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Jüdische Rundschau · 1921-09-27 · Heft 77 (27.9.1921) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXVI (1921)
Issue
Heft 77 (27.9.1921)
Date
1921-09-27
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 570 ']PEDISCHD RUNDSCHAU Nr. 77 R O/C t־i - H A/CH AN AH - SP E NDE N 2v gv/nsten c5J־ MATIO NALF ONO■/ in och jAnise h -193.0• י15פי Die obige graphische Darstellung der Rösch- Iiaschnnah-Spendcn in den Jahren 1913—1920 zeigt, wie erheblich sich die Eingänge aus dieser Sammlung von Jahr zu Jahr gesteigert haben. Besonders das vorige Jahr weist einen außerordentlichen Mehrertrag gegenüber allen früheren Ergebnissen auf, — ein Beweis, daß die Bedeutung der Neujahrsaktion für die praktische Palästinaarbeit des Nationalfonds immer mehr erkannt wird. Nachdem zu Anfang dieses Jahres durch den Kauf der Böden in der Emek Israel eine neue Aera großzügiger Bodenpolitik eingesetzt hat, braucht kaum noch betont zu werden wieviel gerade von dem Erfolg der diesmaligen Roschhaschanah-Sammlung für die weileren Pläne des Nationalfonds abhängt. Die Einnahmen in Deutschland sind bisher selbst hinter den bcsclieidensten Erwartungen zurückgeblieben, und es bedarf der größten Anstrengung aller Freunde einer praktischen Palästinaarbeit, damit Deutschland seiner Pflicht gegen* über dem nationalen Aufbau unseres Landes wenigstens einigermaßen gerecht wird. Die Neujahrsaktion gibt, wie keine andere, jedem einzelnen die Möglichkeit zur erheblichen Vermehrung des deutschen Kontingents beizutragen. Die Leitung des Nationalfonds erwartet, daß alle unsere Freunde ihre Glückwünsche durch einen großzügigen Beitrag ablösen. Das muß in Anbe» tracht des unmittelbar bevorstehenden Festes sofort durch den dieser Nummer beiliegenden Post- Scheck geschehen. (Postscheckkonto Berlin 23 247). Wer seine Roschhaschanah-Spende nicht umgehend an die Zentrale überweist, hemmt die Aktionsfähigkeit des Nationalfonds in Palästina. Osfjeden in Deutschland Um mannigfachen Vorurteilen, die auch heute noch bei manchen wohlmeinenden Westjuden in Deutschland verbreitet sind, entgegenzutreten, ist es notwendig, wenn man ühcr Ostjuden in Deutschland sprechen will, kurz aber nachdrücklich auf ein Moment hinzuweisen, das schon allein geeignet ist, gegenüber der durch dieses Vorurteil getrübten Betrachtungsweise eine andere, gereditfertigtere Beurteilung der Ostjuden frage in Deutschland herbeizuführen. Es ist dies der Umstand, der immer noch häufig übersehen wird, daß das ostjüdische Menscheninaterial, das in den Kriegsiahren und in den Pogromjahren 1919 und 1920 nach Deutschland gekommen ist, ein gänzlich anderes darstellt, als die vor dem Kriege zum Teil nur zu berechtigt als ״Schnorrer“ berüchtigten Wanderarmen. Die Entstehungsgeschichte der Ostjudcnsiedlung in Deutschland seit dem Jahre 1914 gibt uns über diese Verschiebung in der Art der nach Deutschland gekommeneii Ostjuden eine Aufklärung. Zunächst kamen nach Deutschland die jüdischen Arbeiter, die, zum Teil gezwungen, zum anderen Teil auf freien Arbcitsvertrag hin, in der deutschen Kriegsindustrie arbeiteten. Von innen ging ein Teil nach Kriegsende zurück, ein anderer Teil blieb hier, und auch von den Zurückgegangenen kehrte ein gewisser Prozentsatz, nachdem er die heimische Industrie teilweise zerstört fand, nach Deutschland zurück. Sie waren an harte Arbeit in den Kriegsjahren gewöhnt und suchten zum Teil ihre alten Arbeitsstätten wieder auf. Als dann in dem Pogromjahr 1919 und dem Kriegsjahr I92Ü eine neue Einwanderung cinsetzte. bestand aucii diese wesentlich aus jungen, arbeitsfähigen und arbeitswilligen Menschen, die sich den Gewalttaten bei der Aushebung zur polnischen Armee und den Gewalttaten im Heeresdienst selber gegen die jüdischen Soldaten