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Jüdische Rundschau · 1921-09-02 · Heft 70 (2.9.1921) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXVI (1921)
Issue
Heft 70 (2.9.1921)
Date
1921-09-02
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Teiepboo: Ulkend MS 0,615. Poetsdteddeent•! Perün Nr. 17392. Pur Oesterreich. Po*t'parkut«enamt Wie®, Konto Nr, 156 (WO, Für Tichwhodowskri: Pe»t»parkeesenemt Prsy, Konto Nr. 156<330. — Kcd*kU0B»fcd1iu$ Sonntag und Mittwoch D«abm!tUg. ׳־ •K״r״r כס׳ אב׳ j xxv! jahrg. Der Zionismus erstrebt fOr das Jüdische Volk die Schaffung einer Öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte In Palästina. ״Baseler Programm.'* Zur Eröffnung R.W. Berlin, den 31. August. Morgen wird in Karlsbad der Xil. Kongreß eröffnet. Zum ersten Male, seitdem Herzl dem jüdischen Volke ein Ausdrucksorgan seines Willens geschaffen hat, ist eine Unterbrechung von acht Jahren zwischen zwei zionistischen Kongressen eingetreten. Ungeheure Umwälzungen sind in der allgemeinen Welt und in der jüdischen Welt geschehen. Der Zionismus ist aus der großen Weltkatastrophe unversehrt hervorgegangen und nach langen Hindernissen tritt nun auch der Kongreß wieder zusammen, der legale Zustand ist wiederhergesteilt. Der Weltkrieg hat für den Zionismus eine politisch glückliche Konstellation geschaffen, und cs wurden [»litisclie Erfolge erzielt, von denen sich der XI. Kongreß nicht im entferntesten triiumen ließ. Gleichzeitig aber ist eine so beispiellose Katastrophe über das jüdische Volk hereingebrochen, gleichzeitig sind unsere nationalen Kräfte so sehr erschüttert, unser Volk so entnervt und ruiniert worden, daß wir keinen Anlaß zur Freude und Triumph haben. Der Kongreß wird in einer Stimmung bittersten Ernstes zusammentreten. Er muß fühlen, daß die entscheidende Frage unserer Existenz heute nicht in diesem oder jenem Erfolg oder Mißerfolg liegen kann, sondern ausschließlich in unserer eigenen Kraft. Noch nie war die Situation für den Zionismus so günstig, noch nie war sie so schwierig, im Vordergrund des Interesses wird zweifellos unsere politische Lage stehen. Der Kongreß wird als das kompetente Organ zu der bisher nicht offiziell autorisierten Führerschaft Weizmanns und Sokolows Stellung nehmen müssen. Wir werden in dieser Stunde uns zu erinnern haben, was diese beiden Männer für die zionistische Sache geleistet haben. Der Kongreß wird nicht nur aus Pflicht, sondern aus wahrem Bedürfnis den Dank und die Bewunderung für die Männer aussprechen, die in so schwerer Zeit unser politisches Geschick gelenkt haben und denen es gelungen ist, den Zionismus in einer nie geahnten Weise politisch zur Geltung] zu bringen. Aber man muß dann auch gestehen, daß man nach der Balfour-Deklaration eine Zeitlang übertriebene Hoffnungen im Volke genährt hat, die insofern demoralisierend wirkten, als das Volk eine Weile vergessen hat, daß der Aufbau Palästinas seine eigene Aufgabe ist und nur von ihm selbst vollbracht werden kann. Die alte Un- Selbständigkeit unseres politischen Denkens machte sich darin gellend, daß wir meinten, England, das uns seine Unterstützung versprochen hat, wird mm auch die Hauptarbeit für uns machen und die Juden werden in das bereitstehende nationale Heim eütziehen können. Dies war ein verhängnisvoller Irrtum. Nur er ist die wahre Ursache nicht nur unseres wirtschaftlichen und finanziellen Versagens, sondern auch der im letzten Halbjahr entstandenen politischen Verwirrungen. Denn unsere ganze politische Weisheit, die sich auch bei den verschiedenen Tagungen zeigte, bestand darin, daß wir in den verseiliedensten Tönen immer wieder England an sein gegebenes Versprechen erinnerten. Wir hätten statt dessen eine ganz