Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXVI (1921)
- Issue
- Heft 16 (25.2.1921)
- Date
- 1921-02-25
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Zionismus erstrebt für das!OdlscHe Vom die Schaffung einer Öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte In Palästina. ״Baseler Programm.“ Zur Lage Die Rückkehr von V/ei7.man 11 und Mond aus Palästina scheint audi der innerziomstischen Situation eine neue Wendung gegeben zu haben. Das Auftreten Weizmamts in Palästina hat keinen Zweifel darüber gelassen, daß Weizrnann sich mit der früheren Expedition der Exekutive, der sögenannten Rcorganisationskommission, in schärfstem Widerspruch befindet. Mit einer Bestimmtheit, die seit der Jahreskonferenz in seinem Verhalten vermißt wurde, hat Weizrnann in seinen Reden zu den verschiedenen Streitpunkten Stellung genommen, hat sich gegen die Tendenzen des amerikanischen Zionismus und gegen die Verfügungen der Re- Organisationskommission ausgesprochen. Die Rc* organisationskonitmission hatte angeordnet, daß verschicdcnc Siedlungspunkte aus finanziellen Gründen aufgelassen werden müssen, und daß die Zionistischc Organisation das Erziehungswesen im Lande preisgeben soll. Weizrnann hat erklärt, daß auch nicht eine einzige nationale Position geopfert werden darf, und daß die Palästinaarbeit ohne Kulturarbeit überhaupt nicht denkbar ist. Weizmann hat von einer unbegreiflichen Verirrung gesprachen, von einer entgleisten Richtung im Zionismus, die er mit der Uganda-Episode verglichen hat. So wie das Ugandaprojekt geeignet war, den Zionismus ins Herz zu treffen, so ist der Verzicht auf die Kulturarbeit eine Sünde wider den zionistischen Geist. So starke Worte müssen einen Widerhall finden, und es ist nicht leicht denkbar, daß nach derartigen Aeußcrungen ein nebengeordnetes Zusammenarbeiten von Persönlichkeiten fruchtbar sein kann, die in entscheidenden Fragen so gegensätzliche Anschauungen vertreten und diese Anschauungen mit solchem Nachdruck geäußert haben. Zwei Momente sind es, die Weizrnann zu dieser entschiedenen Sprache veranlaßt haben dürften. Einmal die einheitliche und entschlossene Haitung des Jischuw, der trotz allen Schwierigkeiten,! trotz der wirtschaftlichen Krise, den Mut nicht verloren hat und von der Bahn des nationalen Idealismus nicht abzugehen geneigt ist. Das andere ist die Tatsache, daß auch Männer des praktischen wirtschaftlichen Lebens, die sogar der jüdischen Volksbewegung und der hebräischen Kultur bisher völlig fremd gegenüber gestanden haben, auf Grund ihrer Anschauung, ihrer persönlichen Eindrücke und Erlahrungen im Laude, die Richtigkeit des zionistisehen Weges cingcselien haben. Alfred Mond hat in Palästina Worte der stärksten Zuversicht gesprachen. Dieser Mann, der zweifellos gewohnt ist, starke Verantwortungen zu tragen, hat öffentlich die Versicherung abgegeben, daß er in der Diaspora die finanziellen Kräfte des jüdischen Volkes für Palästina mobilisieren wird. Sein Name hat nicht nur in der politischen Welt, sondern auch in der Geschäftswelt, in wirtschaftlichen und finanziellen Kreisen den besten Klang. Wenn dieser Mann bei aller Anerkennung der Notwendigkeit, die palästinensische Wirtschaft durch positive ökonomische Kräfte aufzubauen, mit Nachdruck betont, daß der Aufbau Palästinas keine reine Geschäftsangelegenheit, sondern eine Kulturtat ersten Ranges ist, daß wir nicht nur ein Wirtscliaftszentrum brau- Hien, sondern ein Kulturzentrum, von dem aus unsere alte neuaufgebautc Kultur den Völkern wieder als Leuchte dienen kann, dann ist der Beweis erbracht, daß unter diesen Auspizien auch die für den Aufbau notwendigen Mittel aufgebracht werden können. Gerade Männer von kulturellem Rang, die dem Zionismus bisher ganz ferngestanden sind, wie Herbert Samuel, Alfred Mond u. a., werden fasziniert von dem Gedanken der jüdischen Wiedergeburt, von der Auferstehung der hebräischen Sprache, von der hingebungsvollen Aufbauarbeit unserer Chaluzim. Die Idee, die kein bloßes Phantom bleibt, sondern umwälzend und umgestaltend auf das Leben der einzelnen Menschen wirkt und durch die schöpferischen Kräfte dieser Menschen, durch die Anspannung ihrer Seelenkräfte, die auch physische Beschwerden