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Jüdische Rundschau · 1921-09-09 · Heft 72 (9.9.1921) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXVI (1921)
Issue
Heft 72 (9.9.1921)
Date
1921-09-09
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Für T»chechoslowakeii Poataparkaasenamt Prag־, Konto Nr. lki^M — Redaktionuchluß Sonntag und MiltwcHii eatiimitteg. *־*־ ף אלול. תרס״א | *xv> Jahrg. Der Zionismus erstrebt IQr das JQdlsche Volk die Schaffung einer Öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte In Palästina. ״Baseler Programm.‘• Das Vertrauensvotum (Telegramm unseres Berichterstatters.) Karlsbad, 8. September. Dienstagmlting schritt der Kongreß zur Abstimmung fcber das Vertrauensvotum. Ein Antrag der Linksparteien erhielt mir 58 Stimmen. Die Fassung der großen Parteien wurde 1111 34S S t i m!11 e!1 a 11 g c n o m nt c n. Die Resolution hat folgenden Wortlaut: Der Kongress spricht den Präsidenten Chaim Weizmann und Nahum Sokolow Dank und Anerkennung für ihr politisches Wirken aus und erwartet, dass die Errungenschaften Ihrer Arbeit, der Kabinettsbeschluss der brltischen Regierung vom 2. November 19:7 (Balfour-Deklaratlon) und der Beschluss von San Remo in Erez-Israel bald ihre volle Verwirklichung finden werden. Der Kongress erteilt der Exekutive mit dem Ausdruck des Dankes die Decharge. Während der Auszählung wurde die H a t i k w a h gesungen. Brausender Beifall folgte der Verkündigung. Dienstagnacht erstatteten Prof. W a r b u r g, Dr. Soskin und Eder ihre Palüstinareferatc. Mittwochvormittag arbeiteten die großen Kommissionen. Nachmittags setzte die P a 1 ä s t i n a - D c b a 11 e ein. Es sprachen T r i e t s c h, W i 1 k a 11 s k i, Dyk, O e 11 i 11g c r und Joffe. Nachts wurde die Debatte fortgesetzt 1b der politischen Kommission bcrichtctc Weizniann in zweistündiger Rede. Der Permanenzausschuß beginnt von neuem die Bearbeitung der Frage der zukünftigen Leitung. Von neuen Kandidaturen steht bisher nur die von Georg Halpern im Vordergrund. Nach der Generaldebatte RW. Karlsbad, 6. September. Der erste Abschnitt des Kongresses ist vorüber. Die Generaldebatte wirr de heute früh um 2 Uhr geschlossen und die Vormittagsitzurvg hat bereits zum nädisten Stadium übcrgeleitct, zur nüchternen, praktischen Arbeit. Dr. Ruppin hielt sein Referat über Kolonisation, und in der heutigen Abendsitzung werden die Palästinareferate weitergeführt werden. Inzwischen halten am kongreßfreien Nachmittag bereits die Konimissionen ihre konstituierenden Sitzungen ab. Es wurde eine politische und eine Organisationskommission von je OO Mitgliedern, eine Finauzkommission von 120 Mit« gliedern und eine Palästinakommission von ISO Mitgliedern eingesetzt. Die beiden letztgenannten Kornmissionen werden sich in Subkonimissionen teilen. Bei der Abstimmung über das Absohitorium gab ca noch einen kleinen Zwischenfall. Der ״Block der allgemeinen Zionisten“ hat sich mit dem Misrachi auf eine Formel geeinigt, ohne mit den linken Parteien m Fühlung zu treten, so daß diesen Fraktionen die Möglichkeit genommen war, zu dem Antrag der Mehrheit rechtzeitig Stellung zu nehmen. Als daher nach der Schlußrede Weizrnaiins, Dr. Soknvcitschik den Antrag der Mehrheit cinbrnchte, stellte Kapkmsky (Poale- Zion) den Antrag auf Vertagung der Abstimmung, damit der ganze Kongreß zu dem Vorschlag Steifung rühmen kann. Der Antrag wurde von der Mehrheit