andere Politik machen müssen, eine aktive Politik, die uns selbst unmittelbare Möglichkeiten in Palästina sichert. Wir hätten als unsere allererste Aufgabe betrachten müssen, mit der Landesbevölkerung zu einem Einvernehmen zu kommen, wir hätten den fraglos günstigen Moment dazu benützen müssen, um Be- Ziehungen anzubahnen und Sicherheiten zu schaffen, die uns von der Hilfe der Mandatarmacht unabhängig gemacht hätten. Statt dessen glaubten wir uns schon auf das hohe Roß setzen zu können und leider gibt es auch zionistische Kreise und Strömungen, die auf Grund der Balfour-Deklaration bereits die Rolle einer ״herrschenden Nation“ in Palästina spielen wollten. Auch jetzt noch kennen wir gewöhnlidh kein anderes politisches Mittel, als den ״Protest“ und suchen bei allen Komplikationen Tagesordnung des XII. Zionistenkongresses Karlsbad, den 1. bis 11. September 1921 Dritter Tag; Sonntag, den 4. September, 10 Uhr vorm. — 5. Sitzung. 10. Palästina-Referat: l. Oekonomische Aufgaben, Referent Dr. Arthur Ruppia 10a. Palästina-Referat: Ia. Landwirtschaftliche Kobnisationsmöglichkeiten, Referent: Herr De. S. E. Soskin. 11. Palästina-Referat: II. Immigration, Referent Df. M. D. Eder. 12. Palästina-Debatte. « Vierter Tags Montag, den 5. September, nachm. 3 Uhr — 6. Sitzung. 13. Palästina-Referat: III. Jüdischer Nationalfonds, Referent Prof. Otto JJ/arbu rg. 14. Palästina-Referat: IV. Erziehung, Referent Dr. M. Lurie. 15. Palästina-Debatte. Fünfter Tag: Dienstag, den 6. September, nachm. 3 Uhr — 7. Sitzung. 16. Fortsetzung und Abschluß der Palästina-Debatte. Sechster Tag; Mittwoch, den 7. September, nachm. 3 Uhr — 8. Sitzung. 17. Finanzen und Finanz-Institute der Zionistischen Organisation, Referent Joseph Cowen. 18. Bericht der Revisoren. 19. Finanz-Debatte.?.0. Bericht der Finanz-Kommission und Abstimmung der Resolutionen. 21. Bericht der Palästina-Kommission und Abstimmung der Resolutionen. Siebenter Tag: Donnerstag, den 8. September, nachm. 3 Uhr — 9. Sitzung. 22. Organisationsreforat: Referenten Richard Lichtheim und Louis Lipsky. 23. Organisations-Debatte. Achter Tag: Freitag, den 9. September, 10 Uhr vorin. bis 5 Uhr nachm. — 10. Sitzung. 24. Keren Hajessod: Referenten Dr. Feiwel und A. J. Naiditsch. 25. Debatte über Keren Hajessod. 26. Bericht der Keren Hajessod-Kommission und Abstimmung der Resolutionen. Neunter Tag« Sonntag, den 11. September, 10 Uhr vorm. — 11. Sitzung. 27. Bericht der Politischen Kommission und Ab- Stimmung der Resolutionen. 28. Bericht der Organisations-Kommission und Ab- Stimmung der Resolutionen. Nachm. 3 Uhr — 12. Sitzung. 29. Bericht der Permanenz-Ausschusses. 30. Wahl der Exekutive, de9 Actlons-Comitds, des Kongreßgerichtes, Ehrengerichtes, Kongreß- Anwaltes und der Revisoren. 31. Schluß des Kongresses. Schutz hinter den Rockschößen der englischen Regierung. Der Kongreß muß das Ende dieser Politik bedeuten. Er muß uns auch politisch wieder mündig und aktiv machen, d. h. er muß eigene Initiative, eigene jüdische politische Ideen erweisen. Wir halten es für die Hauptaufgabe des Kongresses, daß er ein entschiedenes Wort der Verständigung an das arabische Volk spricht. Der Kongreß muß unzweideutig darkgen, daß wir nicht mit Herrschaftsansprüchen nach Palästina kommen, weil wir ein Herrschaftsverhähnis zwischen zwei Völkern überhaupt verabscheuen. Er darf es aber nicht bei Erklärungen bewenden lassen, die von den Arabern mit Recht als Phrasen angesehen werden könnten. Er muß vielmehr dem arabischen Volk völlige Sicherheit anbieten, daß Palästina ein binationaler Staat, ohne ״Majoritäts“- und ״Minoritäts"volk werden soll, daß uns selbst der zweite Teil der Balfour- Deklaration, der von den Rechten der Araber spricht, ebenso