zu entziehen suchten. Sie alle, in der Heimat oft Bürgersöhne, oft gelernte Arbeiter der Lodzer Textilindustrie, von proletarischem Klassengeist im besten Sinne des Wortes erfüllt, suchten in Deutschland A r 1) e i t, nicht Wohltätigkeit. Eine dritte Kategorie endlich sind diejenigen, die, nach Uebersce auswandernd, bei der Unsicherheit der ganzen Verhältnisse iin ״lleimatsslarit“ in Deutschland einige Monate Zuflucht suchten, bis die die Auswanderung heute so sehr erschwörenden Formalitäten von Amerika aus ihre Erlcdigung gefunden hatten. Auch der größte Teil dieser Durdiwandcrer hat sich in der Zeit seines Aufenthaltes produktiv im deutschen Wirtschaftsleben betätigt. Das Arbeiterfürsorgeamt der jüdischen Organisationen Deutschlands, ursprünglich entstanden aus einer jüdischen Abteilung der Deutschen Arbeit er zentrale und einer jüdischen Abteilung der deutschen Gewerkschaften, hat in eigenartig zusammenhängender Weise den politischkonsularischen Schutz der jüdischen Arbeiter in Deutschland und, ihre sozial-fürsorgerische Betreuung übernoramen. ' In der Tat sind diese beiden Zweige der Fürsorgetätigkeit bei den eigenartigen Verhältnissen des ostjüdischen Arbeiters in Deutschland gar nicht zu trennen. Von der Vertretung seines Heimatsstaates, besonders Polen, oft preisgegeben, durch die Ungeklärtheit der staatsrechtlichen Verhältnisse im nahen Osten oft überhaupt ohne jeden konsularischen Schutz, als ,,Staatenloser“ war der jüdische Arbeiter an sich der Willkür und dem Antisemitismus unterer Polizeiorganc preisgegehen. Treueste sorgfältigste Arbeit, die 1Anerkennung und der gute Wille seines Arbeitgebers( konnten ihn oft nicht auf seiner Arbeitsstelle halten. *40KJ,.,?®• zahlreiche ostjüdischc Arbeiter gegen ihren Villen gezwungen waren, die Großstädte, wo sie en-l aC’t'r Unterschlupf vor den Verfolgungen und Sdukancn fmdcu konnten, aufzusuchen. Da griff das C1n; Es PeJa״ß angesichts der be- 1vur״-f11!a,Slk •dcr ,ostilld1acl'en Arbeiter, für die w■ ״ n ״ >auc^ be1 anderen ausländischen Arbeitern h«״״/™?lcrsch®,"u"S ß‘btd׳e Anerkennung dieser besonderen Lage durch entsprechende ministerielle Vcrfugungen zu erreichen. So konnte das Arbeiterfürsoroeamt, finanziell besonders durch amerikanische Geleier dazu instand gesetzt, daran gehen, die im Interesse der ostjüdischen Arbeiter selbst, im Interesse aber auch der deutschen Volkswirtschaft an einer sozialpolitischen Regelung der ostjüdischen Arbeiterfrage in Deutschland liegende Dezentralisierung der estjüdischen Arbeiter von den Großstädten fort, insbesondere in die Industriebezirke hinein, vorztmehmen. Der Verbindung zwischen konsularisch-polirischer Tätigkeit und sozialer Fürsorge, die für den plötzlich arbeitslos Gewordenen durch Gewährung von Unterkunft und Beköstigung für eine gewisse Zeit, durch Gewährung von Reisezuschüssen nach ihm nachgewiesenen Arbeitsstellen, cinsprang, die für Arbeiter Arbeiterwohnungen in Baracken schuf, billige und gute Arbeiterküchen errichtete, ist cs zu danken, wenn von den heute iu Deutschland befindlichen, seit 1919 zugewanderten und hiergebliebenen höchstens 55000—60 000 Ostjuücn wohl über 35000 im Lande dezentralisiert, in der deutschen Industrie arbeiten, und nur noch etwa 20000—25 001) in Berlin sich befinden. Die konsularischpolitische Tätigkeit war es, die durch Erleichterung der Legitimierung, Schutz gegenüber antisemitischen Maßnahmen einzelner Behörden, Schutz vor unberechtigten Ausweisungen, die Produktivierung der ostjüdischen Ar■ beiterschaft in Deutschland ermöglichte; die soziale Fürsorge war es, die die so geschaffenen Möglichkeiten für den jüdischen Arbeiter ausnutzte, zu seinem eigenen Wohlc, im Interesse des Staates und im Interesse der gesamten deutschen Judenhcit, die mit Stolz auf das Vorhandensein einer