Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXVI (1921)
- Issue
- Heft 18 (4.3.1921)
- Date
- 1921-03-04
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Seile 12צ Nr. 8 ו JUEDISCHE RUNDSCHAU bekamt, daß für eine umfassende Auswcistmgsaktion von Ostjuda» aus Wien etwa 50 000 Personen ״pnoskribiert“ sind. Diese Ziffer reicht beinahe an die berüchtigten russischen Judcnausweisungen aus Litauen vvähicnd des Kriegs heran. Die österreichische Regierung wird sich für ihr Verhalten in der Ostjudenfrage nunmehr vor einem Forum der Zivilisation zu verantworten haben. Dadurch ist die polnische Beschwerde beim Völkerbunde von Wichtigkeit. Bei der Behandlung der Wiener Ostjuden■ frage wird dargetan werden, daß cs sich hier um Kriegsfiüctitlinge handelt, die von der alten österreichischen Regierung, deren Nachfolger die heutige Regierung des alpenlandischen Bundesstaates ist, wahrend der Kämpfe in Galizien nach Wien gebracht wurden, daß diese Leute seit mindestens sieben Jahren in Wien ansässig sind, sich hier in den gesamten Wirtschaftsr körpef bereits zum größten Teile cingefügt, produktiv und prod 11 k t ions f ö rder n d eilige fügt liabcn, daß sie durch eine Ausweisung aus ihrer ganzen Existenz bernusgerissen werden. Zu solchen böswilligen Absichten einer mit dem Schlagwort der Judenhetzc täglich an Terrain gewinnenden verkappten Reaktion darf der Völkerbund nicht schweigen. Gerade bei dieser Gelegenheit müßte auch der österreiclüschen Regierung klargemacht werden, daß sie, die im ganzen Frierlensvertrag deutlich als Nachfolgerin des alten Oesterreich gekennzeichnet ist, nicht das Recht hallte, den aus dem österreichischen Kronlande Oalizien stammenden Juden das Bürgerrecht zu vervveigern, wie es in famoser Interpretion die seinerzeitige sozialdemokratische Regierung getan hat. Das Verhalten der sozialdemokratischen Partei, die heute Opposition ist, in der Ostjudenfrage ist übrigens gegenwärtig besonders widerlich. Es wurde schon einmal darauf hingewiesen, daß die Sozialdemokraten heute aus Popularitätsgründen die Chvistlichsozialcn zu ״sdiarfem Vorgehen gegen die Ostjuden“ haranguieren. Im Zusammenhänge mit der Ostjudenfrage in Wien ist Abgeordneter Stricker nach Paris und London gereist. Seine Anwesenheit dortsclbst dürfte auf den Gang der Dinge nicht ohne Einfluß sein. Presseschau Die ״Neue Freie Presse‘‘, das bekannte Wiener liberale Blatt, das, trotzdem Merzl und Nordau ai seinem Redaktionsstab gehört haben, dennoch wie kein zweites Organ der Welt seine Tore ängstlich vor dem Zionismus verrammelt hat und niemals, auch nach der Balfour-Dcklaration, auch nur mit einem Warte den Zionismus erwähnte, bringt am 10. Februar einen Artikel aus der Feder von Adolf Strauß, Professor an der Budapestcr Orientalischen Akademie, über die Lösung der Paliistinafragc. Strauß behandelt die zionistische Frage in durdiaus sympathischer Weise, schildert ihre weltpolitische Bedeutung und bezeichnet als das zentrale Problem der künftigen Arbeit die orieiitalische Frage. ״ICh sehe“ — schreibt Strauß — ,als Orientalist nur eine Lösungsmögliclvkcit der Palästinafrage: eine Versöhnung der beiden großen semitischen Brudervölker, der Araber und Juden, ihre gegenseitige politische und wirtschaftliche Durchdringung, die Schaffung einer dauernden gegenseitigen Interessengemrinscliaft.