abgclchnt, trotzdem die von Del. Grünhaum befragte Exekutive selbst für die Vertagung eingetreten ist. Daraufhin gab zunächst Kaplansky die Erklärung ab, t,a*L_r,s,;>nc Fraktion sich der Stimme enthalten und in der nächsten Sitzung ihre Stellungnahme er« klären wird. Als dann Kaplan (Hitachdirth) gleichfalls eine veränderte Derf1argcrc90hrtion verschlug und zu ihrer Begründung das ״Wort ergriff, erliob sich auf der Rechten ein großer Lärm, offenbar dadurch hervorgerufen, daß der Redner sich nicht auf Verlesung beschränkte, sondern eine Rede zu halte!» versuchte, was zweifellos eine Ungeschicklichkeit gewesen ist, Besonders der Misrachi tobte eine volle Viertelstunde, während welcher die Exekutive den Saal verließ. Als endlich durch Eingreifen der Misrachiführer die Ruhe wieder hergestellt wurde, griff auf Grund der inzwischen er• folgte» Besprechungen Meier-Bcrffri (Misrachi) selbst den Vertagungsantrag auf, der sodann mit großer Mehrheit angenommen wurde. ln der heutigen Vormittagsitmng wurde die Ab- Stimmung durchgeführt. Der Block ״Allgemeine“ Misrachi schlug jetzt eine andere Resolution vor, die nicht nur, wie die erste, Weizmauu und Sokolow für ihre politische Tätigkeit dankt, sondern auch der übrigen Exekutive das Vertrauen ausspricht. Die Poale- Zion und linken Zeirc-Zioii gaben Erklärungen ab, daß sie sich der Abstimmung enthalten. Die ״Hitachduth“ stellte einen Dechargeantrag, der Wcizinatm und Sokolow Dank und Anerkennung für ihre politischen Lcistungen ausspricht, die guten Intentionen der Leiter der Kolonisationsarbeit anerkennt und im übrigen konstatiert, daß die heutige Lage der Bewegung beweist, daß cs nicht gelungen ist, die politische Chance auszunutzen und die Kräfte des Volkes zu mobilisieren. Der An* trag des Blockes wurde mit überwiegender Mehrheit angenommen. Die Generaldebatte hat in ihrem zweiten Teil nichts Wesentliches zutage gefördert. Es sprachen die Redner der kleineren Gruppen, während das Interesse des Kongresses rasch erlahmte und manche Redner vor halblccrcm Saat sprechen mußten. Nur wenige Redner vermochten noch Aufmerksamkeit zu erzwingen; unter ihnen war Kurt Blumenfeld, der Sprecher der deutschen Landsmannschaft, dessen Rede starken Eindruck machte. Von der Exekutive sprach zunächst Jabotinsky, der einen wenig glücklichen Tag hatte und dessen Rede, von einem großen Teil des Kongresses als schwerer politischer Fehler empfunden wurde. Starke Wirkung machte das Auftreten Ruppins, der sich würdig und sachlich mit Simon und de Licmc auscinandersetzte. In der gestrigen Nachtsitzung endlich sprachen Ussisch« kin, Sokolow und Weizmann. Ihre Reden waren vor allem den Angriffen Simons und de Liemes gewidmet Sokolow und Weizmann haben auch über die politische Situation gesprochen, den ganzen Emst der Lage dar« gestellt und auf die großen Fehler hingewiesen, die im eigenen Lager geschehen sind und unsere politische/ Situation schwächten. Sokolow und Weizmann wurden beide mit kolossalen, langandauemden Ovationen emp* fangen, die sieh nach Weizmanns Rede zu einer großen Kundgebung des Kongresses steigerten. Bis 2 Uhr nachts waren Saal und Galerie über« füllt. Dann löste sich allmählich die Spannung. Der Kongreß beginnt mit der Arbeit für die Zukunft. Dritte Sitzung (Freitag, den 2. September 1921, vormittags.) Vorsitzender Motzkin eröffnet die Sitzung um 1All Uhr vormittags. Die Rede de Lietncs de Lie nie: Ich habe