Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXVI (1921)
- Issue
- Heft 65 (16.8.1921)
- Date
- 1921-08-16
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 464 JUEDISCHE RUNPSCHAU Nr. «5 Am alle Leser! Vom 15. August d.J8. nb befindet Dich die Anzelgenvcrwaltung der ,Jüdischen Rundschau“ wieder bei der Zionistischen Vcrclnigungfür Deutschland. Alle Anzeigen und Inseratenbeträge gelangen nunmehr direkt an die ,Jüdische Rundschau“. Jedem Leser unserer Zeitung ist die Möglichkeit gegeben, durch häutige Benutzung der ״Rundschau“ als lnsertionsorgan zum Ausbau des geschäftlichen Teiles direkt beizutragen. Berlin W15, Sächsische Str. 8 Jüdische Rundschau AnztlgenverwaUung. Die arabische Delegation in London Nach 0:11er Mitteihm« des ״Manchester Guardian“ liat der l<ok>11i.dminKter Churchill sich bereit erklärt, die;1 r:ü>i!e‘l1 e Deh'ij.ttion in seinem. Ministerium zu empfange». Als der Minister i» Palästina war. liatnc er die Z-usidteriMi״ gegebe», daß er jede Beschwerde, die ihm seitens d'er Araber vorgebrucht wird, jedesmal gen,m prüfen wird, dieses Versprechen wolle er etnlöscit. Wie die Londoner ״Zeit“ niitteilt, wird Qiurchill Mu/.a Kasini Pascha und Genossen nicht als <tfn׳e Dok־- gation, sioiuleru als aus Palästina kommende ״Privatleute“ empfange». Mehrere Londoner Zeitungen berichten über die Ankunft der arabischen Delegation und veröffentlichen die AeulScrum;■ eines! ihrer Mitglieder. Der arabische Lührer sagte folgendes: 11״: l:n״l;1״d fühlen wir, daß wir hei einem ehren■ werte« Volse sind und in einem Land, wo stets Cierechtigkeit zu finden Mt. Wir liehe״ P 11g!and. Wahrend des> Krieges w,atetv wir seine Bundesgenossen. Der Grund unseres Kommens ist unser Wunsch, unsere Sache!?egen die zionisitische Bewegung׳ zu vertreten. Die ganze Bevölkerung Palästinas beträgt ungefähr TOD000 Menschen, davon 7 (l0 Juden, die übrigen sprechen arabisch mul sind die Eigentümer des Landes. Viele Juden sind Eingeborene unsergs Landes. Sie lebten mit uns vor dein Kriege und stellen auf unserer Seite. Das sind die xephardische» Juden. Die zionistische Bew-cgung wird immer stärker. Viele Zionisten sind nach Palästina gekommen mit bo lschc wistisc 11 e r Ci e - sinnt! ng. Die meisten kommen von Polen und Rußlaud!und s p r e c'h e n dcut sc 11. iv!׳e widerstreben den ,englischen idealen. Ais am 1. Mai in Jaffa der Arbeitertag gefeiert wank', wnnlcn zwei Flugblätter in Hun״ tierfa.n1 von Lxciiipiureu in <ten Straßen verbreite!, welche das Volk aufhmiertcii, sich zusaaimeimascltlielk'n g e g e n die britischfC Regierung und gegen die w o 111 h a i) c 11 dc K lass e im Lande, Diese Flugblätter, von denen wir Exemplare mit haben, sind in hebräischer und arabischer Sprache abgefaßt. Ich bin erstaunt, daß England nicht sehr vorsichtig darauf ״■eschen hat, wer nach Palästina kommt. Die Mehrheit in unserem Laude wünscht unser Land für uns selbst zu behalten. Wir wünschen, daß unser Volk, die Arbeiter, auf ihrem eigenen Land arbeiten und nicht von den Zionisten verdrängt werden. Ist nicht den kleinen Nationen Unabhängigkeit ivici! dem Kriege versprochen worden? Gerechtigkeit in der Weit gibt es mir bei Großbritannien.“ Der Araber fügte noch hinzu, daß, so sonderbar es klingt, die jüdische Bevölkerung nur 2? 0/0 des Cksamtvennögcus von Palästina repräsentiert Es seien auch Anstrengungen gemacht worden, die hebräische Sprache einzuftihren, obwohl nur lü 0/0 der Juden sie beherrschen. Die arabische Delegation beim Erzbischof von Cantcrbury Die ״Moniiug Post“ meldet, daß die arabische Delegation vom Erzbischof von Cantcrbury empfangen warden ist. Die Delegation hat dem Erzbischof ihre Forderangen .vorgetragen und sieh dabei auf die Aetillerungen des anglikanischen Bischofs in Jerusalem berufen. Der Erzbischof antwortete, daß er durch den Vortrag zwar gewisse Streitfragen besser verstehen gelernt habe, daß er jedoch nicht namens der Regierung Erklärungen abgeben könne. Die ״Morniimg Post“ bemerkt dazu, daß der Erzbischof es vermieden habe, sich zu etwas zu verpflichten. Ausweisung von Kommunisten aus Palästina L. Z. B. - Die palästinensische Verwaltung hat gegen eine Reihe von Personen Maßnahmen ergriffen, welche Mitglieder eines kommunistischen Vereins sind, und hat A 11 s w e i s u 11 g s b e f c 111 c gegen diejenige» von ihnen erlassen, welche seit der britischen Okkupation nach Palästina gekommen wind, sowie gegen ein oder zwei Führer, welche schon vor der britischen Okkupatio n in Palästina gewohnt haben, aber ausländische Staatsbürger sind. “:!!c arabisch-jüdische Gesellschaft in Tunis. Herr Jaqucs S c e m a m a , ei» bekannter Kaufrna am. 1 ums, gründe!« eme arabisch-jüdische GcselLsch! in' vo" labern und Jud m wirtschaftlichen mul kulturellen Fragen Viele nr 1״mente Juden und Mohammedaner haben sich der C Seilschaft angeschlossen. (J, C, B.) Rundschau Vor dem Kongreß R.W. Berlin, 15. August. Das wichtigste politische Problem, das den Kongreß beschäftigen wird, ist die grundsätzliche Festlegung unseres Verhältnisses ־zum arabischen Volke.’ Diese Frage ist weit wichtiger als die sonst bei uns üblichen politischen Diskussionen über diese oder jene Bestimmung des Mandatsvertrages, dessen Bedeutung zwar nicht geschmälert werden soll, der aber in seinen!entscheidenden Partien doch im wesentlichen von den Faktoren der englischen Politik bestimmt wird. Gewiß sollen wir Kritik üben, wo man unsere. Rechte nicht klar geling fonmiliert und uns dadurch vor unlösbare Aufgaben stellt. Aber das entscheidende Votum hierüber hat die englische Regierung oder der Völkerbund, in dem wir nicht sitzen. Die erste große Möglichkeit zu aktiver Politik bietet sich uns den Arabern gegenüber. Die Araber haben eine nationale Bewegung von größerem Umfang erst seit dem Kriege. Sie haben keine politische Tradition, bei ihnen ist alles im Werden und im Wachsen. Diese Tatsache verführt manchmal diejenigen unserer Politiker, die hoffnungslos in den Traditionen europäischer Diplomatie und Machtpolitik verstrickt sind, zu einer Geringschätzung der Araber als politischen Faktor. Aber gerade weil die Araber ein junges aufstrebendes Element sind und weil wir Juden, die in den Orient zurückkehren wollen, dies nur mit Hilfe des Orients und im Zeichen neuer \vtlijxjlitisclier Ideen vermögen werden, ergeben sich liier große Möglichkeiten einer wirksamen weitblickenden Politik. Wenn wir imstände sind, das Vertrauen der Araber zu gewinnen, so werden wir mit ihnen zusammen wirken können am materiellen und geistigen Aufbau der neuen orientalischen Welt. Heute befinden wir uns in einem Stadium, wo — durch beiderseitige Schuld — die Beziehungen zu den Arabern verschärft sind. Wir müssen jedenfalls alles tun, was an uns liegt, um diese Schürfe zu beseitigen und dadurch ideell auch jene Kreise innerhalb des arabischen Volkes zu stärken, welche einem Zusammenarbeiten mit uns günstig sind. Tun wir das Gegenteil, geben wir durch unsere Handlungen jenen Elementen recht, die heute die öffentliche Meinung mit einer wolilorganisicrten antijihlischcn Agitation beherrsehen, dann leisten wir unserer Sache denselben schlechten Dienst, wie etwa die deutschen Hakenkreuzier, die immer wieder den Scharfmachern i» Paris erwünschte Argumente liefern, ihrem Vaterlaud. Darum ist die wichtigste Aufgabe des Kongrosses, das richtige Wort an das arabische Volk zu finden. Allerdings wird diese Aufgabe bei dem heutigen Geisteszustand der Zionisten schwer zu lösen sein, es bedarf erst einer gründlichen geistigen Umstellung, einer ernsten und tiefen Ucberlegung, die die Sinnlosigkeit eines für den Augenblick berauschenden, aber für die Zukunft wegeverrammeinden Hurrapatriotismus zum allgemeinen Bewußtsein bringt und die unbedingte Notwendigkeit einer Verständigung mit den Arabern ins allgemeine Bewußtsein einströmeu läßt. Dieser geistigen Um- Stellung kann ein Buch wertvolle Dienste leisten, das soeben im Verlag der ״Freien Zionistischen Blätter“ in Heidelberg erschienen ist und im wesentliehen mit dem dritten Heft dieser Zeitschrift identisch ist. in dem Buch wird mit einer großen Eindriiigliclikcit in einer Reihe von Aufsätzen von Klatzkin, Hans Kolm, Nahtun Goklmaun und anderen die Notwendigkeit einer Verständigung mit den Arabern dargelegt. Nicht etwa nur die ideologische, sondern auch die realpolitische Seite des Problems wird überzeugend auseinandergesetzt. Dieses Sammel* lieft erscheint zur richtigen Zeit. Es ist ein Malmruf und Warmmgsruf an den Kongreß, und jeder Delegierte sollte es studieren, um zu empfinden, welche schwere Verantwortung auf ihm liegt. Noch nie hing so viel nicht nur von den Beschlüssen eines Kongresses, sondern auch von der ihn beherrschenden Gesinnung ab. Nicht nur weil er zum erstenmal von den Arabern selbst, den künftigen Mitbewohnern Palästinas, beobachtet sein wird, während frühere Kongresse höchstens von den Türken, deren Stellung als unterdrückendes Herrsehervolk stets zeitlich beschränkt war, beobachtet wurde; sondern weil das jüdische Volk auf den Kongreß schaut und der Kongreß als unser höchstes Organ eine vornehme, verpflichtende Erziehungs- Sunktion hat. Es wird von der Haltung des Kongrosses abhängen, ob trotz allen Schwierigkeiten unserer momentanen Lage, die sieghafte Gewalt der zionistischen Idee von ihm wieder ins Volk hiuausgclien ,wird. Das Ergebnis der Kbngreßwalilcii in n.tgvg,. | laud liegt nunmehr vollständig vor. Wahrsciieia. i lieh zirka •10 ».״ der wahlberechtigten Schekel/»4!■ I haben sich an der Stimmenabgabe beteiligt. Wer!!! ' auch diese Wahlbeteiligung bei weitem nicht der! Bedeutung vier Sache entspricht, so kann trotzde.«; gesagt werden, daß in Anbetracht •mancher uu. günstiger Umstände, der Jahreszeit und der!ecli. , , niseheit Schwierigkeit für eine Agitation gröl:«!-1!;״ ' Stiles, dennoch ein beträchtlicher'lei! der deutschen Zionisten von seinem wichtigsten Recht Gebrauch gemacht liat. Die Kongreßvvahlcn hatten diesmal in Deutschland eine besondere Bedeutung, weil der Wahlkampf eigentlich nur tun e i 11 e prinzipielle I r1:״u geführt wurde. Obwohl es selbstverständlich üvt daß in zahlreichen anderen Fragen, die den Kongr-eli beschäftigen werden, starke Mcinungsversciiieden. liciten zwischen den deutschben Zionisten herrschen, 1 haben sich doch die wichtigsten Gruppen unter I ausdrücklicher Anerkennung dieser Tatsache dahin geeinigt, in eine gemeinsame Liste die der Stärke und Bedeutung der Gruppen angemessene Zahl von Repräsentanten einzusetzen und so das