Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXVI (1921)
- Issue
- Heft 61 (2.8.1921)
- Date
- 1921-08-02
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 43ö JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 61 Vor dem Kongreß Von Georg Landauer. I. Bisher hat die öfluitlic 11 e M c i 11 u 11 g der /io• nislisehen Bewegung stell erst schwach zu den brennend« sten Koiigreßfrngeii geäußert. Zwar bin icli nicht der von Nnlnnii (iolomann in der ״Jüdischen Rundschau“ geäußerte» Ansicht, daß die Lislenagitakion im Wahlkämpf die Klimm׳״ dieser Probleme mit sich bringt. Aber auch in der Presse und, wie cs scheint, in den zionistischen Gruppen hat noch nicht jenes gestetgerte Interesse die bisherige Ruhe gestört, daß vor entscheidenden Tagungen sich der Gemüter zu bemächtigen pflegt; und dieser Kongreß ist für uns in so vielen grtuidsätzliciien und praktischen Angelegenheiten entscheidend, daß er dieses besondere Interesse beanspruchen darf, zumal ni eh t j üd isc 11 e Maclitfakloren Um mit größter Aufmerksamkeit beobachten werden. Allerdings hat die Exekutive ihrerseits noch wenig dazu getan, das Interesse vvaclizurufen. Von einer Vorbereit ung der zionistischen Gruppen auf die Fragen des Kongresses kann nicht die Rede sein. Auch die I)elegierten können sich kaum vorbereiten. Schon auf der Jahreskonfeicnz hat es sich als nicht auszuglcichcndcr Fehler erwiesen, daß man die Delegierten vor Pläne, Voranschläge und dergleichen setzte, die sie in der Kürze der Tagung zu bewältigen außerstande waren. Bisher liegt aber gar kein Material für den Kongreß vor. Die A. - C. -S i 11. ung in Prag sollte der Vorbereitung des Kongresses dienen. Die Berichte darüber sind sehr lückenhaft. Aber die Cielieimdipl-oniatie ist noch schädlicher als die Oeflentlichkcii, denn die Indiskretionär und Gcnidite vergröbcrii und ciiUtclIeii naturgemäß noch. Man hat zu den Maiereignissen in Jaffa recht verspätet Stellung genommen; ein provisorisclies Palästinabudget beschlossen. Aber diese Fragen scheinen die Sitzung nicht hauptsächlich beschäftigt zu haben. Das A.-C. hat dann die Ergänzung der Exekutive bestätigt. Die Debatte hierzu ist nicht bekannt geworden. Aber fraglos war man sich dessen bewußt, dal! man z. U, durch Bestätigung der Berufung Jabotinskys ein Programm akzeptierte. Und das wurde irociiniali betont zum Ausdruck gebracht, indem man die Wied erb er- Stellung des jüdischen Regimentes bes e h 1 0 ß. Hier 111 i t 11 a t d a s A. - C, s c i n e K 0 111 p eten/cu bedeuten(! überschritten. Wir werden damit in eine Richtung der Politik liiiieiiigcsiollen, die unsere grundsätzliche Stellung zum Palästinawerk betrifft, und es ist unverständlich, wie das A.-C. vor dem nahen Zusammentritt des Kongresses einen solch folgenschweren Beschluß fassen konnte. Unser höchstes Forum hat allein über solche!־ragen w׳ie die Aufstellung einer eigenen Truppe, dazu unter den heutigen Zuständen in Palästina, zu beschließen. Die Auffassung der großen zionistischen Mehrheit steht wahrscliciniich gegen diesen Beschluß, ,und wenn der Waad Leumi sich mit acht (gegen sichen Stimmen für die Legion ausgesprochen liat, so ist das kein Verhältnis, auf Grund dessen man behaupten dürfte, der Jisdutw sei für die Legion, Mit der Losung: ״Schutz und Sieherimg“ hat inan stets schwankende Gemüter gewinnen und jede imperialistische Politik decken können (wie gerade unsere Generation deutlich geworden sein dürfte). Unsere Politik aber soll von gruiidnützliche» Erwägungen bestimmt werden, II. Der Kongreß hat eine große Anzahl wichtiger Aufgaben zu lösen, die alle wegen ihrer Bedeutung und Aktualität erledig;! werdet» miiswii. Nach dem Kongreß müssen wir wissen, wohin wir geilen; welche Arbeiten geleistet werden solle» und wieweit unsere Kräfte reichen. 