überwinden, in die konkrete Wirklichkeit clntritt, sie ist die unüberwindlich überzeugende Macht, die jeden Juden, mag er sich noch so sehr dagegen sträuben, schließlich in ihren Bann *wingt und^ihm seine persönliche Verpflichtung, an | Einstein und Keren Hajessod Eiostein begleitet Weizrnann nach Amerika Professor Albert Einstein hat sich auf Einladung der Zionistischen Weltorganisation bereit erklärt, Mitte März gemeinsam mit Dr. W e i zmann nach Amerika zu reisen, um für den Keren Hajessod in Amerika mit seinem Einfiuß einzutreten and namentlich für die Beschaffung der Mittel zu wirken, welche die Errichtung der Jüdischen Universität in Jerusalem ermöglichen sollen (Universitätsfonds des Keren Hajessod). Die Steuerhoheit des Wa&d Leurai in Palästina Jerusalem, 16. Februar. (].C.B.) Die seit längerer Zeit andauernden Verhandlungen des Waad Lcumi mit dem Präsidenten des Obersten Gerichtshofes Mr. Ben t wich bezüglich der Steuerhoheit der jüdischen Gemeinden sind zum Abschluß gelangt. Es wurde ein Modus zur Organisicrung der jüdischen Gemeinden mit dem Rechte der Steucreintreibung bei den Gemeinden;itgliedern gefunden. diesem Werk mitzuarbeiten, gegenwärtig macht. Alfred Mond hat dies verstanden, und wenn er in Worten ehrlichster Begeisterung von dem sprach, was er in Palästina an menschlichem Werk und menschlicher Hingabefähigkeit gesehen hat, dann wird er auch bei den Menschen, an die sein Ruf ergeht, Erfolg haben. Wieder einmal hat das zionistischc Palästina seine sieghafte Kraft bewiesen. Weizrnann und Mond, beide sind aus Palästina mit der Ueberzeugung zurückgekchrt, daß nur die große jüdisdie Volksbewegung, die alle Kräfte des Volkes beschworen und aus den innersten Impulsen nationalcr Schöpferkraft das!Werk organisch erwachsen läßt, Palästina aufbauen kann. Nicht unfruchtbare dialektische Auseinandersetzungen über formale Fragen der Politik und nicht mechanische Schaffung wirtschaftlicher Unternehmungen kann den Zionismus verwirklichen. Weizrnann sprach von Götzendienst, von dem Dienst am goldenen Kalbe, der den Führer zwingt, die Bundestafcln zu zerbrechen. Vielleicht soll diese Andeutung eine Rechtfertigung einer unbefriedigenden Haltung bei der Jahreskonferenz sein, unter die er jetzt energisch einen Strich gemacht zu haben scheint. Die A.-C.-Sitzung ist verschoben worden, und es ist bisher nicht bekannt, wie sich inzwischen die Krise innerhalb der Exekutive entwickelt hat. Es wurde mitgeteilt, daß Weizrnann, dessen Anwesenheil in London wegen der Orientkonferenz jetzt unerläßlieh ist, in Kürze in Begleitung von einigen prominenten Persönlichkeiten nach Amerika fahren wird, um persönliclf festzustellcn, in welcher Weise die Spannung zwischen der Fifth Avenue und Great Rüssel Street beigelegt werden kann. Weizrnann kommt nach Amerika mit den frischen Eindrücken von Palästina, und sein Kommen kann nicht ohne Wirkung bleiben. Amerika ist die Antwort auf San Remo bis jetzt schuldig geblieben. Nach den vorliegenden Zeitungsberichten wird drüben in vielen Städten eine rege Tätigkeit entfaltet, Gesellschaften aller Art für wirtschaftliche Unternehmungen in Palästina werden gegründet. Schon dies ist ein Beweis dafür, daß das Interesse für Palästina in Amerika groß ist. Es fehlt nur die bewußte Eingliederung in den großen Plan, das zusammenfassende Gefühl für das Ganze, die Erkenntnis, daß eine krltiklose Uebcrtragung amerikanischer Methoden nach Palästina dem Lande nicht nur kulturell und geistig, sondern auch wirtschaftlich schädlich sein kann. Dem Auftreten Weizmanns in Amerika könnte es gelingen, den jüdischen Massen das Oefühl für den wahren Zionismus zurückzugeben. Dann werden die Kräfte des amerikanischen Judentums, vereint mit den Kräften aller anderen Teile unseres zersplitterten Volksorganismus, erfolgreich an dem Oelimren des großen Werkes mitarbeiten können. - ' RI. Wl Das Mandat Rechtliche Betrachtungen und politische Folgerungen. Von Dir. Moritz B i! e s k i*). U. Die politische Entwicklung Palästinas Die Grundlinie der für Palästina in Aussicht gcnommenen politischen Entwicklung ist im Mandatsentwurf in großen Zügen angedeutet. Die hier in Betracht kommenden Bestimmungen bezeiclmen die allgemeine Richtung, sie bilden einen Rahmen, bei dem sehr viel auf die noch notwendige Ausführung im Einzelncn ankommt. Der Mandatsentwurf gibt also noch keine vollkommen deutliche Vorstellung vom der konkreten politischen Gestaltung. Aber die im Mandat lüedetgelegten Richtlinien sind von großer Wichtigkeit Von besonderer Bedeutung ist der Artikel 2, der für das!