bindend erscheint, wie der erste Teil, und zwar nicht nur weil er in der Balfour- Deklaration steht, sondern weil wir darin eine moralische Notwendigkeit sehen. Der Kongreß■ muß durch eine solche Erklärung endgültig jeden Verdacht des Imperialismus von sich abtun und dadurch vor der Welt für die gerechte Sache des Zionismus zeugen. Er muß konsequenterweise alle diejenigen Projekte verwerfen, welche nicht nur eine Provokation der Araber bedeuten, sondern auch den Zionismus als nationalistische, auf gcwaltsatne Verdrängung der Araber gerichtete Bewegung erscheinen lassen. Dazu gehört unseres Erachtens vor allem der Plan einer jüdischen Legion, die nicht nur das ungeeignetste Mittel zur Auirechterlialtung der Ruhe in Palästina wäre, sondern auch unsere Sache als eine ungerechte Sache erscheinen ließe. Alle unsere Versicherungen über unsere Bereitschaft zu friedlichem Zusammenleben und Verständigung mit den Arabern werden desavouiert, wenn wir gleichzeitig di« gepanzerte Faust zeigen. Wenn es dem Kongreß gelingt, eine durchgehende Aenderung auf dem Gebiet unserer Araber* Politik zu bewirken, so hat er eine große Tat vollbracht. Sein Wort wind in die großen jüdisehen Massen hinauswirken. Das Wort muß gewichtig und überlegt sein und erfüllt von dem großen Ernst der Stunde und der Schwere der Verantwortung. Der Kongreß muß sich hüten, in leere Begeisterung und Hurranationalismus auszualten. Begeisterung ist in diesen letzten acht Jahren wohlfeil geworden und sie gilt leider öfter schlechten als guten Sachen. Der Zionismus selbst hat schon genügend Schaden davon gehabt, daß leere Begeisterung seinen Versammlungen das Gepräge gab. Das Problem der aufbauenden Arbeit in Palästina selbst kann seiner ganzen Natur nach auf dem Kongreß nur in großen Richtlinien erörtert werden. Es wird zweifellos eine große Aussprache über die bisherigen Methoden unserer Arbeit stattfinden. Außerdem wird der Kongreß das Budget der nächsten Jahre zu bewilligen haben. Darüber hinaus hingt wohl alles davon ab, welchen Männern in Zukunft die Verantwortung für das Kolonisationswerk übertragen wird, und welche Mitarbeitet sie zur Verfügung haben werden. Im Zusammenhang damit wird der Kongreß die Frage der Finanzierung nochmals genau prüfen und ein System der Geldaufbringung festlegen müssen, das dann von keiner Seite Störungen ausgesetzt ist Wir sind der Ansicht, daß der Gedanke des Keren Hajessod als des nationalen Kapitals auf diesem Kongreß neuerlich festgelcgt und genau umschrieben werden muß. Es muß dafür gesorgt werden, daß eine Störung der Keren Hajessodaktion nicht möglich ist Es muß auch ein System der Immigration aufgestellt werden, und die Frage der Finanzierung der Immigration zufriedenstellend gelöst werden. Darüber hinaus hat der Kongreß vor aßem die zerrüttete Organisation wiederherzustellen. Die Frage der Organisation ist aber nicht nur eine Frage der Parteimaschine. Ohne starke, geistig erfüllte, von lebendigen Impulsen getragene Bewegung kann die Organisation nicht leben. Sie erstarrt dann zu einem leerlaufenden Apparat und die besten Kräfte des Volkes gehen ihr naturgemäß verloren. Wir dürfen uns nicht verhehlen, daß die Zionistische Organisation leider eine gewisse Entwicklung in dieser Hinsicht schon begönne!» hat. Ihre Existenzfrage ist es aber, ob sie den Weg zum Herzen des Volkes zurückfindet Die Idee darf nicht von der Organisation gelähmt werden. Der Kongreß ist eine Gelegenheit, bei der sich die Kraft und die Reinheit der Idee mit aller Macht erweisen kann. Hoffen wir, daß dieser Kongreß eine neue Epoche in der zionistischen Entwicklung einleiten wird. In diesem Sinne begrüßen wir den Kongreß.

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