1 :eher dic-e letzte Frage ist es schon Finge zu befugen Ausehiandcrset/ungen gekommen und im Verlauf dieser Diskussion hat jiich der Separatismus der Brandcis-Gruppc und des (allerdings von anderen Motiven als die Amerikaner ausgehenden) Binjan Haarez entwickelt. Ihnen gegenüber muß der Kongreß eindeutig und formuliert den u 11 ve r f äl s ch 1 i ch e 11 und n 1 cii t zu verwischenden nationale 11 C11 arakter der 1t e weg ung und der Organ isatron fesistellen. Es muß deutlich werden, daß unsere nationale Bewegung mir Bestand hat und gelingt, wenn sie geführt wird von einer bewußt nationalen örgauisation, daß unsere nationale Organisation Vortrupp und Garantie ist, auch für die nationale Entwicklung und den nationalen Bestand des nichtzion ist ts dien Juden• tums, daß die Führung durch eine starke nationale Organisation der Mitwirkung der Nichtzionistcn beim Aufbau erst Richtung und Sinn geben kann. Wenn cs dem Kongreß allem gelingt, dieses Gefühl allen seinen Teilnehmern wacluuruk'n, wenn sie alle fühlen, daß sie, getrieben von derselben Kraft, geeint durch dieselbe Idee, unterwegs zu demselben Ziele sich befinden, wenn dieser Antrieb vom Kongreß durch die ganze Bewegung geht, hat er eine wesentliche Aufgabe erfüllt. Dann hat er die Idee erhalten und die *Örgauisation gestärkt und gefestigt. Der Kongreß soll die Organisation arbeitsfähig mache». Er muß die verantwortlichen Organe entrichten und ihre Aemter besetzen. Nachdem hoffentlich jetzt die kongreßlosc Zeit vorüber ist, muß der demokratische Charakter unserer Bewegung sich geltend madten. Dem muß die Gliederung der Organisation und diic Bestellung und Vcrantwortung ihrer Organe entsprechen. Der Entwicklung der Bewegung folgend, in deren Verlauf ihr immer mehr Aufgaben staatlicher Natur zufallen, sind die Parteien im Zionismus entstanden, die ihre Begründung in Unterschieden der Weltanschauung und Staaisnuffassting finden. Demgegenüber hat uas laiulsinanscliaftliche Prinzip in der Organisation die Bo rediligung verloren, und wir ׳müssen, um die Örgauisation arbeitsfähig mul alle Zkniisleii umschlingen z.u lassen, ihre D u r ch gl iud er u 11 g nach Föderation beschleunigen. Nur so werden die Forderungen der Demokratie zu erfüllen und die Kräfte aller Riehhingen in den Dienst der Bewegung zu stellen sein. Das bedeutet keine Absage an die Landesorganisation. Alle Arbeiten werden 'durch die örtlichen Verhältnisse näher bestimmt und die Leistung örtlicher Aufgaben muß durch den Zusammenschluß der Föderationslandsiiiaimscliafteu zu Landesorganisationen gewährleistet werden. Z11 den einheitlich durchzufi'ilircndcn Aktionen gehören zumindest! gemeinsame Fiuaiizaktioncn, insebsonderc der Keren Hajcssod, und PaJästinawandcrung; es ist zu bestimme», wieweit auch die politische Vertretung nach außen hierzu gehört. — Das A.-C. muß durch Verkleine rimg arbeitsfähig gemacht werden. Auch in seiner Zusammensetzung muß sich das Bild der Wcltorganisation, das sie auf dem Kongreß gewährt, widcrspicgeln. Solange wir mit parlamentarischen Formen arbeiten, müssen wir auch alle Konsequenzen des Parlamentaris- 11111s auf uns nehmen. Das brauchen nicht unbedingt seine Schattenseiten zu sein; vor allem müssen wir bei diesem System de» Begriff der Verantwort- 1 i e 11 k e i t unserer Führer lernen. Niemand wird unseren Führern, insbesondere Weizinaun und Sokolow, das mangelnde Verantwortungsbc wu ß t s c i 11 bestreiten, aus dem allein ihre unendlich opfervo'.le und erfolgreiche Tätigkeit zu verstehe» ist. Aber es darf bei uns nicht so sein, daß eia Berufeuer an seiner Stelle unabhängig arbeitet, Entscheidungen von größter Folgenschwere trifft und gelegentlich demissioniert und alles weitergeht, als sei nichts gescheiten. Zwar können wir noch nicht, wie Staaten, zur Rechenschaft ziehen. Aber was soll man dazu sagen, wenn man immer wieder fcsstelle» muß, daß z, li. durch die Reorganisation»- kommissio» und deren amerikanische Freunde wirklich belastende Beschuldigungen vorgebraebt werden gegen Handlungen, für welche sie selber verantwortlich zeichneten (aber nur zeichneten). Hiervon ausgehend