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Jüdische Rundschau · 1921-03-18 · Heft 22 (18.3.1921) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXVI (1921)
Issue
Heft 22 (18.3.1921)
Date
1921-03-18
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Bereits vor der Konferenz hat die palästinensische Arbeiterpresse mit Besorgnis auf den Umstand hingewiesen, daß in der letzten Zeit die Einwanderung von Arbeitern und Chaluzim beinahe giin/lich versiegt ist. ln den Wintennonatcn haben schon klimatische Verhältnisse eine Verringcrung des Zustromes zur Folge gehabt, und die'zionistische Reorganisationskommission hat bckanntiieh während ihrer Anwesenheit in Palästina scharfe Maünaiimen zur Einstellung der Itnmigration {.’»!geleitet, besonders durch die Einführung der zur Einreise notwendigen Zertifikate, die nur in beschränkter Anzahl an die Pallistinaiimter ausgegeben wurden. Die Einwanderung ist allmählich immer schwächer geworden, da die Hindernisse, die den Palästinafahrern in den Weg gelegt wurden, nicht mehr zu überwinden waren. Das Aufhören der Alijah hat nicht nur au? die Stimmung der palästinensischen Arbciterkrcise depri1niere«d gewirkt, es ist auch offenkundig von nacht. i!;:,en politischen Folgen begleitet. Seit der Ba'stour-iK'klnration ist die Zusicherung der nationahen Heimstätte für das jüdische Volk in verschk'tknen Formen wiederholt worden. Sie hat die Gemüter der Juden in Palästina und in der Dhspon in Erregung gebracht, aber auch die Araber, /äsbesondere die arabischen Großgrundbesitzer, zum Widerspruch herausgefordert. Die Opposition gegen den Zionismus hat aber vor konkreten Tat- Sachen stets Halt gemacht. Nur die völlige Stagnation der praktischen zionistischen Aufbauarbeit hat den Osterpogrom des vorigen Jahres möglich gemacht, die Ernennung Herbert Samuels, welche den ernsthaften Willen der englischen Regierung zur Erfüllung ihres Versprechens bewies, hat die Opposition zum Verstummen gebracht. Die Förderung der jüdischen Einwanderung und die durch die Juden bewirkte Hebung des palästinensischen Wirtschaftslebens hat auch die Araber zur faktischen Anerkennung gezwungen. Hätte die dazwischen liegende Zeit zu einer kontinuierlichen, ernsten und planmäßigen Aufbauarbeit unter dauerndem Zustrom neuer schaffender jüdischer Krake benutzt werden können, dann wäre es den Arabern wahrscheinlich nicht eingefallen, die Demoustrationen gegen den Zionismus wieder aufzunchmen. Nur die Schwäche der jüdischen Position hat sie ermutigt, an den Oberkommissar zionistenfeindliche Forderungen zu richten. Schon aus politischen Gründen ist es also außerordentlich unklug gewesen, auf die einzige positive Kraft zur Verstärkung der jüdischen Position im Lande, die Alijah, zu verzichten. Wenn wir heute, beinahe ein Jahr nach San Remo und dreieinhalb Jahre nach der Balfour- Deklaration, die Bilanz dieser Zeit ziehen, so erkennen wir, daß außerordentlich wenig zur Stärkung unserer nationalen Position getan wurde. In Palästina selbst mehren sich die Stimmen, die den Zustand vor dem Kriege mit seiner langsam fortschreitenden Entwicklung, mit der langsamen Gejvinming einer kleinen Position nach der anderen, beinahe als günstiger empfinden als den heutigen ^ustand, weil man damals wenigstens ein langsames Wachstum spürte, heute aber beinahe das Gefühl hat, vor einer Wand zu stehen. Um diesen toten Punkt zu überwinden, hat genau vor einem Jahre die Prager Weltkonferenz des Hapoel-Hazai'r und ״er Zeire-Zion die damals ganz vernunftwidrige Parole der Alijah ausgegeben. Trotz allen Zweifeln er ״Rkhtigkeit dieses Weges und trotz allen Widerständen hat die Alijah eingesetzt und eine Ungeheure Fülle neuer Kraft und neuen Lebens ws Land gebracht Zwar schien zuerst die Ardeitsbeschaffung gewisse Schwierigkeiten zu «achen; der aufopfernden Bemühung der palästinensischen Arbeiter gelang es aber, immer neue Arbeitsstellen für die kommenden Chaluzim zu schaffen. Schließlich fanden die Arbciterorganisationen