Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXVI (1921)
- Issue
- Heft 69 (30.8.1921)
- Date
- 1921-08-30
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 494 j IJ EDI SCH E RUNDSCHAU Nr. 69 ständig in einem engen Kontakt mit der zionisti- ן sehen Bewegung־ und den Strömungen im jüdischen Volke steht. Das verlangt, daß sic sich in einem Lande befinden nitiß, in dem der Zionismus lebendig ist und bewegungs- und kraftbildend auftritt. Wir müssen konstatieren, daß dieses Erfordernis fair London nicht zutriüt. Diejenigen, die die Arbeit für den Keren Hajessod gemacht haben, wissen, wie sehr die besten Bemühungen darunter gelitten haben, daß London gerade bei der Keren Hajessod-Aktion nicht die Wirkung zu erzielen vermochte, die der Initiative und Energie der Loniioner Stellen entsprach. Es wäre falsch, dieses bedauerliche Resultat auf mangelhafte Einrichtung der Londoner Zentrale zurückzuführen. Was die Wirkung ihrer besten Kräfte und intensivsten Anstrengungen aufhob, w׳ar die Eigenschaft des Platzes London. Zweifellos ist für die politische Arbeit die Zentralisierung der Leitung in London notwendig, ebenso wird die buchmäßige Verwaltung der i'iuanzinstitute, die ja großenteils in London inkorporiert sind, am Sitze der Leitung zu erfolgen haben. Auch ist es inzwischen wohl für jeden klar geworden, daß die Verwendung der für Palästina bestimmten Gelder ausschließlich von Palästina angeordnet werden kann. Daneben aber muß festgestellt werden, daß für alle jene Arbeiten, die nicht auf politischen) Kalkül und nicht auf geschäftsmäßiger Berechnung beruhen, für jene Aufgaben der Zionistischen Organisation, die die Auslösung der Stimmung, die Aufrüttelung der Gemüter, die Aufbringung der Gelder zum Ziele haben, ein Zentrum vorhanden sein muß, das dauernd und intensiv von zionistischen Quellen gespeist wird. Das ist in London nicht der Fall. Der Zionismus in England hat sielt bisher als wenig leistungsfähig erwiesen, dir Zionistische Organisation in England ist keineswegs so gut begründet und die zionistische Idee ist in England durchaus noch nicht so tief in die Herzen und die Köpfe cingedrungen, daß der englische Ziouismus schon berufen sein könnte, Träger und Zubringer eines zentralen Leitungsapparates zu sein. Der Einfluß des englischen Zionismus auf den Gesamtzionismus ist deshalb sehr gering, und daher kommt es, daß die Leitung heute in London immer noch fast wie auf einer einsamen insei sitzt. Wir treten unseren bewährten englischen Gesinnungsgenossen nicht ־zu nahe, wenn wir diese Tatsachen feststellen. Aus ’ihrer Umgebung fließt der Leitung in London fast nichts an Ideen, fast nichts «an Bewegung, kaum etwas an aktiven Kräften zu. Und wenn dies für die politische und für die rein finanzteclmischc Arbeit erträglich ist und auf diesen Gebieten weniger in Erscheinung tritt, so erweist sicli die Isoliertheit der Zentrale in London für alle Aufgaben, die «auf dem Gebiete der Bewegung liegen, zweifellos als ein schweres Hemmnis für ihre Leistungsfähigkeit. Dazu kommt die geographische Lage Londons und seine Entfernung von den Zentren der jüdischen Massen. Nach London kommt höchstens Besuch aus Osteuropa, bestenfalls ein schwacher Abglanz der geistigen Strömungen, die die jüdischen Massen beherrschen. Dazu kommt der ungünstige Einfluß, den die Politik an einem solchen Platze auf stimmungsgemäße Aktionen einerseits und auf Geldaktionen andererseits ausüben muß. An einem Platze, wo, wie in London, alle Schwankungen politischer Natur ungehemmt durch einen größeren mitarbeitenden, aufnehmenden und verarbeitenden Kreis direkt auf die Aktionen ausstrahlen, müssen diese in einem höchst ungesunden