jüdischen Arbeiterschaft in Deutschland hinweisen kann. Dieses ganze, geleistete Werk ist, das muß gesagt werden, schwer bedroht, da die bisher vom American Joint Distribution Committee zur Verfiigung gestellten Subventionen eingestellt worden sind. Höchste Anstrengung der deutschen Judcnheit ist er• forderlich, um das notwendige Werk weiterzuführen, Die Karlsbader Konferenz des Komitees der Jüdischen Delegationen An der am 16. und 17. September in Karlsbad stnttgcfumleneii Plenarsitzung des Komitees der Jüdischen Delegationen, nahmen außer den Pariser Mitgliedern auch zahlreiche Vertreter aus der Tschechoslowakei, Oesterreidi, Polen, Ostgalizien, Großrumänien, Litauen, Lettland, Großrußland, Ukraine, Griechenland, Palästina, Nordamerika, Argentinien und anderen Ländern teil. Nach dem Berichte über die bisherige Tätigkeit und die bevorstehenden Aufgaben des Komitees entwickelte sich eine lebhafte Debatte über die Frage der Reorganisation der Pariser jüdischen Vertrelung. Namentlich die Vertreter der osteuropäischen Staaten, deren Judenhcit von den. Aktionen des Komitees direkt getroffen wird, übermittelten von. neuem die Parole der von ihnen vertretenen Millionen Juden, daß das K. d. J. D. für diese eine dringende Notwendigkeit sei. Der gleichen Auffassung schlossen sich auch die besonders bemerkten Ankömmlinge aus Sowjetrußland und Sowjetukrainc an, obsdion die Judenhcit jener Länder von der Tätigkeit des Komitees an sich nicht berührt wird. Diese allgemeine Auffassung präzisierte sodann der Minister für jüdische Angelegenliciten in Litauen. Solo weit schik, indem er namens der. Vertreter Osteuropas dem Komitee und dessen Leitung, Präsident Sokolow und Generalsekretär Motzk i n, wärmsten Dank ,übermittelte. Bezüglich der Reorganisation wurde auf Antrag Motzkiiis und des erst vor kurzem aus Moskau angelang teil M. Kr einin eine Resolution gefaßt, wonadi die Leitung des Komitees auch mit denjenigen Teilen der jüdischen Landesorganisationen, die im Komitee noch nicht ,vertreten sind, über den weiteren Ausbau des Komitees Unterhandlungen führen soll. Nach einer Debatte, an der außer den genannten Herren noch Rabb. Rubin st eia (Wilna), Abg. Gräubsum (Warschau), Dr. Krämer (Cze. nowitz), Dr. N a rok (Libaiü, Dr. Reich (Lemberg), Shclvin (New York), Dr. üottlieb (Warschau), Dr. Brutzkus (Pebograd), H indes (London), Rabb. Aronsohn (Kiew), Berlin (Jaffa) 11. a. teil nahmen, wurden die Rieht- Unten für diesen Beschluß gemäß den Antragstellen» , folgendermaßen fcstgcicgt: Eine spezielle Vermittlung^- Kommission soll in Koordination mit dein Generalsekretär mit den betreffenden Gruppen Polens, Gnoßrußlands, Ostgaliziens usw., welche zu den Minderheiten i 1n jüdischen Parteileben gehören, in Unterbandhingen treten, uni sie zur Stellung von Vertretern für das K. d. J.D. zu veranlassen. In diese Kommission wurden gewählt: Aleinikoff, Rosoff, Kreiaia Des weiteren wurde eine lebhafte akklamiertc Resolution ge. faßt, in der die Leitung des amerikanisch-jüdischen Kongresses aufs dringendste aufgefordert wird, möglichst bald Neuwahlen für den Kongreß vorzu nehmen und diesen spätestens bis zum Frühling einzubemfen. Zugleich wurde der Wunsch zuin Ausdruck gebracht, daß innerhalb der Pariser Zentrale beständig ein Vertreter aus Amerika anwesend sein solle, um die Be- Ziehungen zwischen dem Komitee und der amerikanisch.