den Ausweg, von der Regierung selbst öffentliche Arbeiten zu übernehmen, die genossenschaftlich ausgcfiihrt wurden. Das Hauplnescrvoir für die erwandernden Chaluzim wurden die Kwischim, die Chausseen, und Herbert Samuel bemülite sich, immer neue Arbeitsgelegenheiten zu schaffen und allmählich die ägyptischen Arbeitskorps durch jüdische Chaluzim zu ersetzen. Die j Arbeit an den Chausseebauten war ungeheuer! schwer, und angesichts des völligen Mangels jeder Vorbereitung, angesichts der fehlenden Unterkünfte, Zelte, Betten und der ungenügenden ärztlichen Hilfe haben die Arbeiter außerordentlich zu leiden gehabt und viele konnten der Prüfung nicht standhalten. Aber der große Teil der organisierten Chaluzim ist geblieben, und durch die Bemühungen der Arbeiterschaft wurden allmählich auch die äußeren Verhältnisse etwas besser. Heute sind die Chausseearbeiten eine der wichtigsten naüonalen Positionen im Lande. Der Geist, der in diesen Zeltlagern herrscht, macht auf jeden Besuciicr im Lande den stärksten Eindruck, und erst kürzlich hat Alfred Mond sich voll Bewunderung über den Idealismus und die Arbeitskraft dieser Chaluzim geäußert. Unter dem Eindruck dieser Arbeiten erklärte Mond, er werde alles aufbieten, um die nötigen Mittel für den Aufbau zu beschaffen; das jüdische Volk darf die auf vorgeschobenstem Posten mit Selbstaufopferung arbeitenden Pioniere nicht im Stiche lassen. Die Arbeitslosigkeit im Lande, die der Hauptgrund für die Einstellung der Alijah war, hat in der letzten Zeit stark abgenommen. Gerade die Arbeiter- Institutionen, die sich um die Arbeitsbeschaffung bemühen, empfinden die Arbeitslosigkeit am allerschwersten, und dennoch verlangen gerade sie neue Einwanderung. Die Chaussecarbeitcr, also gerade jene, die am meisten gelitten haben, haben auf ihrer Konferenz diese Forderung geäußert. Sie empfinden, wie aus den Acußerungen der Arbeiterpresse hervorgeht, die Schwere der Verantwortung, die in dieser Forderung liegt; sie wissen, wie i schwierig das Problem der Arbeitsbeschaffung ist, sie wissen aber auch, daß es nicht unlösbar ist und daß es immer wieder im entscheidenden Moment bei Einsetzung entsprechenden Willens gelöst worden ist. Sie wissen aber auch und fühlen zu tiefst das andere: daß ohne den Zustrom neuer Kraft die nationale Position im Lande ungeheuerlieh geschwächt wird. Sie wissen, daß ihre ganze Arbeit sinnlos zu werden droht, wenn nicht Ströme neuer Arbeiter hinter ihnen kommen, wenn nicht der Auibau des jüdischen Palästina fortschrcitet. Und darum fordein sie die Fortsetzung der Ein- Wanderung. Vor ungefähr einem halben Jahre wurde offiziell erklärt, daß im ersten Jahre 16 500 Arbeiter nach Palästina einwandern sollen*). Dennoch hat die zionistische Leitung in diesem halben Jahre nur etwa 1000 Zertifikate für die ganze Welt ausgegeben. Simon und de Lieme hielten den Weg der Fortsetzung der Alijah für falsch. Jetzt sind diese beiden Männer von der Exekutive zurückgetreten, und cs wurde eine neue Exekutive gebildet, die aus Männern besteht, die auch in der Frage der Alijah einen anderen Standpunkt ein׳• genommen haben. Ihre erste Tat muß es sein, die Organisierung der Immigration ernsthaft in die Hand zu nehmen. Denjenigen Gruppen organisierter Chaluzim, die entschlossen sind, alle Arbeiten auf sich zu nehmen und auch Beschwerden zu ertragen, darf kein Hindernis mehr in den Weg gelegt werden. Wenn die Alijah jetzt nicht wieder aufgenommen wird, so besteht die Gefahr, das vieles zerstört wird, was im letzten Jahre mühsam aufgebaut wurde, und audi die Stellung Herbert Samuels ist davon abhängig, daß die Zionistische Organisation Menschen und Geld ins Land bringt. Die Organisierung der Alijah und die euergische Aktion für Keren Hajessod in allen Lindem sind nunmehr die Hauptaufgaben der Exekutive, die keinen Tag mehr aufgeschoben werden dürfen. R.W. *) Siehe die Aeußerung des Sekretärs Landmann io Nr. 67/68 der ,Jüdischen Rundschau“ vom 1.10.1920. Keren Hajessod in Amerika London, 14. März (Tel. d. ״J. R.