Maße von jenen Schwankungen abhängig werden. Wir haben gesehen, wie das Direktorium des Keren Hajessod in den Widerstreit der politischen Meinungen hineüigezogen worden ist, und es ist klar, daß dies ihm jene lebendige und freie Schlagkraft nehmen mußte, die eine Bewegung von der Größe der Keren Hajessod- Aktion verlangt. Tatsächlich ist der Londoner Keren Hajessod-Apparat (wir erinnern z. B. an das sehr zu beklagende langsame Einsetzen der Keren Hajessod-Aktion in der ganzen Welt) nicht zum wenigsten dadurch gelähmt worden, daß die Aktion für den Keren Hajessod Ln der Zentrale unter den Einflüssen der außen- und innerpolitischen Wechselfälle stand, die eben in London sich in all zu engen Kreisen auswirkcu müssen und daher einen viel schärferen Charakter annchnten. als es anderswo der Fall wäre, wo ein lebendiges jüdisches Zenvrum als elastische Resonanz vorhanden Ist. Vielleicht kann die Agitation in englischsprechenden, vom englischen Geiste .abhängenden Ländern nur von London aus geschehen. Andererseits ist zu bedenken, daß London aber auch auf Amerika bisher keinen Einfluß gewinnen konnte, und daß die große Entfernung Londons und sein mangelnder Kontakt ■mit den Stimmungen und VerhältiiLsscn im amerikanischen Judentum nicht zum ,־ wenigsten ,die merkwürdige Unsicherheit gegenüber I dem amerikanischen Zionismus verschuldet haben, ' die für die Haltung der Exekutive der amerikanischeu Krise gegenüber so bezeichnend war. 1 Gewiß ist, daß die Agitation jeglicher Art auf > dem europäischen Kontinent, zum mindesten in! allen Ländern östlich des Rheines von London J aus nicht genügend intensiv und den regionalen; Verschiedenheiten angepaßt betrieben werden kann, j Mau kann von London nicht schnell genug und oft j genug nach diesen Ländern kommen, und diese j Länder ihrerseits können nicht so oft und so häufig! Vertreter .nach London senden wie es nötig wäre. | Dazu kommt die schwere Frage der Valuta. London : als Apparat ist für die europäischen Länder mit; schlechter Valuta in jeder Hinsicht zu teuer. Es! bliebe zu ׳untersuchen, ob nicht Palästina als Zen- J treffen sich während der Messe allabendlich im Sekretariat der Ortsgruppe, Keilstr. 411• Besprechung der zionistischen Tagesneuigkeiten * Gemütliches Beisammensein * Heitere Veranstaltungen * Kaltes Büffet. EIPZIGER HESSE trum der Exekutive London vorzuzichcn wäre. Wir haben bereits darauf hingewiesen, daß die Bestimmung über die Verwendung der Gelder, die { in Palästina ansgegeben werden sollen, nur von! und in Palästina geschehen darf. Man kann sich j auch leicht vorstellen, daß «allmählich und in i wachsendem Malle Ressorts der Exekutive nach Paj!ästina übersiedeln, .Daß das politische Ressort in | London bleiben muß, ist klar. Für die Bewegungsi rcssorts, also Organisation, Propaganda, Gekiauf- 1 bringnng trifft alles, was hier wegen London gci sagt wurde, in erhöhtem Maße auf Palästina zu. j Noch ist die rein organisatorische Kraft des jü-; dischen Palästina viel zu gering, um auf die Welt i ausstrahlen und Energien dorthin abgeben zu j können. Die Entfernung von den Ländern des Galuth ist zu groß, um die Innigkeit der persön- ן liehen und technischen Verbindung zu erwirken, j die für das Gelingen jeder Aktion von entscheidenj der' Bedeutung ist. Die Aktualitätsmomente aber I spielen natürlich in Palästina eine noch größere Holle als in London, ln Palästina ist cs vorderhand noch unmöglich, Arbeiten unbeeinflußt von den Vorkommnissen des I nges auf lange Sicht hinaus anzulegen mul das System nicht dauernd von den Forderungen der Stunde abhängig zu machen. Uns scheint, daß das Beispiel der Abteilung für Zentraleuropa ausreicht, um die