Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXVI (1921)
- Issue
- Heft 42 (27.5.1921)
- Date
- 1921-05-27
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Verlag Alwin Loewenthal, Berlin NW 7, Dorotheenstr. 35 T«!epboot Amt Zentrum 4314 und 4815. ADielgenprel! für die a1c0״uK®s1jaiU0e NonpsreiUtzelio2,50 PemtUen»n1eij’«Q 4 M. pro Zeile, Anft*tg«n»chlttfl1 Dieastag nod PreiUg־ aackttUtagr 4 Ukr. Telaphon: Ubiand 845 a.8^5. Poaiaehrckkontot BerJio Nr. 1739ל. Pur Oeatenreich. Pottaparkiuiaenamt Wien, Konto Nf, 156 030, Pur Tschechoslowakei: Poataparkaasenamt Prag, Konto Nr. 156030. *— Redaktionaachluö Sonntag und Mittwoch oorhinitUg• ■״ יט/אייר* ת־רפ״א• .j xxvr. ־JaiirgT Im ״jcwish Chromcie" veröffentlicht JalxniiKky ein Interview, in vek'hem die wahre Ursache de! Aussclireitiingen in Jaffa erörtert wird. Jabotinskv erklärt: ״Sicherlkli muß man der palästinensischen Regierung eine gewisse Schwache vorwerfen, denn sie hat es unter• lassen, die feindlich gesinnten Beamten zu entlassen und die künstlich geschürte annjiklisehe Agitation zu verhindern. Ebenso muß die Zionist Gommission getadelt werden, weil sie nicht genügend nachdrücklich diese Maßnahmen von der Regierung gefordert hat. Auch der zionistischen Exekutive müssen Vorwürfe gemacht werden, weil sie nicht dem Ministerium genügend klar machen konnte, daß das Mandat vcrbesseit werden muß. Endlich macht sich die Regierung selbst einer Kurz.• sichtigkeit und Piogi'ammlosigkeit schuldig, indem sic ,!!len Seiten zu gefallen versucht, ohne eine wirklich zu befriedigen. Der schärfste Tadel gebührt der kleinen Gruppe jüdischer Kommunisten in Palästina. Ich glaube /.war nicht, daß sic die Jaffaer Ereignisse hervorgerufen haben, aber ihr Verhalten bei dieser wie bei vielen .uuleren Gelegenheiten war sicherlich ein unverzeihlicher Verstoß gegen die elementaren jüdischen Interessen. All diese Kritik ist gerecht, aber auch billig und leicht. Sie wissen, daß ich selbst stets ein strenger Kritiker gewesen bin, und ich halte Kritik für ein sehr wesent*;!dies Element des Aufbaues. Aber ich halte nichts w>:1 einer Kritik, solange sie von einer Seite ausgeht, die selbst ihre Pflicht nicht erfüllt hat. Und wenn ic'n höre, wie in der jüdischen Presse und jüdischen Versammlungen der Diaspora Regierungen oder Leitungen angcklagt werden, kann ich nicht umhin, immer nieder die Frage zu stellen: Haben die, welche סי laut protestieren, selbst ihre Pflicht g e ta 11? In meinen Augen ist der MauptverantwortÜche für die jaffaer Ereignisse das jüdische Volk selbst. Es begrüßte die Baliour-Deklaratioii und San Rcmo, schwenkte blauweiße!׳'ahnen zu Ehren der Cliahizim, und als Herbert Samuel ernannt war, sprach man von der Wiederkehr der Zeiten Esras und Nchemias. Aber man ließ es fehlen au der wirklichen Bewährung, welche sich eine Ironie der Vorsehung — in Geldausdrückt. Das Volk, das als reichstes gilt, hat versäumt, das Geld aiiiztibringen, das auch für die ersten Schritte zur Errichtung der nationalen Heimstätte notwendig ist oder für die Ermöglichung der Einwanderung einer großen Zahl von Chaluzim. Die jüdischen Massen haben oftmals protestfeit gegen die Beschränkungen der Einwanderutig, aber tatsächlich gab es seit der Ernennung׳ Herbert Samuels bis zum heutigen Tage der Aus• 'dircituugeu in Jaffa keine wie immer gearteten Beschriin• klingen. Es gab mir einfach die Frage, oh die Zionistische Organisation jedem Immigranten, der über keine privaten Mittel verfügt, ein Zertifikat ausstellen kann, das erklärt, er werde Arbeit