וד Judenhcit fester za knüpfen und die Aktionen, welche in oder durch Amerika durchzuführen seien, zu fördern. Im allgemeinen wurde sodann der Beschluß gefaßt, daß alle diejenigen Organisationen, die das K_d. j.I). gegründet batten, zu neuer Aktivität veranlaßt werden. Dies bezog sich insbesondere auf den kanadisch-jüdisehen Kongreß, den jüdischen Gemeinde verband Italiens u. a. Wo die Nationalräte in einen passiven oder apathischen Zustand geraten sind, sollen -sie durch eine energische Propaganda zum Wiederaufleben gebracht werden. Bei dieser Gelegenheit wies der Generalsekretär auf die außerordentlich wichtigen politischen Aktionen hin, die in früherer Zeit in Kanada, Südafriika und anderen Ländern zugunsten der Aufgaben und Ziele des Komitees durch Interpellation bei den Regierungen, in den Parlamenten usw. im Kampfe für Recht und gegen Verfolgungen geleistet wurden. Wo aber in wichtigen Ländern keine zentralen politischen jüdischen Organisationen bestehen, wie Argentinien, Südafrika usw., müssen die dort wirksamen Hilfsorganisationen die Arbeit übernehmen. Bei Besprechung des Budgets wurde darauf hingewiesen, daß weitaus die Hälfte der Aktionen des ICd. J.D. in der Bekämpfung der Pogrome und Ab- Wendung von Massenkatastrophen, insbesondere von Massenaus.weisungen, bestanden. Es bestehe daher eine moralische Berechtigung für die Inanspruchnahme von Geldern der Hilfskomitees. Aus diesem Grunde wurde beschlossen, daß die Hälfte der für das Komitee erforderlichen Summen von einer Reihe von Hilfsorganisationen, denen im Rahmen der Plenarsitzungen auch eine gewisse Kontrolle einzurinimcrt wäre, geleistet werden müsse. Dieses Prinzip solle als Grundlage für die Deckung des jährlichen Budgets angenommen werden, das mit Rücksicht auf die geplanten Erweiterungen de< Arbeit auf 600 000 franz. Franken beziffert wurde. Von der Zionistischen Organisation soll zirka ein Viertel des Budgets in der Höhe von 3000 Pfund verlangt werden, während die anderen Delegationen den Rest zu decken hätten. An Ort und Stelle erklärten sich zahlreiche Vertreter aus Osteuropa zur Ucbcrnahmc gewisser finanzieller Verpflichtungen bereit. In Verbindung mit dieser Debatte wurde der Wunsch sanktioniert, daß die Vertretung in Genf weiter ausgebildet werde und die Beziehungen der Pariser Vertretung zu den Lokal- Organisationen festere Form an nehmen. Mehrere Vertreter verpflichteten sich, zu diesem Zwecke spezielle Reisen zu unternehmen, nachdem sie sich in dieser Plenarsitzung noch mehr davon vergewissert hatten, daß das K. d. J. D. im politischen und rechtlichen Leben der Juden ein außerordentlich wichtiger Faktor geworden sei. Zum Schlüsse kamen noch verschiedene Verwaltung«• fragen zur Sprache. Da der Generalsekretär zum Mitglied der zionistischen Exekutive gewählt wurde und daher nicht mehr in der Lage sein wird, innerhalb des Komitees seiner Aufgabe w׳ie bisher nachzukwmmen, wurde zunächst ein stellvertretender Generalsckretär, Aleinikoff, gewählt. Die für den Dezember vor gesehene Plenarsitzung soll dann die Entscheidung über die Verwaltungsfragen und die künftige Zusammen- Setzung des Komitees treffen. Vertreter des Ministeriums des Innern fm Arbeiterfürsorgeamt in Berlin yertreter des Ministeriums des Innern besuchten kürzlidi die Institutionen des Arbeiterfürsorgeamtes. Außer zwei hohen Beamten des Ministeriums war der erste Direktor der Landesgrenzpolizei erschienen. Die Herren besichtigten nach eingehender Rücksprache im Generalsekretariat des Arbeiterfürsorgeamtes die Abfertigung und Durchreisekornmission, ferner wurde die Nähstube des Arbeiterfürsorgeamtes besichtigt, sowie das Zufluchtsheim in den Räumen des alten Krankenhauses in Augenschein genommen. An den Besuch der Räume des Arbeiterfürsorgeamtes in der Auguststraße schloß sich eine Inspektion des jüdischen Fiüchtlingsheims des Arbeitcrfursorgcamtcs in der Wiesenstraße. Die Herren unterrichteten sich eingehend über die vom Arbeiterfursorgeamt getroffenen hygienischen Maßnahmen und über acn Erfolg in der Eindämmung von ansteckenden Krankheiten. Wie wir hören, war man allerseits von dem Ergebnis des Besuches außerordentlich befriedigt

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