Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXVI (1921)
- Issue
- Heft 55 (12.7.1921)
- Date
- 1921-07-12
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 392 J U E DIS C n E RUNDSCHAU Nr, 55 יזיך־־ך^«* r■ 1 י i®A W Ci» Li i»A 4*4 uns den um Die Konstaiitiuoplcr ״Nation“ bringt «11!er dein 1. I«!i ein Interview ihres Mitarbeiter* mit C11. N. l> i a 1 i k , das wir hier im Ausruf wiedergeben. . , . ״Wir habet! Rußland nicht verlassen, üngto H i a l i h , tmt uns durch eine überstürzte Flucht Verfolgungen und 1\> um zu ent/ielien Oder _auf die Suche nach ein wenig Nahm»:' «der nach einem Dach y.n gehen, das uns beschützt, wie cs unsere Brüder ans der Ukraine zu mm gezwungen sind. •Jnscrc Abreise hat ganz andere üründe. Infolge verschiedener politischer tmd sozialer Verhältnisse waren die hebväu* sehen Dr1K־kereion während des Krieges gezwungen, ihre Betriebe zu schließen, und ruhen jetzt seit mehreren Jahren Meine Freunde und ich waren verzweifelt, fcsistcllen zu müssen, daß diese Situation, welche unsere Gedanken und unsere Seele erstarren oder sic in den Büchen! einsehlafen ließ, in die sie sich ergossen hatten, vermutlich sich ins Unendliche ausdelmeii werde. Es wurde für uns zum Lebensbedürfnis, aus diesem morali sehen Gefängnis zu entkommen ur.d eine andere Atmosphäre zu atmen, die es uns möglich macht, unseren Brüdern 'die Früchte unserer Arbeit zu übermittebv. In dieser Geistesverfassung unternahmen wir unter der Regierung Denikins gemeinsame Schritte, um die Erlaubnis zu erhalten, Rußland zu verlassen. Diese Schritte waren langwierig und schwierig, Und wir waren im Begriff, sie• auf/.up.ehen, «I* vier Riiek/ug der freiwilligen Armee und der Efti/.ug der 150 1 sehewisten in Odessa alles veränderte und Unseren Hoffnungen auf Bef reim!״ ein Ende bereitete. , Dies war für uns eine sehr bittere Enttäuschung. Es half jedoch nichts, und nun begann für uns ein Leben materiellen Elends und moralischer Leiden, wie es unsere Voreltern in den vergessenen Zeiten des Mittelalters durchwachen mußten, ln dem kleinen Stübchen, das mich beherbergte, fehlte fast alles; Wasserleitung, Beleuchtung, Heizung versagten volikommen. Die Ernährung, die sich auf ein Stück Schwarzbrot beschränkte, war vollkommen mizurcicheiul, und eine Arbeit war unter solchen Umständen sehr schwer. Lange Zeit lebten wir so, wenn sich dies überhaupt ״loben" nennen läßt. Endlich beschlossen wi.r, bei den bolschewistischen Behörden von neuem Schritte zu unternehmen, um die Ausreiseerlaubnis zu erhalten. Da der Lokalrat von Odessa nicht zuständig war, sandten wir eine Abordnung nach Moskau. Diese Abordnung fand ,in dem wohlbekannten russischen Schriftsteller Maxiin Gorki die wertvollste und eifrigste Unter- Stützung. Er ,Unterbreitete den an der Frage interessierten Volkskommissaren und besonders Lenin, daß die Tätigkeit der intellektuellen Juden in hebräischer Sprache im Lande für die' Entwicklung mul den Fortschritt der allgemeinen russischen Kultur nicht unum.gänglieh notwendig wäre und daß auch sonst der ErfüUung unseres Ersuchens keine Bedenken entgegenständen. Die Sowjetbehörden Moskaus bewilligten nach einigem Widerstreben unsere Abreise, und die Delegation kehrte nach Odessa zurück, um sofort die Vorbereitungen zu unserer Einschiffung auf dem Dampfer ״Anastasia“ zu treffen, mit dem wir angekommen sind. Sie fragen uns, wohin wir gehen, wo wir ums niederlassen werden und womit wir in Zukunft rechnen. Wir haben noch keine endgültige Entscheidung getroffen. Sicher ist, daß wir alle nach Palästina gehen, aber es ist möglich, daß einige von uns noch einige Zeit hier bleiben oder zur Regelung unserer pa- Lästinensischen Angelegenheiten anderswohin gehen werden. Alle werden wir uns ans Werk machen, um das schnellste Erscheinen unserer bereits fertigen 11SflgSRS!!?