mich sehr schwer entschlossen, hier vor ihnen zu sprechen. Ich fühle mich aber dazu gezwungen, weil die Exekutive gegen das Statement der Brandcisgruppc eine Erklärung veröffentlicht hat, von der man nur sagen kann, daß, wenn irgend eine Exekutive ihre Uninforiniertheit und Ignoranz in dem in Betracht kommenden Material beweisen will, sie diese Erklärung zum Muster nehmen kann. Ich will nur erwähnen, daß wichtige Dokumente fehlen, zum Beispiel die Resignationsbriefe von Brandeis, Simon und mir, die Dokumente über den Ankauf der Ländereien von Emek Jcsrcel. Es heißt nicht führen und leiten, wenn man Verhältuissc sieh entwickeln läßt, gegen die man nachher revoltiert. Man muß eben vorher dafür sorgen, daß solche Umstände nicht eintreten. Gouverner c’est prevom־. Die neuen Ideen des Keren Hajcssod haben unseren ganzen Sammclapparat zerstört. Das war unglücklich und verwirrend. Ich habe bereits vor der Jalireskonfercnz die Exekutive gewarnt, daß auf diese Weise chaotische Zustände entstehen werden und Geldquellen versiegen werden,!ohne daß wir neue schaffen können. Ich habe Hern» Dr. Weizmann meine Ansicht vorgebracht, daß ich den Herren des Keren Hajcssod dessen Leitung nicht anvertrauen wollte. Ich habe deshalb nadigegeben, weil er meinte, daß nur zwei Leute in Amerika bei russischen Juden zehn Millionen Dollar in kurzer Zeit zasatnmenbringen könnten. Bis jetzt habe ich die zehn Millionen Dotta׳r noch nicht gesehen. Ich habe, bereits am 23. August 1920 mein Mandat zur Verfügung gestellt. Aus derselben Ursache, wie cs später geschehen Ist. Nur auf Drängen Dr. Weizmanns tobe ich diese Resignation zurückgezogen, Ich glaube, daß ich trotz der Antwort der Exekutive Auf das Statement ein guter Zionist geblieben bin Ich hoffte, daß eine Exekutive nur dam» wagen kann, nach so vielen kongneßlosen Jahren vor unseren! Kongresse so aufzutreten, wie sie cs nun tut, wenn sie große politische Erfolge aufzuweisen hat. Sprechen wir aber nun über die Lage. Wir haben einen politischen Bericht, der uns auf meisterhafte Weise den ganzen Gang der Ereignisse schildert. Aber wir sind nicht zum Kongreß gekommen, um das zu vernehmen. Wir dachten, daß unser Präsident in seiner Mitteilung seine Ansicht über die politische Lage auscinandersetzen wird. Die Exekutive nimmt aber nur polemisch und dialektisch Stellung. Erst nach Anhörung der Generaldebatte wird wahrscheinlich d:e politische Ilombc platzen. Damit wird der Kongreß aufgchalten und cs ist kein parlamentarisches Verfahren. Es ist eine Phrase, daß man der Exekutive Schwierigkeiten macht — ich bin auch imstande, dies zu tun, ich mache mir eine Ehre daraus, ü» Opposition zu treten — cs ist aber keine Opposition, za sagen, daß wir eine solche Rede heiß erwünscht haben. Weizmann hat in seiner Rede nm unrichtigen Platze den silent leader imitiert. Unsere Politik ist eine Fassadenpolitik geworden. Wir haben nichts Neues au fz 11 weisen. Wir meiden Bestätigungen von bestätigter» Bestätigungen der Balfour-Deklaration. Die Mandatsfrage wird immer kontrovers sein. Sagen muß ich aber, daß in der ersten Periode des Kontrakts mit der englischen Regierung die Beziehungen stärker waren als heute. Wie steht es aber heute mit der Verwirklichung des Mandates in Palästina? Es lut Peßachpogrome in Jerusalem gegeben. Ich sage das nicht, weil ich in der Opposition bin. Als ich von Palästina damals zurückkehrtc, halte ich in