Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXVI (1921)
- Issue
- Heft 78-79 (30.9.1921)
- Date
- 1921-09-30
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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JJ» «1״ Tclepho■ J UKUnd 845 u.846, PoaUchtckltoatoi Berlia Nr. 17392. Für Oe*te־rr*idb. PoateperksMtnamt Wim, Konto Nr. 156 0.143. Für T»<hrdho«iow*kfiJ Po»Upafk*u*enamt Pr»f, Konto Nr. 156 OX)״ — KndaktioasschluE Sonntag׳ und Mittwoch nachmittag־־■־* •־ 1 כז אלול׳ חרפ״א xxvi. jahrg. Dor Zionismus erstrebt fOr das (Qdlsche Volk die Schaffung einer Öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte In Palästina. ״Baseler Programm.״ Die nächste Nummer der ״Jüdischen Rundschau“ erscheint Infolge des Rosch-Haschanah- Festes am 7. Oktober. Vergangenheit und Zukunft Von Dr. Simon Bernte Id. Das jüdische Volk war schon einmal Augenzeuge großer Ereignisse, die als Anfang einer neuen Epoche der Geschichte zu betrachten sind. Wir sind noch nicht imstande, den Charakter dieses neuen Abschnittes unserer Geschichte, dem wir entgegengelicn, zu erkennen, insbesondere wissen wir nicht, welcher moralische Gedanke in ihm dominieren wird. Wir hoffen und wünschen aber, daß diese Wcltcreigniss-e ei 11 schneidende Aendcr u n g e n ün Leben unseres Volkes und seiner geschkhtlichen Entwicklung verursachen werden zum Nutzen und Frommen des jüdischen Volkes und der ganzen Menschheit. Das jüdische Volk war nicht nur unbeteiligter Zuschauer dieser schrecklichen Vorgänge, sondern hat an ihnen einen hervorragenden Anteil genommenund während die anderen Völker sich allmählich von ihren Wunden erholen, werden unsere Wunden noch lange ungeheilt bleiben. Die Zukunft kann niemand erraten, sie bleibt für uns in Dunkel gehüllt, wohl aber können wir in der Vergangenheit Ereignisse wahrnehmen, die unserer Epoche gleichen. Die Rückkehr aus Babylon nach dem Zerfall des babylonischen Reiches ist ebenfalls eine ähnliche grandiose Erscheinung. Ein Volk, das in die Verbannung gehen mußte, und dessen nationales Leben durch äußere Ereignis?«־ zerstört wurde, träumt in seiner Verbaunung von seiner Rückkehr nach der Heimat und gibt seine nationale Existenz nicht auf. Im Gegenteil, gerade in dieser Verbannung wird es von der Wichtigkeit seiner Existenz durchdrungen und schafft für die Zukunft die Idee seiner Ewigkeit. Diese Idee der Ewigkeit und Unvergänglichkeit Israels wurde in Israel am Ende des ersten Tempels geboren. Dieselben Propheten, die den Untergang Israels verkündet haben, prophezeiten auch seine Wiedergeburt. Mehr noch: gerade die Propheten, die in der zeitweiligen Zerstörung eine historische Notwendigkeit sahen, erzogen das Volk im Glauben an seine Unvergänglichkeit. Dieser Glaube begleitete das Volk in seine Verbannung und lieft es nicht verzweifeln. Besonders bemerkenswert ist die Entwicklung des Ideals der Wiedergeburt des jüdischen Volkes am Ende des babylonischen Reiches. Der Verfall des mächtigen Reiches sollte eigentlich das Schicksal des jüdischen Volkes, das aus Palästina verbannt wurde und an den Flüssen Babylons sich sozusagen ein neues nationales und religiöses Leben gegründet hatte, nicht sonderlich berühren. Da erschien dieser seltsame Prophet, der Verkünder der Erlösung, der in wunderbarer Weise die zukünftigen Ereignisse überschauen konnte und seine verbannten Brüder zum Auszug aus Babylon aufforderte. Während seine Stammesgenossen nur vom Wiederaufbau des Tempels träumten, um den Gottesdienst in Palästina verrichten zu können, verkündete dieser Prophet für die ferne Zukunft die Ewigkeit und die Unvcrgänglichkeit des jüdischen Volkes und seiner moralischen Mission in der Geschichte. Zum ersten Male erhob sich hier die jüdische Prophetie zu ihrer nationalen Größe. In den wichtigen historisehen Ereignissen sah der Prophet die geistige und moralische Basis, auf der die Zukunft des jüdischen Volkes aufgebaut werden kann. Seine Zeitgenossen haben ihn nicht verstanden und konnten sein Ideal nicht begreifen. Sie interessierte nur das ihnen Naheliegende, das praktisch Mögliche; sie konnten nicht wie der Prophet, in die ferne Zukunft schauen. Der Prophet