Forderung zu begründen, daß die große Finanzierungsarbeit nicht ausschließlich von der Zentrale in London becinflußt sein, sondern unter der selbstverständlichen Oberleitung der Direktorien der Finanzinstitute «auf verschiedene den Bedürfnissen der Länder «angepaßte Abteilungen verteilt werden soll. Nach der ganzen Sachlage scheint uns zunächst das Bcdürfnis für drei solcher Abteilungsbüros «als gegeben: eines in London für England und die Kolonien und die westeuropäischen Länder, eines in New York für Nord- und Südamerika, eines in Berlin (Abteilung für Zeutr.aleuropa) für den Kontinent, mit Ausnahme der westeuropäischen Länder. Mißstimmung in Frankreich Ober die Krönung Faistils Die Nncliriclit von der Krönung des Emir Faisul zum Koni״ des Irak־ hat in Fr.-mkreich lebhaftes Unbehagen ■hervorgentfen und die Presse weist darauf bin, daß die Schaffung des mesopotamisciicn Königreich* ein Werk der englischen Diplomatie sei, während voriges Jahr der Emir vom Oberkommissar für Syrien, General Qouraud, aus Damaskus «ausgewiesen wurde. Frankreich dürfe nicht gleichgültig lileibcn, wenn jenseits des Jordan, im Rücken Syriens, fraiikrciichfcindlielto Mächte zur Gewalt kommen. Einzelnc Blätter befürchten, die arabcrfreundliehe Politik Englands könne den Griechen Mut machen, an dtc Besetzung Konstantüwpeis zu schreiten, und fordern eine stärkere Zusammenarbeit Frankreichs und Italiens im Orient, um diesen Bestrebungen entgegenzutreten. Auch die Notwendigkeit einer engen Interessengemeinschaft zwischen Frankreich und den! Vatikan im Orient wird in diesem Zusammenhang betont. Zur Araberlragc Von Elias Bim m enf eld. Wir sind doch an Pogrome gewöhnt (in vieler»! Ländern, in denen Juden wohnen), aber die Pogrome in!unserem Lande, in Palästin.'i, sind viel schwerer zi» ertragen. Ls ist nicht nur die übliche Trauer über dos Verlust au Menschenopfern und Gut, sondern es wird auch Schatten auf unsere Zukunft und beleidigt unser Allerheiligstes. — Wir, Zionisten, betrachten als riditigste Reaktion mit die Pogrome in den Galuthländcrn die Auswanderung aus diesen Ländern und das Sammeln in Palästina. Wie soll aber die Reaktion auf die 1א>- giome in Palästina sein? Es ist klar, sie dürfen nicht mehr Vorkommen. Wir müssen deshalb «aufs Genaueste die Ursachen untersuchen, die zur Entstehung der Pogiome geführt haben, und nicht nur fremde Schuld, sondent auch eigene Fehler feststcllcn. — Es kt bekannt, daß beim Ausbruch der Unruhen auch fremde Kräfte mitgewlrict haben. Wie groll aber der fremde Einfluß war, entzieht sich meiner Beurteilung, Ich möchte mir einiges zur Entstehungsgeschichte der gespinnten Verhältnisse zwischen Arabern und Juden beitrage». Die fremden Faktoren sind: 1. die irarv zösisch-katholischcn Agenten, deren Agitation im Laad« wir deutlich spüren und deren Vorhandensein indirekt von Gunoud bestätigt wurde, als er bei der Zusammenktiuft in Beirut mit Herbert Samuel erklärte, er werde die antibriiisclic Agitation in Palästina nicht unterstützen; 2. die Bolschewisten, die ihre Emissäre!vielt Palästina ebenso wie nach dem ganzen Orient geschickt haben, weniger, um eigene Ideen zu verbreiten, als um Unruhen in englischen Hoheitsgebieten zu stiften und Engla.nl da/durch zu schädigen. Hätte der Pogrom nur in JaiU stattgefiiudcn, dann könnte man den Ausbruch nur auf den!runden Einfluß zurückführen urvl «־nt; die Tätigke t dieser Agenten, ln der Hafenstadt Jaffa gibt es nüinlieh genug arabischen Mob, der durch wenig Geld und noch weniger Worte zu Raub und Mord zu beweg«» ist, desto mehr, da er keine Strafe und keinen Widerstand van der Polizei zu fürchten hat, die aus der eigener» Mitte stammt. Die Tatsache