״) Nach einem soeben beim Zionistischen Zentralbüro In London angel&ngten Telegramm von Dr. Schmarja Lewln aus New York Ist ein provisorisches Bureau des Keren Hsjessod in New York, 31 Union Square, eröffnet worden. Ein zweites Telegramm aus New York meldet: Am 12. März fand in New York eine Keren Hajessod - Konferenz statt, bei der etwa 200 Delegierte auweeend waren, die 43 zionistische Vereine vert aten. Den Vorsitz führte Bernard Roscnhlatt. Referate hielten Schmarja Lewin, Mosliansky, Lipsky, Newntan. Es wurde unter großer Begeisterung eine Resolution angenomrnen, daß eine große Keren Hajessod-Aktion durchzuführen Ist. Mierfür wurde ein Organisaüoaskomitee eingesetzt und ein provisorisches Büro mit Newman als Sekretär eingerichtet. Gleichzeitig : wurde ein Komitee zur Vorbereitung des Besuches Dr. Weizmanns eingesetzt. ו Dieser Nachricht zufolge scheint also die amerikanischt Exekutive ihren Widerstand gegen den! Keren Hajessod in der von der Jahreskonferenz be- : schlosscncn Form aufgegeben zu haben. Durch die : Etablierung eines selbständigen Keren Hajessod-; Büros ist der Anfang zur Durchführung einer großen '׳ Keren Hajessod-Aktion in Amerika gemacht. Das j amerikanische Judentum wird jetzt Gelegenheit ■ haben, zu zeigen, was es für Palästina zu leisten : vermag; wir sind überzeugt, daß diese Leistung j nicht gering sein wird. , Der Umschwung in Amerika kommt eigentlich; gar nicht überraschend. Wer in der letzten Zeit ׳ die jüdische Presse Amerikas verfolgte, konnte fest- : stellen, daß der Gedanke des auf dem Maasser j beruhenden Keren Hajessod auch in Amerika bei j den zionistischen Massen durchaus immer populärer j wurde und daß die öffentliche zionistische Meinung! sich deutlich für den Londoner Beschluß und gegen I Buffallo aussprach. Die Weigerung bezüglich des ‘ Keren Hajessod war gewissermaßen die deutlichste l Kampfliandiung der amerikanischen Exekutive gegen i die Zentrale: wenn nun dieser Widerstand ge- | brochen ist, so werden schnell wieder die alten < innigen Beziehungen zwischen europäischem und | amerikanischem Zionismus, zwischen Palästina und! Amerika hergesteilt sein. Die Einheit der Zio-; «l.tisdhen Organisation ist gerettet. Es mußte ׳ längere Zeit dauern und mit schweren Erschüttcj rungen verbunden sein, che der nationale Charakter , des Zionismus, sein Wesen als elementare, aus! dem ganzen Reichtum der Volksseele gespeiste i Volksbewegung den assimilierten Schichten des j amerikanischen Judentums klar wurde, die sich dem ן Zionismus angeschlossen und infolge ihrer politischen und intellektuellen Bedeutung eine Führer- Position erhalten haben. Wir wissen nicht, ob dieser Prozeß der Entwicklung, für den gerade die deutschen Zionisten, die denselben sclimerzensreichen Weg gegangen sind, das tiefste Verständnis haben, bereits beendet ist. Vielleicht werden die inneren Kämpfe noch eine Weile weitergehen, aber die amerikanischen Zionisten, auch die Führer, die Demokratie und Disziplin kennen, werden die Entscheidung des Volkes respektieren. Eine Zeitlang hat es geschienen, als ob die Amerikaner mit Separationsbestrebungen spielten, obwohl das Gegenteil bei allen 'Anlässen von ihnen beteuert wurde. De Amerikaner mußten sich überzeugen, daß sie auf diesem Weg keine Gefolgschaft finden würden. Nichts ist so unpopulär-im Zionismus wie der Gedanke der Spaltung. Die Separationsgelüste der Amerikaner haben wir teuer bezahlen müssen; mehr als ein halbes Jahr kostbarer Zeit ist mit inneren Kämpfen vergeudet worden und für Palästina verlorengegangen. Der jistihuw ist in die schwerste Notlage geraten und die Resultate der Arbeit vieler Jahre sind gefährdet worden. Es ist zu erwarten, daß die Ankunft Weizmanns und der zionistischen Delegation in Amerika dieser Krise ein Ende machen, die einheitliche Organisat*°n ynd die einheitliche Keren Hajessod-Aktiod endgültig hersteilen wird.

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