dagegen, der sich nur von dieser fernen Zukunft und von den ihr zugrundeliegenden Idealen hinreißen lassen konnte, verstand seine Zeitgenossen nicht. Was sie besonders interessierte, die Errichtung des zerstörten Tempels, schien ihm eine Kleinigkeit zu sein. Wir sehen eine historische Tragödie vor uns. Der Prophet schaut nur in die Zukunft. läßt die Gegenwart und die Möglichkeiten der Gegenwart unbeachtet, während seine Zeitgenossen nur die Realitäten von heute sehen und den Propheten der Zukunft verspotten. Sie werfen ilun vor, daß er in seinen utopischen Forderungen der fernen Zukunft die realen Möglichkeiten vernachlässigt und die Gegenwartsarbeit schädigt. Das Tragische liegt eben darin, daß beide recht hatten. Der Anfang war klein und winzig, er konnte den Propheten der Zukunft nicht befriedigen, der darin nicht die Grundlage der ewigen Existenz seines Volkes selten konnte. Man kann aber auch ein großes Gebäude nicht auf einmal errichten; der Anfang muß immer klein sein. Die Zeitgenossen des Propheten konnten nur diesen kleinen Anfang sehen, konnten nur das Mögliche und das Notwendige begreifen. Der Prophet aber sah das, was seinen Zeitgenossen und ihren Nachkommen entgangen war, und was bis zum heutigen Tage noch nicht vollständig erfüllt wurde. Jetzt erst können wir die Wichtigkeit beider Richtungen beurteilen. Wir sind jener Generation dankbar, die sich mit Kleinigkeiten beschäftigt und den Grundstein zum Aufbau gelegt hat, und gedenken in Ehrfurcht jenes Propheten, dessen Name uns nicht einmal bekannt ist, der diesen kleinen Anfängen erst Sinn und Inhalt in seinen Prophezeiungen verliehen hat. Wie wichtig dieser geringe Anfang war, den die Generation Serubabcls gemacht hat, können wir aus den Ereignissen sehen, die achzig Jahre darauf, zur Zeit E s r a s und N e h e m i a s, sich vollzogen haben. Der Grundstein war gelegt, aber noch war das Gebäude nicht aufgeführt. Weder national noch moralisch war die Rückkehr aus Babylon vollständig. Derselbe Perserkönig, den der Prophet als den Maschiach pries, änderte schnell seine guten Absichten Israel gegenüber. Auch Darius I. zog die zum׳ Tempelbau erteilte Erlaubnis zurück, und seine Zeitgenossen waren verzweifelt, als sie sahen, daß; nicht einmal das Winzige, was sie gewünscht und für möglich gehalten hatten, durchgeführt werden konnte. Und erst recht verzweifelt waren die Schüler des Propheten, als sie den moralischen Verfall dieser Alijah sahen und ihn mit den idealen Forderungen verglichen, die der Prophet der Erlösung an das Volk gestellt hatte. Aber der kleine Anfang diente als Grundlage für den weiteren Ausbau, und die Prophezeiungen des Propheter dienten als Grundläge der moralischen Erziehung des jüdischen Volkes. An diese Anfänge konnten jene Männer anknüpfen, die später aus Babylon nach Palästina kamen. Esra und Nehemia vereinigten in sich zwei verschiedene Kräfte, die nationale und die religiöse. Die Saat des Propheten war nicht vergebens ausgestreut. Auch später konnte man alle seine Forderungen noch nicht erfüllen, wie ohnehin ein Ideal nicht in wenigen Jahren in Erfüllung gehen kann. Auch lebte damals in Palästina keiner von den Schülern des großen Propheten, die für seine Ideale weiter kämpfen konnten. Aus dem Galuth, aus dem ״unreinen Lande“ mußten zwei Mäaner nach Palästina kommen, um dort die Keime weiter zu pflegen, die vor achzig Jahren dort gepflanzt wurden. Der Einfluß des Galuth auf Palästina dauerte noch sehr lange. Ohne diesen Einfluß hätte damals der Jischuw gar nicht existieren, jedenfalls nicht in seiner nationalen Reinheit leben können. Es ist gar nicht abzuschcn, was für ein Judentum in Palästina damals entstanden wäre, wenn nicht der dauernde Einfluß des Galuth die nationale Ent- Wicklung gestärkt hätte. Israel wäre zu einem semitischen Stamm geworden, dessen Schicksal kein anderes als das der semitischen Bruderstämme gewesen wäre. Der Sinn der nationalen Arbeit Esras und Nehcmias besteht eben darin, daß sie die beiden Richtungen vereinigten. Neben der Gegenwartsarbeit vernachlässigten sie nicht die Arbeit für die Zukunft, und in ihrem inneren Glauben1 an die Zukunft