*■*- Arbeiten zu ermöglichen. Seit sieben Jahren warten wir auf diesen Tag. ״ , Uebrigcns hat noch in Odessa die Vcrlagsgcsellschaft Dwir“ bereits eine große Anzahl hebräischer Manu- Scripte erworben und bereitet sich vor, die nötigen Opfer zu' *bringe». Diese Manuskripte, die wir 111 unseren Koffern 4'geborgen haben, enthalten einen un schätz- 1! a ren R ei c 111 nn! für unsere jüdische Kultur. Ich möchte nun Lobe der Verlngsgcsellschnft ״Dwir“ hinzufügen, daß sic seit ihrer Gründung nicht aufgehört hat, einer Menge von hebräischen Schriftsteilern und Literaten sehr wirksamen Beistand zu leisten, welche sie aus ihren Hilfsgeldern tmterstiitzle.“ ״Wie ist, fragten wir noch, die wirkliche Lage der jüdischen Bevölkerung in Räterußland? Man erzählt so viel widersprechende Düige, die an einem Tage bestätigt, am nächsten widerrufen werden und umgekehrt, daß wir froh wären, endlich etwas Wahres Von dort zu erfahren.“ ״Der Antisemitismus und die Pogrome .1. ״f, r. *1 ■ 4,י■ ,Ltid f ) Regierung, wie• dies bei jlciu zaristischen Keginc der Fall war, und die jüdische Bevölkerung erfreut sich in Sowjetruß La ml einer gewissen Ruhe. D i e J u d e n s i n d keine Anhänger des Bolschewismus, aber sie fürchten die Rückkelir des automatischen Regimes, welches bei ihnen einen starken Eindruck des Schreckens hinterlassen hat. Die Armeen Denikins und Wran* g e l s haben derartig gemurdet, geschändet, geplündert, gcbramlsdmtzt, daß, wein! ein der Folter entronnener Jude ihre Namen nennen hört, er von unbeschreibhellem Schrecken ergriffen wird. Der Jude Sst jedoch, dies muß ohne Unterlaß versichert werden, nickt bolschewistisch, und cs gibt gute Gründe hierfür. 111 der Tat hatten die Gesetze des zaristischen Rußland, welche zahlreiche Beschränkungen und Verbote gegen die Juden enthielten, mit Gewalt das wirtschaftliche Leben derselben in der Industrie, hu Handel und den freien Berufen auf gewisse Bezirke des LaiHies beschränkt. Der Bolschewismus liat den Handel imd die Industrie nationalisiert, d. h, abgeschafft, und dadurch ist die ganze jüdische Bevölkerang, mit Ausnahme einer kleinen Anzalil Arbeiter, vollständig ruiniert und in herzzerreißendes Elend gestürzt. Dadurch, daß seine wirtschaftliche Tätigkeit mit einem Schlage zerstört wurde, ist aus dem russisehen Judentum nicht mir eine Gemeinschaft von Proletarier» geworden, die mehr oder weniger gezwungen sind, ihr Leben durch Arbeit zu fristen, sondern auch von Unglücklichen und Hungernden, welchen jede Arbeit verboten ist. Von den '18 Volkskommissaren in Moskau sind tatsächlich drei jüdischen Ursprungs, nämlich Tro tzk i, Kc 111 e ne f f und Si no vv lew. Aber wenn sie auch Juden durch das Blut sind, so verknüpft sie doch absolut nichts mehr mit ihrem Volk, weder moralisch noch geistig, und sie wachen selbst eifersüchtig darüber, sich von ,ihm fenizuhalten.“ ״Wie ist die Stellung der Sowjets ln bezug auf die jüdische Religio» mul die Verbreitung der hebräisehe» Sprache unter den jüdischen Massen?“ ״Der Bolschewismus duldet den jüdischen Kult in den Synagogen und mischt sich nicht in die religiösen Fragen. Es herrscht im gegenwärtigen Rußland vollständige Ge- Wissensfreiheit, vorausgesetzt, daß die religiösen Uebungen sich auf die Kirche, den Tempel oder die Moschee beschränken. Was die hebräische Sprache betrifft, so ist es möglich, daO die Behörden ihr im Prinzip freundlich gegeniiberstehe». Nichtsdestoweniger begünstigt die ״jüdische Sektion" des Erzichungsr״ * tommissariats, Ruf Antrieb des ״Bund“ (der Vercianun״ der jüdisch-sozialistischen Arbeiter), in den jüdische» Schulen den Unterricht des Jiddischen auf Rostes des Hebräischen Im Gegensatz hierzu unterstützt die Sektion der Künste desselben Erziehungskommissariats das hebräische Theater ״H abirn ab Ha i vr it (Hebräische Bühne) in Moskau. Dieses Theater hat sich in der russischen Hauptstadt ein gutes Renommee erworben und wird von den intellektuellen Kreisen im allgemeinen sehr geschützt.