-and die Entwicklung von Sdbstverwaltungsinstitutione« vorsieht. Das bedeutet, daß die Bestimmung über die allgemeinen politischen Angelegenheiten des Landes allmählich auf solche Organe übergclum soll, welche das Land selbst gewählt hat. Hier wird das wesentliche Mittel für die früher besprochene Entwicklung zum selbständig handelnden Gemeinwesen gegeben. Die Entwicklung soll sich offensichtlich nach Vorbildern vollziehen, die dem englischen Staatssystem bekannt sind. Das englische öffentliche Recht unterscheidet zwischen Kronkolonien und zwischen Kolonien mit Sclbstverwaltung. In den ersteren wird die Verwaltung durch Beamte des Mutterlandes ausgeiibt. (Es gibt mannigfache Schattierungen, die zuweilen auch Vertretungen der Einwohner vorsehen; sie haben aber niemals eine bestimmende Stellung.) ln den Kolonien mit Selbst- Verwaltung wird die Verwaltung, nach dem Vorbilde Englands, durch ein Parlament und ein ihm verantwortlichcs Ministerium geführt. Der immittelbare Einfluß Englands, durch einen ernannten Gouverneur repräsentiert, beschränkt sich im Wesentlichen auf Einspruchsrechte und auf die Mitbestimmung in ekligen Grundfragen, wie Verfassung, Wirtschafts- und aussvärtige Angelegenheiten; er hat sich immer mehr auf das letztgenannte Gebiet zurückgezogen und auch hier treten die Kolonien mit Selbstverwaltung heute häufig und in wichtigen Angelegenheiten selbständig auf. Nach dem Wortlaut des Art 2 und der Bedeutung der auf Landesangelegenheiten bezüglichen Selbstverwaltung im englischen Staatssystem erscheint cs gerechtfertigt, wenn für die politische Entwicklung Palästinas die Analogie der Kolonien mit Selbstverwaltung heningezogen wird. Diese Auffassung ist auch deswegen begründet, weil Palästina in den Kreis der Länder höherer Kulturstufe einzureihen sein wird, für die das englische System die weitgehende, fast auf alle Gebiete der Staatshoheit sich beziehende Selbstverwaltung Vorsicht, während die Form der Kronkolonien im allgemeinen auf Länder mit einer kulturell unentwickelten Bevölkerung angewendet wird. Die hier vertretene Meinung über die Bedeutung der für Palästina vorgesehenen Sclbstverwaltungsinstitutionen entspricht auch dem als Leitgedanken fcstzuhaltenden Charakter des Mandats, das die Entwicklung Palästinas zu einem selbständig handelnden Organismus Vorsicht - Es ist nach dem Wortlaut und dem Sinn der besprochenen Bestimmung klar, daß hier nicht von sofort zu treffenden politiselten Einrichtungen, sondern von einer anzustrebenden Entwicklung die Rede ist. Gewünscht werden muß, daß diese Entwicklung die jetzt allgemein gehaltene Formel der seif govening institutions in dem hier besprochenen Sinne klar erläutert. Eine Schule für die Entwicklung zur Selbstverwaltung des Landes wird die im Artikel 3 vorgesehene lokale Selbstverwaltung sein. Offenbar ist hierbei an das• cnglisclie Beispiel gedacht, das in vielfach entwickelten Formen die Mitwirkung der örtlich eingeteilten Bürgerschaff für die innere Verwaltung heranzieht. Besonders in der sozialen, der Oesundheits- und der Verkehrs- Verwaltung hat sich dieses System in England entwickelt, gerade auf diesem Gebiete werden auch in Palästina kommunale Organisationen nützliche Arbeit verrichten können. In der politischen Gestaltung Palästinas wird die moderne Auffassung durchzusetzen sein, die den selbständigen Wert der Nationen anerkennt und ihre Bedeutung nicht auf den Besitz zufälliger, mit Gewalt begründeter Vorzugsstelien, sondern auf die Fähigkeit zu friedlicher Leistung begründet. Ansätze, die zunächst genügen mögen* sind vorhanden. Für die staatsrechtliche Stellung der Einwohner Palästinas dürfen Rasse, Sprache oder Religion keine Gründe zu Unter- Scheidungen geben. Ln der Verwaltung der kulturellen Angelegenheiten werden den einzelnen Gruppen erhebllche Rechte zugestanden. ל S. Nr. 14