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Jüdische Rundschau · 1921-07-08 · Heft 54 (8.7.1921) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXVI (1921)
Issue
Heft 54 (8.7.1921)
Date
1921-07-08
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Für Techociiotlotfnkei: PeeUperkeesrnamt Prag, Konto Nr. 156030• — RedaktiooMchluS Sonntag und Mittwoch nedimiUeg. — il Zur Sitzung des A.-C Das Actions-Comite, das bei der vorjährige« Jahreskonferenz gewählt worden ist, tritt zu in ersten Male am 10, Juli zusammen, also ein Jahr nach seiner Einsetzung, kaum zwei Monate vor dein Kongreß. Zwar war mehrmals der Versuch gemacht worden, das Actions-Comite ei 1tzuberufen, doch wurde diese Absicht immer wieder durch andere dringende Ereignisse verhindert, zuletzt im Februar dieses Jahres, als Weizmann plötzlich nach Amerika abreisen mußte. Die Actions-Comite- Sitzung ist auch dadurch bemerkenswert, daß es die erste zionistische Tagung ist, die außerhalb Londons stattfindet, in einer von allen Teilen Europas leicht erreichbaren mitteleuropäischen Stadt. Soviel bisher bekannt ist, dürften Vertreter nu« Amerika der Sitzung nicht beiwohnen, ebenso ist woltl nicht mit einer Teilnahme Sowjelrußlands zu .rechnen. Ob aus Palästina alle Mitglieder des A.-C, werden kommen können, ist angesichts der Lage Im Laude auch zumindest unsicher. Um so größer ist die Ver- Umwertung, die auf den Vertretern der mitteleuropäischen Landesverbände liegt. Bei der A.-C.- Sitzung in Prag wird sehr viel davon abhiingen, welche Haltung jene Zionisten einuchiucii werden, die bis vor dem Kriege die wichtigsten Träger des Zionismus gewesen sind. Dabei kommt natürlich dem deutschen Zionismus eine besondere Bedentung zu. ln der Sitzung des A.-C. wird die Exekutive zum ersten Male einem größeren Forum Bericht erstatten über die politische Lage und über die einzelnen Ereignisse der letzten Zeit. Wir wollen diesem Bericht nicht vorgreifen, zumal das A.-C. keineswegs definitive Entscheidungen bezüglich der Politik des Zionismus wird treffen können, da der Kongreß unmittelbar bevorsteht. Durch die politischen Ereignisse sind bis zu einem gewissen Grade die inneren Streitfragen in den Hintergrund gedrängt worden, welche die zionistische Weh vorher beschäftigt haben. Trotzdem wird das A.-C. sieh mit ihnen befassen müssen. Wir müssen bedenken, daß zwei Mitglieder der vom A.-C. eingesetzten Exekutive in der Zwischenzeit resigniert haben und an ihre Stelle drei Herren vom Präsidenten provisorisch zu Mitarbeitern bestellt wurden, deren Heranziehung das A.-C. zu bestätigen hat. Die Demission Simons und de Lieines ist aber keine persöuliche Frage. Sie haben ihre Demission mit einem ausführlichen Schreiben begründet, in weichem sie ihre sachlichen Motive darlegen, und die sachlichen Fragen, welche ihrer Demission zugrunde liegen, müssen vom A.-C. geprüft und entschieden werden,/ Im Zusammenhang damit wird nochmals vom Berieht der Reorganisationskommission die Rede sein müssen. Dieser Bericht, der in der Form einer Kampfschrift gegen die Exekutive veröffentlicht worden ist, enthält in seinem positiven Teile eine Reihe von Vorschlägen, die wenig Widerspruch finden dürften; Dr. Ruppin hat Sn seiner Antwort selten dargelcgt, daß sehr viele dieser Vorschläge mit seinen eigenen identisch sind. Es wird gut sein, wenn in Zukunft die Schuldfrage und die Urheberfrage weniger die Gemüter beschäftigt als die Frage der Durchführung. Ueber die Finanzierung der Palästinaarbeit wird das A.-C. um so eher urteilen können, als Weizmann über seine Aktion ln Amerika berichten wird. An der Hand dieses Berichtes muß die ganze Finanzierungsfrage nochmals einer ernstesten Prüfung unterzogen werden. Die Bestätigung der drei neuen Mitglieder der Exekutive wird gleichfalls vermutlich nicht nur nach persönlichen, sondern auch nach prinzipiellen Gesicluspunkten erfolgen. Denn obwohl darüber niemals etwas Eindeutiges verlautbart wurde, so ist doch aus gewissen Presseäußerungen zu entnehmen, daß die drei Mitglieder auf Grund des sogenannten Jubotinsky-Programms in die Exekutive eingetreten sind, und im letzten Heft der Von Großmann herausgegebenen Londoner Zeitschrift ״Tribüne*' schreibt z. B. Jabotinsky, daß die jüdische Legion ein so fester Bestandteil dieses Programms ist, daß niemand der Exekutive angehören könne, der dieses Programm nicht billigt. Da nach % den von der Jahreskonferenz beschlossenen Bestimmungen das A.