Inuß der Kongreß die neue Exekutive bestellen, sowohl die europäische wie die palästinensische. Dabei muß der Zusammenhang mit den jeweiligen örtlichen Organisationen und liislitulkmen deutlich zum Ausdruck kommen 111. Da® wichtigste politische Problem, vor das um die Ereignisse bestellt haben, ist die Araberfrage, von manchen krei-en schon lange als solches erkannt, von manchen noch heute, nach den Ausschreiru:; .en des Mai, nach der Eiiiwanderungsspene, nach der erklärung I Icrberl Samuels bagatellisiert. Die zionistische Politik hat hier inanchfs verfehlt (was aus/ugleiclicii Hei'herS Samuel nicht i׳ tut er durch seine anfangs riehtigere, zulctz! ״ist re.tit nicht durch seine vor den Unium...,׳i'tem ,:!''1.weichende Arabcrpo'.itik gelungen ist). Der Kongreß muß einen neuen Geist: den Geist der Verständigung und tkr Versöhnung, des Zusammenarbeiten» und des Interessenausgleiches, dokumentieren. Er muß kuiKlgeben, daß die wichtigste Frage unserer Siedlung im Lande die Freundschaft mit unserii Nachharn ist. Diese kann mir durch wirkliche persönliche Annäherung errungen werden. Der Kongreß muß eine :.;rolle, einmütige K 1111U g e b u n g f ü r e i 11 e P o 1 i t i k lies Friedens sein, eine einmütige Ablehnung jener Politik der I leraiKiordertiit, 1,cu, der Rüslu11:׳,c:1; er muß sich lossagen von der falschen Anschauung gewisser Katastrophenpoliiiker, daß unsere Ausbreitung im Lande, unsere Beziehungen zu den Arabern, die Grundlegung unseres Aufbaues nur von der Gewalt abhüngt, und erklären, daß alle diese Mittel und Energien, Menschen- und Geisteskräfte besser in den Dienst eines friedlichen Aufbaus gestellt werden, der, als wichtigstes Element des Fortschritts und der Eutwicklung des Landes, die geistige und materielle Gemeinschaft mit den Arabern hcrstcllcn kann. Allerdings :sind wir nicht allein ׳maßgebend für die Entwicklung der Verhältnisse: in Palästina. Nichts hat die Araber so sehr zu Deiiioivstrationen und Ausschreitungen eilige!,•ulen, wie die ungewisse und schwankende Politik der Mandaiarmaclit und des Völkerbundes. Die immer noch hingezögertc Bestätigung des 'Mandats, die Sperre, die dehnbare Auslegung der Balfour-Dcklaratbu aus dem Munde ,־lerbcrt Samuels haben das ihrige zur Beunruhigung der palästinensischen Verhältnisse beigetragen. Wir müssen von •England eine strikte Durchführung der Ba 1 fo nr-Dc klaral ion verlangen, Bestrafung der PogromschuMigen, Unterbindung der nntcrjüdisclicn Agitation, Einstellung zuverlässiger Beamte, Ocffuung tler Grenzen, Anerkennung der Selbständigkeit des Jischuw sind selbstverständliche Forderungen, die sich aus der Balfour-Deklaration ergeben. Endlich muß die Unsicherheit der politischen Verhältniese beseitigt und zu diesem Zwecke endlich das 'M amdat Englands für Palästina bestätigt werden. Die hieraus resultierenden Verpflichtungen aber müssen loyal erfüllt werden, insbesondere muß Sicherheit für Leben und Wirtschaft im Laude gewährt und eine dauernde Entwicklung und Vergrößerung des Jischuw verfassungsmäßig garantiert werden. Gewiß müssen wir uns darüber klar sein, daß keine einseitigen Verpflichtungcn Englands uas gegenüber bestehen. Unsere Ansprüche können nur unserer Leistungskraft entsprechen, in diesem 'Rahmen alter fordern wir völlige Freiheit der Entfaltung. Auf der anderen Seite ist es dann unsere besondere Aufgabe, die Arbeit des Ausbaus zu übernehmen. IV. Das Wort ״Aufbau“ charakterisiert die Aufgabe dieses Kon,;resse?. Alle politischen und ideellen Fragen werden mir im Zusammenhang mit der Frage des Aufbans behandelt und gelöst werden können. Weder Araberfrage noch Mandatspolitik lassen sich hiervon loslösen. So hat der Kongreß (endlich und spät genug nach den letzten Rückschlägen) sich den Fragen der Kolonisation und des palästinensischen Lebens zu widmen. Unsere ,ganze Arbeit muß der Vcrgrößer u n g unserer Position gewidmet sein: Wirtschaftlieh und kulturell, kolonisatorisch und erzieherisch. Der