“ Nach einem Rückblick auf das jüdischarabische Zusammenleben im Mittelalter kommt Strauß aut die heutige Zeit zu sprechen und stellt fest, daß die englische Poütik das jüdisch-arabische Problem mit sicherem Instinkt als das zentrale Problem der Pak'istinafrage aufgefaßt hat. ln! diesem Zusammenhang rühmt er insbesondere die Verdienste des Oberkoni• missars Herbert Samuel und das freundliche Zusammenlelkrn der beiden Völker. — Es ist ein Beweis für den politischen Fortschritt des Zionismus, wenn mm aut dem Wege über die ״Neue Freie Presse“ auch jene liberalen Juden von seiner Existenz erfahren, die bisher niclifs davon wußten und nichts wissen wollten. Die Prager tschechische Zeitung ״Narodni Listy“ brachte einen Artikel aus der Feder des Ihofessors der Orientalistik an der tschcdiischcn Universität, Dr. Musil, der stell sehr heftig gegen den Ziniiisntus wendet und den Zionisten vorwirft, daß sie die Christen und Mohammedaner aus dem Heiligen Lande verdrängen wollen. Dasselbe Blatt veröffentlicht jetzt im politischen Teile eine Zuschrift von Dr. Hugo Bergmann aus Jerusalem, in welcher er die Angriffe des erwähnten Professors zurückweist und feststellt, daß es die Tendenz der zionistischen Kotoinsation ist, sich allen Elementen des Landes gegenüber freundlich zu verhalten, daß jedodi sehr viel davon abhängt, wie diese Elemente den Juden entgegenkommen werden. Bergmann zitiert den bekannten Briet von Luzzatti als Beweis dafür, wie die Juden iltre Aufgabe auffassen. Es ist bemerkenswert, daß das führende Blatt der tschechischen nationaldemokratisdieii Partei und Organ des Dr. Kramarsch dem Zionismus gegenüber genügend Objektivität hatte, um diesen Briet vollinlialtlich und ohne Glosse abzudrucken. Der ״Israelit“ schreibt, daß manche Bedenken, welche der politische Zionismus dem Mandate gegenüber empfinden müsse, für die Orthodoxie forttielen. In derselben Nummer des ״Israelit“ schreibt Dr. Moses Auerbach in Köln: ״Bei aller Betonung des prin- >jp:e.k־n Gegensatzes zur Zionistischen Organisation müsse anerkannt werden, daß es zum großen Teil ihre panische Tätigkeit war, die den großen moralischen, poetischen Erfolg gezeitigt habe. Die nationale Heimstatte sei ein Lichtblick in fürchterlichster Not.“ Wir erhielten aus Wilna die ersten zwei Nur }0F' ../״ ׳ ו״י'3., יc,r misrachistischen Wochenscht hebräischer Sprache in Wilna. Außer publizist Aufsätzen enthalten die Hefte Beiträge von Zi über die Geschichte des orlbodoxenzütonismus,. Artikel von Dr. SegaH und Triwus Die jüdische Jugend und der Nationalfonds Der Jüdische Nationalfonds ist der Träger der nationalen Kolonisation in Palästina. Die ostjüdische und die palästinensische Jugctiu hat dies längsst begriffen, ihr Verhältnis zum Nationalfonds ist überaus stark. Hierfür einige Beispiele: Die Ze Ire-Zion haben im Juli 1917 bei einer Delcgicrtcn-Konfcrcnz in Petersbürg den Beschluß gefaßt, ״ihre Mitglieder zu verplliehten, unsere Finanz-Institutionen, vor allem den Jüdischeit Nationalfonds, durch Beschaffung von großen Mitteln zu stärken.“ Die Zc'ire-Zkm in Polen haben im Oktober 1918 bei der Warschauer Konferenz folgeiulcs festgestellt: ״Die Konferenz erblickt im Jiidisehen Nationalfonds eine wahre Voiksinstitiilion, die zur Aufgabe hat, den Grund und Boden in Palästina zum Eigentum des jüdischen Volkes zu machen, und ruft alle Mitglieder der Zcirc-Zioii auf, sich in intensivster Weise an der Arbeit für diese Institution zu beteiligen.“ Im Sanimelbuch der jüdischen Landarbeiter ״Baavvoda“ findet sich folgende Stelle: ״!Der Jüdische Nationalfonds ist in den Augen des Arbeiters nicht eine der Siedlungs-lnstitutioncn schlechthin, sondern der nationale Fonds des jüdischen Volkes, die Offenbarung des natioaalen Genius, das Symbol des Gedankens der vollsten- 19 m bemühen lieh bereits, durch großzügige Vorbereitung der den Badenbesitz des Netionalfonds von Palästin• zu vermehren. Die Aktion wird aber nur dann gelingen, wenn Jeder Ort und Jede Ortsgruppe sich Sofort anschlieSen. Es ist ein Leichtes, durch Aufrufe, Vorträge, Festspiele and besonders ssafiimlungen die Ergebnisse des N.F. in Deutschlaud und damit seine Aktionsfähigkeit in Palästina mit einem Schlage wesentlich zu erhöhen. Jeder Vertrauensmann, der der Zentrale des J. N, F. nicht so fort seine Bestellung für Purim aufgibt, schädigt a den Aufbau Palästinas! über Büchsen, Sammelbögen und Ausweise gejit. Die■ Jugend sollte nicht warten, bis' man sie zur Arbeit auffordert, sondern von sich aus verlangen, daß diejenige Arbeit getan wird, die die Verwirklichung der von der Jugend aufgcstelltcn Prinzipien bei der Kolonisation Palästinas ermöglicht. Sie sollte jede Gelegenheit ergreifen, die Nationaifondsarbeit zu fördern^ und insbesondere bei der geplanten Purim woche des Nationalfonds sich für jede Arbeit zur Verfügung stellen, ia, diese Purirmvochc überall dort fordern, wo sic bisher noch nicht eingerichtet ist Die Mitarbeit der Jugend ist notwendig für die nationale Kolonisation Palästinas. Dr. Albert B a c r. a Poale-Zion bei der internationalen Sozialistenkonferenz in Wien Wien, 27. Februar 1921. Die Konferenz der internationalen sozialistischen Parteien wurde heute geschlossen. Die Poale-Zion, die in der II. Internationale nur als Landespartei Palästinas vertreten waren, wurden von der Mandatprüfungskommission eter Wiener Konferenz als jüdischer weltvcrband anerkannt und zugclassen, Somit siegle das Prinzip der Anerkennung der nationalen Einheit des jüdischcn Weltproletariates, trotz der Einwände manclier bundistischer Delegierten, die als Mitglieder niclitjüdischer Delegationen anwesend waren. Die Delegation der Poale-Zion bestand aus den Herren B. Locker, S. Rubaschow, S. Zar und S. Sokal S. Kaplansky, der ebenfalls gewählt war, konnte infolge Paßsclnvierigkcilen nicht rechtzeitig eintreffen. In der Mandatprüfungskommission und später in der Konimission über die Methoden des Klassenkampfes und Organisation der Internationale (Referent Adler) war B. Locker beteiligt, ln der Kommission über die Probleme des Imperialismus und der sozialen Revolution (Referent Wollhead) waren die Poale-Zion durch S. Rubaschow vertreten. Während der Behändhmg der politischen Leitsätze in der Kommission brachte Rubaschow einen Zusatzantrag über die bärgerliehe und nationale Entrechtung der Minoritäten ein, den er an der Hand der Tatsachen betreffs der jüdischen Lage seit Abschluß des Friedens- Vertrages begründete. Nach einer lebhaften Debatte wurde der Antrag in der Fassung Rubaschows angenommen, was WoUlicad später in seinem Referate ausdrücklich betonte. Die Rede B. Lockers in der Vollversammlung der Konferenz (siehe ״Arbeiterzeitung“ vom 27. Februar. Morgenausgabe) wurde mit großer Aufmerksamkeit und wiederholtem Beifall entgegengenommen. ln die Exekutive der Internationale wurde als Vertreter der Poale-Zion S. Kaplansky gewählt. digen Erlösung, die geniale Schöpfung des Volkes, die dazu bestimmt ist, die kommende hebräische Gemeinschaft zu schaffen und zu gestalten, das Allcrhciligste des Zionismus. Mit Gefühlen der Liebe und! der Verehrung betrachten wir den Jüdischen Nationalfonds, und cs ist unsere Aufgabe, dafür zu sorgen, daß sein Glanz nicht verdunkelt werde.“ Und schließlich ist auch bei der Vereinigungskonferenz Hapoel-Ha/ai'r-Zcirt-Zi«״ in Prag der Beschluß gefaßt worden, daß es Aufgabe des Verbandes und jedes Mitgliedes sei, den Nationalfonds zu unterstützen. Auch wenn man die ostjiidisclie Jugend in Deutschland betrachtet, findet man, daß cs für sie eine Selbst- Verständlichkeit ist, bei jeder Veranstaltung für den Nationalfonds zu sammeln. Dagegen hat die westjüdische Jugend bisher nicht ähnliche Beschlüsse gefaßt, noch sind solche vom Blati-Weiß oder vom Verband der Zionistischen Jugend vereine usvv, bekannt. Bekannt ist aber, daß ein Teil der zionistischen Jugend Deutschlands sich zeitweilig nicht mit dem nötigen Eifer der Nationnlfonds-Arbcit annahm. Die Resolutionen der ostjüdischeu und palästinensischcn Jugend legen dar, weshalb für sie der Nationalfonds ״das Allerheiligste des Zionismus“ ist: nur der Nationalfonds gewährleistet die nationale Kolonisation in Palästina. Er will den Boden beschaffen, der Jedem den Zutritt zur Landarbeit ermöglicht. Er behält das Land im Eigentum des Volkes