-C. das Recht hat, Mitglieder der Exekutive zu bestätigen, wird es sich zweifellos zuerst mit der prinzipiellen Seile dieses Programms beschäftigen müssen und ungeachtet der Entscheidung in der Personenfragc genaue Richtlinien in den sachlichen Fragen aufstellen müssen. Da der Kongreß vor der Tiir steht, wird das A.-C. vor allem vorbereitende Arbeit zu leisten haben. Der Kongreß wäre wertlos, wenn er nicht sorgfältig vorbereitet ist und ein entsprechendes Material vorliegt, Darum ist es vielleicht zu empfehlen, daß das A.-C. aus seiner Mitte Kommissioneu wählt, die sich bis zum Kongreß permanent erklären. Solche Kommissionen müssen die politische Frage, die Kolonisationsfrage, die Finanzfrage, die Organisationsfrage und vor allem die Leitungsfrage so weit klären, daß der Kongreß auf Grund des vorgelegtcn Materials Beschlüsse fassen kann. In einem furchtbar ernsten Moment tritt das A.-C. in Prag zusammen. Es ist vielleicht die größte Krise, die der Zionismus seit seinem Bestand durchgemacht hat. Möge die Tagung auf der Höhe ihrer Aufgabe stehen und die Hoffnungen erfüllen, die in sic gesetzt sind. R. W. Vom Aufbau Palästinas Daß die wirtschaftlichen Verhältnisse des vergangene« Jahres dem Aufbau des jüdischen Paüistina hindernd im Wege standen, ist, wie Jabotinsky kürzlich treffend bemerkte, kein Entschuldigungsgrutid dafür, daß das jüdische Volk -die jüngste Zeitspanne noch fast gar nicht benutzt hat, um in der einen oder anderen Form die unverglcichliche Chance auszunutzen. Gewiß, es sind arbeitskräftige jüdische Menschen ins Land gekommen, doch es fehlte das jüdische Kapital, sei es öffentliches, sei es privates, das gemeinsam mit diesen Menschen große Dauerwerte hätte schaffen können. Die Regierung Sir Herbert Samucls hatte den Ausweg gefunden, die Einwanderer zur Anlage großer Straßenbauten zu verwenden, welche die zukünftige Entwicklung Palästinas sicherlich günstig beeinflussen werden. Doch die Bauperiode ist zu Ende, die Kontrakte laufen ab, und erst schüchtern kommen die öffentlichen oder privaten Kapitalien, welche die Wegebaucr mit Leichtigkeit übernehmen und auch weitere Einwanderer mit Arbeit versorgen können. Die neuerliehe Beschränkung der Einwanderung ist viel weniger, wie man anzunehmen geneigt ist, eine Folge der Jaffacr Vorgänge, als eine Folge der dargestellten Verhältnisse. Es bleibt demnach die Frage, wie ist es möglich, eine größere Menschenmenge in ein Land wie Palästina zu bringen, das, im Verhältnis zur modernen europäisch-amerikanisehen Wirtschaftswdt, kolonialen Charakter trägt? Wie ist die Blüte anderer Neuländer entstanden, und weiche Konsequenzen müssen wir aus ihrer Entwicklung für Palästina ziehen? Blicken wir auf die Entwicklung von Ländern wie Nordamerika, Argentinien, Südafrika, Australien, ln allen diesen sehen wir zu Beginn der Kolonisationsepoche große, wüste, zum Teil mit Urwiildern bedeckte Flächen, von wilden Völkerschäften in Besitz genommen und roh besiedelt. Wie setzte sich der weiße Kulturträger in den Besitz dieser Länder? Zumeist mit nackter Gewalt, indem er die Urbewohner teils totschlug, teils auf bestimmte Territorien beschränkte. Aber auch gewaltige Kapitalien wurden in diese Länder hineingesteckt, öffentliche wie private. Oefientlich in der Form, daß staatliche Gewalten, zum Teil europäische (so z. B. England in Nordamerika), mit Hilfe von Steucrgeldcrn Truppen in jenen Ländern unterhielten und durch sie das Vordringen der privaten Siedler in weitestgehendem Maße unterstützten. Gewaltige Rodungen wurden allmählich zwischen dem Atlantischen Ozean und dem Mississippi durch ein Zusammenarbeiten von Privatsiedlern und ■öffentlichen Gewalten vorgenommen, Arbeit und Kapital wurden in den mannigfachsten Formen und größten Mengen in den Boden hineingesteckt. Als das Land einer erstem Erschließung zugeführt war, kamen Privatgesellschäften, namentlich Eisenbahnen, welche mit