Israels war ihnen keine Gegenwartsarbeit, die dieser Zukunft zugute kam, zu gering. Der Widerstand ging diesmal nicht von den idealistischen Anhängern des großen Propheten aus, sondern von den ״Praktischen“, jedem Ideal Abholden, die sich mit jeder nationalen Autonomie begnügten, wenn sie auch noch so beschränkt sein sollte. Es war ein großes Ideal notwendig, um das jüdische Volk nicht in den Sumpf der Kleinlichkeit versinken zu lassen. Man grub den Schatz aus, den der große Prophet vergraben hatte, und von diesem Schatz zehrte das jüdische Volk auf seiner langen Wanderung. Diese moralische und religiöse Lehre kittete die verschiedenen, zerstreuten Glieder des Volkes zusammen und machte Palästina zum Zentrum des jüdischen Volkes und in gewisser Hinsicht zum Zentrum der Kulturwelt. Nur kraft dieses Ideals konnte Palästina, das schließlich immer arm war und kulturell niemals höher stand als Aegypten oder Babylon, das ganze jüdische Volk beherrschen. Withrend des zweiten Tempels waren in ganz Palästina, nach Mommsen und Berloch, nicht mehr als 700 000 Juden. Es ist möglich, daß diese Zahl zu gering ist, aber jedenfalls besaß Palästina bereits damals weniger Juden, als z. B. Aegypten. Die Diaspora war immer materiell reicher und stand auf einer höheren Kulturstufe als Palästina. Trotzdem aber erfüllte sich während des zweiten Tempels die alte Prophezeiung Jesaias des Ersten: ״Von Zion ging die Lehre für alle zerstreute« Teile des jüdischen Volkes aus.“ ln Ehrfurcht beugten sich alle Juden vor Palästina und unterwarfen sich freiwillig seiner Herrschaft. Die Judengemeinde Palästinas wurde zum Herzen des Volkes, welches allen seinen Teilen Leben spendete. Es ist schwer, historische Parallelen zu ziehen. Die Zukunft ist in Dunkel gehüllt, und doch liegt in den Ereignissen unserer Tage viel Aehnl ich keit mit den Ereignissen beim Auszug aus Babylon. Ein Anfang ist gemacht, und schwer sind die Geburtswehen, aber ohne Wehen gibt cs keine Geburt. Kaum ist dieser Anfang gemacht, da erwachen auch uns schon viele Hindernisse. Aber die Saat, die wir auf unseren historischen Boden gestreut haben, wird Früchte tragen, wenn auch nicht so schnell, wie wir es wünschen. Eine historische Tat bleibt nie ergebnislos. Aber es ist klar, daß die Herrschaft Palästinas über alle Teile unseres Volkes, was eigentlich allein der Sinn der Wiedergeburt Israels sein kann, nicht ohne ein moralisches Ideai errichtet werden kann. Um Israel zu befreien, muß man die ganze Menschheit geistig und moralisch befreien. Es wäre zu wünschen, daß uns noch einmal ein Prophet ersteht, der uns init neuen Idealer! erfüllt. Und wenn das unmöglich ist, denn ein solcher Prophet erscheint nur einmal in der Geschichte, so müßten wir uns in die Ideale unserer Propheten vertiefen und in ihnen den Sinn der EreignisseunsererZeit suchen. Diese sind nur das Gerippe der Geschichte; wir aber müssen die Seele, den Sinn der Geschichte suchen. Wir brauchen ein neues Ideal. Dieses neue Ideal kann nur in Palästina entstehen, und von dort aus wird es wie ein Ruf an unser Volk und an diy ganze Menschheit ertönen. Nur kraft eines solchen Ideals können wir uns über alle Hindernisse hinwegsetzen. So sehr wir uns vor der Ueberscliätzung der Ercignisse unserer Zeit hüten müssen, so sehr müssen wir uns auch vor einer Unterschätzung hüten. Unsere Aufgabe ist es, das Herz des ganzen jüdisehen Volkes zu erobern, damit alle Juden dem Ruf der Geschichte folgen. Das ist aber nur dann möglich, wenn nach den Worten des Propheten, von Palästina einneue Lehre und ein neues Ideal ausgeht. Wir haben m den letzten Zeiten den Wert des Idealen und seines Einflusses auf die Ereignisse zu gering eingeschätzt, zu sehr verlassen sich unsere Zeitgenossen auf die ״realen“ Kräfte und auf ihre eigene Macht. Wir sehen jetzt, was dieser Glaube an die Macht die Welt gekostet hat. W i r w 011 e u nun zum Ideal zurückkehren, zu den Idealen, die das jüdische Volk erzeugt und verkündet hat. (Aus dem Haschiloach mit Erlaubnis des Verfassers übersetzt) Blalik ia Berlin Am Mittwoch, den 28. September, traf Bialik mit seiner Frau aus Karlsbad in Berlin ein.