“ ״Und die zionistische Bewegung?“ ״Das Kommissariat für jüdische Angelegenheiten, das vom ״Bund“ und besonders von seinem Vorsitzende* Mereschin unterstützt wird, welcher ein eifriger Assimüant ist, führt eine sehr wirksame Kampagne gegen alles Zionistische. Aus der gleichen Quelle stammen äße Schwierigkeiten, welche der Attswandemngsbewegung der Juden entgegenstehen.“ (Ueber die innere 2ionistische Tätigkeit, die im geheimen fortgesetzt wird konnte sich Biahk ans bekannten Gründen nicht verbreitem Aiun. d. Red. d. ״J, R“) 9 Die ״Nation“ berichtet noch, daß Bialik b diesem Augenblick eine sehr wichtige literarische Kritik über die hebräischen Dichtungen der großen sephardi sehen Schriftsteller des Mittelalters vorbereitet. Schließung von Synagogen in Odessa und Witebsk K«>».<! t a 11 I i nop e L (J. B.) Wie wir ans mverlässiger Quelle erfahren, wurden auf Grund von andauernden Beschwerden der jüdischen Sektkrt der russischen kommunistischen Partei acht Synagogen geschlossen und in Lager verwandelt. Dieses Vor• gehen rief unter der jüdischen Bevölkerung und den jüdisehen Arbeitern allgemeine Entrüstung hervor. Sie veranstalteten eine Demonstration, die Demonstranten wurden von der Polizei auscinandergejagt Auf eine in Moskau cingcreichtc Beschwerde hin wurde eine Untersuchung cingelcitet, jedoch nach kurzer Zeit ohne jeden Grund eingestellt. ln Odessa wurde die zionistische Synagoge Jawna in der Kleinen Arnautcnsfraße gleichfalls von den Bolschewisten geschlossen. Als Grund für diese Maßnahme wurde eine von einem zionistischen Arzt gehaltene Rede angegeben, die jener in einer Ver- Sammlung des Aerztevereins, die in der Synagoge stata־ fand, gehalten hatte. Die jüdisdie Sektion der kammunistischen Partei nahm an dieser Rede Anstoß, weil darin angeblich ״die Erziehung der Massen im Geiste des bürgerlichen. Zionismus, der sich mit den Ideale« der Entente verbrüdert“ propagiert wird. Eine gegen die Schließung der Synagoge beim Vorstand der Synagogen in Moskau eriiobene Beschwerde hatte keine« Erfolg. Neue Pogrome in der Ukraine Riga, 6. Juli. (J.C. B.) Hier eingetroffener! Nachrichten aus Moskau zufolge, fanden in mehreren Städten in der Ukraine, wo die Bauern sich gegen die Sowjetregierung erhoben, neue Judenpogrome statt. Dese Nachrichten wurden auch von der offizielle« Sowjetpresse in Moskau wiedergegeben. John D. Rockefellers Schenkung für eine Palästinaexpedition. London (J. C. B.). Der New Yorker Korrespondent drahtet der ״Daily Express“, daß Mr. John Rockefdler der Universität Chicago HSCOÜ £ für eine Palästinaexpedition zur Ausgrabung von Armaggedon gespendet hat. 1 ■ t i ״Ueber die Sprache“ Bemerkungen zu dem Artikel von E. M. Lif schütz. Ich habe den Artikel von Herrn Lifsciiütz*) mit großem Interesse gelesen, und so treffend mir seine Ausführungen in vieler Hinsicht erscheinen, so seht fordern mich gewisse Punkte zu einer Entgegnung heraus: Was zunächst die von Lifsciiütz betonte häufige Nachlässigkeit und Fehlerhaftigkeit des Ausdrucks an belangt, so ist dies eine Erscheinung, die eng mit den gegenwärtigen Zustande der Entwicklung, des Werden! nisamnienhängt und daher keinerlei übertriebene Be־ sorgnis zu erregen braucht. Der Sprachgeist wird *st, er erst genügend erstarkt, der unorganischen Ein drmglinge schon Meister werden, sie entweder aus merzen oder assimilieren, d. h. ihnen eine angemessen! Form geben. Naclihclicnd und gelegentlich korrigieren( könnte eine Körperschaft, wie das hebräische Institut wohl mithelfen, sprachschöpferisch wirkt, von Fachaus drücken abgesehen, nur der Volksmund und gelegent \lC> ״r 55dhriitstellcr. Schon auf dem Wege durc den Mund des Kindes wird die Sprache von Fremd körpern gereinigt; im Kinde wirkt intuitiv der SpracS geist, äußert sich das Streben nach Anglcichun״, fre ,f Ke egcntlich auch nadi fehlerhaftem Ausgleich vo Unregelmäßigkeiten, mit elementarer Kraft. Auch darin bin ich mit Lifsciiütz einig, daß ein ubcrti!ebene Scheu vor Fremd Worten keineswe-rs b< nt־L• ,'f!St’ 2111'״י ^‘e hebräisd!