Staatserlaubnis enorme Landstrecken okkupierten und diese weiter an Siedler verschenkten, denen sic das Material für ihre ersten Bauten und Baukreditc hinzugaben. Und cs wurde soviel Arbeit und Kapital mit dem Boden verbunden, daß, ungcachtet der billigen Erwerbsmethode des Okkupicrens und ungeachtet der reichen Erträge der jungfräulichen Erde Amerikas, der Gedanke auftauchte, ob jemals ein eigentliches Rentieren in Frage kommen könne. Der amerikanische Wirtschaftsphilosoph Carey kam Anfang des neunzehnten Jahrhunderts zu dem Ergebnis, daß die Gesamtheit des in den Boden Hineingesteckten, Arbeit und Kapital, so groß sei, daß man bei der Landwirtschalt von einem wirklichen Rentieren nicht sprechen könne. Diese Lehre ist niemals ernstlich angefochten worden, Faßt man in analoger Weise die Gesamtheit von Arbeit und Kapital ins Auge, die etwa notwendig war, um in tausend Jahren aus einem wendischen Fischerdorf das heutige Berlin entstehen zu lassen, so ist ersichtlich, daß für die städtische Siedlung ähnliches gilt. Kehren wir zu Amerika zurück, so ist hier zu berücksichtigen, daß die Erwerbsart der Okkupation ein besonderes Moment der Verbiiligung schaffte. Dasselbe war i.1 Argentinien, dasselbe in Südafrika und Australien der Fall (man weiß, welchen Preissturz das erste größere Erscheinen der landwirtschaftlichen Produkte dieser Böden auf dem Weltmarkt hervorrief). Gehen wir weiter in die Geschichte zurück, so wissen wir, daß auch das erste Erstehen der Bauernschaften in weiten Strecken des heutigen Europa auf Okkupation heruhte. Man denke an die Kolonisierung Osteibiens durch die Deutschen im Mittelalter. Und ähnliche Vorgänge spielten sich zu allen Zeiten der uns bekannten Weltgeschichte ab. Die Erwerbsart der Okkupation steht uns in Pa lästi n a n ic ht zur Verfügung. Wir müssen hier den Boden käuflich erwerben. Dabei wird es nicht immer möglich sein, allein den privatwirtschaftlichen Gesichtspunkt der Rentabilitat anzuwenden. Es handelt sich hier um die volkswirtschaftliche Tatsache der Ansiedlung von Juden. Die jüdische Gesamtheit ward bei diesem Vorgang viele Gelder aufbringen müssen, die mit dem Oesamtwerk der Ansiedlung in Verbindung stehen und deren Verzinsung nicht immer im Augenblick ersichtlich ist. Man wird zwar nach Möglichkeit auf eine ordnungsgemäße Rentabilitäts- Wirtschaft drängen müssen, ohne doch in jedem Augenblick allzu kleinlich zu sein, und jeden Posten des Budgets der Zionist Commission auf seine unmittelbare Rentabilität hin durchzuprüfen. Es gibt eben neben den Privatwirtschaften noch eine Volkswirtschaft.!Man wird nicht daran zu verzweifeln brauchen, daß große Teile des Palästinawerks, zumindest privatwirtschaftlich, nach kürzerer oder längerer Zeit rentabel werden. Nur darf dieser Gesichtspur.kt bei der Ansiedlung eines Volkes in einem zum größten Teile nicht mehr herrenlosen Lande nicht in jedem Zeitpunkt der alleinige sein. Die volkswirtschaftliche Produktivität wird man in der steigenden Entwicklung der Ges'amtwirtschat'1 sehen müssen, die einst in ihren Gesamterträgen das hineingesteckte nationale Kapital zurückerstatten muß. Das nationale Kapital, das wir für Palästina sammeln, das die Ansicdlung der jüdischen Massen und die privatwirtschahlichc Blüte vieler Einzelunternehmen fundieren, stützen und fördern soll, ist der Keren Hajessod. Er kann das Privatkapital nicht ersetzen; doch er muß es ergänzen, unterbauen und in die Lücken einspringen, welche das ,Privatkapital offen läßt, wo es unmittelbare Gewinnmöglichkeiten nicht sicht, während vom volkswirtschaftlichen Gesichtspunkt Anlagenotwendigkeiten vorlicgen, die nicht allsogleich, aber doch in ihrer Gesamtwirkung wirtschaftlichen Segen versprechen. Erich Marx. Berichtigung. Die Notiz über die Tagung il Sitzung des A.-C, in der vorigen Nummer unsci Blattes ist durch Druckfehler entstellt. Es heißt da im letzten Absatz, daß in Prag die Generalversammlu Hai'esS(Kl< ferne״ ־׳des J. C. B., der A. P. C. u J. M. S.“ stattfinden. Es soll natürlich heißen ]. C. (Jewish Colonial Trust), A. P. C. (Anglo-Palestine Co pany) und J. N. F. (Jewish National Fund).

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