Ergebnis eines Wahlkampfes zwischen ihnen vorweg, zttnehmen, weil gleichzeitig־ bei dieser ersten Cielegenheit die Auseinandersetzung mit der neu ent. standenen Gruppe des deutschen Zionismus, die sich ״Binjam Haarez“ nennt, folgen sollte. Diese Gruppe, deren Legitimität als separatistische Sundergruppc von der Leitung der Z. V. f. D. bcstritta wird, ist bei den Wahlen zuin letzten Delegier:. tag dem Wahlkampf aus dem Wege gegauge״ , Sie hat dadurch an Ansehen und Wirkungsmögüch. keit innerhalb der Z. V. f. 1). erheblich cingebüllt. Wollte sie nicht riskieren, auch innerhalb des Wcltzionismus stumm bleiben zu müssen, so mußte sie sich zu den Kongreßwahlen stellen. Sie hat den Kampf mit allen Mitteln jener Agitation 1 geführt, die zwar in Wahl/eiten im politischen Getriebe üblich ist, im deutschen Zionismus aber bisher nicht angewandt wurde. Trotzdem, oder vielleicht gerade darum, hat sie den Kampf verloren. Sie vermochte knapp 10 % der abgegebenen Stintmen für ihre Liste zu gewinnen, und wird daher von den auf Deutschland entfallenden Delegierten ein Mandat erhalten. Dieses Wahlergebnis kann zweifellos als eine Willenskundgebung des dcutsehen Zionismus aufgefaßt werden. Selten noch wurde eine Entscheidung mit so überwältigender Majorität gefällt. Dabei ist noch zu bedenken, daß die Opposition stets den Vorteil hat, die utrzt!. friedenen Elemente aller Art um sich sammeln zu können. Denn zur Unzufriedenheit ist wahrhaftig, wie wir selbst sehr wohl wissen, reichlich Anlaß. Aber Binjam Haarez hat die Axt an die Wurzel des Zionismus gelegt; sie hat den jedem Zionisten selbstverständlichen Gedanken, daß das Bekenntnis zum Basler Programm untrennbar ist vom Bekenntnis zum jüdischen Volkstum, in Zweifel gezogen. Eine Entwicklung, die unter vielen Schmerzen und vielen Erschütterungen sich int Zionismus vollzogen hat, soll durch diese und andere ihr verwandten Gruppen in anderen Ländern wieder rückgängig gemacht werden. Ein solcher Vorgang ist itmnöglieh oder aber nur gewaltsam zu bewerkstelligen, und droht dann, den ganzen mühsam errichteten Bau zu zertrümmren. Das haben die deutschen Zionisten mit gutem Instinkt erkannt und sie haben für jene Kandidaten entschieden, die den natinuakti Charakter der zionistischen Bewegung als ihren stärksten Grundpfeiler ־zu erhalten entschlossen sind. Die Wahlen haben den Beweis erbracht, daß niemand anders als die Zionistische Vereinigung für Deutschland — nicht nur formell, sondern auch moralisch — berechtigt ist, im Namen des demsehen Zionismuss politisch aufzutreten. * Wir veröffentlichen in der heutigen Nummer die Tagesordnung des Kongresses, von dem 111» nunmehr nur noch zwei Wochen trennen. Die l'agesordmtng zeigt, welche ungeheure Fülle von Arbeit iu den 10 Tagen erledigt werden muß. Ob eine ernsthafte Erledigung möglich wird, das häng» zum guten Teil von der Arbeitsfähigkeit der Konimissionen ah. Die Kommissionen wieder werden nur dann arbeitsfähig sein, wenn in ihnen wirklich Vertreter von Parteien sind, die die geschlossene Meinung einer Gruppe repräsentieren. Da die Probleme, um die es sich handelt, doch für jede״ Gegenstand ziemlich klar liegen, so müßte das Prinzip durchgeführt werden, daß der ganze Kongreß sich unabhängig vom Landsmannschaftlichen Prinzip in Parteien gliedert, oder es müßte der Versuch gemacht werden, wenigstens für die , einzelnen Problemkoinplexe zusammenhängende Gestnnungsgruppen zu schaffen, die nicht unbedingt für alle Fragen identisch sein werden. Es kann