© Sprache durchQgeeif nett Endungen diesen Worten eine Form gibt, in d! sie keineswegs m stärkerem Maße Fremdkörper sir י Jn Nr• 40/47 der ״J. R.“ _ Der vorlieceade A11 «atz erscheint wegen Raummangel verspätet. als in den europäischen Sprachen, und manchen, z. B. den Worten für ״Telegraphieren“, ״Telephonieren“, sogar eine hebräische Form und FicxionsSühigkeit, gewissermaßen eine hebräische Seck, zu verleihen im- Stande ist Freilich mangelt es der hebräischen Sprache zunächst noch an mancherlei Ausdrücken; aber auch in anderen Sprachen werden dieselben Worte, wenn auch meistens nicht im selben Maße, zum Ausdruck verschiedener Begriffe benutzt. Wenn dies gelegentlich ein Nachteil sein mag, so verleiht cs andererseits der Sprache einen eigentümlichen Reiz, gibt es dem einzelnen Wort ein eigenartiges Leben, macht es aus ihm manchmal das Spiegelbi kl unserer geschichtlichen Entwicklung und unserer Volksseele. Aus diesem Grunde vermag ich Lifsciiütz auch nicht bcizupfüchten, wenn er dem hebräischen Wort die Ausdrucksiähigkeit abspricht; gerade weil man in ein einzelnes Wort gar oft mehr liincingepreßt hat als bei einer Sprache mit natürlicher Entwicklung, spricht das Wort mit seltsamer Beredsamkeit zu unserer Seele. Vor allem aber möchte ich der Behauptung widersprechen, unsere Sprache sei eine europäische Sprache geworden und habe nur in der europäischen Gedankenweit ihr Lebenselement zu suchen. Ebensowenig wie der Japaner oder der Inder, der europäische Bildung in sich aufgenommen hat, zum Europäer zu werden braucht, ebensowenig brauchen wir bei aller Vertrautbeit mit europäischen Kulturelcmcntcn uns als "Europäer, unsere Sprache als europäische, anzusehen. Wären wir dies, so wäre unsere nationale Wiedergeburt für die Menschheit von nicht größerer Bedeutung als etwa die des ukrainischen oder des weißruthenischcn Volkes. Hätten wir nicht die Hoffnung, in organischer Fort- I entwickln»!' desselben Geistes, der für die Menschheit unvergängliche Kulturwcrte geschaffen hat weiter schöpferisch zu wirken, so wäre die Schaffung einer jüdischen Heimstätte in Palästina eine Angelegenheit, die zwar wirtschaftliche und humanitäre, aber keine ן Bedeutung für die Menschheit in ihrer Gesamtheit, be• ansprucheil könnte. Würde die Weiterentwicklung der hebräischen Sprache durch einen Bruch mit der Ver־ gangeniicit als ״europäische“ Sprache erfolgen, dann würde cs sich nicht verlohnt haben, dann wäre es sündhaft gewesen, die Sprache der Bibel neu zu beleben und ihrem eigentlichen Wesen zu entfremden. Aufs entschiedenste bestreite ich, daß ein Artikel von Achad-Hnani ״trotz seiner reinen hebräischen Sprache europäisch“ wäre. Ist er doch, trotz umfassendster Bcrücksichtigung der Ergebnisse moderner europäischer Forschung und Philosophie, jüdisch, intensiv jüdisch, und zwar nicht nur durch die immerhin in unserem alten Schrifttum wurzelnde hebräische Sprache, so״- dern auch durch die Form der Gedankengänge. Audi in der Leugnung der inneren Verwandtschaft mit der arabischen Sprache sdieint mir üfschütz zu weit zu gehen. Ich bin nicht Philologe und besitze auch bisher nur eine obcrflädiüdie Bekanntschaft mit der arabischen Sprache; aber das kann ich sagen, daß ich schon bei dieser oberflächlichen Bekanntschaft den Zusammenhang mit dem Hebräischen auf Schritt und Tritt sehe und warm empfinde und daß eine gelegen{- lidie Vorlesung von Stellen aus dem Koran midi stets seltsam vertraut angemutet hat. Im übrigen hege ich das feste Vertrauen, daß unsere Sprache, unbeirrt durch unsere theoretischen Erörterungen und ihren Weg schon finden wird, den Weg, der zu der einzigen naturgemäßen Entwicklung führen muß, zur jüdischen und nicht zur europäischen Spradie. Dr. Alfred Gradenwitz: