Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXVI (1921)
- Issue
- Heft 56 (15.7.1921)
- Date
- 1921-07-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Juli. t lelcgramin der ״Jüdischen Rundschau“.) Die politische Debatte nahm die ganze Montag- und Dienstagsitzung in Anspruch und wurde unter Ausschluß der Öffentlichkeit geführt. An der Debatte beteiligten sich Tcmkin, Boden heim er, Brande, Trietsch, Fischer, Rosoff und Motzkin. In einer langen, eindrucksvollen Rede berichtete Wieizmann, daß er bei den letzten Unterredungen der Londoner Regierung gesagt habe, daß bloße Erklärungen und Versprechungen uns nicht mehr genügen. Das jüdische Volk muß von der Regierung verlangen, daß sie ihre Versprechungen durch Taten auch erfüllen soll. Er habe der Regierung erklärt, daß die mangelhafte finanzielle Beteiligung des jüdischen Volkes auf den vollständigen Zusammenbruch des russischen und mitteleuropäischen Judentums einerseits und auf die künstliche Fernhaltung!ler Exekutive vom amerikanischen Judentum durch die dortige zionistische ,Leitung zurückzuführen ist. Was das Brandeis-Programm betrifft, so erklärt Weizmann, daß es nur aus negativen Punkten bestehe. Der Gegensatz zwischen der Exekutive und der Brandeis-Leitung liege in der prinzipiellen Auffassung des zionistischen Programms und des Keren Hajcssod. Die Ursache des Konfliktes liege aber nicht in technischen Einzelheiten, in denen die Exekutive bereit war, den Amerikanern entgegenzukommen. Weizmann gibt zu, daß manche Acnderungcu in unserer Palästinaarbeit erforderlich seien. Die Diskussion mußte bis 2 Uhr nachts fortgesetzt werden, weil Weizmann infolge dringender politischer Angelegenheiten Dienstag früh nach London abreisen mußte. An der Debatte beteiligten sich noch die Herren Stricker, Sprinzak, Halpern,T110n, Grünbaum, Hantke und Jabotin sky, der seine bekannten Legionforderungen vertritt. Die Diskussion über die Montag- und Dienstagsitzung drehte sich hauptsächlich um die Araberfragc und uin die Forderungen von labotinsky nacli der Aufstellung einer jüdischen Legion. Am Dienstag gab Sokolow in einer zweistündigen Rede Erklärungen über verschiedene politische Fragen ab. An der Debatte beteiligten sich Böhm, Berl Kaznelson, Binmen f cid, Farbstein, Jacobson und Locker, ln einem Schlußwort betonte Jabot i n s k y nochmals, daß die erste Voraussetzung einer gedeihlichen und ungestörten Arbeit der sichere Schutz jüdischen Lebens sei, und fordert von den Mitgliedern des A.-C. eine Beschlußfassung über diese Grundfrage. Man beschloß, die Ab- Stimmung über diese Frage zu verschieben Und setzte eine Resolutionskonimission ein. Am Mittwoch Vormittag erstattete Josef Cowen den Finanzbericht und teilte mit, daß das Monatsbudget 22000 £ betrage. Er schildert die Schwierigkeiten, in die die Exekutive durch das Versagen Amerikas geraten ist und spricht dan Gesinnungsgenossen aus Südafrika besonderen Dank aus, die rechtzeitig eingesprungen sind. Am Mittwoch Nachmittag erstatteten Ussischkin und R u p p i n Referate über die Palästinaarbeit. Sie erwidern ausführlich auf die Beschuldigungen der ״Reorganisations-Kommission“ und fordern für das nächste Jahr ein Palästinabudget von 112 Millionen £. In einer Sitzung des Aufsichtsrats der Jüdischen Kolonialbank wurde beschlossen, der Generalversammlung die Ausschüttung einer Dividende in Höhe von 5 «10 vorzuschlagen. Eine Deputation der zurückgehaltenen Chaluzim trat aus Wien in Prag ein, um Maßnahmen zu fordern, die ihnen die Weiterreise nach Palästina ermöglichen. Das Actions-Gomite faßte eine entsprechende Resolution. Der Leiter des palästinensischen Immigrationsdepartements, Major Morris, der gegenwärtig zur Besichtigung der Chaluzim Europa bereist, traf speziell aus Warschau in Prag ein, um mit Weizmann über verschiedene Fragen der Einwanderung zu verhandeln. Der Bericht Erster Sitzungstag. Prag, 10. Juli 1921. Die Sitzung des Zionistischen Actions■ Comitös wurde Sonntag, den 10. Juli, im Logenhause in Prag eröffnet. Bis zur Stunde der Eröffnung sind ungefähr 40 Mitglieder des Actrons-Comitds eingetroffen. Von der E x ekutive sind die Herren Sokolow, Ussischkin^ R u p p i n und L i c h t h c i m anwesend. Dr. Weiz- 111 a n n, der dringend Ln London zurückgehalten wurde, wird erst heute abend hier eintreffen. Auch die Herren Jabotinsky und Cowen sind bereits avisiert, so daß alle Mitglieder der Exekutive mit Ausnahme Dr. E d e r s, der in Palästina bleiben puß, an der Sitzung teilnehmen werden. Aus Palästina sind die Herren Sch einkin und Bograczow eingetroffen, die zwar keine Mitglieder des A.-C. sind, jedoch an den Sitzungen teilnchmcn werden. Von Mitgliedern des A.-C. kamen aus Palästina Sprinzak, Twcrsky und Berl Katznelson. Um 10 Uhr vormittags eröffnet der Vizcpriisklent des Aclions-Comites Prof. W a r b u r g die Sitzung und teilt mit, daß der Präsident des A.-C. Lord Roth- Schild, zu seinem Bedauern verhindert ist, der Sitzung beizuwohnen. Prof. Warburg begrüßt die Erschienenen und betont die außerordentliche Wichtigkeit der Tagung. Nach Verlesung mehrerer Begrüßungstclcgramme abwesender A.-C.-Mitglieder ergreift das Wort Herr So kolow, um in hebräischer Ansprache zunächst der in Palästina gefallenen Toten zu gedenken. Ferner gedenkt er des verstorbenen Rabbiners Rabinowitsch (Liverpool), und weist darauf hint, daß das Aclions-Comite zum zweitenmal seit seiner Wald Zusammentritt, nachdem es bisher nur einmal unmittelbar nach seiner Einsetzung getagt hat. Eine der Hauptaufgaben des A.-C. ist die Vorbereitung des Kongresses, der auch eine neue organisatorische Form wird schaffen müssen, wobei noch zu prüfen seüi wird, ob ein derartig großes Actions-Gomite überhaupt arbeitsfähig sein kann. Prof. Warburg teilte sodann mit, welche Personal- Veränderungen sich im Actions-Gomite vollzogen haben, teils dureli Resignation von Mitgliedern, teils durch Rückberufung und Neuwahl seitens der Landes- und Sondcrvcrbämle. Zur Frage der Tagesordnung wird bcschlossen, zunächst das politische Referat von Herrn Sokolow entgegenzunehmen und die Debatte bis zur Ankunft Weizmanns zu verschieben. Herr Lichtheim schlägt vor, den Rest der Nach in it tag ssi tzung mit der technischen Frage der Kongreßvorbereitung auszufüllcn. Sodann erstattet Herr Sokolow sein Referat über die politische Lage in Palästina. Er erörtert zunächst die politische Situation, die zu seiner Entsendung nach Palästina geführt hat. Nachdem er sich üi Paris vorwiegend mit der Frage der Grenzen beschäftigt hatte und verschiedene Verhandlungen mit der französischen Regierung geführt hat, erstand1 durch die Uebcrtragung der Angelegenheiten des Mittleren Ostens an das englische Kolonialmüiisterium insofern eine Acmlcning, als der Kolonialmüiister Churchill vor der Bestätigung des Mandates |x׳r;1ö111ich eine Reise nach Palästina unternahm. Gerade zu dieser Zeit mußte Weizmann nach Amerika reisen, und Sokolow wurde nach Palästina entsandt. Der Referent schilderte sodann ausführlich die Verhandlungen, die er in Aegypten mit Churchill und dem Oberkommissar Herbert Samuel geführt hat. Insbesondere bcsdiiiitigte er sich mit der Frage der Miliz und des Ostjordanlandcs. Sodann geht Herr Sokolow über zur Schilderung der Ereignisse in Jaffa und der Uebcrfälle auf die Kolonien. Er erklärt, daß er schon vor diesen Ereignissen die Bedeutung der arabischen Frage erkannt hat und daß er die tiefste Ueberzeugung hat, daß es möglich ist, die arabische Frage, so schwierig sic auch in diesem Augenblick erscheinen mag, zu lösen und einen modus vivendi mit den Arabern zu finden. Wir müssen verstehen, daß von dieser Frage alle anderen Dinge abhängen, und wir müssen bereit sein, dafür große Opfer zu bringen. In der Nachmittagssitzung setzt Herr Sokolow sein Referat fort. Er berichtet zunächst über die Ver- Handlungen, die Vertreter der Zionistischen Organisation und der ZionistenkommLssion mit der palästinensischen Regierung geführt haben, und erklärt die Entstehung der temporären Einstellung der Einwanderung der Chahizim. Dabei stellt er die Haltung des Oberkommissars aus seinen Motiven dar und warnt davor, in einseitiger und unüberlegter Weise an seiner Person Kritik zu üben, wie es ein großer Teil der?ionistischcn Oeffentlichkeit getan hat Samuel »ei über die Forderungen und Wünsche der Zionistischen Organisation genau informiert, er habe jedoch bestimmte politische Anschauungen, die ihm seine Handlungsweise vorschreiben. Wir haben viele seiner Maßnahmen in der letzten Zeit scharf kritisieren und' bekämpfen müssen, aber trotzdem müssen wir verstehen, zwischen Person und Programm zu unterscheiden. Im weiteren Verlaufe seiner Rede berichtet Herr Sokolow auch über den Gang der Untersuchung und die Haltung der Justizbehörde. Es ist vor allem die Verfassung des Justizwesens, die unserer Forderung nach exemplarischer Bestrafung allerlei Hindernisse bereitet. Auf seiner Rückreise hat Herr Sokolow in Paris auch beim Völkerbund interveniert und über die Lage in Palästina Bericht erstattet. In London hatte er mit mehreren führenden Persönlichkeiten Unterredungen und hat den Eindruck gewonnen, daß die entscheidenden Stellen die Sachlage verstehen und unsere Sache nach wie vor zu fördern bereit sind. Jedocii ist zu betonen, daß die Lösung des Problems jetzt in der Arbeit hegt, die wir zu schaffen in der Lage sein werden. Die Arbeitsbeschaffung in Palästina ist jetzt das wichtigste politische Problem geworden. Nacli dem mehr als vierstündigen Referate Sokolows wird, da die Debatte bis zu Weizmanns Ankunft verschoben ist, zunächst das Referat des Herrn Lichtheim über die organisatorische Vorbereitung des Kongresses und das neu vom Kongreß zu beschließende Organisationsstatut entgegengenommen. Er legt die Be- Stimmungen der Wahlordnung dar. Für das neue Organisationsstatut schlägt er unter anderem vor, daß ein etwa dreißiggliedrigcs Actions-Comitf und eine acht- bis zwölfglicdrige Exekutive gewählt werden soll, von der ein Teil in London und ein Teil in Palästina, sitzen solle. Sowohl die Londoner als auch die palästinensischcn Mitglieder der Exekutive bilden je ein Koüegium, das die Leiter der betreffenden Institutionen ein- '.et/t. Die l.oiulorer Exekutive hätte die Verantwortung für die organisatorischen, politischen und finanziellen Fragen, die palästinensische Exekutive jene für die gesamte Palästinaarbeit. L i c 111 h e i m schlägt vor, zur Ausarbeitung der Beschlußanträge eine Kommission zu wählen. Im Rahmen einer Geschäftsordnungsdebattc bcantragt Mereminsky, auch die Frage von Zeit und Ort des Kongresses zu erörtern. Er verlangt, daß der Kongreß zu einem späteren Zeitpunkte und nicht in Karlsbad, sondern in Wien stattfinden solle. Er bestreitet der Exekutive das Recht, über diese Fragen ohne Anhörung des Actions-Comites zu entscheiden. Es entwickelt sich eine ausführliche Debatte, in der eine ganze Reihe von A.-C.-Mitgliedern alle technisehen Gründe für und׳ wider die Vorschläge Mereminskys erörtern, worauf pttf Antrag Sprinzak beschlossen wird, die Frage bis mach Erledigung der politischen und Palüsäina-Debatte zu vertagen. Sodann wird eine zehngliedrige Kommission für die Fragen des Kongresses nnd des Organisationsstitutes gewählt. Abends sind ^Weizmann, Cowen und Jabolinsky eingetroffen. Zweiter Sitzungstag• Montag, 11. Juli. Vorsitzender Prof. Warburg eröffnet die Sitzung mit Verlesung von Begrüßungen des Zentralkomitees für Rußland und der französischen Zionistenföderation. Sodann erteilt er das Wort Dr. Weizmann zur Berichterstattung. Weizmann streift kurz die politische Lage, wie c> sie anläßlich seines nur kurzen Aufenthaltes in London in Besprechungen mit englischen Politikern beurteilen konnte. Er habe sich überzeugt, daß alle führenden englischen Politiker entschlossen sind, die Balfoursehe Deklaration aufrecht zu erhalten, daß aber über die Interpretation keine genügendc Klarheit bestehe, padurch ergebe sich immer wieder ein Gegensatz zwischen den ErkLirungen, die wir in London erhalten, und dem, was daraus in Palästina gemacht wird. Er sei überzeugt, daß jetzt die Zeit sei, mit allem Nachdruck gewisse Forderungen aufzustellen, vor allem, daß uns jetzt gewisse w i r t - s ch aftlich e Kon Zessionen definitiv erteilt werden und daß die Frage des Schutzes Palästinas klar geregelt werde. Der High Commissioncr müsse von London aus in seiner Haltung bestärkt werden, dann werde er auch in der Lage sein, klarer zu handeln. Zum Bericht über Amerika übergehend, schildert Dr. Weizmann ausführlich die Vorgänge vor »einer Ankunft und während »einer Anwesenheit in Amerika und