Kongreß muß die Arbeiten des nächsten Jahres festsetzen und muß als höchste Instanz, ihre Ausdehnuitg und ihren Charakter bestimmen. Ausgehend vom zionistischen Ziel: Begründung einer selbständigen, jüdischen Siedlung im Lande müssen alle Maßnahmen ergriffen werden, ihre Selbständigkeit u-!d ihren nationalen Charakter zu entwickeln. Darum muß als Aufgabe erkannt werden■ Schaffung einer jüdischen Gesellschaft auf der Grundlage der jüdischen Selbstarbeit; daraus ergibt sich besonders die Förderung der palästinensischen Arbeiterschaft und ihrer Wirtschaftsverbände. Die Mittel für die Vorbcreit u n g und U c b e r s i c d 1 1111 g der C h a 1 u z i m müssen bcreitsgcstellt, ihre Einwanderung von bür»״ kritischen Erschwerungen befrei; werden. Im Laude soll das ernste Bestreben der Organisation dahin gehen, die Chaluzini an zu siedeln. Hierbei ist die auf ihr ganzen Bewegung zugi linde liegende Tei d.n/: Errichtung einer freien, ausbcutuiigs'osen Gesellschaft, zu verwirkliehen. Der Jüdische N a t io na I f o 11 d soll das einzige Instrument des Bodcukaui'es werden. Das private Kapital inuß sich de» Gcsamtintercssen iiiitc־- ordnen. Die selbständigen Siedlungen der Arbeiterschaft sind auszubatien und zu vermehren. Der Keren Hajcssod wird vom Kongreß bestätigt werden müssen. Hierbei kommt der ganze Streit zum Austrag, der die Arbeit für den Keren Hajessod »!11 letzten Jahre gelähmt hat. Der Kongreß wird, entsprechend dem Willen tlcr t'iberwältigeiideii Mehrheit der zionistischen Bewegung, beschließen, den Keren 1111 jessod zum zentralen 1' i 11 a 11 z. i 11 s t r u in e n t, zum zionistischen Staatsschatz, zu madicn. jeder ist ihm beitragspflichtig; der Maßcrgcdarvkc muß sich durch etzen. Der Keren Hajcssod stellt die öf feiltliehen Gelder des Palästinaatifbaus; um das zu sichern, muß die zionistische Kontrolle unter Heran Ziehung von Vertretern der Arbeiterschaft vom Kongreß zum Beschluß erhoben werden. Zu seinen wesentlichen Aufgaben gehört die Unter- Stützung der Clialuzlnbcwegting und ihrer Alijah sowie die Förderung der Arbeitcnmtei'11e!i11!1|11gcn im Lande. Die Tagung des Koiigre-ses wird nur kurz und sehr arbeitsreich sein. Je kesser er vorbereitet ist, je vertrauter die Delegierten mit den aktuellen Problemen sind, je deutlicher vorher der Wille der zionistischen Bewegung zum Ausdruck kommt, — um so reibungsloser, freier von Mißverständnissen, verantwortungsbewußter und erfolgreicher wird die lange erwartete Tagung verlaufen. Die Wiederaufnahme der Immigration nach Palästina Offiziell wird verlautbart: Die Immigration nach Palästina, die seit den Vorfällen in Jaffa suspendiert war, bat wieder begonnen. Sie unterliegt gewissen Voraussetzungen. Diejenigen Immigranten, die seit der Zeit, wo dis Einwanderung»- verbot erlassen wurde, ihr Heim verlassen haben oder auf dem Wege nach Palästina sich in europäischen Hafenstädten befinden, haben bcreitsdieEinrciseerlaub nis erhalten. Die erste Gruppe ist bcreits in Haifa ohne jeden Zwischenfall gelandet und man erwartet, daß auch die anderen ohne weitere Störung die Möglichkeit haben werden, ihre Reise fortzusetzen. Nachdem jedoch die Verhältnisse in Palästina eine große Masseneinwanderung noch nicht gestatte!», werden die Einreisevisen auf folgende Kategorien beschränkt: Reisende, die in Palästina nicht länger als drei Monate zu bleiben gedenken; Personen, die genügend Mittel für ihren Unterhalt haben; Personen mit bestimmten Berufen, die sie auch in Palästina ausüben wollen: Personen, die früher in Palästina wohnten und jetzt heimzukehren wünschen; Frauen, Kinder und alle diejenigen, die abhängig sind von Landesein wohnen!; Personen, die bestimmte Aussichten haben auf Beschäftigung mit individuellon Arbeitgebern oder Unternehmen», und endlich Personen religiösen Berufes, die in den letzten Jahren aus religiösen Motiven nach Palästina zu reisen pflegten, wenn sie beweisen körnten, daß sie dort Beschäftigung finden werden.