finden. Arbeit kann nicht verschafft werden, solange nicht genügend Gelder da sind, um Land zu kaufen, Baumaterialien, Rohmaterial für die Industrie, Maschinen usw. Es ist eine kindische Anschauung, daß ein Immigrant nur soviel kostet wie seine direkten Reisekosten betragen. Die Kosten der Immigration sind die gesamten Kosten des Aufbaues Palästinas. Solange das jüdische Volk die notwendigen Gelder für diesen Aufbau nicht aufbringt, kann keine Rede von einer gesunden, systematischen, großen Immigration sein. Während der Monate seit San Rcmo hat das jüdisclie Volk unterlassen, seine Pflicht zu tun. Ich kenne alle die Ausreden von Finanzkrise usw. jeder, der nichts tun will, findet genügend Ausreden, und vielleicht Abt es wirklich Gründe dafür, daß das Volk die 25 Millionen Pfund, noch nicht gezeichnet hat. z\ber ein Viertel davon!oder zumindest ein ,Zehntel oder gar mir fünf Prozent hätten , die Juden der ganzen Welt oder sogar die Zionisten allein aufbringen können. Sie haben aber kaum 3 Prozent dieser Summe in bar aufgebracht, obwohl viel höhere Verpflichtungen vor• Hegen. g(r Zionismus «rstrebt IQr das jüdische Volk die Schaffung einer Öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte In Palästina. ״Baseler Programm“ Jaffa und Cleveland Nachdem die Wogen der ersten leideuschait* liehen Erregung über die Ereignisse in Palästina sich geglättet haben, kann man heute schon ein etwas klareres Urteil über das Geschehene gcwinnett. Es ist jetzt völlig erwiesen, daß cs sieh in Jaffa um einen wohlvorbereitctcn Pogrom gehandelt hat, der nach altem russischen Muster mit aller Bestialität ins Werk gesetzt wurde. Es wurden Greise, Frauen und Kinder gemordet, Hilf, lose und Wehrlose angegriffen, Häuser demoliert und geplündert. Unbegreiflich ist nur, wie dieser Pogrom in aller Stille vorbereitet werden konnte, ohne daß die Regierung und die jüdischen Faktoren im Lande cs bemerken und verhindern konnten. Es hat sich gezeigt, daß die von Herbert Samuel eingeschlagcne Arabeqwütik nur zur Halite riehtig gewesen ist. Obwohl wir es durchaus für richtig halten, daß der Qberkomtnissar den Arabern gegenüber mit großem politischen Takt atifgeheten ist, daß er durch weitgehendes Entgegenkommen ihr Vertrauen zu gewinnen strebte, so hätte doch andererseits auch gefordert werden müssen, daß er mit derselben Entschiedenheit jeden gewalttätigen Chauvinismus, jede verdächtige Agitation im Keime erstickt und keinen Zweit. 1 darüber gelassen hätte, daß die Regierung, der die Errichtung der jüdisch-nationalen Heimstätte anvertraut ist, auch zu rigorosem Einschreiten entschlossen ist, wenn es zur Erhaltung der Ruhe nottut; daß sie zwar nicht Strenge übt, aber stark sein kann, ln einer Atmosphäre, wo sieh unkontrolliert allerlei verbrecherische Agenten ausleben können, ist es notwendig, stark zu sein und nicht aus dem Bestreben, verständnisvolles Entgegenkommen zu zeigen, ins andere Extrem zu verfallen. Die palüstinensische Regierung hat sich als äußerst schwach erwiesen. Herbert Samuel, an dessen ehrlichem Willen zur Politik der jüdischen Heimstatte nicht zu zweifeln ist, hat sich ־zu Maßnahmen bestimmen lassen, die von unabsehbaren Folgen sein können. Nidit nur hat die Regierung nicht rechtzeitig eingegriffen und sich in ihren Handhingen von allerlei Bedenken und Rücksichten hemmen lassen, sondern die nach den Ereignissen erfolgte Maßregel des Einwanderungsverbotes stellt sich direkt als eine Konzession an die Gewohinter und Pogrombanden dar. Wie sielt jetzt herausstellt, ist das Eirnvanderungsverbot