derselben Weise gesprochen. Es war eine Schmach, wie wir sie vorher nie erlebt hatten. Wir haben Forderungen auigestellt, von denen kein Punkt erfüllt wurde. Aber San Remo haben wir gefeiert. Die Zionist Commission sieht nichts, weiß nichts verhindert nichts und sitzt dabei. —Wie-sieht cs nadi so vielen Jahren diplomatischer Tätigkeit in Paris mit der Grenz frage aus? Uni dic Nordgrenze streiten Großmächte. Wir verstehen, daß hier nicht alles nach unserem Wunsch gehen kann, Dic ökonomisch vielleicht ebenso wichtige, politisch viel wichtigere Ostgrenze ist kein Streitobjekt der Großinächte. Hier sind unsere Beunruhigungen gerechtfertigt. Nur Weizmann kann diese Sache durchführen. Er mußte aber nach Amerika verreisen. Herr Gowen und Landman haben bei Churdiülinterveviert; ohne ihnen nahetreten zu wollen, sie haben nicht die politische Reife, als daß sie uns in dieser kritischen Zeit repräsentieren könnten. Noch zwei Probleme sind zu erörtern: das j ü - dische Regiment und die arabische Politik. Ich möchte wisset», ob es der Exekutive mit dem jüdisehen Regiment Emst ist. Ich zweifle daran. Ich kann verstehen, obzwar ich ein Gegner bin, daß man das jüdische Regiment verbirgt, obwohl die Mandatniacht die Aufgabe hat, für dic Sicherheit der Bürger zu sorgen und obzwar das die elementarste Aufgabe jeder Kegierungsmacht ist, die, wenn sie es nicht kann, beweist, daß sie zur Regierung nicht reif ist. Wenn Sie aber das Regiment fordern, so müssen sie entweder Vertrauen zum englischen Oberbefehl haben oder nicht. Es nützt Ihnen nichts, jüdische Soldaten und Offiziere zu haben. Ich bin auch gegen dic Art der Propaganda für das Regiment. Wir kennen alle Argumente: Imperialismus, Militarismus usw. Gesagt hat man aber, das Wesen der Sache liege daran, daß der englische tax-paycr nicht zahlen wolle. Dem kommen wir entgegen. Dieses Entgegenkommen halte ich für ungemein gefährlich. Es wird uns 90 viel Geld kosten, daß wir auf eine schiefe Ebene geraten. Ussisch kin habe ich den Vorwurf zu machen, daß er gegen das Regiment spricht und trotzdem in diesem Ministerium verbleibt. Ich frage als Kaufmann, wieviel soll uns das Regiment kosten? Wir werden dreimal so viel für den Keren Hajcssod aufbringen müssen, wenn wir 150 000 Pfund für die Armee bezahlen müssen. Auch in der arabischen Frage habe ich Antragen an dic Leitung zu steilen. Die Sache ist die: es gibt eine kleine Gruppe Araber, die nationalistisch sind und die haben eine große Gruppe aufgehetzt uml mitgeschleppt. Mit dieser kleinen Gruppe werden wir uns nicht verständigen. Sie wollen das umgekehrte von dem, was wir wollen. Wir wollen Palästina so jüdisch haben wie England englisch ist, und sie wollen Palästina so arabisch haben wie England englisch ist. Sie haben den Vorteil, daß ein Teil Palästinas schon arabisch ist. Meine Auffassung ist Ln diesem Falle die von Brandeis, die der Weizmanns gegenüberstcht. Nicht, daß keine Ifolitik mciir gemacht werden soll, sondern die, daß wir uns nur 90 entwickeln können, wenn wir eine ökonomische Ue berzeugungspolitik einschlagcn, wenn wir Dinge und Bedingungen in Palästina schaffen und aus dem Geschaffenen weitere politische Rechte entwickeln Das primäre muß die ökonomische Politik sein, nicht das Diplomatisierca Warum keine Brücke zwischen den beiden Gegensätzen geschlagen weiden kam», sehe ich nicht ein.

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