aber, daß mehrere arabische Dörfer unter der Führung ihrer Scheichs CI1cder»h und Petach-Tikwah stürmten, zeigt, daß die feindliche Stirnmutig gegen die Juden weitere arabische Kreise ergriffen hat, was auch durch die Haltung der arabischen Presse bestätigt wird. Und trotzdem ist es Tatsache, dal! noch vor wenigen Jahren Araber und Juden friedlich zusammen gelebt haben und die Spannung, die imtner mehr oder weniger zwischen verschiedenen Völkern und Gemenschäften besteht, war /.wischen Arabern und jiulen gcringer als zwischen muselmännischen mul christlichen Arabern. Da die Juden, die vor der Gründung der Kolonie,» in Palästina dort wohnten, vor allem in den Städte׳! Tiberias, Saffed und Jerusalem, nie ihr Gut und ihre Ehre mit Gewalt verteidigt haben und ganz abhängu: von den Arabern lebten, wurden sie von ihnen als q־.1,׳mtite negligablc betrachtet und ״w!ad e! mat“, Kinder des toten Volkes, genannt Die erster» Kolonien, die gart/ einsam zwischen den arabischen [Xlrfern lagen, mußten oft ihr Gut gegen «arabische Räuber und Diebe veneidii gen, wobei sie sich meistens tapfer hielten. Bei diesen I Zusammenstößen wurde mit dem lajulesiibüchen Nabutli j (Holzkeule) und mit dem ungefährlichen Sduotgcwehr I gekämpft, so daß es selten zum Blutvergießen und der j immer darauffolgenden Blutrache kam. War man mit j einem Dorfe oder Stamme verfeindet, so war man dafür j niit mehreren ,anderen befreundet, j Als der Bewachungsdienst mehr Leute forderte, da immer neue Plantagen angelegt wurden und die Einzelwirtschaften ihre Besitzer immer ntelir in Anspruch nahmen, wurde der Sicherheitsdienst so organisiert, daß j die Mehrzahl der einfache!» Wächter Araber waren unter | Leitung einzelner Kolonisten. De Überwachter, die ge- 1 wohnlich die Kolonien auch in ihren Beziehungen zu! den »arabischen Nachbardörfern vertraten, erfreuten sich i öfters großer Achtung. «Laß sie sogar von den Arabern ן als Schiedsrichter i!1 ihren Streitigkeiten ernannt wur- : den, so 7, B. Herr Scliapiro aus Petlwch-Tikwah.! Der Druck der türkisch-städtischen Behörden lastete I ebenso «auf den Fellachen wie auf den Kolonisten, und | in der Erkenntnis eines gemein*;׳,:!k-n Feindes näüenc; er die Beziehungen zwischen Arabern uni Juden.; Noch sehnsüchtiger als die Juden in den GalutU- ׳ ländern ihre■ Bücke nach Palästina wandten, erwartete!»! die ersten Kolonisten neue Zuzügler. — Als daher bald! nach den ersten Kongressen ein neuer Einwanderung*-! ström stntftf«and, wurden die jungen Leute mit Freude 1 und zum Teil mit Begeisterung von den Kolonisten Jxj grüßt und fanden daher leicht Unterkunft und Arbeit. I Der junge Zuzug war aber entsetzt über die Verhältnisse. | die er yoriaad, besonders über die Schäden, däe durcii I «tos zu enge Zusammenleben der arabischen Arbeiter-; schärft mit den Juden entstanden waren. Da entstand j bald der Gedanke an die Eroberung der Arbeit (״K»b- 1 husch - Alxxlah“), und die Gründung des 1״ i,>jxx־(׳H;1- I 43’ir“. Sic hielten es ferner für unwürdig, dal! jüdi- ן sch es Gut von Fremden bewacht wurde, und für mutlos, j daß der Kolonist sein Pferd und Wagen ohne Widerf s*v״«־d den beduinisclic!» Straßenräubern überlassen mußte, j Und so entstand der ״Haschomer'־. Aber die Eroberung : der Arbeit, die doch nur durch Konkurrenz itiit den! arabischen Arbeitern möglich war, und das arme, bej dürftige Leben, «Las die jungen Leute führen mußten, W<W5U "0**י die natürlichen Schwierigkeiten des unge- ן wohnten Berufes hinzu, kamen, zwang sie, .den positiven I teil vhres Gedankens allmüh&ch aufzugehen; ausgebaut! wurde dagegen das Negative in Glaubenssätzen, die jede 1 taistcKung von Arabern bei jüdischen Arbeitgebern als