eilte Verfügung der palästinensischen Regierung, die ohne Zustimmung von London erfolgte. Der britische Kolonialminister erklärte, daß er erst Erkundigungen über die Sachlage einziehen muß. Inzwischen ist die Kunde in die arabischen Dörfer getragen worden und wurde dort als Sieg ausposaunt. Dieses Spiel ist äußerst gefährlich. Denn wenn die terroristisdie Politik des Pogroms sich als erfolgreich erweist, läuft man Gefahr, daß dieses probate Mittel immer wieder in Anwendung gebracht wird, wenn man etwas durchzusetzen sucht. Es heißt zwar, daß das provisorische Landungsverbot nur für die Zeit bis zur Wiederherstellung der Ruhe gilt, aber wir stellen schon in der vierten Woche, und die Aufhebung ist noch nicht erfolgt. Es wird notwendig sein, sofort Aufklärungen über diese Sachläge zu geben, durdi die die ganze zionistische Welt auf das schwerste beunruhigt ist. Wir müssen mit allein Nachdruck fordern, daß das Einwanderungsverbot unverzüglich aufgehoben wird und daß nunmehr ohne weitere Verschleppung das Mandat bestätigt und dadurch eine klare Situation geschaffen wird. Churchill ist nun schon viele Wochen von seiner Orientreise zurück und hat den allgekündigten Vortrag im Parlament bis heute nicht gehalten. Durch die Ereignisse in Jaffa ist seine Aufgabe allerdings sein־ kompliziert geworden. Die Ausschreitungen wurden offenkundig mit der Absicht provoziert, die politische Stimmung in England zu beeinflussen. Man wollte zeigen, daß die Araber sich mit allen Mitteln gegen die jüdische Heimstätte wehren werden, daß man durch die Politik der Balfour-Deklaration schwere Gefahren heraufbesdivvört, die zu bestehen England kein Interesse hat. Man hat ferner das jetzt in der verseuchten politischen Agitation beliebteste Schreckgespenst einer bolschewistischen Invasion zu Hilfe gerufen. Trotzdem hat die englische Re- Dies ist der wahre Grund des Uebels. Trotz aller nicht endenwolicndcn Begeisterung über die Chaluzim konnten wir bis jetzt nicht mehr als 3000 dieser vortrefflichen Pioniere ins Land bringen. Z e h n t a 11 s c n d e warten noch in ganz Osteuropa. Aber wir können nicht daran denken, sic nach Palästina zu senilen, weil wir kein Geld haben, um ihnen Arbeit zu geben. Hätten wir sie ins Land lassen können, dann wären solche Vorgänge, wie die Jaffaer Ausschreitungen, völlig ־unmöglich gewesen. Man gebe uns die Möglichkeit, 1000 Chaluzim im Häuserbau in Jaffa und weitere 1000 in der Landwirtschaft tim Mikweh- Israel untcrzubiingeii, und jeder Versuch, die jüdischen Viertel anzugreifen, wird in zwanzig Minuten unterdrückt sein. leb bin überzeugt, daß das Mandat noch jetzt in zwölfter Stunde verbessert werden könnte, wenn nicht diese fatale Ohnmacht wäre, zu der die zionistische Exekutive verurteilt ist durch das Versagen des jüdischen Volkes, Als C h u r c h i 1! nach Palästina kam, sah er dort allerdings unsere Kolonien, tmscre Schulen und unsere Chaluzim, aber er entdeckte bald, daß wir UerumtiödeSn, ohne etwas Neues zu schaffen, daß die Chaluzim in Lumpen gekleidet sind und keine Stiefel haben, und daß sie beschäftigt sind beim Straßenbau, den nicht wir, sondern die palästinensische Regienmg bezahlt und vielleicht morgen nicht mehr wird bezahlen wollen. Es ist leicht, sich vorzuitcllen, wie dieser Eindruck das Prestige der Zionistischen Organisatiou in den Augen des Kolonialministers beeinträchtigte. Wären wir imstande gewesen, ilun - sagen wir — dreißig neue Kolonien im Bau, hunderte von entstehenden Häusern in allen Teilen des Landes, gut eingerichtete