auch darauf hingewiesen werden, daß 'C1n'es, NacUwuchses für unsere führenden Stellen höherer und niederer Grade — eine bei uns sehr vernachlässigte Frage — von der Herausarbeitunp bestimmter Arbeitsgebiete in hohem Grade abhängig ist. bonst werden w,r immer auf eine zufällige und Willkür liehe Ergänzung angewiesen sein, und — was schlimmer ist — die Besetzung der Posten durch die dafür am besten geeignete״ vorhandenen Kräfte wird nicht oder später Zustandekommen, als es notwendig ist. Die Londoner Mitglieder der Exekutive werden die Aufgaben der Politik, der Organisation, der Propagamla, der Organisatioiisiiiianzeii (Finanzierung der Organisation außerhalb des Paliistinabudgcts) und der Kulturarbeit (als derjenigen Galutliarbeit, welche ohne Zweifel in allen Teilen der Organisation zu leisten ist und von der Zentrale wirksam gefordert werden könnte) unter sieh zu teilen haben. Für die pal äst inensisclien Mitglieder der Exekutive ergibt sich die Arbeitsteilung aus den verschiedenen Zweigen der Kolo n i s a t i o n und 11111« i g r a t i o n. Eine Schwierigkeit, die wir in Kauf nehmen müssen, liegt darin, daß die Mitwirkung der palästinensischen Mitglieder im Kollegium der Exekutive pur in abgeschwächtein Maße zur Geltung kommen wind. Ihre Tätigkeit wird also in besonders starker Weise durch das Ressortgebiet bezeichnet werden. Die Eigenart unserer Arbeitsgebiete, welche die Vereinigung der gesamten Exekutive an einem Orte heute nicht mehr und noch nicht möglich macht, bedingt diesen Nachteil. Er wird dadurch abgeschwächt, daß gerade für die Palästinaarbeit die allgemeinen Riebtlinier! durch A.-C., Zentral rat und Kongreß in ausreichendem Maße fcstgclegt werden können, so daß es dann im wesentlichen noch auf die ausführende Tätigkeit der Einzelnen ankommen wird. Wo von seiten der Exekutive in Palästinafragen Gesamtentscheidungen notwendig werden — die Ordnung der verschiedenen Tätigkeitsgebicto, die 1 Ierstdlmig der Einheitlidikeit und des Zusammenhanges kann das notwendig mathen —, wird der neugebitdctc Wirtschaftsrat seinen Einfluß ausüben können. Er wird die Verbindungsstelle zwischen London und Palästina werden müssen. Die Ressortchefs in Palöstinn werden mit ihm in besonders enger Fühlung stehen und durch ihn auf das Londoner Kollegium wirken können. Andererseits wird er, soweit das erforderlich ist, die Meinung der Gesamtexekutive im Palästinawerk zur Geltung bringen. Fraglich ist, ob die organisatorische Trennung des Wirtschaitsratcs von der Exekutive zu rechtfertigen ist. Unsere wirtschaftlichen Aufgaben sind in so hohem Grade eine zentral« Angelegenheit unserer Politik, daB es angebracht wäre, die Bearbeiter der wirtschaftlichen Fragen ohne Einschränkung in die Exekutive hincinzimehmen. Das würde auch besser dem Gedanken entsprechen, daß gerade unsere wirtschädlichen Aufgaben in hervorragendem Maße unter der Verantwortlichkeit der Gesamtexekutive stehen müssen. Als unnötige Komplizierung unseres Behördenapparates erscheint das vom Kongreß beschlossene Kolonisat ionsaim t. Für die Kolonisation ist die Exekutive verantwortlich, sie hat ihre geeigneten Ver* treter in Palästina, welche die Arbeit leisten sollen. Es ist nicht ersichtlich, welchem Zwecke daneben noch ein besonderes Kolonisationsamt dienen soll. Wir wollen uns (l;1\10r hüten, konkurrierende Behörden zu schaffen, verschiedene Stellen, die für dieselbe Arbeit bestimmt sind. Sie bringen immer Verwirrung und Hemmung, Wir haben keine Veranlassung, die Einrichtung der Ik־l1ördenk<omk1nTc־־nz zu legalisieren. — Eine Möglichkeit der Komplizierung bestellt auch dadurch, daß das Direktorium des Keren Hajessod, ebenso wie die Leitungen anderer Kolonisationsinstitute, selbständige Entscheidungsbefugnis besitzt. Wir werden durch weitgehende Personalunionen darauf achten müssen, daß die Pliinc aitvd Beschlüsse der selbständigen Insti- Uitioncn sich mit denen der Organisation decken. Wir dürfen nicht vergessen, daß die Pläne der Organisation heute formell nur den Wert von Vorschlägen haben, weil die Finanzierung ganz von den selbständigen Institutionen abhängt. Eine Aufgabe der Zukunft wird es überhaupt sein, die gesamten Kolonisatio-nsinstitutc in einem ׳einheitlichen, leitenden Körper zusammenzufassen. Denn es ist eine Kraftvergeudung, daß mindestens an drei Stellen. — in der Organisation, im 'NationalkiiKls und bald auch im Keren Hajessod — die Kolonisationsfragen selbständig besprochen und ent* schieden weixJett Dies.• Aufgabe kann in Angriff genommen werden, wenn der Keren ׳Hajessod genügend konsolidiert ist und es nidht ׳,mehr nötig sein wird, ihn vor ahean unter dem Gcsidhtspurikt der Unab. hangigkeit von der Organisation zu betrachten (Schluß folgt.) Der jüdische Kleinhandel Aus der Ukraine in Polen eingetroffene Flüchtlinge berichten, daß infolge des neuen Wirtschaftskurses der Sowjctrcßicrung der jüdische Kleinhandel wieder aufzuleben beginnt, insbesondere in Städten mit großer jüdischer Bevölkerung. Juden in Kiew. Die soeben abgeschlossene Volks- Zahlung in Kiew weist eine Zahl vom 114 090 Juden bei einer Gesamtbevölkerung von 515090־ Einwohnern auf. Vor dem Kriege betrug die jüdische Bevölkerung Kiews zirka 90000 Seelen. Infolge der schrecklichen Pogrome und der Unsicherheit auf dem Lande flüchteten die Juden aus. den um liegenden kleineren Städten nach Kiew, wo die Sicherheit verhältnismäßig größer ist, und so erklärt sich das rapide Wachsen der Kiewer jüdischen Bevölkerung. (J, C. B.) Aiikweh-Israels 50jähriges jtibiläam Am Donnerstag, den 15. September, feierte M i k wv . Israel, die hebräisch« Landwirtschaftsschule, rhf 50jähriges Jubiläum. Der Gouverneur von Jaffa und Vertreter öffentlicher Institute befanden sieh unter den Gästen. Begrüßung*, tclegramme liefen ein vom Oberkommissar und Lady Samuel, der Zionist Commission, dem Waad Lcumi usw. Herr Krause, der Direktor der Schule, eröffnete d:e Veranstaltung mit einer Rede, in welcher er das Pro. grainm und Ziel der Schule darlegte. Er teilte den abgehenden Schülern mit, daß Baron Rothschild versprochen habe, sie als eine landwirtschaftliche Gruppe auf dem Lande anzusiedeln. Die Versammlung begab sich dann zur Grabstätte von Charles Netters, dern Begründer der Schule. Der Kauf des Bostros-Bazars in Jaffa Der große in der Bostrosstraße in Jaffa gelegene Bazar, in dem viele jüdische Läden und Geschäftsräume untergebracht sind, wurde von einem jüdischen Tabak• fabrikanten aus Zklon (Saida), Herrn Barsei, vom bekannten arabischen Großgrundbesitzer Sursuk fiir den Preis von zirka 120 009 Pfund «rworlK'11. Herr Bar sei, der über eine solche Summe nicht verfugt, berief eine Versammlung der jüdischen Kanücute Jaffa•» ein, denen er den Vorschlag machte, mit ihm gemeinsam den Kauf zu realisieren. Die jüdische Kaufmannschaft von Jaffa beriet in einer Versammlung über diesen Vor• schlag. Es wurde dabei die große Wichtigkeit dieses Kaufes hcrvorgclioben, da dadurch «ine wichtige Position im Gcschnftslcberi Jaffas in jüdische Hände gelangen würde. Die jüdischen Kaufleute zahlen jährlich an Sur• suk enorme Summen für Miete. Andererseits wurde betont, daß der Sursuk angebotene Preis übertrieben hoch und nur aus spekulativen Gründen erklärlich ist. Die Versammlung beschloß, sich vorderhand am Kauf nicht zu beteiligen, sondern sich ab wartend zu verhalten und Informationen über die Rentabilität des Grundstückes, sowie über die Kosten der Errichtung eines neuen jüdi• sehen Bazars einzubolen. (״Hanrez“.) Der Streit am Rachels Grab Jerusalem, 4. Oktober. (J.C. B.) Auf die Nachricht hin, daß die Gemeinde Ausbesserungen am Grabe Rachels durchzuführen beabsichtige, veröffentlicht die mohammedanische Gemeinde einen Protest, in welchem sie Ansprüche auf diese Stätte erhebt. Tatsaebe ist, daß seit dem Bestände der jüdischen Gemeiiule in Jerusalem, das Grab als unstrittiges Eigentum der Juden betrachtet war. Im Jahre 1849 ließ Moses Montefiore eine kleine Hütte über dem Grabe errichten. Im Jahre 1S67 erwarb Rabbi Zwi Kali sch er ein Stück Land, das das Grab umgibt und etwas später schenkte der Sohn des letzteren diesen Bodenbesitz der jüdischen Gemeinde von Jerusalem. Es gab nie irgendwelchen Zweifel in bezug auf die unvcrlälschlichen Rechte der Juden auf das Grab. Letztens begannen aber die Mohammedaner Ansprüche auf solche heilige Stätten, wie Rachels Grab und Kotei Mararawi, zu erwerben. hn Zusammenhänge damit suchten die beiden Oberrabbincr von Palästina, Rabbi K u k und Rabbi M c i r den Oberkommissär auf und lieferten ihm Beweise, daß die Schlüsse! zum Grabe sich immer in jüdischer Ver- Währung befanden und daß Moses Montefiore Adapticrungcn, ohne daß ein Einspruch erhoben worden wäre, durchführen ließ. Der High Comtnissioner erklärte darauf, daß er den Zustand des Grabes werde untersuchen lassen und falls sich die Notwendigkeit von Reparaturen ergeben sollten, er der jüdischen Gemeinde erlauben werde, dieselben durchzuführen. Betreffs des Eigentumsrechtes könne er keine Entscheidung treffen, da Entscheidungen solcher Art dem Völkerbundskomitee für die heiligen Stätte» Palästinas Vorbehalten sind. Samuel über dea Kongreß Wie von autorativer Seite mitgeteilt wird, ist Samuel mit den Ergebnissen des Zionisten- Kongresses äußerst zufrieden, insbesondere mit der vom Zionistenkongreß eingenommenen Haltung in der Araberfrage, welche geeignet ist, den Frieden im Lande herzustellen und die Zusammenarbeit zwischen beiden Bevölkcruiigsschichten zu fördern. (J.C.B.) Der Waad Learoi und die Einwanderung Nach Rückkehr Samuels von der lnspektionsreise durch Galiläa erschienen bei ihm Vertreter des Waad Leutni, die darauf hinwiesen, daß die Drosselung der lumiigration arbeitender Elemente nach Palästina eine kurzsichtige Politik darstelle, da das Land Arbeitskräfte dringend be• nötige. Samuel versprach, Schritte zu unternehmen, um die Einwanderung von Arbeitern nach Palästina zu ermöglichen. ¥