und schließt somit alle Schäden privatrcehtlichen Bodenerwerbes aus. Die Idee des Nationalfonds war vorbildlich für das Verlangen nach möglichster Nationalisierung des palästinensischen Bodens überhaupt. LX׳r Nationalfonds hat durch dieses Kolonisationsprinzip die stärksten Stützpunkte des neuen Jisehuw geschaffen, die Kwuzoth in seinen Farmen das selbständig arbeitende Palästina, die Vorbilder für die Chaluzim, die heute aus West und Ost nach Palästina aufbrcchen und die in Zukunft vom Nationalfonds noch in viel stärkerem Malk: Boden und Arbeit verlangen werden, um nationale Kolonisation zu treiben. Nationale Kolonisation: Nationalisierung des Bodens und jüdische Arbeit sind auch die Losung der zionistischen Jugend in Deutschland* Die Jugend, macht beides zu ihrer Forderung, aber will sie ihre eigenen Prinzipien verwirklichen helfen, so ist es notwendig, daß sie für den Nationalfonds arbeitet. Die Jugend hat bisher nur das Aettßere der Arbeit, die Kleinarbeit, gesehen; Büchsen, Sammelbögen, Ausweise sind ihr uncrwünscht. Aber sic darf darüber das Wesentliche nicht vergessen, auf das Ziel kommt cs• an: nationale Kolonisation und jüdische Arbeit. Um dieses Zieles willen darf sich die Jugend der Arbeit nicht entziehen, sie muß helfen, auch wenn die Verwirklichung auf dem Wege Sprecbsaal Vergessenes Jubiläum! Wir sind in der letzten Zeit so stark mit dem Keren Hajcsftod beschäftigt, daß wir die erste Ursache vergessen haben. Ich meine Herzl und den Juden- Staat“, welcher jetzt sein Jubiläum feiern soll. Der ״Judenstaat“ ist anfangs 1896 erschienen, also vor 25 Jahren. Wie sollen wir dieses Jubiläum feiern? Nicht durch Bäume, nicht durch Landfonds und nicht durch Reden, sondern damit, daß wir unsere Pflicht erfüllen und die Gebeine unseres Führers endlich zur letzten Ruhe ins Land seiner Sehnsucht überführen. Wir haben damit unser Versprechen bei der Beisetzung in Wien durch Wolffsolm erfüllt und für unsere Aktion für den Keren Hajessod werden wir mehr leisten, als die vielen Redner, und insbesondere in Amerika wird es stark wirken Und saget nicht: ״Noch ist die Zeit nicht gekommen“. Gerade beim Anfang des Aufbaues müssen wir es tun, denn dies ist unsere Fundamentlegung, und wir werden תו־זוקנה יד־יכס sagen können. Königsberg. M, S a m b u r s k y. Kunst Klavierabend von Marie Zweig. Marie Zweig gab im Meistersaal einen Klavierabend. Sie begann mit einer Orgel-Torcato und Fuge D-moit von Bach, und sogleich empfing man den Eindruck: hier spielt eine Persönlichkeit, und nun wußte, daß das Programm, das bereits von einem Geschmack geleitet war, ticr keine Konzessionen kennt, von der Vortragenden seelisch und geistig völlig beherrscht wurde. So spielt die Sonate 31,2 von Beethoven nicht jemand, der nur aus Talent und Technik sein Könnet) gewinnt; was hier geboten wurde, bewies jenes vollständige Erfassen des schöpferischen Gehalts der Musik, das' nicht einmal jeder Klavierspieler von Rang, sondern mir der besitzt, der als Künstler und Mensch Bedeutsames zu sagen hat. Belanglos und jenseits aller Bewegungen aus dein gewonnenen und vermittelten Eindruck; ob die Geslal- Hing in diesem oder jenem Satz einer Bcetiioven-Sonate ob ein Mozartschcs Rondo oder ein Bachsches Präludkim von größerer Vollendung war in bezug auf rein technische Ausbeute, denn es fehlt nicht an Spielern die über geglättetes Können verfügen. Wohl aber ist es von Wert, endlich wieder einmal einer Künstlerin zu begegnen, die Gefühl für Stimmungen, hohe Begabung für Nuancen und einen Verstand! besitzt, dem sich die Empfindungen emzuordnen wissen. So wurde der Abend zu einem Genuß, der in dem gewiß nicht konzertarmen Winter dennoch als ungewöhnlich verzeichnet werden muß, und' man darf mit großen Erwartungen dem zweiten Klavierabend Marie Zweigs entgegensehen, nachdem uns ihr erster bereits eine Erfüllung bedeutete. Hanns Mayen