Lager, Küchen, Spitäler für unsere Chaluzim zu zeigen, und einen Geldstrom, der in die Kassen der Organisation für die weitere Entwicklung fließt, dann hätten wir wahrhaftig in einem ganz anderen Tone über das Mandat sprechen können. Dann hätte ich den Standpunkt von Marmoiek und Fischer verstanden, die uns auffordern, der britischen Regierung zu sagen, sie möge ein besseres Mandat geben, ״widrigenfalls wir unsere Arbeit einstellen werden,“ Nach dem heutigen Stand *ler Dinge haben wir leider nichts ״eiimistelleu“. ln der L e g i o n e » f r a g e, weiche jetzt das Haupt- Problem Palästinas ist - denn ohne Sicherheit für jüdisches Leben und Eigentum kann kein Aufbauwerk geleistet werden — sind wir ebenso behindert durch den Mangel an Mitteln. Die jüdische Legion wäre aufgestellt worden als sicherer Schutz, für Juden und Araber von Dan bis Berseba, wenn wir dem überlasteten britischen Steuerzahler angetragen hätten, daß wir einen Teil dieser Ausgabe tragen wollen. Wenn wir schützlos sind, so ist wiederum das jüdische Volk dafür verantwortlich. Diese Worte sollen eine Warnung au alle Juden und besonders an alle Zionisten sein. So gellt es nicht weiter. Wenn ihr nicht den Maasser zu zahlen gedenkt, hat es keinen Sinn', die Welt zu bluffen und eine uns freundlich gesinnte christliche Nation in Verpflichtungen zu verwickeln, die nicht so leicht zu trugen sind. Ich bin unzufrieden wie nur irgendeiner mit der zionistischen Kommission in Palästina und mit der zionistischcn Exekutive in London. Beim Kongreß im September könnt ihr ernennen und entlassen, wen ihr wollt. Aber kein Genie der Welt wird imstande sein, auch nur einen Schritt in Palästina weiterzukommen, solange das jüdische Volk nicht gewillt ist, das materielle Opfer zu bringen, das von ihm verlangt wird. Imniigration, öffentliche Sicherheit, Aufbau, Mandat, Legion alles stellt und fällt mit dem Keren Hajessod, Das jüdische Volk muß den Maassei־ geben und zwar sofort bezahlen, oder auf die Folgen gefaßt sein, welche ich in Uebereinstimmung mit einem jüngst von einem anderen Schriftsteller (Zaagwill — Anmerkung der Redaktion) geprägten Worte den U11 - tergang des Judentums nennen möchte. Protest des Waad Haleunti Am 10. Mai hielt der Waad Haleunti in jeru- *aleni eine Sitzung ab, an der sämtliche Mitglieder teilnahinen. Es wurde eine Resolution angenommen, die dein Oberkommissar die Enttäuschung■ des palästinensischen Judentums zum Ausdruck bringt und gegen das Landungsverbot schärfsten Protest erhebt. Die Resolution erklärt weiter, daß die Juden Palästinas überrascht sind, eine solche Antwort auf den Pogrom in Jaffa zu erhalten, der von arabischen Banden angestiftet wurde, die die Juden in der Stadt und den Kolonien angegriffen haben. Statt die Angreifer zu bestrafen, hat Sir Herbert Samuel die Juden bestraft, indem er sie in den Augen der Welt, besonders aber in den Augen der Araber, zu Verbrechern gestempelt hat. In der Resolution wird weiter darauf hingewiesen, daß die Untersuchungskomniission die Neigung zeige, die Verbrecher freizusprechen und die ganze Schuld den Juden in die Schuhe zu schieben. Der 2. Juni ein Fasttag Die Zionist Commission, das O b e r 1 a b b 1- 11 at und der Waad Haleuini haben gemeinsam eine Resolution angenommen, die den 2. Juni, den 30. Tag nach dem Pogrom in Jaffa, zu einem allgemeinen Fasttag fitr alle Juden der Welt verkündet. Dieser Tag wird gewidmet sein den Geldsammlungen für die Pogromopfer in Jaffa. Jeder Jude in Palästina soll nicht weniger als 2 Schilling für diesen Fonds spenden. ־1 t